Archiv für Februar 2006

Vom Markt übersehen

Dienstag, 28. Februar 2006

Als Delikatesse noch nicht von der Nahrungsmittelindustrie erfasst: das besonders süße Nabelfleisch von Orangen. Wie wäre es mit: Nabelsaft (in 100-ml-Fläschchen), andalusischer Nabelmarmelade, kandiertem Orangennabel?

Familienalbum -16: Kinderfasching

Dienstag, 28. Februar 2006

Kinderfasching bei Kaltmamsells, vermutlich 1974. Ich hatte endlich durchgesetzt, als Prinzessin zu gehen, und wurde Froschkönigin (ganz links). Von den abgebildeten Gästen erinnere ich mich noch an Peter (dritter von links und Sohn meiner Taufpatin) und an Stefan, der als Indianerhäuptling neben ihm sitzt. Die Streifentapete war mir bereits einen eigenen Eintrag wert.

Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück

Montag, 27. Februar 2006

Gernstl schaun macht glücklich. Das lernte ich vor Jahren, als ich die Reihe Gernstl unterwegs im bayerischen Fernsehen entdeckte. Viel mehr als im Titel passiert auch nicht: Franz X. Gernstl, ein sympathischer Bayer, fährt mit zwei Freunden, die Kamera und Mikrofon halten, in einem VW-Bus durch die Gegend und unterhält sich mit Menschen, die ihnen begegnen. Wobei er selbst eigentlich kaum mehr sagt als „hm“, „a so“, oder grad noch „war des scho immer so?“ – und damit die Leute zum Reden bringt oder am Reden hält. Ich kann mir eigentlich kein dokumentarisches Sendungsformat denken, dass weiter weg von Fernseh-Talkshows ist und eigentlich dasselbe Ziel hat.

Ausschnitte aus 20 Jahren Gernstl unterwegs gibt es jetzt als Kinofilm Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück.

Selbst über die Jahre hatte ich nur einen winzigen Ausschnitt des Materials gesehen, das Gernstl mit „dem Fischer“ („der heißt so, auch mit Vornamen“) und „dem Stefan“ sendete. So kannte ich nur eine einzige der Szenen, die den wunderbaren Film ausmachen: In einem Special über den Chiemsee waren die drei Filmer eigentlich schon am Einpacken und fingen grade noch ein bisschen dezemberlichen Sonnenuntergang ein (das Erstellen des Materials ist immer Teil der Aufnahmen), als sie von einem älteren Mann auf einer Parkbank angesprochen wurden. Und der erzählte, dass er in der nahe gelegenen psychiatrischen Anstalt wohne, dass er seinerzeit in München studiert habe („Dr. phil.!“) und dass demnächst die Nikolausfeier anstünde (“Ich bitt’ Sie, das ist doch für Kinder.”). Klingt banal und langweilig? Weit gefehlt. Gernstl zeigt Deutschland (und deutschsprachige Anreiner) in einer liebevollen Autentizität, die zwar die lustigen Seiten betont (u.a. Passanten, die ihm in seine Moderationen reinquatschen), sich aber nicht lustig macht (auch nicht, wenn er eine Gruppe Landfrauen beim Damenturnen aufnimmt – durch eine völlig starre Kamera gewinnen die quer durchs Bild hopsenden Frauen aller Formate sogar Poesie).

Vor allem das frühe Material aus den 80ern (der Film ist chronologisch aufgebaut) war für mich überraschend. Gleich eine der ersten Szenen (Gernstl noch mit dunklem Haar und mächtigem Schnauzer) trifft auf einen Schweigekünstler: einen alten Bauern am Rand einer brennenden Wiese. Und der schaut einfach bloß böse. Keine Bitte von Gernstl („Jetzt sagn’S halt was.“… „Warum sagn’S denn nix?“) bringt ihn zum Reden. Minutenlang in Großaufnahme.

Glück gefunden hatte ich bereits beim Gang ins Kino: Meine Begleitung und ich bekamen die letzten beiden Plätze im komplett ausverkauften Eldorado.

