Münchener Barock
Dienstag, 28. September 2004 um 9:06Eine Geschichte aus zweiter Hand, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass die erste Hand sie je aufschreibt, o.k.?
Mein hübsches Brüderchen, das erwähnte ich ja schon mal, hat in einer Münchener Werbeagentur Werbekaufmann gelernt. Das ist eine echte Lehre, deshalb musste er auch in die Berufsschule, immer ein paar Wochen am Block.
Seine arbeitgebende Agentur pitchte gerade um den Werbe-Etat eines lateinamerikanischen Amts für Tourismus, weswegen der lateinamerikanische Staatssekretär für Tourismus mitsamt Gemahlin seinen Besuch angekündigt hatte. Die Agentur bemühte sich um ein Damenprogramm und bot der Gemahlin eine Stadtführung durch München an. Die Dame ließ ablehnen.
Bruder Kaltmamsell saß gerade in seinem Berufschulunterricht, als er ins Direktorat gerufen wurde. Sein Geschäftsführer war am Telefon (Prä-Handy-Zeiten, so lang ist das noch gar nicht her): Die Staatssekretärsgemahlin habe es sich spontan anders überlegt und wolle nun doch München von der kulturellen Seite gezeigt bekommen. Und er, mein Brüderchen, spreche doch ein wenig Spanisch, also solle er die Dame bitte herumführen.
Mein Bruder wies noch erfolglos auf die Magerkeit seiner spanischen Sprachkenntnisse hin, dann wurde er schon in die Agentur beordert. Dort sah man missbilligend an ihm runter: Seine Kleidung war dem Besuch einer Berufschulklasse angemessen, aber ganz sicher nicht einem Kundentermin oder gar einer hochwohlgeborenen Politikergemahlin. Also drückte ihm sein Chef ein paar hundert Mark in die Hand und wies ihn an, sich schnell und anständig einzukleiden. Na gut, das war München, aber woher weiß denn bitte ein 21-jähriges Grünhorn aus der finstersten Provinz, wo er zu diesem Behuf hin soll? Mein Bruder setzte sich in ein Taxi und schilderte dem Taxler die Lage. Woraufhin er in die Sendlinger Straße und zum Herrenausstatter Annas transportiert wurde. Dort versorgte ihn das Personal mit Hemd, Krawatte, seriösem Sakko. Seine Jeans waren neu und sauber, wurden also durchgewunken. Dann brauchte es nur noch nebenan anständige Schuhe, und das eigentliche Abenteuer konnte beginnen.
Mein Bruder dirigierte das Taxi vor das Hotel Bayerischer Hof und fragte dort nach der Staatssekretärinnengemahlin. In der Hotel-Lobby machten sich die beiden bekannt: der hochgewachsene junge Werber mit langen tannenhonigfarbenen Locken und die mütterliche Dame aus edlem Haus mit streng nach hinten gekämmten schwarzem Haar, dunkler Haut und Perlenschmuck. Als sie auf die Straße traten, sah sich die Dame suchend nach dem Wagen um, der sie zu den Münchener Sehenswürdigkeiten bringen sollte. Es war meinem Bruder ziemlich peinlich, dass er sie nur zu einer Taxe führen konnte.
Die Ortskenntnis, die der Taxler schon beim Kleidungskauf bewiesen hatte, brauchte meine Bruder für diesen Teil des Nachmittags umso dringender: Er hatte keine Ahnung von den kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten Münchens. Ganz zu schweigen von der Bildung und den Sprachkenntnissen, um sie zu erklären. Er musste sich darauf beschränken, die Auskünfte des Taxifahrers (ohnehin meist lediglich die Nennung von Gebäude-Namen) in etwas Spanisch-Ähnliches zu übertragen – was ihm umso peinlicher war, als die höflichen Fragen der lateinamerikanischen Dame keinen Zweifel daran ließen, dass Kunstgeschichte ihr Fachgebiet war. Und mein armer kleiner Bruder konnte nur stammeln:
„Esto es la ópera.“ (an der Staatsoper)
„Aquí se encuentra el gobierno.” (zum Maximilianeum)
“Esto se llama ángel de la paz.” (am Friedensengel)
“Esto son muesos de cosas antíguas.“ (auf dem Königsplatz zwischen Glyptothek und Antikensammlung)
Bei Details (siglo? época?) musste er passen.
