Haltungsschaden – Tante Prusseliese

Mittwoch, 25. August 2004 um 17:19

Die Tante

Ausschlaggebend für den Antrag auf staatliche Unterstützung ist schon lange nicht mehr Bedarf, sondern möglicher Anspruch.

Mein unten geschmähtes Hirn hält es für einen grundsätzlichen Haltungsschaden, wenn jemand das staatliche Sozialsystem kontinuierlich auf rechtliche Ansprüche abklopft. Noch bevor er überlegt, wie er aus eigener Kraft seine Lage verbessern könnte. Ich hatte es eigentlich so verstanden, dass der Sozialstaat Not verhindern soll, für Bedürftige da ist. Doch selbst Wohlhabende beantragen Kindergeld, denn sie „haben ein Recht darauf“. Bürger empören sich, wenn bei der Betrachtung ihrer Bedürftigkeit ihr Vermögen berücksichtigt wird. Das ist meiner Meinung nach unredlich. Auch wenn ich mich dabei wie Tante Prusseliese fühle.

Zumal das dieselbe Haltung (Anspruch haben auf) ist, die sich bei den Angeklagten des Mannesmann-Prozesses fand. Lediglich in anderer Dimension.

„Was tut der Staat für mich?“ – Ist das zum Hauptkriterium für das Funktionieren des Gemeinwesens geworden?

die Kaltmamsell

20 mal Beifall zu “Haltungsschaden – Tante Prusseliese”

  1. Melody meint:

    Mich hat letztes Jahr jemand gefragt, ob ich mich nicht noch mal arbeitslos melden wolle, bevor nach 3,5 Jahren mein ‚voller Anspruch‘ erlischt.

    Mir musste man das mindestens dreimal erklären, bevor ich es verstand. Nein, wollte ich nicht. Ich bin lieber selbstständig.

  2. pepa meint:

    Und dieses Anspruchsdenken ist gerade dabei, eines der besten Sozialsysteme überhaupt an die Wand zu fahren.
    Wie oft wurde ich im Bereitschaftsdienst schon wegen irgendwelcher Lapalien gerufen, nur weil der/die jeweilige Patient/in einfach keinen Bock hatte, sich in die nächste Arztpraxis zu begeben.
    Und es sind fast immer Leute, die noch nie in ihrem Leben auch nur einen müden Cent in irgendein Sozialsystem eingezahlt haben, meist Jüngere, ganz oft tatsächlich Studenten/innen.
    Im Gegensatz dazu, sind die wirklich Bedürftigen meist so bescheiden, dass sie sich gar nicht trauen, einen Antrag auf die ihnen zustehende Hilfe zu stellen.
    Und es fällt mir manchmal außerordentlich schwer, einigermaßen ruhig zu bleiben, wenn ich zu einem akuten, Party störenden Pickel gerufen werde.

    (Und die Tante, die ist ganz große Klasse!)

  3. Stefan meint:

    Interessant finde ich auch, dass wir offenbar nicht mal in der Lage sind, unsere Ernte (Obst, Gemüse, Wein) mit eigenen Kräften einzubringen, uns aber wochenlange Diskussionen um Zumutbarkeit leisten. Es gab mal Zeiten, da hätte man solche Zustände für krank gehalten.

  4. Jörg meint:

    Prinzipiell haben Sie recht. Aber mit sehr gutem Gehalt und wenigen Verpflichtungen lässt es sich einfacher Haltung bewahren. Ich kann es keinem Normalverdiener, (1200 Euro netto, Familie mit 2 Kindern) verdenken, dass er zusieht, ob der Staat seine finanzielle Lage nicht verbessern kann.

