Archiv für Dezember 2003

Zum 75. Geburtstag von Joachim Kaiser – anders

Donnerstag, 18. Dezember 2003

Habe eben die Laudatio von Fritz Raddatz in der SZ gelesen. Wissen Sie, Herr Kaiser, wie ich Sie kennen gelernt habe? Als Beleidigung. “Was? Du willst dich für Literatur interessieren – und weißt nicht mal, wer Joachim Kaiser ist?!” Ich war 18, und der Beleidigende war meine große Liebe: sieben Jahre älter und Hospitant am örtlichen Theater. Eine weitere Ohrfeige von ihm, mit solch einer Verachtung erteilt, dass ihm schier die Schneidezähne bloßlagen unter der hochgezogenen Oberlippe.

Ich hoffe, Herr Kaiser, dass Sie sich der Privilegien Ihrer Herkunft bewusst sind, und ihnen ein klitzekleines Bisschen demütig dankbar. “Wenn da einer Kultur als tiefe Prägung erfahren hat”, lobt Raddatz, “dann er.” Glück gehabt, Herr Kaiser!

Schaun Sie, ich bin in einer Einwandererfamilie groß geworden, für die allein schon das Lesen von Büchern ein Verstoß gegen die absoluten Werte Fleiß und Leistung war. Meine Prägung musste ich mir selbst holen. Ich war es, die mit 14 dafür gesorgt hat, dass überhaupt eine Zeitung ins Haus kam. Ich war es selbst, die sich für ein humanistisches Gymnasium entschied, trotz der Warnung der Eltern, dass das “aber schwer” sein könnte. Natürlich war es die bräsige Lokalzeitung, nicht die SZ, über deren Feuilleton Sie damals regierten. Woher hätte ich denn, da draußen in der bayerischen Provinz, mit 18 wissen sollen, wer Sie sind? Ich hatte gerade mal angefangen, die Zeit zu kaufen. Und das nur, weil mir mein Griechisch-LK-Lehrer einen Cartoon daraus ausgeschnitten hatte. Auf meinem Feuilleton-Olymp thronten Raddatz und Benjamin Henrichs. Sie, Herr Kaiser, kannte ich tatsächlich nicht. Und kassierte eine der prägendsten Ohrfeigen meines Lebens.

Keine Angst, Ihre letzte Jahre in der SZ-Redaktion habe ich noch mitbekommen. Dem Olymp saß in meinem hungrigen Gehirn jahrelang ein Triumvirat vor: neben den beiden erwähnten Herren Raddatz und Henrichs saßen Sie. Daraus folgerte ich übrigens, dass ein “ich” in einer Rezension Zeichen für die Erlangung der Ressortleitung war.

Ich glaube aber, ich habe Sie nie richtig schätzen gelernt. In Ihren Theaterbesprechungen standen mir ein paar zu viele “Ich”s. Und wenn Sie es mit der Musik hatten, fühlte ich mich wie beim Lesen von Thomas Manns Doktor Faustus: Musik mit chirurgischer Präzision in Worte zu übersetzen, hat mein Lesen nicht überlebt. Tut mir leid.

Eine Ahnung davon, was Sie anderen Rezipienten möglicherweise haben geben können, bekam ich, als ich auf einer Autofahrt im Radio auf Sie stieß. Sie verglichen verschiedenen Aufnahmen, die Maria Callas von Norma gemacht hat, einschließlich Hörbeispielen. Ich habe Sie verstanden, war sehr beeindruckt und habe viel gelernt.

Mögen Sie mit mir tauschen? Meine Jugend von 36 Lebensjahren gegen Ihre Vergangenheit?

Ehrlich währt am längsten?

Donnerstag, 18. Dezember 2003

Mag schon sein – wenn man endlich bei „ehrlich“ angekommen ist. Doch das ist nicht so einfach.

Sucht man nach Tipps, den Staat – also die gesamte Bevölkerung – übers Ohr zu hauen, bekommt man Hilfe von allen Seiten. „Steuern sparen“ – also so geschickt lügen, dass man alle Begünstigungen mitnimmt – dafür gibt es sogar Software. Dass das ab einer bestimmten Größenordnung „Steueroptimierung“ heißt, habe ich erst kürzlich gelernt. Genaue Kenntnisse von Abgabepflichten und den zugehörigen Gesetzen haben ganz offensichtlich nur die, die sie umgehen wollen. Und zumindest einen Kontakt zu einem Schwarzarbeiter hat nun auch wirklich jeder. „Kavaliersdelikt“ ist selbst bereits ein Euphemismus, nämlich für Kleinkriminalität.

