
Gernstl schaun macht glücklich. Das lernte ich vor Jahren, als ich die Reihe Gernstl unterwegs im bayerischen Fernsehen entdeckte. Viel mehr als im Titel passiert auch nicht: Franz X. Gernstl, ein sympathischer Bayer, fährt mit zwei Freunden, die Kamera und Mikrofon halten, in einem VW-Bus durch die Gegend und unterhält sich mit Menschen, die ihnen begegnen. Wobei er selbst eigentlich kaum mehr sagt als „hm“, „a so“, oder grad noch „war des scho immer so?“ – und damit die Leute zum Reden bringt oder am Reden hält. Ich kann mir eigentlich kein dokumentarisches Sendungsformat denken, dass weiter weg von Fernseh-Talkshows ist und eigentlich dasselbe Ziel hat.
Ausschnitte aus 20 Jahren Gernstl unterwegs gibt es jetzt als Kinofilm Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück.
Selbst über die Jahre hatte ich nur einen winzigen Ausschnitt des Materials gesehen, das Gernstl mit „dem Fischer“ („der heißt so, auch mit Vornamen“) und „dem Stefan“ sendete. So kannte ich nur eine einzige der Szenen, die den wunderbaren Film ausmachen: In einem Special über den Chiemsee waren die drei Filmer eigentlich schon am Einpacken und fingen grade noch ein bisschen dezemberlichen Sonnenuntergang ein (das Erstellen des Materials ist immer Teil der Aufnahmen), als sie von einem älteren Mann auf einer Parkbank angesprochen wurden. Und der erzählte, dass er in der nahe gelegenen psychiatrischen Anstalt wohne, dass er seinerzeit in München studiert habe („Dr. phil.!“) und dass demnächst die Nikolausfeier anstünde (“Ich bitt’ Sie, das ist doch für Kinder.”). Klingt banal und langweilig? Weit gefehlt. Gernstl zeigt Deutschland (und deutschsprachige Anreiner) in einer liebevollen Autentizität, die zwar die lustigen Seiten betont (u.a. Passanten, die ihm in seine Moderationen reinquatschen), sich aber nicht lustig macht (auch nicht, wenn er eine Gruppe Landfrauen beim Damenturnen aufnimmt – durch eine völlig starre Kamera gewinnen die quer durchs Bild hopsenden Frauen aller Formate sogar Poesie).
Vor allem das frühe Material aus den 80ern (der Film ist chronologisch aufgebaut) war für mich überraschend. Gleich eine der ersten Szenen (Gernstl noch mit dunklem Haar und mächtigem Schnauzer) trifft auf einen Schweigekünstler: einen alten Bauern am Rand einer brennenden Wiese. Und der schaut einfach bloß böse. Keine Bitte von Gernstl („Jetzt sagn’S halt was.“… „Warum sagn’S denn nix?“) bringt ihn zum Reden. Minutenlang in Großaufnahme.
Glück gefunden hatte ich bereits beim Gang ins Kino: Meine Begleitung und ich bekamen die letzten beiden Plätze im komplett ausverkauften Eldorado.
Eigentlich möchte ich den Film von Herzen empfehlen, doch er läuft nur in ganz wenigen bayerischen Kinos. Vielleicht stupsen die Nichtbayern mal die Programmkinobesitzer ihres Vertrauens an?
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Umfassende Beschreibung
Interview mit Gernstl