  5. marion meint:

    ja, wir sind wirklich in einer „der ehrliche ist der dumme“-Gesellschaft angelangt, ich fühle mich da auch nicht wohl

  6. Stefan meint:

    Ich denke, es besteht weitgehend Einigkeit, dass der Staat Paaren oder Alleinerziehenden mit Kindern entweder Freibeträge auf Steuern und Abgaben gewährt oder Kindergeld zahlt. Wer selbst Kinder hat, wird mir da sicher zustimmen. Bei gutverdienenden Paaren oder Alleinerziehenden wird ohnehin vom Finanzamt der Freibetrag angerechnet bzw. das Kindergeld wird damit verrechnet. In diesem Sinne können eigentlich „Wohlhabende“ kein Kindergeld „beantragen“, sondern die Kinder werden durch die Angabe bei der Steuererklärung automatisch berücksichtigt.

  7. Lila meint:

    Ääääh… Pepa… wenn ich fragen darf… was ist denn der heiße Tip bei akuten Pickeln… ich will nicht schon wieder den Notruf…

  8. Huflaikhan meint:

    Nun ja, Kaltmamsell. Im Prinzip ja, aber … Die Fehler stecken meines Erachtens mehr im Dickicht als an der Oberfläche. Dort nimmt man sie wahr, doch die Frage müsste so gestellt werden, wie wird diese Situation produziert. Die Menschen sind nicht aus freien Stücken so, denn sie sind ja auch anders.

    Denn: Ich finde dieses Verhalten eigentlich rational; moralisch kann ich dagegen haben was ich will. Ich finde es rational, denn dieses Gebilde hier (meinetwegen Staat) bekommt immer deutlichere Züge des Verwaltungs- und Überwachungsstaates. Das meint hier genauer: Wenn man seine Bürger immer klarer und deutlicher vor allem als Risiko bewertet, dann muss man sich nicht wundern, dass die Bürger ausweichen. Der Staat, die Organe des Staates neigen in letzter Zeit dazu (das ist meine private Einschätzung), die Bürger unter Kontrolle zu stellen, weil sie eben ausweichen und damit gehts in den Zirkel hinein.

    Die Vertrauensbasis ist dabei ja auch leicht zu erschüttern, weil einige Organe des Staates selbst nicht so arbeiten, wie sie es müssten. Ein Fehler eines Staatsorgans wirkt da ungleich verheerender als der eines Bürgers dieses Staates. So ein Beispiel finden sie bei pepa (vor allem in der Entwicklung der Geschichte).

    Ebenso gehts auch andersherum. Die Staatsorgane können dann nur als bürgerliche Institutionen wahrgenommen werden, wenn sie selbst sicher arbeiten (neutral und gerecht). Wo aber staatliche Willkür ins Unermessliche steigt, wird Erosion der Bürgergesellschaft ziemlich sicher folgen.

    Wir wissen gleichzeitig, dass Begriffe wie Gerechtigkeit, Verantwortung und Respekt (sowie Freiheit) keine fixierten und ein für alle male definierten Größen sind, sondern ihre Bewährung in der gesellschaftlichen Praxis erleiden. Meines Erachtens weichen derartige Begriffe durch die gesellschaftliche Praxis (hier in Deutschland mindestens) auf und verschwimmen, werden immer inhaltsleerer.

    Ich würde daher das Problem nicht allein bei den Bürgern ansetzen, die sich „ein Recht darauf“ einbilden. Ein letztes Exempel daher.

    In einer Freundschaft von zwei Menschen ereignen sich viele Dinge durch Formen impliziter Verträge, durch gegenseitige Anerkennung. Mal steckt der eine „zurück“, mal der „andere“; immer jedoch nicht so, dass er/sie darin sich als benachteiligt empfindet. Geht die Freundschaft einmal auseinander, dann ändert sich das nicht selten in ganz starkem Maße. Dann gehts häufig los mit Missgunst, Ansprüchen auf …, Ansprüchen gegen … etc.

    Nur so meine zwei Pfennige.

  9. die Kaltmamsell meint:

    Vielleicht, Huflaikhan, gehen wir beide von verschiedenen Menschenbildern aus. Ich sehe den Menschen als grundsätzlich selbstsüchtig und mit aller Macht den Bestand bewahrend. Staat oder System sehe ich als Ergebnis seiner Bestandteile und deren Haltung, nicht als Auslöser. Die Motivation für die Einrichtung des Sozialstaates ist mit ihren Ausdenkern verschwunden. Die heutigen Nutznießer orientieren sich an der Oberfläche (ich werde versorgt) und erheben Anspruch darauf. Durch den Druck dieses Anspruches haben sich Prozesse und Mechanik des Sozialstaates verformt: Abwimmeln rückt ins Zentrum der Verwaltung. Mit allen grotesken Auswirkungen.

