Sie
Dienstag, 8. März 2005 um 10:18Oh je, ich muss den Mann tatsächlich duzen. Da der Herr Fachjournalist Brite ist, hatte ich ein paar Minuten lang gehofft, er meine einfach nur den Übergang zur First-Name-Base, als er mein „Herr Morris“ verbesserte: „Jonathan.“ Doch dann duzte er mich, und da er erklecklich älter ist als ich und ein Chefredakteur, muss ich wohl zurückduzen.
Dabei sieze ich wirklich gern. Ich fing mit 19 an zu arbeiten und geriet dadurch jung in eine Siez-Umgebung – in der ich mich sehr wohl fühlte. Mit der einen oder anderen Kollegin und mit wenigen Kollegen kam ich mir nahe genug, dass daraus ein Du wurde. Doch schon dort erlebte ich, dass mir ein Du aufgezwungen wurde, ausgerechnet von meinem Chef beim Provinzradio, mit dem ich fast täglich aneinandergeriet. Ich war viel zu unsicher, als dass ich mich getraut hätte ihm zu gestehen, dass ich viel lieber weiterhin „Herr Hausmann“ zu ihm gesagt hätte. (In dieser Hinsicht bin ich bis heute keinen Schritt weiter: Ich habe mich noch nie getraut, ein Du abzulehnen.)
Ein Sie wahrt einen Sicherheitsabstand, den ich oft brauche, um erst unbefangen herzlich sein zu können. „Diese Krawatte passt wirklich hinreißend zu Ihren Augen,“ zu meinem Chef geht nur, weil das Sie Vertraulichkeit vermeidet. Es ist ein kleines, hübsches Zäunchen, das man erst mal bewusst für ein Zunahetreten übersteigen muss. (Ausnahmen gibt es immer.)
Klar wurde später an der Uni geduzt, gleichzeitig mochte ich das Sie zwischen Studenten und Lehrpersonal. Am Anglistik-Lehrstuhl funktionierte auch Vorname plus Sie. Als ich auf die Dozentinnenseite wechselte, kam es mir nie seltsam vor, dass mich die Seminarteilnehmer siezten.
Dass mich meine heutigen Schwiegereltern bereits beim zweiten Zusammentreffen zum Du aufforderten, war mir schon wieder unangenehm. Ich entschuldigte den Fauxpas mit dem Umstand, dass ich die erste Partnerin war, die einer der drei Söhne überhaupt jemals vorgestellt hatte.
In PR-Agentur Nr. 1 wurde zwangsgeduzt, aber daran gewöhnte ich mich, weil ich wirklich jede Kollegin und Chefin mochte und bei keiner ein Bedürfnis nach deutlicher Distanz hatte (weswegen ich mich auch innerhalb weniger Monate in ein sattes und verzweifeltes Burn-out geschuftet hatte). PR-Agentur Nr. 2 ließ die Geschäftsführer siezen, was mir gut gefiel. Während einer alkoholreichen CeBIT-Nacht musste ich allerdings mit einem sehr großen Zaunpfahl winken, um einen von ihnen von der Verbrüderung abzuhalten. Wir unterhielten uns im Nachklang eines Presse-Dinners über Arbeitsklima und Ähnliches, als ich meinen Chef sich luftholend ein Herz fassen hörte. Blitzschnell deutete ich auf ihn und erklärte dem nebensitzenden SZ-Journalisten: „Den Herrn Dammberger zum Beispiel sieze ich fast schon freundschaftlich.“ Es funktionierte.
Ich könnte mich auch nicht erinnern, dass ich düpiert gewesen wäre, als junge Leute begannen mich zu siezen. Im Gegenteil: Als ich letzthin beim Kneipenfrühstück vom Milchbubi-Kellner geduzt wurde, ging mir die Augenbraue schon sehr hoch.
Leider schaffe ich es bis heute nicht, grundsätzliche Regeln aus meinen Reaktionen zu extrahieren. Denn es gibt viele Menschen, meistens gleichaltrige, bei denen ich sofort einen Duz-Impuls habe. Bei anderen stellt er sich nie ein.
In Blog-Kommentaren mag ich das spielerische Sie übrigens gerne: Es hilft gegen die Illusion, dem Autor rein deshalb nahe zu stehen, weil man seine persönlichen Texte liest.
die Kaltmamsell


8. März 2005 um 13:31
Ein Thema, welches wohl in allen Generationen ein Diskussionspunkt ist und war (ich habe gerade Mittagspause und vergewaltige den PC der Firma zu Privatkommentaren).
