Archiv für Mai 2005

Ethisches Einkaufen

Sonntag, 29. Mai 2005

Jeder Mensch ist auf seine Weise bigott, nur dass es die Bösen (we know who they are) bestreiten, und wir Guten das reflektieren. Ich zum Beispiel bemühe mich, durch mein Kaufverhalten ökologische Landwirtschaft zu fördern, lokale Anbieter in möglichst großer Vielfalt – solange ich mich nicht zu sehr anstrengen muss. Viele Produkte und Hersteller meide ich, weil ich deren Vermarktung oder Firmenpolitik ablehne. Aber halt immer nur, wenn ich aus zuverlässigen Quellen davon erfahre. (Und nur, wenn ich nicht gerade zu faul bin.)

Allerdings ist es ungeheuer schwer, Firmen einzuschätzen. Mittlerweile lese ich zwar fast täglich den Wirtschaftsteil der Süddeutschen, aber bei den meisten Produkten sind ja nicht mal die Besitzverhältnisse des herstellenden Unternehmens klar. Immer zu wissen, wer mein Geld da eigentlich bekommt und wofür, wäre ein Vollzeitjob.

In England bin ich auf eine Website gestoßen, die diese Recherche für die Konsumenten übernimmt:
Ethiscore

Unternehmen bekommen Punkte in fünfzehn Kriterien der Bereiche Umwelt, Tierschutz und Menschenrechte. Produkte werden an fünf Kriterien für Nachhaltigkeit gemessen.
Das Bewertungssystem ist sehr transparent, explizit um Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, selbst zu priorisieren. Es ist verhältnismäßig nachvollziehbar (nicht zu 100 %, unter anderem da zum Beispiel die genaue Definition von „Nachhaltigkeit“ umstritten ist).

Bewertet wird so ziemlich alles, von Zahnpasten über Handys bis zu Babynahrung. Unter den Ratings, die auch ohne Anmeldung zu lesen sind, ist das für Sportschuhe.

Gibt es so eine Datenbank auch in Deutschland?

Mein Smoothie spricht mit mir

Samstag, 28. Mai 2005

Geborgter Lesestoff: Aufschriften auf den innocent-Produkten.

Effekthascherei in Brighton

Freitag, 27. Mai 2005

Reiseführerbilder von Brighton gab’s ja schon letztes Jahr. Diesmal anderes.

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Elternsorgen und Urlaubsüberraschungen

Donnerstag, 26. Mai 2005

Während (aaaah, endlich wieder Umlaute!) unseres Brighton-Urlaubs überließen (aaaah, endlich wieder ß!) der Mitbewohner und ich unsere Wohnung meinen Eltern für einen ausgedehnten München-Ausflug. Bei der gestrigen Rückkehr war ich auf einige Konsequenzen gefasst, nicht aber darauf, dass die beiden unsere Küche auseinandergenommen hatten.

Nicht gewundert hätte ich mich zum Beispiel, wenn der sichtlich benutzte Backofen flecken- und spritzerfrei geglänzt hätte. Mein Vater ist nämlich ein sauberkeitsfimmliger Putzteufel (zack, wieder ein Spanier-Klischee zerschossen). Übernimmt in anderen Familien die Mutter, vor allem wenn Schwiegermutter, die Aufgabe, mit dem Finger über Möbeloberflächen zu fahren, um die Putzsorgfalt der Bewohner zu testen, ist es bei mir der Herr Papa, der versonnen hoch zur Deckenlampe schaut (welcher normale Mensch schaut da überhaupt hin?!) und fragt, ob wir jetzt unter die Insektenzüchter gegangen seien, da oben im Lampenschirm hätten wir ja bereits eine beachtliche Sammlung. Die Spülmaschine im Haus meiner Eltern wird nie benutzt: Mein Vater steht auch während Gelagen mit über zehn Gästen an der Spüle und „macht das schon mal weg“. Wenn ich ihn frage, warum er den Job nicht der dafür erworbenen Maschine überlässt (was ich schon lang nicht mehr tue, weil er dann böse wird), erklärt er, dass sich das bei so wenig Geschirr nicht lohne.