    Zudem nehme ich mir tatsächlich heraus, moralisch zu argumentieren (weswegen ich die Moral-Kolumne im SZ-Magazin so gerne mag). Und nenne den Vorschlag, der zum Beispiel Melody angetragen wurde, Lüge und Betrug.

    Dann vielleicht noch ein Gleichnis, weil Sie Freundschaft zum Vergleich anführen. Habe ich von Herrn typ.o, übrigens.
    In einer WG leben zehn Erwachsene. Davon haben acht Arbeit, zwei sind arbeitslos. Die Geldverdiener füttern die Arbeitslosen mit durch. Eines Abends bittet eine der Verdienerinnen den Arbeitslosen: „Du, ich muss heute länger im Büro bleiben. Kannst du solange auf meine Tochter aufpassen?“ Da wird der Arbeitslose wütend: „Das ist Sklaverei!“

  10. Huflaikhan meint:

    Ja Kaltmamsell, da gehen wir vermutlich wirklich von verschiedenen Menschenbildern aus. Ich versuche, möglichst den Menschen „nicht grundsätzlich“ als dieses oder jenes zu sehen. Aber das mag eine deformation professionelle sein. Sonst könnte ich meine Tätigkeit eigentlich gleich aufgeben – und manchmal, ich gebe es zu, bin ich knapp davor und sehne mich nach einfacher Lohnarbeit.

    Zur WG noch: Das ist traurig, das ist wirklich traurig. Da bin ich froh, dass mir derartige Erfahrungen erspart geblieben sind. Dem würd‘ ich was husten (so ganz ideologiebefreit).

  11. Stefan meint:

    Ich glaube, das Gleichnis kann man gut darauf ausweiten, dass die andere arbeitslose Person aus der WG sich weigert, die Küche zu wischen („das ist eine unzumutbare und schmutzige Arbeit“) oder den Kirschbaum im Garten abzuernten („das ist mir da oben viel zu windig“).

  12. Haltungsturner meint:

    Herr Huf und Frau Kaltmamsell, ihr habt doch eigentlich beide Recht (und Frau Kaltmamsell: An Ihnen ist eine richtig gute Lutheranerin verloren gegangen mit so einem entzückend pessimistischen Menschenbild. Nein, dies ist kein Missionsversuch).
    Und vielleicht stimmt es ja, dass man mit einem auskömmlichen Einkommen sich leichter Moral und Haltung leisten kann (und noch einmal meinen herzlichen Dank für die Überschrift!) – aber aus der billigen „der-ehrliche-ist-der-dumme“ Rhetorik kommen wir nur raus, wenn wir uns nicht daran halten und zugeben, dass man beispielsweise maximal seine Kunden belügen darf und das auch nur, wenn sie es nciht merken können. Nur mal am Rande.

    Kurz vor der letzten Hamburg-Wahl habe ich einen Call-Center-Agent völlig aus dem Konzept gebracht, als ich auf seine Suggestivfrage Sie finden doch auch, dass Sie zuviele Steuern zahlen? mit einem kessen Nein antwortete, das auch noch ehrlich gemeint war. Sein ganze Konzept ist zusammen gebrochen. Und er hat diese Antwort offenbar auch zum ersten Mal bekommen.
    Aber meine immer wiederkehrenden kleinen Ausflüge in die Niederungen der Politik enden meist mit ähnlich ernüchternden Erfahrungen, wie sie der Herr Huf in der Theorie beschreibt (Misstrauen, Überwachung etc.). Verrückt.

