Archiv für Januar 2006

Fahrwassertonnen

Dienstag, 31. Januar 2006

Aufgrund der Eissituation wurden folgende Fahrwassertonnen aus ihrer Position entfernt: 2, 3, 4, 10, 11, 13, 15, 12, 14, 126, 127, 128, 129, 130, 131, 132 und 133. Die Schifffahrt wird gebeten, die vorerst noch auf Position verbliebenen Fahrwassertonnen zu beobachten; ein Verlöschen oder Vertreiben ist der Nautischen Zentrale des Oberhafenamtes zu melden.

(Oberhafenamt Hamburg)

Meine Putzmänner

Dienstag, 31. Januar 2006

Weil bei Don D. gerade diese neue Ära anbricht.

Ich hab’s gern sauber, und ich hasse Putzen. Zu meinen großen Lebensträumen gehörte daher die Vision, dereinst eine Putzfrau zu haben (einer der Träume von der Größenordnung, mit der QE2 nach Amerika zu fahren oder eine Netzkarte der Bahn zu besitzen – also völlig unrealistisch). Sehr wahrscheinlich würde ich bis heute die Samstage damit verbringen, mehr oder weniger einträchtig mit dem Mitbewohner die Wohnung zu reinigen, wenn unsere Münchner Vormieter seinerzeit nicht gefragt hätten, ob wir neben der Einbauküche auch ihre beiden polnischen Putzmänner übernehmen wollten: Jaschek und Matschek.* „Äh“, machten wir, „warum eigentlich nicht.“ Seither kommt jede Woche einer der beiden zu uns und macht vier Stunden lang sauber. Legal und versichert, darauf bin ich besonders stolz.

Und es ist einfach ein Traum: Immer eine saubere Wohnung! Bleibt ja auch so noch genug Hausarbeit: Wäsche waschen, bügeln (da sind die beiden mir zu langsam und damit zu teuer), einkaufen etc. Aber nie lastet das schlechte Gefühl auf mir, dass ich ja noch putzen muss. So schön! Dass das Putzergebnis manchmal nicht zu 100 Prozent den überaus strengen Vorgaben meiner Mutter entspricht, ist da nebensächlich.

Klar räumen wir am Vorabend des Putzinger-Besuchs auf: Zum einen sollen alle zu putzenden Flächen putzbar sein, zum anderen halte ich es einfach für höflich. Normalerweise bin ich ohnehin in der Arbeit, wenn Jaschek oder Matschek bei uns putzen. Habe ich einen freien Tag oder Urlaub, versuche ich außer Haus zu sein. Sonst hätte ich das Gefühl, im Weg zu stehen oder gar als Kontrolletti die Arbeit zu behindern.

Das Beschäftigen von Putzmännern hat mir zudem ungeahnt tiefe Einblicke in das zeitgenössische Angebot von Reinigungsmitteln eröffnet. Während ich seinerzeit lediglich Spülmittel, Scheuermilch und Putzessig benutzte (alles andere hatte meine Mutter zu Abzocke und Geschäftemacherei der Hersteller erklärt), legen unsere Putzingers zusätzlich Wert auf Glasreiniger, Sanitärreiniger, Möbelpolitur, Parkettpflegemittel, Terrakottafliesenpflegemittel, Cerankochfeld-Milch, Kloreiniger, Klo-Reinigertabs. Keine Diskussion. Hey, die sind die Experten.

Immer noch komisch fühlt sich für mich generell die Tatsache an, dass ich „andere meine Drecksarbeit machen“ lasse, wie es das sozialistische Teufelchen auf meiner linken Schulter nennt. Das liberale Engelchen auf der rechten Schulter hingegen weist darauf hin, dass sowohl Mitbewohner als auch ich bequemes Geld verdienen und geradezu verpflichtet sind, anderen, weniger gut Ausgebildeten oder Begünstigten davon Arbeit und Einkommen zu geben. Aber vielleicht ist das auf der linken Schulter ja gar kein Teufelchen, sondern ein christlich-sozial geprägtes Engelchen, das andere aber in Wirklichkeit ein feudal-reaktionäres Teufelchen?