Ich bin ebenfalls für das doch distanzierende “Sie”, es schafft Freiräume und Unabhängigkeiten. Wir kennen wohl alle die Story vom Aufstieg in der Firma aus dem Duz-Kreis, den man dann zu leiten hat, manchmal kompliziert (Du Chef, kannst Du nicht mal…. :)
Gute Freunde verdienen ein “DU”, den Rest der Welt halte ich mir gern (wenigstens verbal) mit einem “Sie” vom Leibe; und ich bin ein ausgesprochen kommunikativer Mensch und liebe die Sprache, aber auch die Distanz zu denen, die nicht meine Freunde sind.
Mein letztes Erlebnis: Ich übernachte im Hotel (nicht in D) und die Inhaberin kommt zu mir mit dem Satz: Hast DU Geld für mir?
Ich habe es mit ihrer Unkenntnis der Sprache entschuldigt und es ihr in ihrer Sprache erklärt;ich denke, sie hat es trotzdem nicht verstanden.
8. März 2005 um 14:20
Es hilft gegen die Illusion, dem Autor rein deshalb nahe zu stehen, weil man seine persönlichen Texte liest. Auch so ein Satz, der ausgedruckt und über den Monitor geklebt gehört. Ich stehe mir selbst sehr fern und Sieze mich deshalb auch.
In der Fabrik wird sich geduzt, dort finde ich das aber sehr angenehm und unkompliziert. In vielen anderen Bereichen wäre mir das zu aufdringlich. Ich hatte auch mal eine “Schwiegermutter”, die mir beim zweiten Treffen das Du anbot. Sehr unangenehm, zumal diese Person alles andere als herzlich war. Umgekehrt siezte ich mich mit einer sehr aufmerksamen anderen “Schwiegermutter” auf freundlichste Weise jahrelang.
8. März 2005 um 14:24
Hah, und ich freue mich auf die Zeit, wenn ich dann endlich die stahlbetonierte grauhaarige Dame bin und mit dick bemalten, roten Lippen an Bars sitze, Gin trinke, pur selbstverständlich, und das ganze junge Gemüse muss mich dann siezen. Hah. Das ist dann die Rache der leider immer noch zu jung und kumpelhaft wirkenden 40erin, die vor 4 Jahren noch gefragt wurde “Was studierst DU denn eigentlich?”.
8. März 2005 um 14:25
Nachtrag, die Hauptsache hab ich vergessen: ich werde sie ALLE Duzen.
8. März 2005 um 15:44
Ich fürchte, das Alter wird mich in eine Zwickmühle bringen: Entweder ich rede die Milchbubis und -mädis mit “junger Mann” / “junge Frau” an – dann muss ich sie aber siezen. Oder ich duze sie nieder, dann aber nicht mit obiger Titulierung.
(Ein Sie kann paradoxerweise viel herablassender klingen als jedes Du.)
8. März 2005 um 16:20
Ich finde Siezen extrem anstrengend. Siezen ist das Aufrechterhalten eines Gesellschaftsspiels, das sich ungefähr in den 70er Jahren überholt hat. Diese Pseudo-Distanz ist ebenso durchschaubar wie überflüssig.
Kollegen duzen sich, Sportler duzen sich; das blöde Sie zwingt mich bei Gelegenheitsbekanntschaften immer wieder dazu den Status vom letzten Treffen aus dem Hinterkopf zu kramen.
Das Du birgt genug Fassetten in sich, dass man jemandem, der es einem aufgezwängt hat, durchaus sein Missfallen auch beim Duzen kundtun kann.
Wo ich Ihnen allerdings uneingeschränkt Recht gebe, werte Frau Kaltmamsell: Im Blog ist das Sie die einzig mögliche Umgangsform.
8. März 2005 um 16:25
Nein, ich will ja nicht herablassend klingen, sondern einfach du sagen und gesiezt werden. So wie die Eltern der Freunde einen geduzt haben, wo man sie gesietzt hat. Oder einer meiner ehemaligen Chef, der hat alle geduzt in seiner Firma, was man nie und nimmer tun hätte dürfen bei ihm. Es war aber ok, er war einfach so, ein alter Patriarch, das war nicht herablassend oder beleidigend, es war eben so. Ich will vielleicht irgendwann mal einfach eine Patriarchin sein. Mit grauer Betonfrisur und rotgeschminkten Lippen und verrauchter Stimme. Und leider sehe ich es ganz anders kommen, ich werde eine halbverrückte, hibbelige Tante, zu der dann erst recht alle “du” sagen. Ausserdem rauch ich noch nichtmal, deshalb bekomm ich das mit der Stimme auch nicht hin.
