Archiv für Januar 2006

Oma-Beerdigung – 1: Alles über Italien

Samstag, 21. Januar 2006

Meine nach Italien ausgewanderte Tante Barbara pflegt bei ihren Heimatbesuchen in Deutschland immer Vorträge über die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Italiens zu halten (erinnert mich dabei sehr an die Vorträge, die mein spanischer Vater bei seinen Heimatbesuchen gerne der staunenden Verwandtschaft über Deutschland im Allgemeinen und im Besonderen hielt). Die Tante hat minimale Schulbildung, lebt seit fast 40 Jahren in einem gottverlassenen Kaff südlich von Rom und hat den geistigen Horizont vom Durchmesser einer Espressotasse. In dieser Dummheit sowie in ihrer konstanten wehleidigen Opferhaltung ist sie ganz die Tochter meiner Oma.

Die visuelle Seite: Wenn Tante Barbara auf der Bildfläche erscheint, macht mein böses Hirn immer THAR SHE BLOWS!. Auf dem Walkörper steckt ein Pfannkuchengesicht mit Aknenarben Prochnow’schen Ausmaßes, darüber derzeit gelbblond gefärbtes und auftoupiertes Kurzhaar (die Frau hat Frisöse gelernt).
Wenigstens hat sie von ihrer Mutter nicht die verhasste Angewohnheit geerbt, ihre jüngere Verwandtschaft ständig anzutätscheln.

Diesmal habe ich erfahren, dass es „in Italien“ immer üblicher werde, Gäste bei Essenseinladungen auf Papptellern und mit Plastikbechern zu bewirten. Das sei so schön praktisch und spare den Abwasch. Weshalb sie, meine Tante, bei ihren Einladungen immer sehr bewundert werde, sie decke den Tisch nämlich weiterhin ganz altmodisch deutsch mit Geschirr.

Familienalbum -14: Oma

Samstag, 21. Januar 2006

Kazimiera, 29.8.1921 – 16.1.2006, hier 1970 mit ihrer ersten “Engelin”

„I stirb i eh bald.“ Seit ich mich erinnern kann, erwähnte meine polnische Oma bei jeder passenden Gelegenheit (die sie notfalls selbst schuf), dass sie nicht mehr lang zu leben haben würde. Sie war, bei allem ungesunden Lebenswandel (u.a. massives Übergewicht, null Bewegung), ein sehr zäher und gesunder Mensch, der halt mangels irgend welcher anderer Interessen seine Wehwehchen in das Zentrum seines Bewusstseins und Denkens stellte.
Irgendwie muss ich daraus abgeleitet haben, dass sie in Wirklichkeit niemals nicht sterben würde. Denn ich war völlig überrascht, dass sie das dann doch tat, gestern haben wir sie in meiner oberbayrischen Geburtsstadt beerdigt. Im Alter von 84 Jahren war sie nachts in ihrer Wohnung, vermutlich auf dem Weg aufs Klo, einfach tot umgekippt. Meine Eltern fanden sie wenige Stunden später bei ihrem fast täglichen Besuch.

Ich werde sicher noch ausführlicher über das Leben dieser Kazimiera aus dem südpolnischen Klimontov schreiben (hier hatte ich bereits kurz von ihrer Verschleppung erzählt). Meine Mutter fand in ihren Schubladen einen Stapel alter Fotos, von denen sie die wenigsten einordenen konnte (fragen geht ja nun nicht mehr). Ich habe sie rasch eingescannt, auch beschriebene Rückseiten.

Im Lauf des gestrigen Tages wurde mir klar, dass es neben ihrem unvergleichlich schrägen Deutsch vor allem drei Gerüche sind, die mich wohl auf ewig an meine Oma erinnern werden: Ölheizung (“te Ähluffe”), Armani-Parfum (entdeckte meine Oma, gleich nachdem es auf den Markt kam und verwendete es reichlich; bis heute verdutzt es mich, wenn junge Frauen ein für meine Nase mit “Oma” belegtes Parfum verwenden), Eukalyptusbonbons, die sie schon ausdünstete, wenn sie mich vor 35 Jahren vom Kindergarten abholte.
Meine Mutter erzählt, dass sie in Omas Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, noch über ein Kilo dieser Eukalyptusbonbons fand.

Bescheuerte Eitelkeiten

Donnerstag, 19. Januar 2006

Sich der Irrelevanz von Blogs insgesamt und des eigenen im Besonderen bewusst sein. Sich trotzdem über die Tatsache kränken, dass derzeit ein Text durch die Online-Medien geht, auf den man selbst schon viiiiiiel früher hingewiesen hatte. Sich um ein Lob gebracht fühlen.

Verbesserungsvorschlag: Outsourcing für Lehrer

Dienstag, 17. Januar 2006

Selbst Lehrer, denen ihr Job riesig Freude bereitet (und das sind erheblich mehr als Nichtlehrer vermuten), hassen einen Teil ihrer Aufgaben ganz besonders: das Korrigieren und Benoten. Es kostet viel Zeit, strengt an und beansprucht gleichzeitig keine Kernkompetenz des Lehrertums.