*Ich weiß nicht mal, wie das auf Polnisch geschrieben wird (anybody?). Dass Mitbewohner und ich sie von Anfang an unter uns nur „Lolek und Bolek“ nannten, manchmal auch „Womek und Gromek“, ist klar, oder?

Depends on who you ask

Montag, 30. Januar 2006

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Männer (genau, „die Männer”) witzige Frauen unattraktiv finden:

Hundreds of men and women in their twenties were questioned. Asked if they found a sense of humour to be attractive in women, most men said yes. But when they were asked if they would want to be with a woman who cracked jokes herself, the answer was a resounding no.

Berichtet der Independent.
Die Erklärung:

„Men see being funny as a male thing,“ explained Dr Rod Martin, who led the project. (…) Dr Martin said the findings suggested that men see themselves as the ones who should be delivering the lines and feel threatened by humorous women.

Das mag, wie so vieles, für „die Männer” gelten. Aber nicht für die, die eine dauerhafte Partnerschaft überhaupt wert sind. Denn wir schlauen, scharfzüngigen Frauen finden kaum etwas so sexy an Männern als wenn sie unsere wirklich witzigen Bemerkungen sofort kapieren und dann auch noch herzhaft darüber lachen. Oder?

Wer den Rest haben will, darf dem Rat der Feministinnen von Salon folgen: „Just keep your mouth shut and laugh at whatever he says.”

Via Broadsheet

Schlittschuhlaufen auf dem See

Sonntag, 29. Januar 2006

Da, wo ich herkomme, trägt der größte Baggersee den schönen Namen „Baggersee“. Schon beim letztjährigen Schlittschuhlaufen auf der kleinen Eisbahn am Stachus dachte ich wehmütig an all die Winterstunden, die ich eislaufend darauf verbracht habe.

Vor ein paar Tagen fiel mir eine einfache Rechnung ein: Wochenlang Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, kein nennenswerter Schneefall, mindestens zwei Tage Tauwetter, danach wieder niederschlagsfreie Eiseskälte – sollte in Summe fantastisches Eis auf dem Baggersee ergeben. Also fuhr ich heute nach wo ich herkomme, Schlittschuhe über der Schulter. Und ich hatte ja sowas von richtig gerechnet! Überall gutes, an manchen Stellen sogar perfekt spiegelglattes Eis, noch kaum zerfahren. Zudem war dort traumhaftes Winterwetter, gerade kalt genug, dass das Eis nicht antaute, aber warm genug, dass die Füße in den Schlittschuhen nicht innerhalb weniger Minuten selbst zu Eis wurden.

Meine Eltern spielten in Ufernähe mit Freunden Eistockschießen, ich lief ausgiebig seeauf und seeab: Den vielen improvisierten Eishockeyfeldern und Eistockbahnen ausweichen, herzhaft über schlidderne Hunde lachen, entgegenkommende Schlittschuhläufer mit meiner Bommelmütze zum Lachen bringen.

Ich begegnete einer Sandkastenfreundin, die mich nicht erkannt hätte, wenn ihre Mutter nicht auf mich hingewiesen hätte. Sie freute sich über das Wiedersehen, zumal sie heute ohnehin ständig an mich habe denken müssen: Ich sei doch seinerzeit als Kind bei einem gemeinsamen Schlittschuhlaufen auf eben diesem Baggersee fast eingebrochen, weil ich zu nah an den zulaufenden Bach geraten sei. (Ich habe keine Ahnung, wovon sie sprach, allerdings war sie als Kind schon immer besonders ängstlich, ich hingegen … eher das Gegenteil.)

Wenn ich meine Knochen und meine Muskeln richtig verstehe, waren drei Stunden kräftiges Schlittschuhlaufen für meinen semitrainierten Organismus ein wenig übertrieben, aber das kläre ich morgen mit dem Muskelkater.

Schier unendliche Weiten in die eine Richtung (der Holzzaun dient im Sommer zum Abgrenzen des Nichtschwimmerbereiches, im Winter setzt man sich zum Anziehen der Schlittschuhe drauf).
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Die Pein der Jugend

Samstag, 28. Januar 2006

Don D. hat angefangen, woraufhin auch in anderen Blogs einige Giftschränke aufgingen, aus denen peinliche Jugendfotos purzelten. Klasse, dachte ich, diese Art Selbstentblößung mache ich gerne mit. Der Haken: Bei meiner Fotorecherche stellte ich fest, dass ich im schlimmen Pupsitätsalter entweder tatsächlich hübsch oder einfach nur fotogen war – es gibt keine peinlichen Bilder, da mag ich mich damals noch so fett und hässlich gefühlt haben.

