Archiv für Juni 2004

Four Yorkshiremen

Mittwoch, 30. Juni 2004

Beim Stichwort „Bonanzarad“ seufzt die Generation Illies wie aus einer Lunge. Pah, Ihr Wohlstandsgören! Gestern radelte ein etwa zehnjähriges Kind auf einem wahnwitzigen Gerät an mir vorbei, das mich tatsächlich nostalgisch machte. Denn in dem Wohnblock-Viertel, in dem ich aufwuchs, war der Standard nicht das echte Bonanzarad, sondern die selbst gebastelte Imitation – mir ham ja nix g’habt! Also her mit dem über drei Geschwister-Generationen durchgereichten Kinder-Fahrrad; ein Brett mit Schaumstoff und Klebe-Band umwickelt und damit den Sattel verlängert, an dessen Ende ein langes, gebogenes Stahlrohr befestigt („nein Mama, ich weiß nicht, wo dein Ärmelbügler abgeblieben ist“). Den entsprechenden hohen Lenker musste man sich allerdings kaufen lassen, da half nur ausdauerndes Betteln samt Verweis auf anstehende Geburtstage oder Weihnachten. Die Spitzenmodelle unter diesen Imitationen simulierten mit Hilfe von angeklebten Zigarettenschachteln und einem leergegessenen Eis-Steckerl sogar die Gangschaltung.

Typisch

Dienstag, 29. Juni 2004

Hab ich ja schon so meine Probleme mit den Klischees, was alles „typisch Frau“ oder „typisch Mann“ sein soll. (Letzthin verteidigte auf einem Fest eine werktätige Ehefrau Anfang 30, dass sie viel mehr im Haushalt macht als ihr ebenfalls werktätiger Mann: Frauen hätten halt ein größeres Bedürfnis nach Sauberkeit und Ordnung. Respekt: Ich war sprachlos.)

Ebenfalls schwierig ist für mich die Einordnung „typisch schwul oder lesbisch“ versus „typisch hetero“. Weswegen ich auch einen Punkt aus der Liste „Dos & Don’ts & More Don’ts for Gay Boy Refugees“ mopse (via malorama) und für Feministinnen adaptiere:
7. Your femininity has most likely been called into question. Anything you do in reaction to it will be a failure. Don’t try to prove or disprove anything.

Aber jetzt soll es also auch noch typisch lesbische Mode geben?
(via sofa)
Ich werde unsere gesellschaftlichen Zeichensysteme nie sortiert kriegen, fürchte ich.

The Gay Divorcee

Montag, 28. Juni 2004

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Am gestrigen Sonntagnachmittag war dringend mal wieder Zeit für einen Film aus meiner Fred-Astaire-Sammlung. The Gay Divorcee von 1934 stellte sich als hervorragende Wahl heraus – ich hatte fast vergessen, wie hinreißend der Film ist. (Nein, der Titel bedeutet nicht Der schwule Exmann.)

Es war der zweite Film, den Fred Astaire mit Ginger Rogers machte. Schon die Handlung entzückt mich durch ihre unmöglich aktualisierbare Gestrigkeit: Mimi Glossop (Ginger Rogers) will sich scheiden lassen, doch ihr Mann weigert sich. Also muss ein zwingender Scheidungsgrund her. Mimis Tante Hortense (Alice Brady) engagiert einen Profi für vorgeschützten aber offensichtlichen Ehebruch, den Italiener Tonetti (Erik Rhodes). Der amerikanische Tänzer Guy Holden (Fred Astaire) hat sich in Mimi beim Verlassen des Schiffes in England verliebt. Als er sie ausgerechnet am Ort des vorgetäuschten Ehebruchs (Brighton) wiedertrifft, hält sie ihn zunächst für den Untreue-Profi.

Das Ganze bietet viel Platz für Komik, Musik und Tanz. Da wäre Eric Blore als „the waiter“, ein hinreißender Komiker. So ungefähr wäre Hans Moser gewesen, hätte er schauspielern können. Blore war später die Stimme von Mr. Toad in The Wind in the Willows (1949).

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Oder die damals 17-jährige platinblonde Betty Grable (oben), später eines der berühmtesten Pin-ups des 2. Weltkriegs. Sie hat eine eigene, völlig unmotivierte Sing- und Tanzszene: „Let’s Knock Knees“.