So lebt an meiner Seite ein derzeit besonders geplagter Lehrer, der einen Heidenspaß daran hat, Lernweisen zu planen, Unterricht vorzubereiten, Material zu recherchieren, Schüler gezielt zu fördern, Projekte aufzusetzen und durchzuziehen, mit Kollegen klassen- und fächerübergreifend zu arbeiten, zu unterrichten und zu lehren. Und ich beobachte, wie er die meisten seiner vielen Arbeitsstunden damit verbringt, das zu tun, was ihm am wenigsten Freude bereitet: korrigieren und benoten.

Jetzt bin ja ich eine von diesen bösen Karrierefrauen in der bösen freien Wirtschaft, und damit darauf gepolt, solutions für pain factors zu finden, gell.
Mein Vorschlag: Subunternehmer einsetzen, das Korrigieren outsourcen. Fürs Korrigieren von Englischschulaufgaben reichen sehr gutes Englisch und ein Lehramts-Grundstudium, das können Studenten und Studentinnen auch. Das Korrigieren von Deutscharbeiten braucht zwar ein genaueres briefing: Welcher Stoff, welche Techniken wurden abgefragt, welche Übungsaufsätze hat die Klasse vorher geschrieben, welcher Schüler hat eine zertifizierte Rechtschreibschwäche. Aber dann kann auch das ein Lehramtsstudent gegen Ende seines Studiums übernehmen. Qualitätskontrolle, Notenschlüssel und die Benotung macht dann wieder der hauptamtliche Lehrer, hat sich aber sicher insgesamt 70 Prozent des Korrigieraufwands gespart. Früher hätte ich als Subunternehmer neben Studenten arbeitslose Lehrer vorgeschlagen, aber die gibt’s ja nicht mehr.

Erste to dos: Aushang ans Schwarze Brett der universitären Didaktik-Lehrstühle, Pauschallohn für einen Klassensatz Arbeiten vereinbaren (ich schlage vor 50 bis 100 Euro, je nach Jahrgangsstufe und Schülerzahl). Und schon hat der Lehrer wieder Energien frei, sich ums Lehren zu kümmern.

Vielleicht könnten die Lehrer und Lehrerinnen das sogar von der Steuer absetzen.

Widerruf: Rosenquarz gegen Computerstrahlen

Montag, 16. Januar 2006

Ich nehme alles zurück, was ich hier behauptet habe: Die Wirkung von Rosenquarz gegen Computerstrahlen ist nun endgültig bewiesen.

Tagebuchnotizen Spießerwochenende

Montag, 16. Januar 2006

Samstagvormittag in Migränefolter (wieder eine Rotweinsorte, die ich von meiner Genussliste streichen muss) und damit im Bett verbracht. Nachmittags langsames zu Bewusstsein Kommen, ausführliches Vollbad, dann erste Mahlzeit des Tages. Abends Iphigenie in den Kammerspielen. Man hatte mich mit Hinweisen auf die Entsetzlichkeit der Inszenierung, auf reihenweise Verrisse, auf die Besetzung der Titelrolle mit einem Mann, auf die Möglichkeit, in der Pause zu gehen, vorbereitet; beinahe war ich trotzig entschlossen, die Inszenierung erst recht zu mögen. Ich musste gar nicht trotzen: Ich war gefesselt (dass ich Goethens Iphigenie noch nie gesehen hatte, erhielt die Spannung). Die Details, die völlig an mir vorbei gingen (u.a. mehrfacher Kleidungswechsel des Iphigenien-Darstellers), blendete ich einfach aus.* Auf den Heimweg fragte ich mich zum wiederholten Mal, warum ich, die in Kindheit und Jugend fast jeden Monat im Theater war (Mutter hatte Platzmiete), und das sehr gerne, das so völlig aufgegeben habe.

Sonntagvormittag langes Laufen an der Isar, dabei trotz verschärfter Minusgrade so vielen anderen Joggern begegnet, dass ich mich gar nicht mehr heldisch fühlte. Nachmittags mit einer Freundin im sonnig klirrenden Englischen Garten spaziert. Insgesamt über drei Stunden frische Luft – die befürchtete Schockreaktion meines Körpers blieb glücklicherweise aus. Abends viel essen und lesen (A.L. Kennedy, Everything you Need, von dem ich ganz begeistert bin, und einfach nicht draufkomme, warum).

*Nicht mal „Arkasse hatten wir schon bessere“…

Heitere Lektüre zum Sonntagsfrühstück

Sonntag, 15. Januar 2006

Ein Amerikaner lernt den Einsatz von Fahrradklingeln in Deutschland.
(Ich hingegen versuche es bei echter Behinderung durch einen Fußgänger erst mal mit höflichem Hüsteln. Allerdings meine ich das durchaus boshaft.)