Jetzt habe ich da aber eine Freundin, die verzweifelt versucht, gestohlenes Geld nachzuzahlen – allerdings ohne andere mit hineinzuziehen. Sie hat Geld geerbt, für meinen kleinstbürgerlichen Horizont sogar ziemlich viel Geld. Nun kommt dieses Geld aber aus einem Ausland, in dem die Erbschaftssteuer niedriger ist als in Deutschland. Nach dem offiziellen Transfer ins Inland wird demnach die Differenz zum deutschen Erbschaftssteuersatz nachgezahlt. Hört sich eigentlich einfach an.
Das fanden allerdings nicht die direkten Erben, Verwandte der Freundin. Die schaffen das ererbte Geld seit einigen Monaten schrittweise in bar aus besagtem Ausland heraus und zahlen nicht nach. Als Bargeld haben sie einen beachtlichen Teil des Erbes an meine Freundin weitergegeben. (Ob das dann wieder so was wie „Schenkung“ ist und noch mal Steuern kostet, weiß ich nicht.)

Diese Freundin freut sich über das Geld, heißt das Procedere aber nicht gut. Sie möchte bitteschön die gesetzlichen Steuern zahlen. Nicht so einfach, denn sie möchte die anderen direkten und indirekten Erben nicht denunzieren. So begann sie sich also in ihrem Bekanntenkreis zu erkundigen, bei Leuten, die sich immer als interessiert und kundig in Gelddingen gezeigt hatten. Die konnten ihr zwar Tipps geben, auf welchen Umwegen sie das bare Schwarzgeld waschen kann (sehr nett, wie das reflexartig immer als Erstes aus den Befragten rausbricht, in vielen Facetten). Doch als sie insistierte, sie wolle es gesetzeskonform legalisieren, verstummten sie alle. Komplette Ratlosigkeit. Der einzige brauchbare Vorschlag: Vielleicht mal unter falschem Namen beim Finanzamt anrufen und nachfragen, wie tief die Beamten bei einer offiziellen Anmeldung des Geldes nach der Quelle forschen? Doch genau genommen ist das ja schon wieder gelogen.

————————–
Unterm Strich fällt mir auf, dass ich auf der Vorspeisenplatte eigentlich nie meine Stimmung beischreibe. Mit einer vorsichtigen Ausnahme, weil ich sehr gereizt war. Ort für Stimmungsäußerungen ist mein Tagebuch, das ist seit dem 9. Lebensjahr führe und nach fast zwei Jahren Pause vor kurzem reaktiviert habe. Wenn ich hier mit Stimmungsäußerungen anfinge, zum Beispiel schriebe, dass ich gerade in dem für Depressive typischen Morgentief sitze – wäre mir das zu intim?

Christbaumloben

Mittwoch, 17. Dezember 2003

Ganz sicher bin ich mir ja immer noch nicht, ob ich nicht einfach einem Scherz aufgesessen bin. Denn diese Woche erzählte mir eine Kollegin aus Biberach (westlich von Augsburg) vom angeblich uralten Brauch des Christbaumlobens.

Christbaumloben geht laut dieser Kollegin so: An Heilig Abend besuchen sich bei Einbruch der Dunkelheit Freunde, Nachbarn und Verwandte, um – tja, um den geschmückten Christbaum zu besichtigen und laut zu bewundern. Der so Gelobte revanchiert sich mit Schnaps. Das war’s dann eigentlich schon.
Kichernd erzählte die Kollegin, dass die Besucher gerne schon an der Haustüre, viele Meter und Zimmerecken vom Weihnachtsbaum entfernt, in „Oooooh!“ und „Aaaah!“ ausbrechen, um keinen Zweifel am Grund ihres Besuches zu lassen.

Es gibt durchaus Versuche, Kriterien fürs Christbaumloben aufzustellen.

