Archiv für März 2004

Beruf Nativespeaker

Montag, 22. März 2004

„Aber das hat doch der Herr McNeely geschrieben!“ In deutschen Unternehmen scheinen ausländische Nativespeaker automatisch sprachliche Fachkompetenz zu besitzen. Sie dürfen mit Texten ihrer Muttersprache machen was sie wollen, haben mit jeder Aussage zu Schreibung, Zeichensetzung, Aussprache, Wortgebrauch und Stil absolut recht. Zumindest in den Augen der Nicht-Nativespeaker, Widerspruch ist zwecklos.

Als Beleg für Übersetzerfähigkeiten reicht es, einige Zeit im Ausland gelebt zu haben oder auch nur mit Ausländern verwandt zu sein. „Den Fragebogen kann doch unsere Frau Rizzo vom Empfang übersetzen, die hat italienische Eltern.“ Warum Leute jahrelang auf Übersetzerschulen gehen? Keine Ahnung.

Heißt das, dass ich künftig Verona Feldbusch meine Texte redigieren und Korrektur lesen lasse? Die ist doch deutscher Nativespeaker!

Alter Bekannter als Unwort entlarvt

Montag, 22. März 2004

Verunreinigung

Das ist ja wohl überdurchschnittlicher und kompletter Blödsinn.

Früher

Sonntag, 21. März 2004

Pretentious - moi?

Habe ein Kinderfoto von mir gefunden. Das war die Zeit, in der ich unbedingt aussehen wollte wie ein Bub. Die Mädchen in meinem Alter wurden da gerade immer langweiliger.

Literaturverfilmungen

Samstag, 20. März 2004

Der Gipfel war dann, als ich im Kino auf den Beginn der Vorführung von Homo Faber wartete und in der Reihe hinter mir eine Sie zu ihrem Nachbarn sagte: „Das Buch ist sicher besser.“ Das ist die weit verbreitete Grundeinstellung: Das Buch ist sicher besser.
Hallo? Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Und ein Film ist ein Film ist ein Film. Wenn ich das versuche zu tanzen, kommt wieder etwas anderes raus.

Zwar hat mich mein Mitbewohner in den Diskussionen der letzten Jahre davon überzeugt, dass man manchmal sehr wohl Äpfel und Birnen vergleichen kann. Aber ich habe immer noch Probleme, dieses Vergleichen mit einer Hierarchisierung zu verbinden. Man kann aus einem guten Roman einen schlechten Film machen. Man kann aus einem guten Roman einen guten Film machen, auch wenn er sich sehr weit von der Vorlage entfernt.

Jede Literaturverfilmung muss sich für einzelne Aspekte der Vorlage entscheiden, die meisten anderen weglassen.* Für mich als nichtgläubige, also säkulare Christin ist das Neue Testament ein literarisches Werk – wenn auch in unserem Kulturkreis das einflussreichste der letzten 2000 Jahre. Mel Gibson hat für seine Verfilmung den Aspekt des Leids des Protagonisten, der Folter, der Qual in den Mittelpunkt gestellt. Für ihn war es eigenen Aussagen zufolge mehr als eine künstlerische Entscheidung; ich behalte mir als Rezipientin vor, die Entscheidung aus künstlerischer Perspektive zu sehen.

Zum Vergleich: John Irving wollte mit seinem Roman The Cider House Rules nach eigener Aussage durchaus zur Abtreibungsdiskussion Stellung nehmen. Die Verfilmung, für die er selbst das Oscarprämierte Drehbuch geschrieben hat, konzentriert sich auf andere Aspekte. Soweit ich mich erinnere, hat in diesem Fall niemand darauf herumgehackt.

Ich mag Splatter-Movies nicht. Und wenn The Passion of the Christ auch nur eine Splatter-Szene mehr enthält als die diversen Trailer, grause ich mich zu sehr als dass mich alles andere interessiert. Warum sollte ich einem Splatter-Movie vorhalten, dass er zu brutal ist? Schließlich versuche ich seit Jahren, meiner Mutter den Unsinn des Vorwurfs klar zu machen, James-Bond-Filme seien unrealistisch.

Dass gläubige Christen den Film aus einer ganz anderen Perspektive sehen, ist selbstverständlich. In dieser Zielgruppe soll er die Funktion der Oberammergauer Passionsspiele erfüllen. Ob und in welchem Maß er das tut, kann ich nicht beurteilen.

*Buchtipps dazu:
William Goldman, Adventures in the Screen Trade und Which Lie did I Tell? More Adventures in the Screen Trade

Friday Five

Samstag, 20. März 2004

If you…

1. …owned a restaurant, what kind of food would you serve?
Jüdische Küche, sortiert nach Regionen. Ist in der deutschen Fresslandschaft, mit Ausnahme von Bagels, komplett zu Unrecht unterrepräsentiert. In München gibt es zwar das Schmock – feine Küche, edles Ambiente – und nicht weit davon das Cohen’s – herzhaft ostjüdisch, inklusive polnischen Köchinnen in Kittelschürzen und mit Achselbehaarung, die auch mal das Essen auftragen -, aber das ist viel zu wenig.

