Heimatlos

Donnerstag, 23. Oktober 2003 um 17:45

Thirtysomethings.
Cyber Generation.
Generation Golf.

Ich glaube, dass es bei uns eine Generation von Menschen gibt, die ein wenig haltlos durch unsere Gesellschaft taumelt.
Beruflich sind sie erfolgreich, Nutznießer unserer Meritokratie. Denn sie sind zu ihrem Erfolg durch Begabung, Fleiß und Charisma gekommen – nicht über die Beziehungen oder das Vermögen ihrer Eltern.

Diese Generation ist gebildet. Ein wenig wurzellos gebildet. Hat über Plato diskutiert, sich mit den Augustinischen Gottesbeweisen beschäftigt, Lazarillo de Tormes und Proust zumindest sekundär beschnuppert. Ist aber eben nicht mit Eltern aufgewachsen, die sich in mehr als einer Sprache unterhalten konnten. Oder die studiert hatten. Oder auch nur eine Tageszeitung abonnierten.

Wenn sie auf Abkömmlinge echten Großbürgertums treffen, wird ihnen ein bisschen kühl. Es ist nicht etwa Neid, der sich einstellt, wenn diese über den Onkel Professor lästern, die Jahrhunderte alte Familiengeschichte fast schon wegwerfend erwähnen. Es ist Fremdheit. Die Fremdheit, die sie auch in den erstklassigen Hotels empfinden, in denen sie sich geschäftlich scheinbar so sicher bewegen.

Sie interessieren sich für feine Küche. Aber aufgewachsen sind sie damit nicht. Sie arbeiten weiter an ihrer Bildung. Aber werden nie mit jemandem verwandt sein, der mit Adorno studiert hat. Manchmal schrecken sie ein klein wenig auf und fühlen sich wie Hochstapler.

Gleichzeitig gehören sie schon lange nicht mehr zu der Welt, aus der sie kommen. In der sich Eltern ehrlich und selbstlos wünschten, ihre Kinder mögen es besser haben als sie. Und die in Kauf nahmen, dass sie ihre Kinder dadurch zu Fremden machten.

Sie versuchen, sich selbst zu verwurzeln. Schaffen es manchmal durch eine eigene Familie. Durch das eigene Unternehmen. Oft aber schaffen sie es einfach nicht. Und taumeln weiter, lassen sich treiben zur nächstschöneren Wohnung, in den nächstweiteren Urlaub, zum nächstinteressanten Job.

die Kaltmamsell

9 mal Beifall zu “Heimatlos”

  1. Don meint:

    Matthias Horx hat mal, als er noch klar denken konnte, die Generation er Mitt-Dreißiger als die Generation bezeichnet, die keinen philosophischen Unterbau mehr hat, weil alle Versuche vorher (68er, 70er Hippies, Punk) kläglich gescheitert sind und somit auch nicht mehr lebbar scheinen. Deswegen auch der Konsumdrang seit den 80er Jahren, deswegen die Suche nach schnellen, neuen Kicks (Techno, Drogen). Jetzt haben wir das auch hinter uns gebracht und man fragt sich: Was nun? Wenn man sich durch die Weblogs dieser Generation liest, stößt man immer wieder auf diese Frage.
    Die meisten sind ohne feste Beziehung, machen einen Job, und daddeln so in ihrem Leben rum.

  2. Don Alphonso meint:

    Den Horx machen ist in meiner trendforschenden Umgebung ein Synonym für Arschkriechen.

    De Civitate Dei von Augustinus ist auch nur die Erstausgabe von Mein Kampf.

    Was nun? Die Revolte läuft doch schon. Die New Economy hat erfolgreich das System der Deutschland AG in Trümmer gelegt, auch wenn es so nicht geplant war. Und dem Spiegel wird ins Gesicht gespuckt, der Wiwo werden die Eier in Richtung Adamsapfel getreten, neue Strukturen entstehen. Jedes fragende Blog für sich ist, kommunikationswissenschaftlich gesehen, eine Revolte. Und auf der anderen Seite ist im Moment tabula rasa.

    Wir haben keine Ideologie, keinen Trend, oder so? Wer sagt denn, dass man sowas haben muss? Wenn erst mal die Feinde da sind, kommt die Ideologie ganz von allein.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Wenn ich nur ein Buch von Horx lesen wollte: Welches würden mir die Herren denn empfehlen?

