Archiv für Dezember 2003

Kulinarische Gehversuche

Dienstag, 23. Dezember 2003

Daheim habe ich eigentlich nicht Kochen gelernt. Meine Mutter war viel zu hektisch und ungeduldig, als dass sie mich in der Küche geduldet oder eingewiesen hätte. Solange ich zu Hause wohnte, konzentrierte ich mich aufs Backen und überflügelte darin meine Mutter schnell.

Das eigenständige Kochen begann ich also erst, nachdem ich mit 19 von Zuhause ausgezogen war. Für die erste große erwachsene Einladung (Arbeitskollegen der Lokalredaktion) suchte ich mir etwas scheinbar Einfaches aus: Cocido madrileño. Es war ein schweißtreibender Kampf, denn ich hatte damals, wenige Wochen nach dem Auszug, kaum Küchenutensilien. Das Suppenhuhn musste ich zum Beispiel mit einem kleinen Gemüsemesser zerteilen – es sah danach mehr nach Unfallopfer aus als etwas, was es offiziell zu kaufen gibt.

Wenn ich mich recht entsinne, war der Abend trotzdem ein Erfolg.

Schwere Kette Heimat

Montag, 22. Dezember 2003

Düstere Beschreibung einer trostlosen Erscheinung.

Meine Eltern wohnen in Sichtweite. Gestern habe ich sie besucht, bin an dem Gebäude vorbeigefahren. Und mir wurde wieder übel, so übel wie beim Lesen des Textes.

Ich weiß nicht so genau, was mir meine Heimatstadt so unverhältnismäßig verhasst macht. Allein der Gedanke an die Vergangenheit dort nimmt mir den Atem. Die Erinnerungen legen sich wie Tentakeln um meinen Hals und würgen mich, die Bilder, die Namen fühlen sich wie Kerkerketten an meinen Knöcheln an.

Diese Stadt wird mir immer der Inbegriff dessen sein, was mich hindert meine Flügel auszubreiten und abzuheben. Wird mein ganzes Leben das “schon immer” sein. Der Käfig, der nur mit extrem viel gutem Willen golden aussieht.

Barockfassaden versuchen sich dort als Sahnehäubchen auf den dominierenden Militärbauten aus vier Jahrhunderten. Erfolgreiche Industrieansiedlung hat zur richtigen Zeit enorme Geldsummen in die Stadtkasse gespült, so dass die Fußgängerzone zwar exakt so aussieht wie alle weiteren 387 Fußgängerzonen der Republik – dafür aber eine der ersten war.

Oder sind es doch die Menschen dort? Die ihre Scheuklappen so eng eingestellt haben, dass sie, wie gestern meine Schwägerin, bereits ein boshaftes Glitzern in den Augen bekommen, wenn sie auch nur mein ausgefallenes T-Shirt sehen?

Mein Bruder ist dorthin zurück gekehrt, hat alle Waffen gestreckt, ist Familie und Bausparer geworden. Ausgerechnet er, der sich zu Schulzeiten bereits öffentlich mit dem damaligen Vorsitzenden des Bayerischen Philologenverbandes anlegte. Jetzt legt er sich garantiert mit niemandem und nichts mehr an. Aber im Grunde ist er nur einer von vielen, die die Fahrkarte in die große weite Welt schon fest in der Hand zu haben schienen und sich dann doch von den Kerkerketten unten halten ließen.

Seit Jahren war ich in dieser Stadt nicht mehr an Plätzen oder zu Gelegenheiten unterwegs, die mich unter Leute gebacht hätten. Ich habe mich in den 21 Jahren vor Ort zu bekannt gemacht, als dass ich mich konsequent wegducken könnte. In Städten von dieser Größe ist es so einfach aufzufallen.

Der Sprössling im erwähnten Text ging wohl in der Unterstufe in meine Parallelklasse. Hat’s dann aber doch nicht geschafft und wechselte die Schule. Ich habe keine Ahnung, warum ich das überhaupt WEISS! Diese Stadt und ihre Geschichten verfolgen mich unerbittlich.