Doch als echte Frau von Welt bemerkte die Politikergemahlin die Beklemmung des jungen Mannes. Statt ihn mit weiteren Detailfragen zu peinigen, begann sie eine Unterhaltung über den Alltag der Stadt, bis er sich ein wenig entspannte. Dann bat sie darum, das Nymphenburger Schloss zu sehen, von dem sie schon so viel gehört hatte. Und dort war sie es, die meinem Bruder die Geschichte des Gebäudes erzählte, ihn auf die Parkanlage hinwies und ihm die ausgestellten Gemälde erklärte. Mein Bruder zehrt bis heute von diesem Wissen um den bayerischen Barock. Zum Abschluss und als Dank für seine Begleitung bat die Dame darum, ihn noch zum Tee einladen zu dürfen. Der Taxler bewährte sich ein letztes Mal und brachte die beiden in den Theatinerhof, wo es feinen Tee gab und mein Bruder wenigstens bei der Kuchenauswahl Sachkunde beweisen konnte.
Den Auftrag bekam die Werbeagentur trotzdem nicht – was aber an einem Regierungswechsel in dem lateinamerikanischen Land lag. Die Klamotten durfte mein Bruder behalten.
Written under poetic licence
Inspired by Andrea
die Kaltmamsell


28. September 2004 um 11:11
Auch ich habe ein huebsches Bruerderchen in Muenchen, das in seiner Zeit als Jungreporter (kometenhaften Aufstieg bitte mitdenken) manchmal Kulturtermine wahrnehmen musste. Ebenfalls vor der Epoche des Handys, suchte er in solchen Faellen seine Schwester per Telefon und fragte, “Lila, mal ganz schnell, was ist eigentlich ein Gospel…?”
28. September 2004 um 11:20
Sehr hübsch. Erinnert mich an einen heute namhaften Spiegel-Feuilletonisten, der in seiner Zeit als SZ-Redakteur immer meine Freundin Anne zu Independent-Konzerten mitschleifte, um sich von ihr das Fachwissen abzuholen.
28. September 2004 um 15:50
Ich könnte ja jetzt von meinem Treffen mit dem jordanischen Kronprinzen erzählen, aber dann würdest Du mir Angeberei unterstellen. Aber der weiss definitiv auch mehr über Barock als ich!
28. September 2004 um 19:28
Ich bin einmal mehr beeindruckt von Deinem Blog.
Das Stichwort Barock übrigens erinnert mich an einen Dresdner Stadtführer, der angesichts der Baubaracken in meiner Heimatstadt immer zu sagen pflegte, dass Dresden eigentlich die Stadt des Barock, momentan aber die Stadt des Barack sei.
28. September 2004 um 20:54
Öha, Jeremin, ich habe vor vier Jahren meinen Sommerurlaub in Dresden verbracht. Und mich DERART in diese Stadt verliebt, dass ich diesem Stadtführer hiermit Prügel androhe, wenn nicht sogar einen scharfen Blick.
29. September 2004 um 8:14
Was Stadtführer ausmachen, habe ich in Weimar bemerkt (noch zu DDR-Zeiten), als wir beim ersten Besuch einen derart lustlosen Hansel hatten, der uns im Schnelldurchlauf alles von Goethe bis Buchenwald runtergeleiert hat, dass eigentlich keiner mehr zugehört hat. Ein Jahr später hatten wir eine ältere Dame, die uns begeistert vom Bauhaus erzählt hat, uns Goethes angeblichen Lieblingsplatz im Park gezeigt hat, völlig verknallt über Schiller gesprochen hat, uns ihren Lieblingsbaum, einen Gingko, gezeigt hat und uns auf das (stimmt das eigentlich?) einzige kontinentale Shakespeare-Denkmal aufmerksam gemacht hat. Ganz großartig. Der Besuch in Buchenwald ruiniert dann zwar wieder alles, aber von der Führung durch die Stadt zehre ich heute noch.