Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück

Montag, 27. Februar 2006 um 8:43

Gernstl schaun macht glücklich. Das lernte ich vor Jahren, als ich die Reihe Gernstl unterwegs im bayerischen Fernsehen entdeckte. Viel mehr als im Titel passiert auch nicht: Franz X. Gernstl, ein sympathischer Bayer, fährt mit zwei Freunden, die Kamera und Mikrofon halten, in einem VW-Bus durch die Gegend und unterhält sich mit Menschen, die ihnen begegnen. Wobei er selbst eigentlich kaum mehr sagt als „hm“, „a so“, oder grad noch „war des scho immer so?“ – und damit die Leute zum Reden bringt oder am Reden hält. Ich kann mir eigentlich kein dokumentarisches Sendungsformat denken, dass weiter weg von Fernseh-Talkshows ist und eigentlich dasselbe Ziel hat.

Ausschnitte aus 20 Jahren Gernstl unterwegs gibt es jetzt als Kinofilm Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück.

Selbst über die Jahre hatte ich nur einen winzigen Ausschnitt des Materials gesehen, das Gernstl mit „dem Fischer“ („der heißt so, auch mit Vornamen“) und „dem Stefan“ sendete. So kannte ich nur eine einzige der Szenen, die den wunderbaren Film ausmachen: In einem Special über den Chiemsee waren die drei Filmer eigentlich schon am Einpacken und fingen grade noch ein bisschen dezemberlichen Sonnenuntergang ein (das Erstellen des Materials ist immer Teil der Aufnahmen), als sie von einem älteren Mann auf einer Parkbank angesprochen wurden. Und der erzählte, dass er in der nahe gelegenen psychiatrischen Anstalt wohne, dass er seinerzeit in München studiert habe („Dr. phil.!“) und dass demnächst die Nikolausfeier anstünde (“Ich bitt’ Sie, das ist doch für Kinder.”). Klingt banal und langweilig? Weit gefehlt. Gernstl zeigt Deutschland (und deutschsprachige Anreiner) in einer liebevollen Autentizität, die zwar die lustigen Seiten betont (u.a. Passanten, die ihm in seine Moderationen reinquatschen), sich aber nicht lustig macht (auch nicht, wenn er eine Gruppe Landfrauen beim Damenturnen aufnimmt – durch eine völlig starre Kamera gewinnen die quer durchs Bild hopsenden Frauen aller Formate sogar Poesie).

Vor allem das frühe Material aus den 80ern (der Film ist chronologisch aufgebaut) war für mich überraschend. Gleich eine der ersten Szenen (Gernstl noch mit dunklem Haar und mächtigem Schnauzer) trifft auf einen Schweigekünstler: einen alten Bauern am Rand einer brennenden Wiese. Und der schaut einfach bloß böse. Keine Bitte von Gernstl („Jetzt sagn’S halt was.“… „Warum sagn’S denn nix?“) bringt ihn zum Reden. Minutenlang in Großaufnahme.

Glück gefunden hatte ich bereits beim Gang ins Kino: Meine Begleitung und ich bekamen die letzten beiden Plätze im komplett ausverkauften Eldorado.

Eigentlich möchte ich den Film von Herzen empfehlen, doch er läuft nur in ganz wenigen bayerischen Kinos. Vielleicht stupsen die Nichtbayern mal die Programmkinobesitzer ihres Vertrauens an?

Offizielle Website

Umfassende Beschreibung

Interview mit Gernstl

die Kaltmamsell

15 mal Beifall zu “Gernstls Reisen – auf der Suche nach dem Glück

  1. Christian Merz meint:

    Volle Zustimmung! Unbedingt hingehen! Der Film wird bundesweit anlaufen, wenn er in Bayern erfolgreich läuft.

  2. Tanja meint:

    Das ist ja interessant, vielen Dank!

    Dieser Film würde auch in der Schweiz ein Publikum finden. Die Methode, die Leute “reden und schweigen lassen” hat viele gute schweizer Dokumentarfilme hervorgebracht. Wir hatten ja von den Siebzigern bis in die Neunziger viel Vergangenheit aufzuarbeiten. Meines Wissens hat dieses “Genre” mit Dindo/Meieneberg begonnen: http://www.krieg-film.de/filme.php?id=735#

  3. blodderdrail meint:

    Ay ay Sirin,

    das
    Lumiere-Kino in der südniedersächsischen Provinzhauptstadt Göttingen ist angestupst.

  4. Weltherrscher meint:

    jetzt im kino?
    hurraaaaaaaa!
    ich habe die folgen, wenn ich zufällig mal reinzappte, verschlungen. die beste doku aller zeiten. keine raab’ismus, sondern liebevolle erzählung.

    jetzt freu ich mich aber echt. leider konnte ich nie alle sehen. hoffentlich gibts den film dann auch auf dvd?

    *freu*

  5. Anderl meint:

    Vielleicht könnt mir das ja jemand stecken, das mit der DVD. Ich würd den Film nämlich gar zu gerne sehen, bin aber nicht sehr zuversichtlich, daß er es jemals in ein Londoner Kino schafft…

  6. gaga meint:

    ja. wunderbar

  7. die Kaltmamsell meint:

    Auf DVD gibt es übrigens bereits die zehn Folgen Gernstl in den Alpen.

  8. Juele meint:

    Ich bin schon froh, daß das Bayerische Fernsehen hier zu empfangen ist und oute mich als Gernstl-Fan. Vielleicht schafft es der Film in die Hauptstadt. Es gibt viele Bayern im Exil hier!

  9. Stolle meint:

    Ja, die Bayern:
    an den unvermeidlichen FC Bayern gewöhnt unsereins sich ja, dass sie den Stoiber aus- und den Glos eingewechselt haben, mag ja noch angehen. Und dass sie Waldi Hartmann auf die Republik loslassen, ist schon heftig. Zudem adoptieren sie halt mal kurzerhand unsere ostdeutschen Goldmedaillengewinner – Kati Wilhelm als Bayerin? Und nun Gernstl?

    Chapeau – die Beschreibung hat mich neugierig gemacht. Mich erinnert es an einen Spielfilm aus dem oberschwäbischen “daheim sterben d’Leut”, in dem das Aufeinanderprallen von Allgäuer bäuerlichem Charme und modernen Zeiten dargestellt wird.

  10. zonebattler meint:

    Danksagung.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Bitte gerne. Weitersagen!

  12. zonebattler meint:

    Mach’ ich sehr gerne. Und sobald ich die DVD-Box mit Gernstl in den Alpen in Händen (und vor Augen) habe, wird es bei mir eine ausführliche Rezension und Empfehlung geben. Nochmals danke für’s höchst erfolgreiche »Anfüttern«!

  13. albertsen meint:

    Gestern gesehen. Wunderbarer Film, natürlich, nur hat mir ein bisschen die ganz große Ruhe der Fernsehserie gefehlt. Aber das ist sicher den Zwängen des Kinos geschuldet.

  14. zonebattler meint:

    Hier ist sie also: Die versprochene Gernstl in den Alpen DVD-Kritik!

  15. Der Langweiler meint:

    Heute lief er in Hamburg (noch einmal). Sehr schön. Und irgendwie: bloggisch.

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