    Nur ein Widerspruch: Die Bürgergesellschaft wird sich genau deshalb neben dem Staat etablieren. Zumindest in den „besseren“ Vierteln der urbanen Speckgürtel…

  13. Stefan meint:

    @Haltungsturner: Wenn Sie schon die „Lutheranerin“ erwähnen, dann würde ich das doch gern in den Zusammenhang mit der protestantischen Arbeitsethik stellen. Ich will niemanden missionieren, denn ich bin selbst eher ein Skeptiker. Aber man kann ja aus den verschiedenen Glaubensrichtungen trotzdem einiges für unsere Zeit lernen. Zum Beispiel, Arbeit und Pflichten gerecht nach ihren Fähigkeiten unter denen zu verteilen, die diese Arbeiten leisten und diese Pflichten auf sich nehmen *können*.

  14. Huflaikhan meint:

    Lieber Haltungsturner, danke für den Vermittlungsversuch. Ich zahle meine Steuern auch verhältnismäßig gerne. (Und die Geschichte erinnert mich an einen Missionsversuch der Zeugen Jehovas, die, als ich auf die Frage: „Finden sie nicht auch, dass alles Schlechter geworden ist?“ mit „Nein“ reagierte, bedröppelt waren.) Und der Widerspruch am Ende ist vollkommen gerechtfertigt.

    Im übrigen, Stefan, bin ich gegen Pflichten und Rechte, sondern wähne mich immer noch so naiv, zu glauben, dass Verständnis, Einsicht und, wenn ichs mal so vehement und emphatisch sagen darf, Liebe und Zuneigung (gegenseitige Anerkennung und Respekt), die besten Kittmittel zwischen Menschen sind. Aber wahrscheinlich bin ich da ein Auslaufmodell.

  15. Stefan meint:

    Ich spiele mal mit: Was spricht denn dagegen, aus Achtung, Respekt oder Zuneigung heraus selbst Pflichten zu übernehmen und anderen Rechte zu gewähren? — Sind Sie der Meinung, dass man auf der Basis von Achtung, Respekt und Zuneigung unsere aktuellen Probleme lösen kann? Doch sicher nur, wenn sich alle Beteiligten mit diesen Werten identifizieren und nach ihnen leben könnten. Womit wir wieder bei dem o.g. Gleichnis sind :-)

  16. Stefan meint:

    Wo kann ich bitte abstellen, dass mir als Ersatz für Smileys solche Bildchen in den Text gesetzt werden?

  17. die Kaltmamsell meint:

    Fuuuuurchbar! Danke für den Hinweis, lieber Stefan, der erste Anlass, mich in den WordPress-Funktionen umzusehen. Und schon ist das ausgeschaltet.

  18. Stefan meint:

    Herzlichen Dank dafür, dass Sie sich so schnell um Ihr Blog und um die Kommentare kümmern — jetzt kann ich ja wieder ein Smiley setzen :-)

  19. Huflaikhan meint:

    Naja Stefan. Ich denke weniger, dass ich in der Lage bin, die Menschheit zu retten (oder sowas ähnliches). Ich bin ein Kind des Kant’schen Rationalismus und der Nietzscheschen Kritik der Werte. Aus diesem Grunde reicht es bei mir nicht zur Praxis hinein. Ist eben Kant: „Der kritische Weg ist allein noch offen“ (zumindest für einigermaßen erwachsene). Auswendigen Maßbechern stehe ich skeptisch gegenüber.

    Die modernen Gesellschaften haben sich dem Ganzen Problem entledigt durch die Inthronisation der „Herrschaft des Gesetzes“ – das brachte so viele Vorteile mit sich, dass man auch im Allgemeinen dem Formalen (der Formel, der Zahl, dem Wert?) so große Stärke beimisst und den Rest dann der feinen Auslegung von Legalität und Legitimität überlässt. Aber das wird mir selbst jetzt zu kompliziert :(
    Langer Rede kurzer Sinn: Ist eben alles nicht so einfach.

  20. pepa meint:

    ((Hallo Lila, einen heißen Tipp bezüglich der Therapie des akuten Pickels habe ich leider auch nicht. Es scheint sich hierbei immer noch um eines der großen ungelösten Probleme der modernen Medizin zu handeln ;-) ))

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