8. März 2005 um 17:06
Ich fürchte, Lisa, ich WILL herablassen. Betonfrisur, Mieder unterm Blümchenkleid, 15-reihige Perlenkette; ab meinem 80. Geburtstag greife ich als Steigerung zum Er: “Junger Mann, sei er doch so nett, mir den spanischen Brandy zu reichen.”
G.W., auf genau dieses Gesellschaftsspiel steh ich. Obwohl ich im Englischen sehr wohl in der Lage bin, ohne Sie/Du fein zu unterscheiden.
8. März 2005 um 20:10
Ein eingehender Anruf wird hier meisst mit SI! (Ja!) oder Diga! (Sprich!) entgegen genommen. Sie können sich gar nicht vorstellen wie verzückt ich war die Siezform in der ersten Landessprache kennen zu lernen, Digau (sprechen SIE!), einfach genial.
In den fünfzigern des letzten Jahrhunderts gab es unter Teenagern noch die Form der Anrede mit Herr /vorname/ oder Fräulein /vorname/. Ich finde, das hatte was.
8. März 2005 um 22:51
Apropos Anrede in der dritten Person. In einer Firma, in der ich einmal gearbeitet habe, hat mich der Chef immer mit “Er” angesprochen. Manchmal hat er mich auch nach meinem Befinden gefragt: “Wie geht es ihm denn heute?” Das kann sehr irritierend sein, weil man im ersten Moment immer versucht herauszufinden, wen er denn mit „ihm“ meinen könnte.
Spröde Schrulligkeit … aber hat was, hat was, ganz bestimmt.
9. März 2005 um 7:21
Aus dem Allgäu kenne ich noch eine Anrede, deren Ursprünge mir schleierhaft ist: “Hobtsas jetzat?” = Habt ihr es jetzt (endlich)? = Sind Sie jetzt soweit?
9. März 2005 um 7:22
.. schleierhaft SIND, bitte :-)
9. März 2005 um 7:47
Und in Oberbayern, typ.o, gibt es noch einen lebendigen Dualis: “Es Hundsbuam!”
9. März 2005 um 11:01
Ich war während des Studiums mal zwei Jahre mit einem Fernsehfuzzi zusammen, der Kulturschock hätte kaum größer sein können. Ich kam aus Siez-Gesellschaftskreisen und fühlte mich damit sehr wohl, er duzte berufsbedingt alles was ihm in die Quere kam. Ich habe auf Fernsehfuzzifeierlichkeiten furchtbar gelitten, wenn Chefs und Programmdirektoren mich einfach duzten und das umgekehrt auch so erwarteten. Mein Ex hat furchtbar gelitten, wenn ich mich daneben benommen und zwanghaft gesiezt habe.
9. März 2005 um 18:26
Wohnt denn hier niemand im Sendebereich des schlimmsten Duz-Radoisenders der Welt? Delta-Radio (Hamburg, Kiel). “Jetzt hörst Du Dein Wetter.” “Das sind Deine Super-Hits der 80er, 90er und von heute.” “Wievele Opfer die Flutkatastrophe in Asien wirklich forderte hörst Du um 17 Uhr.” Das ist echte Nähe. Da fühl ich mich zu Hause.
9. März 2005 um 19:50
Ich finde Siezen eine gute Sache… schon deswegen weil das mit dem Duzen im Büro manchmal einfach nicht klappt… wenn ich aufgeregt bin fange ich immer an zu Siezen, “… was meinen Sie ähh Du..”… peinlich sowas
@flo: Habe mal HH gewohnt, die Musik war ganz OK aber das gelaber zwischen durch mit dem ständigen “Du” hat mich nachhaltig auf die Palme getrieben.. schrecklich…
9. März 2005 um 23:18
In meiner letzten Firma haben sich alle geduzt, was ein ganz gutes Klima geschaffen hat. Aber die Kunden, die habe ich immer streng gesiezt, und fand und finde es gut so.