Manchmal fürchte ich mich fast vor seinen Geschichten. Und ich kann einfach nicht verstehen, wie er den Fluch dieser Stadt so gut erfasst – und dennoch dagegen resistent zu sein scheint.

Perry Mason

Sonntag, 21. Dezember 2003

DUBIOUSBRIDEGROOM (35k image)

Krimis sind überhaupt ein höchst interessantes Genre, wenn man es – wie ich – mit Erzähltechniken hat. Umberto Eco hat in verstreuten Essays fast alles Wichtigte darüber geschrieben. Eine Lücke besteht aber weiterhin, die ich in meinem nächsten Leben als bezahlte Literaturwissenschaftlerin zu füllen gedenke: Krimi-Serien. Hier werde ich erst mal generell die ohne Zeitfortschritt unterscheiden von denen mit Zeitfortschritt, also die mit alternder Besetzung und die ohne. Als Paradebeispiele habe ich dabei Perry Mason für die erstere Form im Sinn (mit der zusätzlichen Note, dass der historische Hintergrund, vor dem oder sogar in dem die Fälle spielen, sehr wohl fortschreitet), für die letztere den Privatdetektiv Carvalho, erfunden vom Katalanen Vázquez Montalbán.

essneun

Samstag, 20. Dezember 2003

essneun47 (27k image)

Gestern Abend noch gegen meine Weihnachtsdepression mit Mitbewohner ins Münchner Restaurant essneun (Vorsicht Flash!) gegangen. Dort wird dezidiert abenteuerlich gekocht. Und da ich auf Speisekarten ohnehin gerne die Gerichte wähle, unter denen ich mir am wenigsten vorstellen kann, bin ich hier richtig.

Das Interieur des sehr kleinen Raums ist stylisch ruhig, der Service einfach umwerfend. Alles sehr junge Männer in sehr legerer Kleidung – beim ersten Besuch ist mir durchaus die linke Augenbraue hochgeschossen. Wodurch ich umso angenehmer von ihrer Beratungs-Kompetenz und Liebenswürdigkeit überrascht war. Vor allem der Maitre, der auch die Reservierungen entgegen nimmt, vermittelt glaubwürdig den Eindruck, dass er alle Restaurantbesucher als seine persönlichen Gäste sieht. Im Sommer war er wohl grade in der Küche, als ich nach ausgiebigen Genüssen mit meiner Begleitung das Lokal verließ. Ich stand noch vor der nächtlichen Auslage eines benachbarten Goldschmieds, als der junge Mann aus dem Restaurant schoss, sind panisch umschaute und ganz erleichtert war, als er meiner ansichtig wurde: Er war einfach nur bestürzt gewesen, dass er sich nicht persönlich von uns verabschiedet hatte, und holte das jetzt nach.

Im essneun gibt es immer ein dreigängiges Tagesmenü, doch auch diesmal standen auf der kleinen Speisekarte noch viel spannendere Gerichte.

Zunächst ließen wir uns einen Apperitiv empfehlen. An der Bar arbeitet ganz offensichtlich der Dalí unter den Mixern. Als wir uns einmal bereit erklärten, einen am selben Tag erfundenen Drink zu probieren, kam er anschließend an den Tisch, um mit uns darüber zu fachsimpeln und unsere Meinung zum künftigen Namen der Kreation einzuholen. Gestern war es ein
Martini Barbarella
auf der Basis von frischer Ananas, die mit Salbeiblättern zerstoßen war. Das funktioniert!

Zum Einstieg gab es ein paar Naschereien:
Olivengrissini, Tandoori-Grissini (natürlich beiden selbst gemacht), dazu in zwei Schnaps-Stamperln Topinambur-Püree und Blaukraut-Apfel-Püree (das sogar einen Hauch von Gans hatte), dazu je zwei herzhafte Vanillekipferl und zwei Kokosmakronen auf Nachos.
(Notiz: Unbedingt selbst mit Topinambur rumprobieren!)