Ah, endlich Gelegenheit für die Geschichte mit der Querflöte. Im Alter von neun Jahren war ich eine der ersten Querflöten-Schülerinnen in der Städtischen Sing- und Musikschule meiner Geburtsstadt. Da dieses Angebot neu war, gab es noch keine Leihinstrumente, und so kauften meine kleinen, eisern aufs Eigenheim sparenden Arbeitereltern mir ein eigenes, teures Instrument. Es war von Yamaha und versilbert. Meine Begeisterung für das Querflötenspielen erlahmte sehr schnell (üben? wie, üben?), doch nun war das Instrument schon angeschafft, also musste ich da durch. Das Spielen der Querflöte ist mit Feuchtigkeit (Atem, Speichel) verbunden. Diese verursachte Flecken auf der versilberten Oberfläche meines Instruments, die mein Vater regelmäßig bemängelte, wenn er meine oft achtlos herumliegenden Flöte sah.
Eines Tages kam ich von der Schule, und mein Vater (hatte wohl Spätschicht) hielt mir strahlend meine ebenso strahlende Flöte entgegen. Ich erschrak und fragte, was er mit dem Instrument gemacht habe. Er bestätigte meine böse Ahnung: Der Mann hatte der Flöte ein Silberputzbad verpasst. Die Klappen einer Querflöte bewegen sich mit Hilfe zahlreicher Scharniere, Tasten und Gelenke, zudem ist jede Klappe gepolstert. Es braucht keinen Instrumentenbauer, um die Folgen eines Bades zu fürchten. Das örtliche Musikhaus beschäftigte glücklicherweise einen solchen, der die Flöte komplett auseinander nehmen musste, um die Scharniere von Flüssigkeit zu befreien, zudem alle Klappenpolster ersetzen musste (bei dieser Gelegenheit lerne ich, dass sie mit Fischhaut bespannt sind). Kostete mehrere hundert Mark. Mein zerknirschter Vater tat mir so leid, dass ich die Geschichte bis heute nur in seiner Abwesenheit erzähle, um ihn nicht an diese Schmach zu erinnern.

Je nun, dem ersten Anschein nach hatte der Münchenbesuch meiner Eltern zu keinem solchen Unfall geführt (im Gegenteil: Den Balkon hätten sie ruhig mal fegen können.). Sondern zu einem anderen. Der eiserne Handspüler Papa ignorierte natürlich auch bei uns die Spülmaschine. So stellte er fest, dass das Wasser im Spülbecken nicht besonders gut abläuft. Und schritt zur Tat.

Als wir gestern nach Hause kamen, klingelte binnen Minuten das Telefon: Meine Mutter wollte uns eiligst davor warnen, das Spülbecken zu benutzen. Mein Vater habe die abführenden Rohre zerlegt und gereinigt, sei auf brüchige Dichtungen gestoßen, habe im Internet nach Baumärkten gesucht, um Ersatz zu besorgen. Da wir in der Innenstadt wohnen, sei auch der nächst gelegene Baumarkt recht weit weg gewesen, er habe ihn aber nach einer Stunde Fußmarsch erreicht. Die dort erworbenen Dichtungen hätten leider nicht ganz gepasst, so dass mein Vater uns leider habe ein Provisorium hinterlassen müssen. Na prima.

Was tut man nach einer Reise bald? Wäsche waschen. Doch die Waschmaschine in der Küche gab nach dem Einschalten keinen Mucks von sich: die Sicherung. An diesem Stromkreis hingen auch Kühl- und Gefrierschrank; das Strawberry-Cheesecake-Eis hatte gerade die richtige Konsistenz zum Löffeln. Selbst bei ausgeschalteter Waschmaschine sprang die Sicherung immer wieder heraus. Ich verbrachte eine unruhige Nacht, immer auf das Klacken der Sicherung lauschend, weil ich sie mehrfach zurückdrücken musste. Eine genauere Untersuchung heute Morgen ergab, dass ganz hinten unter der Spüle eine Mehrfachsteckdose liegt, an der alle Küchengeräte stecken. Und in die war bei der Rohr-Aktion vermutlich Wasser geraten.

Eben hat mein Vater für heute seinen Besuch angekündigt. Er habe in einem heimischen Baumarkt die richtigen Dichtungen besorgt und werde die Küche wieder benutzbar machen. Wehe, wenn nicht!

