Archiv für Dezember 2003

Field of Dreams, DVD

Mittwoch, 31. Dezember 2003

FOD1 (65k image)

Gestern in der prächtigen DVD von Field of Dreams rumgeguckt. Der Film selbst geht ein wenig an mir vorbei, auch wenn ich das Drehbuch für exzellent halte. Das beste an der DVD ist aber der riesige Haufen Zusatzmaterial. Fast 90 Minuten Doku über die Entstehung des Filmes zum Beispiel. Drehbuchautor und Regisseur Phil Alden Robinson berichtet minutiös, der Autor der Romanvorlage W.P. Kinsella und alle zentralen Darsteller kommen zu Wort. Diese Interviews halte ich für besonders interessant, weil sie auf dem Film-Set selbst stattfanden, die Schauspieler also noch nicht wissen konnten, dass das Endprodukt ein großer Erfolg werden würde. Darunter wieder bemerkenswert die Aufnahmen von creepy Ray Liotta, der außerhalb seiner Rolle rüberkommt wie eine billige 80er-Schwuchtel, sich zudem als Baseball-Hasser bekennt (da mag ein Zusammenhang bestehen?). Sehr nett auch der Darsteller des Mark, Timothy Busfield, der im Interview Burt Lancester nachmacht.

Eines der zauberhaften Details, die man in dieser Doku erfährt: Der Rasen des Baseball-Feldes ist grün lackiert. Da der aufgesetzte Fertigrasen keine Zeit hatte richtig anzuwachsen, war er von Vorneherein tot. Deshalb wurde er eben jeden Morgen neu angemalt.
Rührend auch die Beschreibung, wie die letzte Einstellung gedreht wurde, in der eine scheinbar endlose Schlange von Autos in der Abenddämmerung zur Farm fährt: Die Crew organisierte tatsächlich über tausend Iowaner, die koordiniert von einem lokalen Radiosender zur Farm fuhren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das heute (Field of Dreams kam 1989 raus) noch jemand von Hand macht.

Die DVD enthält zudem das Drehbuch in Endfassung (das versuche ich mir dann aber doch zum Lesen auszudrucken), über 220 Stills und umfangreiches Material über den historischen Hintergrund von Shoeless Joe Jackson.

Blog Awards

Montag, 29. Dezember 2003

Apropos Großbritannien. Über englisches Radio und Fernsehen singe ich sicher noch an anderer Stelle Loblieder. Meine Begeisterung für britische Tageszeitungen (Broadsheet) hatte allerdings eben einen Dämpfer bekommen, als der Independent am 21.12. mit einer angeblichen Schwangerschaft der toten Lady Diana aufmachte. Ganzseitig.
Doch dann fand ich hier einen Hinweis auf die British blog awards 2003 des Guardian.

So weit ist also die öffentliche Präsenz des Bloggens wo anders. Über die vergangenen zehn Jahre hatte ich immer stärker das Gefühl, dass Deutschland verschnarcht. Dieses Gefühl hatte ich bislang niedergekämpft, weil es gar zu sehr wie das tatsächlich typische deutsche Nölen klingt. Nur dass ich auch bei aktiver Suche immer weniger Aspekte finde, in denen Deutschland Trends setzt.

Excuse me?

Sonntag, 28. Dezember 2003

Ich hatte mich so darauf gefreut: “Das Jahr des Inneren Englands” kündigte die Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung als Essay an. Und dann dieser Blödsinn.

Zwar sind alle England-Klischees bedient, die der Deutsche landläufig so hat (halt! Zwei fehlen: das angeblich so schlechte Essen und das angeblich ständig schlechte Wetter.). Aber der Essay enthält nichts von dem, was Großbritannien so angenehm und teilweise vorbildlich macht. Die Klasse, aus der sich die ausgeweideten Klischees speisen, ist die Middle Class, eher Upper Middle Class. In der auf dem Land gelebt wird, in Clubs gegangen, sich in Tweed gewandet wird, in der die Eigenheime Swimming Pools haben. Pssssst! Das ist eine sehr kleine Minderheit in England! Doch es ist die Mehrheit, die mich bei jedem Besuch wieder umhaut.
Tatsächlich erhellende Lektüre ist zum Beispiel Anke Gröners Bericht ihres ersten London-Besuchs. (Leider kein direkter Link möglich, also bitte ins Archiv klicken und dort Oktober 2003 wählen.)

