Archiv für August 2004

Bei Bloggers daheim

Dienstag, 31. August 2004

„Ich hoffe, das hast du nur gekauft, weil du darüber bloggen willst.“
So der Mitbewohner, als er naserümpfend aus meinem Einkaufskorb die rosa verpackten und schreiend billigen Schoko-Kokos-Waffeln angelt.

Andererseits kam die Bemerkung aus dem Mund von jemandem, der mich in meinem neuen dunkelbraunen Pulli sah, einige Sekunden betrachtete, um dann nachdenklich zu äußern: „Richtig, die Farbe hat mir schon an mir nicht gefallen.“

(Ah, wie gemein, wo er mir doch eben eine riesige Schüssel selbstgemachte asiatische Suppe Wagamama-Style serviert hat.)

Massen?

Dienstag, 31. August 2004

Konstantin macht sich über die Zahl der Anti-Bush-Demonstranten in New York lustig. Danke dafür, ich befürchte nämlich, dass die sehr breite Berichterstattung der deutschen Medien über diesen Protest zu der Erwartung führt, Bush werde sicher abgewählt. Nur zur Erinnerung: Er liegt in Umfragen derzeit knapp vor Kerry.

Auch zur Erinnerung: Eine strafrechtliche Verurteilung führt in den USA zur Aberkennung der Bürgerrechte (in 14 Bundesstaaten verlieren Exhäftlinge sogar auf Lebzeit ihr Wahlrecht). Zum Beispiel der amerikanische Kusin des Mitbewohners, den ich vergangenen Freitag kennenlernte: Zweimal mit Alkohol am Steuer erwischt, verurteilt, Entzug des Wahlrechts für sieben Jahre. Ich bin fassungslos – da mag ich Trunkenheit am Steuer für noch so sträflich halten.

Welchen Philosophen hätt’mer denn gern?

Montag, 30. August 2004

These questions reflect the dilemmas that have captured the attention of history’s most significant ethical philosophers. Answer the questions as best you can. When you’re finished answering the questions, press “Select Philosophy” to generate your customized match of ethical philosophers/philosophies.

Result:

1. Aquinas (100%)
2. Aristotle (88%)
3. Kant (88%)

(via Zeitgenossen, natürlich)

Schlecht

Sonntag, 29. August 2004

Retter

Weiterer Beweis, dass ich ein schlechter Mensch bin: Wenn mal wieder vor unserem Haus ein gelber Rettungshubschrauber runtergeht, denke ich zwar kurz an den armen Schwerverletzten darin (ich bekomme jedes Jahr die Eröffnung der Motorradsaison mit), male mir aber immer wieder aus, wie lustig es wäre, wenn ich mal die zu Rettende wäre. Weil ich dann den Sani fragen könnte, ob er mir wohl netterweise von Zuhause ein Zahnbürschtl holen könnte, hihihi.

Verwandtschaft

Sonntag, 29. August 2004

LAUT!!!

Eine schräge Familie, die mir der Mitbewohner da verschafft hat. Und noch dazu schräg in einer angenehm uncoolen Version. Ich wünschte nur, es wäre nicht ausgerechnet eine geschmacksneutrale Familienhochzeit gewesen, auf der ich die bislang ungesehenen Mitglieder kennenlernte (ich saß zuächst mit derart versteinerter Miene rum, dass der Mitbewohner nahe daran war, mich heimzuschicken).

Auf dem Bild ist ein Bruder des Mitbewohners mit seiner Showeinlage zu sehen. Der Mann spielt seit vielen Jahren in einer Dudelsack-Kombo, so richtig mit Auftritten im Münchener Gasteig und als Hintergrund-Musiker bei Mike-Oldfield-Konzerten. So wird er bei praktisch jeder Familienfeier um ein Ständchen gebeten. Es ist immer wieder schön, das Entsetzen auf den Gesichtern der Gäste zu beobachten, die keine Ahnung hatten, wie LAUT so ein Dudelsack ist. Nackenhaare stellen sich auf, kleine Kinder beginnen zu weinen. Aber wenn man sich erst mal an die Lautstärke gewöhnt hat, dann ist es schön.
Der abgebildete Piper lud seinerzeit zur Feier seines 30. Geburtstages auf eine Berghütte. Dort spielten er und einige seiner Dudel-Kumpels zum Tanz auf. Die Fenster und das Dachgebälk der Hütte hielten das tatsächlich aus, und so tanzten wir Schottisches zu Live-Musik. Unvergesslich.

Ich lernte die Kusine mit der langen grauen Wuschelmähne kennen, die in Berlin reicher Leute Gärten anlegt und pflegt. Den blondierten Kusin aus Amerika, der viele Jahre als Kellner durch europäische Hotels tingelte und sich heute im Alter von 42 Jahren innig für Spongebob begeistert. Den jungen Tontechniker-Kusin aus Berlin. Die Kusine mit zwei sympathischen kleinen Töchtern, die davon berichtete, dass der heutige Ausbund an Ausgeglichenheit an meiner Seite als Kind und Jugendlicher gerne diktatorische Wutanfälle hatte und durchaus mal gewalttätig wurde. Ihre Blicke auf den Mann sprachen Bände über ihre Verwunderung, dass er sich so geändert haben soll.

Die Hochzeitsband war mit Geige, Klavier, Schlagzeug, Gitarre, Kontrabass besetzt und machte schöne gehobene Kaffeehausmusik, zu der sich ausgezeichnet tanzen ließ. Was wir so ausgiebig taten, dass sich nach vielen Jahren Ruhe meine Hüft-Dysplasie mit Schmerzen meldet. Nicht nur waren fünf Tanzkurse Teil meiner uncoolen Jugend, ich habe eines der raren Exemplare tanzfreudiger Männer zum Partner. Er führt diese Neigung auf frühkindlichen Konsum von Gene-Kelly-Filmen zurück, dennoch erntete ich die Gratulationen neidischer Frauen, ich hätte meinen Mann ja gut abgerichtet; tanzfreudige Heteros scheinen echte Exoten zu sein.

Der Sänger der Band war allerdings eine unerfreuliche Gestalt aus meiner Vergangenheit, der mich dummerweise auch noch erkannte. Und mir ausführlich von seinem Burn-Out, seiner daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit und der Meinung seines Psychologen erzählte, während meine Suppe kalt wurde. Auch das habe ich überstanden.

Wie stelle ich es nur an, dass ich mich bei der nächsten Hochzeit nicht erst nach dem vierten Glas Rotwein entspanne?

Bildungsbürde

Freitag, 27. August 2004

Wir alle kennen den tragischen Konflikt, die korrekte Aussprache eines bestimmten Wortes oder Namen zu kennen, gleichzeitig aber zu wissen, dass wir bei Anwendung der korrekten Aussprache für ein arrogantes Arschloch gehalten würden. Das kann einem den schönsten Empfang nach Filmpremieren vermiesen.

Faustus nimmt sich des Problems an und löst es am Beispiel von Ayn Rand.

The world is, alas, full of people who fail to navigate successfully the Scylla of incorrectness and the Charybdis of pretension.

Erwischt

Freitag, 27. August 2004

In der Straßenbahn zur Arbeit lese ich das Streiflicht der Süddeutschen.

Von Kolumnisten erzählt man, dass sie in der U-Bahn Leute beim Zeitunglesen beobachten, um herauszufinden, ob ihre aktuelle Glosse Eindruck macht.

Ich muss lächeln – und weiß sofort, dass ich soeben einem solchen Kolumnisten in die Falle gegangen bin.


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