  4. Wolfgang meint:

    Ehrlich gesagt: Keins (hat er welche geschrieben?). Als Vortragender hat er Unterhaltungswert. Ansonsten das, was er seinerzeit in TEMPO geschrieben hat. Das waren noch Zeiten.

    So oder so schreibst du aber eine treffende Analyse, finde ich. Aber das weißt du ja :-)
    Jeden Tag erlebe ich genau das Gleiche. Nur eine Gruppe kommt noch dazu: Die, deren Eltern bereits versucht haben, den Bildungshimmel zu erklimmen, wenn auch nicht voll erfolgreich.

    Das Schöne ist ja, wer einmal an Bildung geschnuppert hat, will nicht mehr zurück, auch wenn er taumelt.

    @ Don:
    Bei aller Liebe zum Zynismus – bist du dir sicher, dass du De Civitate Dei oder Mein Kampf gelesen hast??? Bäh.

  5. Don meint:

    Man kann "Die wilden Achtziger. Eine Zeitgeist- Reise durch die Bundesrepublik" von ihm lesen. Oder "Aufstand im Schlaraffenland. Selbsterkenntnisse einer rebellischen Generation." Alles andere ist Schrott.

  6. Don Alphonso meint:

    Kenn ich. Kannste glauben. Auch die Briefe 44 und 45 von Ambrosius von Mailand, so ne Art Posener Rede der katholischen Kirche, oder die BDM-Anweisungen des Johannes Chrysostomos.

    Patristik ist nun mal eine meiner Spezialitäten. Favourite: Dem Eusebius die angeblichen Märtyrer aus der Historia Ecclesiae ballern, christliche Erfindungen der Zeit vor 150 madig machen.

    Ich will gar nicht bestreiten, dass der Herr aus Hippo durchaus so etwas wie einen philosophischen Überbau hatte, aber es kam auch noch heftig Realpolitik darunter. Wie war das nochmal mit der Sonderbehandlung für Manichäer, Juden und sonstigen Hassobjekten der Civitas Terrena?

  7. Don Alphonso meint:

    Ach so, der Sinnspruch:

    Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.

    Dito Denis Diderot (was würde der wohl sagen, fände er sich auf einer Theologenseite verwurstet?)

    Don Alphonso

    Atheist
    Lästermaul
    Aufreger

  8. Wolfgang meint:

    Nee, Nee. Also echt. Und das, wo sich die Herren doch die Vernunft selbst über Gebühr auf die Fahnen geschrieben haben.

    Aber wenn ich mich schon in eine Diskussion mit einem Star verstricke, dann muss ich doch wenigstens loswerden, dass man genau dieses merkt – die absurde Hybris des Vernunftsglaubens. Als ob Vernunft taugt. Gar zur Erklärung von Vielem.

    Obwohl ich zugeben muss, dass mir die Patristik immer zu spröde und fantasielos war und ich da meistens geschwänzt habe, wenn es um die leermäßige Auslegung dessen ging, was ich mit großer Freude gelesen habe (nicht im Original, leider, seufz…).

    Wolfgang

    Fundamentalist
    Aufschneider
    Moraliker

  9. Don Alphonso meint:

    Aber aber…Patristik ist super! Die verhält sich zur weiteren Religion wie Pizarros Gemetzel zur Heilsarmee…oder die RAF zu den Grünen…gegen so einen knallharten Apokathastasenfresser wie hatey Hippo kann so ein Wojtilla doch gar nicht anstinken…da ging voll was ab, eine kleine terroristische Sekte mit Legitimationsproblem macht sich daran, die Weltherrschaft zu übernehmen, angeblich für die Nächstenliebe, und das nur, weil die Obermacker bei Pessach nicht mal an den Katzentisch durften und ihren Minderwertigkeitskomplex loswerden wollten. Wer braucht da schon Vernunft?

    Bei der Gelegenheit:

    Kommt der Jesuitengeneral aufgeregt zum Papst und ruft: Heiliger Vater! Wir haben das Grab Christi gefunden, und er liegt noch drin! Sagt der Papst erstaunt: Was? Gab´s den wirklich?

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