Es ist der alltägliche Umgang mit der Umwelt, den die Briten meiner Meinung nach perfektioniert haben. Das fast völlige Fehlen des Nölens – einfach weil es unhöflich wäre. Die Kunst, in jeder Situation mit jedem anderen Konversation machen zu können – unabhängig vom Temperament, sogar sehr schüchterne Briten sind dazu fähig.

Es gibt allerdings Seiten am alltäglichen Großbritannien, die Schulbücher und Reiseführer hartnäckig verschweigen. Zum Beispiel die weit verbreitete weibliche Aggression auf Partys oder in Clubs. Britinnen in Feierlaune stellen für männliche Wesen eine sehr ernst zu nehmende Gefahr dar. Diese geht von derber verbaler Anmache bis zum energischen Griff ans Gemächt. And they WON’T take “No” for an answer! Glücklicherweise sind entsprechende Damen leicht und schon von ferne zu erkennen, da sie immer in Pulks auftreten und gerne glitzernde Erkennungszeichen tragen (überdimensionale Diademe, Engelsflügel, Faschingsuniformen). Bei meinem letzten Brighton-Besuch* sah ich sogar die ersten Schilder an Bars, die damit warben, dass sie KEINE solche “Hen Nights” zulassen.

Aber an sich ging es ja um die vorbildlichen Seiten Großbritanniens. Die Freundlichkeit der Menschen reicht bis in die Bürokratie. Zwar funktioniert genauso wenig wie bei uns, nur viel entspannter: Niemand nörgelt oder beschwert sich, niemand wird laut. Statt dessen bekommt man beim Rennen von Pontius zu Pilatus regelmäßig einen Stuhl und eine Tasse Tee angeboten. Ich kriege einfach den Eindruck nicht los, dass die Leute einander wohl gesonnen sind.
Mir gefällt ehrlich gesagt auch der niedrigere Lebensstandard in England. Ich bilde mir ein, dass daraus ebenfalls eine bestimmte Gelassenheit resultiert.

Ein sehr schönes Beispiel für diese Lebensart und Grundhaltung ist meiner Meinung nach der britische Koch Jamie Oliver, respektive seine Kochbücher und seine Website. Einfach mal ein bisschen lesen und blättern: Ich kenne eine Menge Briten, die so drauf sind.

Nein, mit der brutalen, imperialistischen und national-chauvinistischen Geschichte Großbritanniens kriege ich das beim besten Willen nicht zusammen. Aber muss ich das?

*hier jetzt aber endlich mal der Link zu meinem definitiven Lieblingshotel: Hotel Pelirocco (Achtung Flash!)

Familiengeschichten

Samstag, 27. Dezember 2003

Blog und Journalismus: Ich sehe die Vorspeisenplatte als Raum für Gedanken und Geschichten. Letztere haben meist viel mit der so genannten Realität zu tun, werden aber immer mehr oder weniger stark kosmetisch bearbeitet – damit sie überhaupt eine Geschichte ergeben. Von journalistischer Sorgfalt keine Spur; das ist ja das Entspannende. Never let the truth interfere with an good story.

Dazu ist Weihnachten bekanntlich da: Dass man danach Familiengeschichten erzählen kann. Die Amis mussten irgendwann zu viele Religionen unter einen Hut bringen und haben deshalb lieber Thanksgiving erfunden, für denselben Zweck. Europa ist mehrheitlich christlich geprägt (sorry), also muss Weihnachten herhalten.

1. Weihnachtfeiertag bei den Eltern meines Mitbewohners. Dieser hat einen Zwillingsbruder, der ihm überhaupt nicht ähnelt (man würde die beiden vermutlich nicht mal überhaupt für Brüder halten) und einen zehn Jahre jüngeren Bruder. Dieser jüngere nahm das Familientreffen zum Anlass zu verkünden, er habe seiner Lebensgefährtin “einen Verlobungsring geschenkt”. Genau so sagte er das.
Hä? Meist bevorzuge ich präzisere Informationen. Also stocherte ich nach, was das denn nun heiße. Gedehntes Grinsen des Verlobungsringschenkers: “Na ja, Termin für die Hochzeit haben wir nicht.”
Aha. Ob er die Dame überhaupt gefragt habe, ob sie ihn heiraten wolle?
“Hm, nee, also wir haben doch einen gemeinsamen Adventskalender. Und in ein Päckchen habe ich den Ring getan.”
So. Und als Frau Mitbewohnerin ihn auspackte, habe er die Frage aller Fragen gestellt?
(sehr gedehnt) “Neeee.”
Ja was dann? Habe er statt dessen erklärt: “Das ist übrigens ein Verlobungsring!”?
Der junge Verlobungsgeber wollte einfach nicht mit der Sprache rausrücken. Verwirrenderweise deutete er noch dazu an, die Beschenkte habe das Ganze “wohl erheblich romantischer gesehen” als er. NU WAS?
Ich werde diese Brauthormon-gesteuerten Rituale nie ganz kapieren. Vorsichtshalber versicherte ich dem jungen Mann also, dass ich ihm und seiner Lebensgefährtin ganz echt ehrlich glaube, dass sie zusammen bleiben wollen. Und dass sie keineswegs heiraten müssen, um diesen Eindruck zu festigen.