Zur Vorspeise wählten wir:
- Maracuja-Enten-Döner mit Gambas (Ente hätte etwas kleiner geschnitten gehört, aber sonst sehr leckere Kombination)
- Papaya-Erdnuss-Pulpo mit Rote Beete und Entenstreifen (der Pulpo kam in einem kleinen fritierten Teig-Sackerl und war schön saftig – bis auf den einen fritierten Arm, der aus dem Sackerl herausragte und recht hart und trocken geworden war)

Hauptgang wurden:
- Eisbein-Christstollen mit Kabeljau und Gemüse (Urteil des Begleiters: sehr nett, lebt aber hauptsächlich von seiner Originalität)
- Kalbslatschen mit Kokos-Gnocchi (die Kokos-Gnocchi waren fantastisch, eine hervoragende Kombination von Kartoffel und sehr viel Kokos als Rolle nochmals in Kokos gewendet)

Zu unserer beider Erstaunen waren wir dann schon so satt (und müde, zumal das Lokal gestern gerammelt voll war), dass wir auf den Nachtisch verzichteten. Eigentlich unverzeihlich, zumal es Nougat-grüner Pfeffer-Irgenwas gegeben hätte.

Die Weine kosteten wir diesmal nicht aus, wir waren einfach zu fertig für echtes Rundum-Schwelgen. Dabei ist das Angebot wirklich sorgfältig gewählt, auch die wenigen offenen Weine. Und auch bei den Weinen hat der Oberkellner immer eine wunderbar passende Empfehlung parat.

Sprachfaschismus

Freitag, 19. Dezember 2003

Mag von mir aus schon wieder eine Alterssache sein. Aber mittlerweile nerven mich Leute, die so diskutieren, erheblich mehr als der Verursacher des ` in Uschi`s Frisiersalon. Ich halte sie nämlich für korinthenkackende Sprachfaschisten. Korinthenkackend deshalb, weil sie denselben lächerlichen Eifer an den Tag legen, mit dem ihre Kollegen darauf hinweisen, dass Schwarz keine Farbe sei. Sprachfaschisten, weil sie sich durch ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Sprache für etwas Besseres halten.

Sprache ist etwas Lebendiges, Sprache verändert sich, Sprache ist nicht logisch. Über allen Rechtschreib- und Grammatikregeln steht das Postulat der Verständigung zwischen Menschen.

Es ist völlig in Ordnung, wenn jemand auch bei Fremdwörtern den Plural nach deutschen Regeln bildet, zum Teufel! Wer verlangt, dass der deutsche Durchschnittsbürger (und den meinen wir Demokraten ja, GELL!) die lateinischen Deklinationsarten drauf hat, um die Mehrzahl von Status zu bilden, ist nicht ernst zu nehmen, halten zu Gnaden! Warum denn nicht Statusse? Oder Vitas? So, Visa ersetzt langsam Visum für den Singular? NA UND?!

Gleichzeitig habe ich ein sehr großes Herz für verschwindende Wörter und Grammatikregeln. Ich kenne viele davon und verwende sie gerne, einfach um sie am Leben zu erhalten und um ein bisschen mit ihnen anzugeben. Mit gleich gesinnten Freunden habe ich mir schon wahre Schlachten in indirekter Rede geliefert, da hat’s vor Potentialissen und Konjunktiven nur so gekracht! (Und wir fingen nicht mal mit „Hagenbuch hat jetzt zugegeben“ an.)

Dass die korrekte Pluralbildung von Fremdwörtern das armseligste (ärmstselige? da geht’s schon los) Argument für das Lernen alter Sprachen ist, ereifere ich mich an späterer Stelle noch konkreter.

Und sollte ich mal wieder Gift und Galle spucken, weil ich in einem Text „CD’s“, „Problematiken“ oder „gedownloaded“ redigieren muss, will ich das da oben alles nie behauptet haben.

(Meine persönliche Korinthe: Es heißt „wider besseres Wissen“. Nicht anders. Ganz bestimmt.)

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Freitag, 19. Dezember 2003

Ich will. SOFORT!!!! Nach Manhattan.
Da gibts wohltrainierte strickende junge Männer im Bus auf dem Weg zum Kino.

Clicktip

Freitag, 19. Dezember 2003

The Comfort of Strangers.
Maybe I really should go a out a little bit more.


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