Nachtrag: Zur Strafe musste sich mein Vater heute mit dem Auto durch die allgegenwärtigen Münchner Fronleichnams-Prozessionen kämpfen. Ich empfehle ihm ja immer, mit einem „Aus dem Weg, ich bin Jesus!“ mitten durch zu fahren, aber eigenartigerweise scheut er solche Scherze mit seinem Vornamen. Jawohl, er hatte die passenden Dichtungen dabei, beseitigte auch den Kurzschluss. Dann zwang er mich allerdings, alle Wasserhahn-Aufsätze abzuschrauben und zum Entkalken in ein Essigbad zu legen („Aber Papa, das habe ich doch erst vor drei Jahren gemacht“, war offensichtlich nicht die richtige Reaktion.)

Reisetagebuch Brighton 2005 (Montag)

Dienstag, 24. Mai 2005

Beim Fruehstueck wieder sehnsuechtig ein grossformatiges Bild an der Hotelbar betrachtet und bedauert, dass ich keinen Platz fuer Bilder habe, weil meine Waende fast komplett von Buechern bedeckt sind. Mein Reisebegleiter informierte mich, dass es „Artotheken“ gibt, in denen man sich Kunstwerke ausleihen kann. Woraufhin ich die Idee fuer ein Kunsthotel entspann, denn das brauche ich viel eher: ein Ort, an dem man Kunst ausstellen kann. Ich wuerde das Bild im Pelirocco kaufen und ins Kunsthotel bringen, wo es gegen eine Miete an eine passende Wand mit passender Beleuchtung gehaengt wuerde. Wann immer ich mein Bild anschauen wollte, koennte ich es besuchen. Dieses Kunsthotel haette auch eigene Saele fuer Skulpturen und Installationen (mit Oberlichtern). Es gaebe einen oeffentlichen Teil, den jeder besichtigen kann, auch wenn ihm das Kunstwerk nicht gehoert, und einen nichtoeffentlichen fuer die Kunstbesitzer, die sich das Privileg des Betrachtens vorbehalten. Ich stellte mir gleich die Familien dazu vor, deren Sonntagsspaziergang immer einen Besuch im Kunsthotel einschliesst: „Papa, gehen wir unsere Bilder anschauen?“

Ausflug nach London, um das Globe Theatre anzuschauen. Auf dem Weg dorthin einen wunderbaren Ausblick ueber die Themse und den blau-grau-weiss gefleckten Himmel gehabt. Im Globe an einer Fuehrung teilgenommen, zwischen zwei Proben fuer Perikles. Es ist wundervoll, dass es wieder ein Globe Theatre gibt, und ich bewundere sehr, wie es genutzt wird: verschiedene Ansaetze fuer Shakespeare-Inszenierungen (alle dokumentiert in der riesigen Ausstellung), eigens fuers Globe geschriebene Stuecke, Auffuehrungen auslaendischer Theater-Ensembles mit eigenwilligen Shakespeare-Interpretationen. Die Ausstellung deckt mit den verschiedensten Medien alle wichtigen Bereiche des Shakespeare-Theaters ab, von der Geschichte dieses Stadtviertels und die Recherchen, die fuer die Rekonstruktion des Theaters noetig waren, ueber Informationen zur elisabethanischen Auffuehrungspraxis samt Kostuemen und Musik bis zu den Problemen der Textarbeit fuer Shakespeare-Inszenierungen.

Abends extrem leckeres indisches Essen in der Londoner Brick Lane, bei dieser Gelegenheit festgestellt: Den Konstantin gibt es wirklich!

Auf der Heimfahrt im Zug das Sunday Times Style Supplement gelesen und erfahren:

Recycled 1980s pop is set to be the sound of the summer. Handbags in the middle – clubbing has rediscovered its inner Sharon.