2. Weihnachtsfeiertag dann bei meiner Familie. Da ging es dieses Jahr so richtig derb international her. Weil nämlich (jetzt gut aufpassen, es könnte anstrengend werden):
- Mein Vater ist spanischer Einwanderer erster Generation, mit 18 per Zug nach Nürnberg gereist, einen Arbeitsvertrag mit M.A.N. als Elektriker in der Tasche.
- Meine Mutter ist polnischer Abstammung, allerdings zweiter Generation. Ihre Mutter, also meine polnische Großmutter, war im Krieg aus Südpolen zur Feldarbeit ins Schwäbische verschleppt worden. Da sie direkt nach dem Krieg mit einem polnischen Soldaten zwei uneheliche Töchter bekam, traute sie sich nicht mehr zurück nach Polen. (Dieser Herr ließ sie wenige Jahre später sitzen, hatte aber noch Zeit, in Augsburg mit einer anderen Frau eine weitere uneheliche Tochter zu zeugen.)
- Die Schwester meiner Mutter – also die oben erwähnte zweite Tochter, die berüchtigte Tante Barbara – heiratete später einen Italiener, mit dem sie in die italienische Provinz Latio zog. Aus dieser Verbindung habe ich zwei erwachsene Kusinen.

Zur gestrigen Gansvernichtung füllten das elterliche Reihenhaus also neben Papa und Mama die Tante Barbara mit ihren beiden Töchtern, mein Bruder mit (deutscher) Frau samt zwei winzigen Söhnen, meine polnische Großmutter, (deutscher) Mitbewohner und ich. Hallooo!!

Laut sind wir bis auf Oma und Mitbewohner alle. Und zwar gestern in drei Sprachen. (Die vierte, Polnisch, ist mittlerweile aus der Sippe verschwunden. Meine Mutter hatte es mit meiner Oma in meiner Kindheit immer gesprochen, wenn die Informationen nicht für meine Ohren bestimmt waren, also wenn es zum Beispiel um ungewollte Schwangerschaften in der Nachbarschaft ging.)

Verkehrssprache war Deutsch. Meine Tante Barbara hat in 37 Jahren Italien allerdings ihr Deutsch reichlich verlernt und spricht die Reste in Intonation und begleitender Gestik ohnehin wie Italienisch. Vor allem die überleitenden Geräusche sind entschieden undeutsch, zum Beispiel “Eh” am Ende einer Aussage, begleitet von Zustimmung heischendem Senken des Kopfes.
Meine ältere Kusine aus Italien hatte mal ein paar Jahre Deutschunterricht, aber das ist lange her. Mit ihr habe ich einen eleganten Modus der Verständigung gefunden, seit wir feststellten, dass sie Deutsch recht gut versteht, ich wiederum mit italienischen Aussagen durchaus etwas anfangen kann: Sie spricht langsam und einfach Italienisch, ich antworte langsam und einfach Deutsch. Funktioniert!
Meine jüngere italienische Kusine kann gar kein Deutsch. Sie lässt sich von ihrer Schwester die interessantesten Passagen der Konversation – da, wo am meisten gelacht wird – dolmetschen. Sie lacht dann halt zeitversetzt.