Zum Thema “Siezen” und ältere Damen fällt mir eine uralte Episode der Serie “Ein Fall für zwei” ein, damals noch mit Günter Strack als Dr. Renz und XX (habe den Namen vergessen) als 40jähriger Detektiv Matula, der nie um eine Antwort verlegen war. Matula will im Rahmen seiner Ermittlungen eine Bankfiliale betreten, trifft dort aber nur noch die Parkett-Kosmetikerin (früher: Putzfrau) an, eine resolute alte Dame, gespielt von Liesel Christ. Diese herrscht ihn an in breitestem Hessisch: “Zu spät, Bubsche. Mer hawwe geschlosse”. Matula (immerhin damals ein Mann um die 40) ist erst einmal völlig von den Socken und somit sprachlos (!!) und bringt stockend sein Anliegen vor. Was Liesel Christ genau geantwortet hat, weiss ich nicht mehr, aber sie hat ihn geduzt, während Matula natürlich schön “Sie” gesagt hat. Eine wunderbare Szene, in der Liesel Christ nochmal ihr ganzes schauspielerisches Können zeigte. Und in der Szene fand ich das Duzen auf der einen und das Siezen auf der anderen Seite völlig angemessen.
10. März 2005 um 11:38
Es gibt ältere Leute, die mir nahe stehen. Die bieten mir 1000 mal das “Du” an und ich fall immer wieder ins “Sie”. Einfach weil ich vor guten Leuten irgendwie Respekt habe und da muß ich immer wieder darauf achten zu “Duzen”.
um bei typ.o einzuhaken. Hier in der Pfalz gibt es auch oft diese indirekte Rede und Vorname. So auch immer die ältere Kantinenfrau “Hallo Herr rollinger, hat er noch Hunger?”
10. März 2005 um 15:46
nach 16 Jahren vertrauten Siezen bot mir mein langjähriger
befreundeter Kunde letzten Montag das Du an. Ich weiss so viel
pesrönliches und intimes über und von ihm, eine sehr vertrauensvolle
Sie-Freundschaft, ist im Laufe der Jahre gewachsen.
Und das Sie lies diese natürliche Distanz für die Geschäftsbeziehung.
Peter statt Herr S.
Sehr, sehr ungewohnt zumindest.
2. September 2006 um 6:43
Liebe ForumsteilnehmerInnen,
wir sind ein australisches Forschungsteam, das derzeit eine Studie zu Anredeformen im Deutschen, Französischen und Schwedischen durchführt (im Deutschen zum Beispiel die Formen du und Sie; nähere Informationen zu unserem Projekt finden Sie unter der URL http://www.rumaccc.unimelb.edu.au/Address/German.html).
Unter anderem interessieren wir uns für die Anredeformen, die in solchen Internetforen wie Chatgroups, Newsgroups und interaktiven Blogs verwendet und diskutiert werden. (Ergebnisse einer Pilotstudie zu deutschsprachiger Kommunikation im Web sind in einem Konferenzbeitrag unter http://www.rumaccc.unimelb.edu.au/Adress/Internetaddress.pdf zu finden).
In diesem Blog wird ja bereits über Anredeformen diskutiert. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns erlauben würden, mit den folgenden Fragen vielleicht eine erneute Diskussion zum Thema anzustoßen:
1. Besteht der Eindruck, dass es Unterschiede in der Auswahl von Anredeformen zwischen on-line und off-line-Kommunikation gibt; oder auch zwischen verschiedenen Bereichen des Internet?
• in E-mails
• in Chatgroups und Newsgroups
• in interaktiven Blogs
2. Ist Ihnen bekannt, ob solche Fragen außer hier auch in anderen Internetforen zum Thema geworden sind?
• in Bezug auf die Anrede innerhalb des Forums selbst
• in Bezug auf andere netzbasierte Kommunikation
• in Bezug auf off-line-Kommunikation?
3. Besteht der Eindruck, dass es beim Gebrauch von Abredeformen (on-line oder off-line) regionale Unterschiede (z.B., zwischen West- und Ostdeutschland oder zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz) gibt?
4. Sind Ihnen Probleme bei der Auswahl einer angemessenen Anredeform in elektronischer Kommunikation in einer ancderen Sprache als dem Deutschen bekannt?
Wir würden uns über Ihre Bereitschaft, uns bei unserem Projekt zu unterstützen, sehr freuen. Selbstverständlich sind wir gerne bereit, Ihnen etwaige weitere Fragen zu unserem Projekt zu beantworten.
Mit herzlichen Grüßen aus Australien,
für das Forschungsteam,
Leo Kretzenbacher
2. August 2007 um 14:50
Schade, Herr Kretzenbacher, ich hätte gern mehr darüber erfahren, aber die Links in Ihrem Kommentar führen ins Leere…
6. Dezember 2007 um 11:19
Hoppala, da waren kleine Tippfehler in den URLs.
So müssten sie funktionieren:
http://www.rumaccc.unimelb.edu.au/address/german/index.html
http://www.rumaccc.unimelb.edu.au/address/Internetaddress.pdf
Herzlichst,
Leo K.