Eine schräge Familie, die mir der Mitbewohner da verschafft hat. Und noch dazu schräg in einer angenehm uncoolen Version. Ich wünschte nur, es wäre nicht ausgerechnet eine geschmacksneutrale Familienhochzeit gewesen, auf der ich die bislang ungesehenen Mitglieder kennenlernte (ich saß zuächst mit derart versteinerter Miene rum, dass der Mitbewohner nahe daran war, mich heimzuschicken).
Auf dem Bild ist ein Bruder des Mitbewohners mit seiner Showeinlage zu sehen. Der Mann spielt seit vielen Jahren in einer Dudelsack-Kombo, so richtig mit Auftritten im Münchener Gasteig und als Hintergrund-Musiker bei Mike-Oldfield-Konzerten. So wird er bei praktisch jeder Familienfeier um ein Ständchen gebeten. Es ist immer wieder schön, das Entsetzen auf den Gesichtern der Gäste zu beobachten, die keine Ahnung hatten, wie LAUT so ein Dudelsack ist. Nackenhaare stellen sich auf, kleine Kinder beginnen zu weinen. Aber wenn man sich erst mal an die Lautstärke gewöhnt hat, dann ist es schön.
Der abgebildete Piper lud seinerzeit zur Feier seines 30. Geburtstages auf eine Berghütte. Dort spielten er und einige seiner Dudel-Kumpels zum Tanz auf. Die Fenster und das Dachgebälk der Hütte hielten das tatsächlich aus, und so tanzten wir Schottisches zu Live-Musik. Unvergesslich.
Ich lernte die Kusine mit der langen grauen Wuschelmähne kennen, die in Berlin reicher Leute Gärten anlegt und pflegt. Den blondierten Kusin aus Amerika, der viele Jahre als Kellner durch europäische Hotels tingelte und sich heute im Alter von 42 Jahren innig für Spongebob begeistert. Den jungen Tontechniker-Kusin aus Berlin. Die Kusine mit zwei sympathischen kleinen Töchtern, die davon berichtete, dass der heutige Ausbund an Ausgeglichenheit an meiner Seite als Kind und Jugendlicher gerne diktatorische Wutanfälle hatte und durchaus mal gewalttätig wurde. Ihre Blicke auf den Mann sprachen Bände über ihre Verwunderung, dass er sich so geändert haben soll.
Die Hochzeitsband war mit Geige, Klavier, Schlagzeug, Gitarre, Kontrabass besetzt und machte schöne gehobene Kaffeehausmusik, zu der sich ausgezeichnet tanzen ließ. Was wir so ausgiebig taten, dass sich nach vielen Jahren Ruhe meine Hüft-Dysplasie mit Schmerzen meldet. Nicht nur waren fünf Tanzkurse Teil meiner uncoolen Jugend, ich habe eines der raren Exemplare tanzfreudiger Männer zum Partner. Er führt diese Neigung auf frühkindlichen Konsum von Gene-Kelly-Filmen zurück, dennoch erntete ich die Gratulationen neidischer Frauen, ich hätte meinen Mann ja gut abgerichtet; tanzfreudige Heteros scheinen echte Exoten zu sein.
Der Sänger der Band war allerdings eine unerfreuliche Gestalt aus meiner Vergangenheit, der mich dummerweise auch noch erkannte. Und mir ausführlich von seinem Burn-Out, seiner daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit und der Meinung seines Psychologen erzählte, während meine Suppe kalt wurde. Auch das habe ich überstanden.
Wie stelle ich es nur an, dass ich mich bei der nächsten Hochzeit nicht erst nach dem vierten Glas Rotwein entspanne?