Eigentlich möchte ich den Film von Herzen empfehlen, doch er läuft nur in ganz wenigen bayerischen Kinos. Vielleicht stupsen die Nichtbayern mal die Programmkinobesitzer ihres Vertrauens an?

Offizielle Website

Umfassende Beschreibung

Interview mit Gernstl

Stilbildende Filme

Samstag, 25. Februar 2006

Brokeback Mountain ist in Deutschland noch nicht mal angelaufen, da wandern durch das Münchner Glockenbachviertel bereits Rancharbeiter mit kariertem Flanellhemd unter der Jeansjacke und Cowboyhut aufm Kopf. (Und erzählt mir nicht, das hätte mit Fasching zu tun.)

Deppenapostroph: 3 in 1

Samstag, 25. Februar 2006

Sakratie: Drei Fehler in einem einzigen Zeichen, das muss man erst mal schaffen. In diesem Fall
- ist der Strich nach „nimm“ ein accent grave (`) und kein Apostroph (‘),
- fehlt vor „mich“ ein Wortabstand,
- lautet der Imperativ von nehmen, einem starken Verb, „nimm“ und in keinem Fall „nimme“ – oder was auch immer der Hilfsgrafiker sich zusammengereimt hat.
(Yorma’s ist ein Deggendorfer Unternehmen und stellt die Gastronomie in vielen Bahnhöfen. Aufmerksam wurde ich auf die Fehlerballung, als der deutschlehrende Mitbewohner schreckensstarr auf die Leuchttafel über der Verkaufstheke blickte: Dort stand der gleiche Schriftzug.)

Es lebe die Oberfläche

Freitag, 24. Februar 2006

Dann soll er halt weiter behaupten, die Evolutionstheorie sei längst widerlegt: Der Haarschnitt, den mir gestern mein wünschelrutengläubiger Friseur schnitt, hat mir einen Strom von Komplimenten eingebracht (u.a. „Haben Sie sich verändert? Sie schauen heute so frisch aus.“ / „Oh, heute besonders schick!“ / „Hey, hey!“). Und eben auf dem Bürokorridor auch noch ein erfreuter Doubletake eines ausgesprochen attraktiven Kollegen.
Dafür verzichte ich doch gerne aufs Rechtbekommen.

Jetzt auch auf der Vorspeisenplatte: der Deppenpony

Donnerstag, 23. Februar 2006

Mein Friseur versteht mich: Als ich ihn vor vielen Jahren bat, mir einen Pagenkopf zu schneiden, “eine Mischung aus 80er-Bob und Louise Brooks”, tat er genau das. Heute schlug ich vor: “Wie wär`s mal mit einem Deppenpony? Darf ruhig doof aussehen oder lustig – bloß nicht hässlich.” Und wieder bin ich mit dem Ergebnis hochzufrieden (noch kürzer ging laut Friseur wegen zahlreicher stirnnaher Wirbel nicht).

Allerdings mussten wir während des Schneidens heftig streiten, als sich herausstellte, dass mein Friseur, der beste aller möglichen, religiöse Schöpfungsmythen für ebenso valide hält wie die Evolutionstheorie. Dass er erzählte, wie er mal mit einer Wünschelrute Wasser gefunden hat, goss zusätzliches Öl ins Feuer der Diskussion (ich hätte jetzt lieber ein Bild mit dem Gegenteil von geglätteten Wogen verwendet, um im nassen Element zu bleiben, aber mir fiel keines ein).

Im EC nach Hause dann aber in ein nettes Gespräch unter Bahnfreundinnen verschiedenen Alters geraten (in Sechser-Abteilen von ECs ist nach meiner Erfahrung die Kontaktfreude der Passagiere am größten von allen Zugarten). Endlich konnte ich mal meinen Traum anbringen, die Salonwagen wieder einzuführen: Private und selbstverständlich luxuriöse Eisenbahnwagons, die an reguläre Züge einfach angehängt werden. Wär das nix?