2. …owned a small store, what kind of merchandise would you sell?
Bücher, ganz klar. Allerdings eher als Antiquariat, spezialisiert auf englischsprachige Autoren. Und am liebsten zusammen mit dem Mitbewohner, der dann über die Bereiche Comics, Science Fiction und Pulp Fiction herrscht.

3. …wrote a book, what genre would it be?
Die Geschichte von vier spanischen Einwanderern in Bayern. Semihistorisch.

4. …ran a school, what would you teach?
Englische Literatur.

5. …recorded an album, what kind of music would be on it?
A capella Chormusik, meine Lieblingsstücke von Paläestrina über Bach und Verdi bis Benjamin Britten und Distler.

von Friday Five

Latein

Freitag, 19. März 2004

Hat eigentlich keiner außer mir mitgekriegt, dass in der Süddeutschen Zeitung vom gestrigen 18.3. ein Artikel auf Latein stand? “Dominabiturne ‘Passio”?” hieß er, stand auf Seite 14 rechts unten. (Nein, von meinen sieben Jahren Latein ist nicht genug übrig, um ihn ganz zu verstehen.)

Wenn jemand nachgucken will: Noch ist die Online-Version kostenlos.

Nachtrag: Bei den Klopfzeichen gibt’s eine Inhaltsangabe.

Pfadfinder kommen ganz schön rum

Freitag, 19. März 2004

Er war vermutlich der erste Augustiner-Pfadfinder, der es zu Model-Ehren brachte – zumindest in seiner Heimatstadt. Wahrscheinlich bekam mein Gesicht den bislang dümmsten Ausdruck seiner 17-jährigen Existenz, als ich auf dem Schulweg an einem Friseursalon vorbeiradelte, in dessen Schaufenster DinA2 groß der Lockenkopf des Schuler Tom prangte.* Vor grünem Hintergrund. Der junge Mann sah darauf recht cool drein, seine dunklen Locken sollten wohl Klientel anlocken (ja, das waren die 80er).

Der Schuler Tom lächelte sonst ohnehin fast nur mit den Augen. Selbst wenn er auflachte, schloss er schnell die Lippen: Ihm waren wohl seine etwas schiefen Zähne peinlich. Aber schon klar, dass dieser Reflex ihn ganz besonders schnuckig machte, oder?

Durch Pfarrei übergreifende Pfadfinderfeste hatten wir uns kennengelernt. Er war unter den Augustiner-Pfadfindern der hübsche, zurückhaltende. Später begegneten wir uns wieder in der Redaktion des Lokalblattes, wo er ein Jahr vor mir sein Volontariat begonnen hatte. Er fiel durch außergewöhnlich gute Arbeit auf. Dazu gehörte ein Dossier über die Machenschaften des damaligen Verlegers zwischen 1933 und 1945. Es enthielt im damaligen Arbeitsstadium vor allem Material darüber, wie dieser Verleger bis dato jeden Rechercheversuch zum Thema unterbunden hatte. Das war natürlich eine höchst inoffizielle Kladde, die unter den Tischen von Volontärshand zu Volontärshand weitergereicht wurde. (Wartet da vielleicht noch ein Buch auf Veröffentlichung?)

Dann ging der Schuler Tom hinaus in die weite Welt. Über Jahre las ich alle paar Wochen in der Süddeutschen Zeitung Geschichten von ihm auf der Medienseite, ganz offensichtlich war er in Amerika. Irgendwann hörten diese Geschichten auf. Das nächste, was ich vom Schuler Tom mitbekam, waren Reisebücher und dass er bei einer Berliner Zeitung arbeitete. Dann wieder lange gar nichts.

Doch jetzt, jetzt hat der Schuler Tom wohl ein Buch über die Bertelsmann-Familie Mohn geschrieben. Und in der heutigen Ausgabe des SZ-Magazins steht eine Geschichte von ihm über die vergessene erste Frau Mohn. Auf der dritte Seite des Magazins ist zu sehen, dass er mittlerweile wohl keine Probleme mehr hat, beim Lächeln seine Zähne zu zeigen.

Kann es Zufall sein, dass die Seite drei der SZ am selben Tag eine Reportage über deutsche Pfadfinder bringt?

*Beweiskräftiges Indiz, dass ich jemand noch aus meiner Geburtsstadt kenne: Mir fällt sein Name in der Reihenfolge Nachname Vorname ein. Wird wie ein Wort ausgesprochen, Betonung auf dem Nachnamen; also der POLLingerHans, die WEIserVeronika.