Cole Porters “Night and Day” ist drin, eigens für die Bühnenversion geschrieben. Und dann eine über 16-minütige Musikszene mit viel Tanz (“The Continental”), die 1935 den Oscar für den besten Song bekam.

Und erst die unsterblichen Dialoge!
Egbert Fitzgerald: Guy, you’re not pining for that girl!
Guy Holden: Pining? Men don’t pine. Girls pine. Men just… suffer.

Einen ausgezeichneten Aufsatz über den Film und Astaires Tanzkunst darin gibt es bei Brightlightsfilm.

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Bilder via Brightlightsfilm

Bildung

Montag, 28. Juni 2004

Da war im Hauptstudium dieser Mitstudent – kompakte Statur, rundes Gesicht von hellen Locken umrahmt, immer mit leicht cherubinisch entrücktem Blick.
Als ich ihm eines Tages in der Cafete zufällig gegenüber saß, platzte ich mit dem Gedanken heraus, den ich seit Wochen bei seinem Anblick hatte: “Du siehst aus wie aus einem Gemälde von Velázquez.”
Sein Blick machte mir sofort klar, dass er keine Ahnung hatte, wovon ich sprach. Doch er fasste die Bemerkung irgendwie als Kompliment auf und schlich mir das restliche Semester lang hinterher.

The Magnificent Saturday Seven

Sonntag, 27. Juni 2004

1. Was ist Dir lieber: VIVA oder MTV?
MTV der 80er. Die letzten Jahre meines Teenagertums verbrachte ich in einer Siedlung mit Pilot-Kabelanschluss. Wer schon allein wohnte, hatte statt Radio den ganzen Tag MTV laufen. Da ich danach elf Jahre keinen Fernseher hatte, verpasste ich die weitere Entwicklung des Musikfernsehens. Aber hin und wieder lasse ich beim Zeitunglesen statt Radio MTV laufen.

2. Was ist der erste Song an den Du Dich erinnern kannst?
Butterfly von Danyel Gérard. Meine Eltern kolportieren, dass ich im Alter von vier Jahren im ersten Skiurlaub von Hotel-Personal und Gästen Geld zugesteckt bekam, um damit die Musikbox zu füttern. Dann hätte ich, so behaupten sie, voll Hingabe dazu gesungen und getanzt: „Bataflaaaaai, mai Bataflaaai.“

3. Dürftest Du einen Sänger aus der Musik-Geschichte streichen, wer wäre das?
Van Morrison. Der macht so schöne Musik; aber warum muss er selbst dazu singen? Seine Knödelei macht mich binnen Sekunden agressiv.

4. Welches ist das nervigste Lied der Musik-Geschichte?
Lied? Wenn es nur um Musik ginge, hätte ich den Flowalzer genannt. Aber Lied? Ha! Das Ave Maria von Bach/Gounod. Wenn das bei der ohnehin gefürchteten Familien-Hochzeit im August erklingen sollte, vergesse ich mich.

5. Welche Platte in Deiner Sammlung ist Dir richtig peinlich?
Keine. Dabei habe ich mir die Platte von der Spider Murphy Gang damals fast nur deshalb gekauft, damit sie mir später mal peinlich sein kann. Doch heute bin ich lediglich gerührt.

6. Welcher Song bedeutet Dir am meisten?
Verstehe ich nicht. Bei dem ich jedesmal in Tränen ausbreche? Für dessen letzte Aufnahme ich Haus und Hof verpfänden würde? Machen wir doch einfach: Den ich am liebsten noch einmal im Leben mitsingen möchte. Das ist dann Wie liegt die Stadt so wüst von Rudolf Mauersberger.

7. Der Soundtrack welches Films passt am Besten zu Deinem Leben?
Alles aus James-Bond-Filmen außer den Titelsongs. Während einer Spanienreise mit breiter Soundtrack-Auswahl habe ich festgestellt, dass da alles drin ist, was ich brauche.

Noch kaputter

Donnerstag, 24. Juni 2004

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Die Stürme der vergangenen beiden Tage haben den strandnahen Teil des West Pier (links) in Brighton weggerissen, schreibt der Independent.

Öd

Mittwoch, 23. Juni 2004

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Hier tut sich grad nichts.