Hier finden sich Bilder, wie so was dann aussieht. Allerdings habe ich in der Navigation dieser Website auch das Stichwort „Ostereierloben“ gefunden. Ich glaube, darüber will ich jetzt lieber nicht nachdenken.

Heilig Abend ist ja in Deutschland hauptsächlich ein großes Fressen, aber kein traditioneller Anlass, sich zu betrinken. Vielleicht hat eine kleine Region in Deutschland einfach einen offiziellen Vorwand dafür geschaffen. Bei Google gibt das Stichwort 63 Treffer.

Matt Ruff: Set This House in Order

Dienstag, 16. Dezember 2003

houseOrder (6k image)

Andy Gage’s psyche was destroyed at age three by his abusive stepfather, and from its fragments arose a crowd of personalities vying for control of his body. When the novel opens, the body has just been taken over by 26-year-old Andrew. Shy, intelligent Andrew, the narrator, is now trying to give Andy Gage a normal life. He finds a job at a software company in Seattle and makes friends with his sympathetic boss, Julie. This stability is threatened, however, when Andrew meets self-destructive Penny, whose own multiple personalities are in a state of chaos.

Endlich wieder ein Buch, das ich vorbehaltlos empfehlen kann. Selbst Leuten, die Matt Ruff nicht von Fool on the Hill (1988) oder Sewer, Gas & Electric: The Public Works Trilogy (1997) mögen.

„Ganz anders“, hatte mein Mitbewohner, ein Ruff-Fan der ersten Stunde, schon im ersten Buchdrittel von Set This House in Order (erschienen 2003) geurteilt. Finde ich gar nicht mal so. Was in Matt Ruffs ersten beiden Romanen draußen oder in der Zukunft stattfand, passiert jetzt in den Protagonisten selbst.

Die menschliche Psyche findet eine unglaubliche Vielfalt von Auswegen, um mit tiefen Verletzungen fertig zu werden. Zum Beispiel, indem sie ihre verschiedenen Facetten voneinander abkoppelt. Die Medizin beschreibt das (umstrittene) Phänomen mit MPD – Multiple Personality Disorder. Andrew, die Hauptperson, hat sich damit arangiert. Er tritt nicht als heilungsbedürftiger Psychopath auf, sondern als jemand, der seine Persönlichkeiten gut organisiert hat und so den Alltag meistert. Wie diese psychische Störung ohne Ordnung einen Menschen zermürben kann, wird an Penny vorgeführt.
Matt Ruff macht die Hintergründe und Zusammenhänge dieser Form des Überlebens so einleuchtend, dass die beiden nicht krank erscheinen. Verrückt, ja. „Complicated“ ist aber die am häufigsten verwendete Bezeichnung.

Die Geschichte – spannend und mit Elementen von Queste / Road Movie – erfasst viele Aspekte psychischer Verwerfungen – auch die der Verantwortlichkeit. Andrews Haltung ist klar: Psychische Verletzungen können Vergehen erklären, doch aus Schuld und Verantwortung entlassen sie nicht.

Matt Ruff schreibt seine Charaktere auch in Set This House in Order mit großer Fürsorge und Liebe. Möglicherweise ist er der einzige Romanautor, der die Guten interessanter zu gestalten weiß als die Bösen. Zu dieser Fürsorge gehört auch Humor: Wenn auf einer langen gemeinsamen Autofahrt die multiplen Persönlichkeiten zweier Menschen außer Kontrolle geraten, dann IST das einfach komisch. Gerade hier zeigt sich die Stärke von Matt Ruffs Sprache: Sie tritt nie in den Vordergrund, ist immer nur Werkzeug. Dadurch bekommen Charaktere und Ereignisse allen Raum.

Auf Deutsch scheint es Set This House in Order noch nicht zu geben. Hoffentlich findet sich dafür ein so guter Übersetzer wie bei Fool on the Hill.

Also gut

Montag, 15. Dezember 2003

Ganz aufgeregt hasten und wirbeln sie, mal hierhin, mal dort. Dass sie noch ganz junge und damit unerfahrene Schneeflocken sind, sieht man schon an ihrer Größe. Deshalb treten sie wohl auch in dieser größeren Gruppe auf. Dass überhaupt welche den Boden erreichen, erscheint fast unmöglich: Sieht man genau hin und konzentriert sich auf eine einzelne der Nachwuchsflocken, ist ganz klar eine Aufwärtsbewegung erkennbar. Vielleicht haben sie ja die Orientierung verloren?
Etwas zur Ruhe kommen sie kurz vor meinem Bürofenster. Als nehme ihnen mein Anblick ihr Lampenfieber, halten sie kurz inne – um dann entspannt auf’s Fensterbrett zu trudeln.