Meine richtig hässliche Phase hatte ich präpubertär, siehe Beweisfoto. Dann bekam ich eine Zahnspange, der Rest wuchs sich raus.

Immer schön auf Distanz

Freitag, 27. Januar 2006

Gastarbeiterkind Alexandros Stefanidis erklärt im SZ-Magazin an seinem subjektiven Beispiel, warum ein Einwanderer zweiter Generation in Deutschland lieber griechischer Staatsbürger bleibt: „Griechisches Nein.“

Das wollen wir gerne lesen, wir SZ-Magazin-Leser und damit deutsche Bildungsbürger: Kaum etwas ist uns so identitätsstiftend wie Deutschland-Bashing (was allein schon nationalistisch ist, weil wir erst mal die ungeheure Vielfalt Deutschland verallgemeinernd plattmachen müssen, um eine Einheit zu erhalten, auf der wir undifferenziert herumhacken können). Zumal Stefanidis sich beim Schwärmen über die griechische Kultur ungemein deutsch liest: Genau diese Ursprünglichkeit, Spontaneität und das familiäre Gemeinschaftsleben sind es, was Deutsche scharenweise nach Griechenland zieht, ob im Urlaub oder für immer. Dazu Stefanidis’ Gefühl, in Deutschland fremd zu sein: Auch das eint die deutsche Intelligenzija.

Dann nehmen wir doch mal zum Vergleich ein weiteres subjektives Beispiel für Einwanderer zweiter Generation: das Gastarbeiterkind Kaltmamsell, Deutsche mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Meine Ausgangssituation unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der des Alexandros Stefanidis. Das beginnt mit dem oft entscheidenden Umstand, dass ich überhaupt nicht undeutsch aussehe und setzt sich mit meinem Elternhaus fort, das aus einem spanischen Einwanderer erster Generation und einer polnischstämmigen Fremdarbeitertochter besteht.

Meine Familie in Spanien ist mir ziemlich fremd, ich kann mit diesen Leuten nichts anfangen. Die einzelnen Zweige dort untereinander übrigens ebenso wenig. Mit der polnischen Seite hatte ich nie zu tun, meine polnische Oma hat effizient gemauert. Mein Heranwachsen in Deutschland war zwar von spanischer Kultur beeinflusst, aber nicht sehr. Der engste Freundeskreis meiner Eltern bestand in meiner Kindheit aus drei parallel konstellierten Paaren: Er Spanier, sie Deutsche. Die ganzspanischen Gastarbeiterfamilien der Stadt waren fast alle in den frühen 70ern zurück nach Spanien gegangen.

Spanischer Nationalismus fällt mir übrigens bis heute als ungeheuer rigoros auf: Spanier tendieren dazu, mich allein anhand meines spanischen Namens und meines spanischen Vaters als eine der ihren einzunehmen. Ich kann noch so protestieren, auf mein Aufwachsen in Deutschland hinweisen, auf mein mangelhaftes Spanisch, meine Staatsbürgerschaft, auf die Tatsache, dass ich in den vergangenen zehn Jahren zusammengenommen gerade mal sechs Wochen auf spanischem Boden verbracht habe – der handelsübliche Spanier sieht mich als Landsmännin, will meine spanische Heimatstadt erfahren („tu pueblo“), spanische Tagespolitik wenn nicht gar die Fußball-Liga mit mir diskutieren. Regelmäßig nehme ich mir vor, ganz brutal darauf hinzuweisen, wie egal mir Spanien ist, bringe es dann aber doch nicht übers Herz.

Meine Interessen sind nicht durch meine Rasse und mein Blut geprägt. Genauso wenig, wie mich während meines Studiums der Literaturwissenschaft Woman Studies anzogen, bloß weil ich eine Frau bin, fesselten mich spanische oder polnische Themen. Statt dessen faszinierte mich immer mehr und bis heute Großbritannien, seine Geschichte und Kultur, englischsprachige Literatur der ganzen Welt.* Na und?