Einfach gestrickt wie ich bin, war ich umgehend stolz, dass ich weiss, wovon die schreiben: In den 80ern (und in dem gottverlassenen walisischen Nest, in dem ich ein Jahr studierte, auch noch Anfang der 90er) tanzten junge Frauen in Diskos um ihre Handtaschen. Sie legten die kleinen 80er-Handtaeschchen mit den extrem langen Riemchen auf der Tanzflaeche auf ein Haeufchen, um davon unbelastet mit ihren Freundinnen drumherum zu tanzen. Ja mei, ich war neu dort, ich dachte halt, das macht man in Grossbritannien so.
Und „Sharon“ ist das epitomatische Essex girl, das englischer Pendant zur 80er-Witzfigur Blondine. Beispiel: „How does Sharon switch on the light in the morning? She opens the car door.“

Das Leben

Dienstag, 24. Mai 2005

The glass isn’t half empty – it’s not even what I ordered in the first place.
Catherine Tate

Reisetagebuch Brighton 2005 (Sonntag)

Montag, 23. Mai 2005

Die Downs sind die typische suedenglische Landschaft, kalkhuegelig, grasbewachsen. Bei einem Brighton-Besuch vor Jahren besorgte ich mir das Wanderbuechlein On Foot on the East Sussex Downs von Ben Perkins und wanderte die eine oder andere Strecke. Diesmal liess ich mich mit dem Reisebegleiter vom Bummelzug nach Southease bringen (halbes Stuendchen Fahrt von Brighton aus). Dort gab es schon mal eine flint church zu sehen, normannisch und mit auffaellig kreisrundem Turm, von denen in Sussex nur drei Stueck existieren. Winzig, putzig, idyllisch.

Wir schlugen uns auf die Wanderwege, bergauf und bergab, passierten einen grossen, sehr unaufgeraumten Bauernhof, entdeckten ein verrostetes Grossding und beschlossen, dass es sich um ein verfallenes Militaergeraet handelte, kreuzten mehrfach den Nullmeridian und einige Tumuli. Dazwischen immer wieder grandiose Ausblicke, unter anderem auf die erste der Seven Sisters.

Die Begegnung mit Tieren gehoert zu jeder Wanderung in den Downs. In dieser unserer Partnerschaft sind die Verantwortlichkeiten klar verteilt: Mein Mann / Mitbewohner / Reisebegleiter beschuetzt mich vor dem zahllosen laestigen Kleingetier wie Schnacken, Weberknechten, Ameisen, und ich bin fuer die grossen wilden Tiere wie Loewen und Giraffen zustaendig. Oder fuer Kuehe. Auf einer Wanderung in den Downs wandert man im Grunde von Viehgatter zu Viehgatter (immer schoen wieder hinter sich zumachen!); das bedeutet natuerlich, dass man staendig Viehweiden kreuzt – und sich dabei durchaus mal mit einer Kuh- oder Stierherde einigen muss. Ich war also fuer die Verhandlungen zustaendig, waehrend sich der Reisebegleiter im Hintergrund hielt. Ging alles reibungslos, die Kuehe standen teilweise sogar eigens auf, um uns passieren zu lassen. Ich konnte den Reisebegleiter auch von der Friedfertigkeit der zahlreichen Schafe auf anderen Weiden ueberzeugen. Ein Hase uebersah uns und hoppelte auf wenige Meter heran, bis er dann doch lieber eine andere Richtung einschlug. Voegel, viele Voegel, darunter Kraehenvoegel, die kleiner und heller waren als die, die ich aus Bayern kenne. Die Mountainbiker, die uns entgegen kamen, unterschieden sich im Gegensatz dazu kein bisschen von ihren Muenchner Pendants.

Auf der Wanderstrecke lag auch das Weingut Breaky Bottom, inmitten seiner Weinfelder. Hey, keine Witze – wenn selbst die Schweizer Wein machen duerfen! Fuer eine Besichtigung oder gar Verkostung haetten wir uns allerdings einen Termin besorgen muessen.

Auf besonderen Wunsch halte ich hiermit fest, dass der Reisebegleiter Recht hatte: Er interpretierte das „bridle gate at the right corner of the long field“ korrekt und nicht ich, wodurch er uns Irrwege, Unglueck und Frieren ersparte.

Ganz besonders erfreulich war, dass die Wettervorhersage Recht hatte und es erst zu regnen begann, als wir geschuetzt in einem Unterstand auf den Zug zurueck warteten.

Unseren Moerderhunger (frische Luft ist super, man kann sie als Entschuldigung fuer fast alle Gelueste verwenden) stillten wir in einem chinesischen Lokal, das wir schon vom Vorjahr kannten: Good Friends. Wie im gleichnamigen Berliner Gegenstueck (gleiche Familie?) essen hier fast nur Chinesen und Japaner, allerdings sind die Gerichte in Brighton nicht so ausgefallen. Lecker war’s!