Englisch mit der Kaltmamsell

Sonntag, 14. Dezember 2003

Den ganzen Tag freue ich mich schon an dem bunten Himmel über München. Die Sturmböen mischen klares Blau, gelb angeschienene Wolkenbänder, Zirrus-Federn und Haufen in allen Grautönen durcheinander. Im Moment eingefasst von einem verboten zarten Violett.
Auch dieser Sonntag soll genutzt haben:

DARINGDECOY (32k image)

Wir lernen
decoy
1) someone or something used to trick someone into going where you want them to go, so you can catch them, attack them etc.: Police have been using mocked-up patrol cars as decoys to make drivers slow down.
2) a model of a bird used to attract wild birds so that you can watch them or shoot them.

Brauthormone

Samstag, 13. Dezember 2003

Lyssas Geschichte hat mich wieder daran erinnert: Es gibt da draußen noch einen Nobelpreis für Medizin zu gewinnen – für den wissenschaftlichen Nachweis von speziellen “Brauthormonen”. Anders lassen sich eine ganze Reihe von Erscheinungen in der Frauenwelt nicht erklären.

Zum Beispiel der Umstand, dass auch noch so realitätsverwurzelte Frauen von “Traumhochzeit” sprechen. Gerne in der Kollokation “seit ich ein kleines Mädchen war”. Lange dachte ich ja, das wollten uns lediglich blöde amerikanische Fernsehserien einreden, doch mittlerweile habe das ein oder zwei Mal zu oft selbst gehört. In echt.

Dazu gehört anscheinend ein Heiratsantrag. Es reicht diesen Damen keineswegs, mit dem Partner ihrer Wahl die Eheschließung zu vereinbaren. Nein, es muss ein “Heiratsantrag” her. Im schlimmsten Fall heißt das dann auch noch “Verlobung” und wird mit einer Anzeige in der Lokalzeitung sowie einem Familienfest gefeiert.
Zuständig für diesen “Heiratsantrag” ist in einer heterosexuellen Beziehung offenbar unbedingt der Mann. Der Ärmste ist möglicherweise bis in diese Phase der Liebschaft von einer gleichberechtigten Partnerschaft ausgegangen und weiß nicht einmal, was von ihm erwartet wird: Inszenierung einer romantischen Situation, Oscar-reifer Text, überraschende Details, gerne auch Kniefall, Ring im Wert eines dreiwöchigen Urlaubs nicht vergessen. Es scheint komplett ausgeschlossen, dass eine Frau die ersehnte “Traumhochzeit” selbst herbeiführt.

Oder die Tatsache, dass ein relevanter Anteil der weiblichen Bevölkerung jedes Stilgefühl oder auch nur Modebewusstsein verliert, wenn es um die Auswahl eines Hochzeitskleides geht. In den größten Fettnapf bin ich dazu auf einem Polterabend getappt. Die Braut kannte ich als leidenschaftliche Motorradfahrerin, was sich in ihrem praktisch-eleganten bis sportlichen Kleidungsstil spiegelte. Ich saß also gerade mit dieser Braut über dem vielduzendsten Glas Sekt zusammen, als ich mich prustend über Frauen lustig machte, die sich an ihrem Hochzeitstag in Sahnebaiser verwandelten. Das Gesicht der Braut erstarrte, ihre Lippen wurde schmal: “Ich habe mein ganzes Leben von einem Sisi-Kleid geträumt.”

Es gibt meiner Meinung nach nur eine Erklärung für die absonderliche Verwandlung, die in diesen Frauen vorgeht: ein eigenes Brauthormon. Es ist möglicherweise gekoppelt an den Fortpflanzungstrieb, denn die Damen, an denen ich es diagnostiziert habe, wurde binnen Jahresfrist nach der Hochzeit schwanger.

Sollte also ein mitlesender Mediziner nach einer Möglichkeit zur Erlangung von Ruhm und Ehre suchen: bitteschön.