Entscheidend für mein Identitätsbewusstsein war das einjährige Studium in Wales. „I come from Germany“, stellte ich mich zunächst vor, und ging mit dieser Formulierung trotz meiner deutschen Staatsbürgerschaft (meine Familie ließ sich aus praktischen Überlegungen eindeutschen, als ich elf war) auf Distanz zu meinem Geburtsland. Die höflichen Briten ließen das durchgehen, doch meine engeren englischen Freundinnen mussten mir nicht lang zusehen, bis sie entschieden: „You are German, full stop.“ Und Recht hatten sie, das wurde mir schnell klar.

Im Gegensatz zu Alexandros Stefanidis drehe ich seither den Spieß um: Ich bin Deutsche, ich gehöre dazu – und wagt es ja nicht, mich von irgend einer Seite des Deutschtums auszuschließen! Ich bin der Beweis, dass Deutsche ausländische Namen haben können und eine multinationale Herkunft. Und ich kann ungemütlich werden, wenn ich in Diskussionen über die schwärzeste deutsche Vergangenheit als Nicht-Betroffene behandelt werde.

Mein Verdacht: Herr Stefanidis verwechselt seine griechische Familie mit Griechenland. Es freut mich ja sehr für ihn, dass er sich unter diesen Leute so wohl und daheim fühlt – plädiere aber dafür, dass er bitteschön nur für sich, und nicht gleich für eine Bevölkerungsgruppe in Deutschland spricht.

*Weswegen mir sehr gefiel, den Büchern Sujata Masseys zu begegnen: Geboren 1964 im englischen Sussex als Tochter eines Inders und einer Deutschen, wuchs Sujata Massey im amerikanischen Philadelphia/USA auf. Doch welcher Kultur gilt ihre Faszination? Der japanischen. Die Hauptfigur ihrer Krimiserie, die ich sehr schätze, ist eine japanisch-amerikanische Antiquitätenhändlerin in Tokio.

Wieder bloß Tagebuchiges

Donnerstag, 26. Januar 2006

Vorgestern Abend dann doch nicht mehr in die Muckibude gegangen, weil über eine Stunde auf dem Bahnhof der Arbeitsstadt festgesteckt: Streckensperrung wegen „Personen auf den Schienen“. Zynische Ränke geschmiedet, ob die Bahn nicht einen Suizid-Service anbieten sollte: „Bevor Sie sich selbstmörderisch auf unsere Schienen legen, melden Sie sich bei uns unter Tel. 030/XXXXX. Wir erschießen Sie diskret, schnell und zuverlässig.“ Damit wäre doch allen Beteiligten geholfen.

Gestern morgen zwischen den auditiven Belästigungen einer Musikhörerin zwei Sitzreihen weiter und des Teegeschlürfes der Businesslady mir gegenüber jeglicher Konzentration auf mein Buch verlustig gegangen. Mich in Gedanken von der Gegenüberfrau mit „Wiedersehen, Frau Schlürf“ verabschiedet, schließlich doch nur gelächelt.

Untertags ein Sie verloren. Doch wer will es sich schon mit dem Kantinenchef verscherzen, der mir unvermutet über seine Kantinenkasse hinweg die riesige Hand entgegenstreckte: „I bin dr Hans.“

In der Muckibude zum wiederholten Mal ein Probetraining beobachtet, bei dem der Probekunde die gebuchte Aufmerksamkeit des Trainers nutzte, alle Details seiner körperlichen Funktionen im Alltag zu erörtern, auch aus historischer Perspektive: „Früher habe ich morgens beim Aufstehen eher so den Sehnenansatz am linken äußeren Fußgelenk gespürt, jetzt merke ich das eher innen am Gelenk.“

Gestern Abend aufgrund dieser Erinnerung den Mitbewohner zum Öffnen eines Konserven-Haggis gezwungen. Er hatte nach meiner Anregung zu einem Miniatur-Burns-Supper zudem eigens Petersilienwurzeln und Chivas Regal (kann ich bis heute nicht aussprechen) besorgt. Doch zu meiner Beschämung fand ich den Dosen-Haggis greulich. Aß statt dessen Gurkensalat zu Abend.