Ich hatte schon ganz vergessen, dass meinen beiden Kusinen ihre vulgäre Mutter durchaus peinlich ist. Aber sie lieben sie. Deshalb halten sie sich möglichst immer in ihrer Nähe auf, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wenn sich die wieder ein Stück massiger gewordene Tante leger auf einen Beistelltisch setzen will, ist flink eine ihrer Töchter an ihrer Seite, um sie am Setzen zu hindern und den Tisch vor bleibendem Schaden zu bewahren. Wenn die Tante ihrer Nichte und jungen Mutter radebrechend Vorträge hält, wie sie ihren Sohn von den Windeln loskriegt (“hab ich meine Tochter soooo Hintern versohlt, wenn sie hat Windeln voll gemacht!”), schneiden die beiden besänftigende Grimassen.

Spanisch ist eine weitere Sprache, die gestern ertönte. Zum einen weil mein Vater sich nach wie vor einbildet, er müsse seine Muttersprache lediglich italienisch intonieren sowie hin und wieder eine italienisch klingende Endung anhängen – dann spreche er Italienisch. Die Wörter “mangare” und “parlare” kann er tatsächlich, deshalb verwendet er sie so oft wie möglich. Lustigerweise habe ich gestern festgestellt, dass meine ältere italienische Kusine diesen Trick mittlerweile auch umgekehrt anwendet – um aus ihrem Italienisch Spanisch zu machen. Bühnenreif…

Spanisch ist auch deshalb mit von der Partie, weil mein Bruder versucht, seine beiden Söhne zweisprachig zu aufzuziehen. Allerdings ist er vom muttersprachlichen Spanisch meilenweit entfernt. Also schalten sich regelmäßig mein Vater oder die klugscheißerische Schwester meines einzigen Bruders ein, um ihn zu korrigieren. Ich bin schon mal gespannt, welchen Sprachschaden meine Neffen sich da holen werden. “Pseudo-Zweisprachigkeit durch nichtmuttersprachliche Elternteile und ihr Einfluss auf Massenmorde” mag in 15 Jahren eine interessante Fallstudie für Didaktik-Lehrstühle und Psychiatrien sein.

Was soll ich sagen? Insgesamt habe ich mich prächtig amüsiert! Mein Vater war zwar die Hälfte der Zeit in der Küche und hat Geschirr gespült. (Oh doch, meine Eltern besitzen eine funktionierende Geschirr-Spülmaschine. Die benutzen sie aber so gut wie nie. Das lohnt sich nach Aussage meines Vaters nicht, “weil die eh nie voll wird”. Ich frag mich, warum wohl…?) Meine Schwägerin dozierte darüber, was sie ihren Söhnen dereinst alles verbieten werde. Meine Tante kennt auch an Weihnachten nur eine Körperhaltung, in der sie Essen in sich schaufelt (den mächtigen Busen auf den Tisch, mit dem linken Unterarm diesen Busen an den Körper geschoben, Teller davor, Kopf über den Teller gebeugt, und jetzt mir Gabel oder Löffel in der Rechten SCHAUFELN!) Aber es war so richtig schön turbulent.

Tobey

Freitag, 26. Dezember 2003

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Zu Weihnachten mal wieder Spider-Man auf DVD. Tobey Maguire war ja schon in The Cider House Rules phantastisch, aber für seine Besetzung als Spider-Man hätte die Casting-Agentur einen Oscar verdient, den es nicht gibt.

24.12.2003, München

Donnerstag, 25. Dezember 2003

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Spaziergang “Wir suchen das Christkind”, Blick auf Isar samt Deutschem Museum.

Große Klappe

Mittwoch, 24. Dezember 2003

Menschen, die wie ich eine große Klappe haben und diese auch noch ständig aufreißen müssen, leiden an mangelnder Anerkennung. Nämlich für ihr Schweigen. Ich bin so stolz, wenn ich es mal schaffe, die Klappe zu halten, nicht meinen Senf zu einem Thema zu geben, Nörgeln oder Besserwisserei nicht zu äußern. Aber das merkt ja niemand!

Das ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich mit meiner Mutter, ebenfalls eine enorme Klappe vor und nach dem Herrn, so richtig innig verstehe: Wenn sie mir erzählt, was sie am Vorabend in Gesellschaft NICHT gesagt hat. Da kann ich ihr mit echtem Verständnis anerkennend auf die Schulter klopfen.

Nun, wenn man etwas haben will, kann man diesen Wunsch ja zumindest mal äußern. Ich werde also als Zwischenlösung zumindest das Thema angeben, zu dem ich gerade nichts sage. Derzeit sage ich hier zum Beispiel am meisten nichts über Lord of the Rings. Glaubt mir, das ist ganz schön anstrengend.