North Country (Kaltes Land)

Sonntag, 19. Februar 2006 um 16:18

von IMDB

Lange schon nicht mehr so viel geheult in einem Film.
Das mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau gilt ja mittlerweile als historisches Thema. Ist doch inzwischen alles in Gesetzen festgeschrieben, mit Dank an die vorherigen Generationen, die das möglich gemacht haben. Wenn sich heute trotzdem eine beschwert: Na komm, die soll sich nicht so anstellen, hat sie ja wohl selbst in der Hand. Außerdem, und da sind wir uns doch einig: Männer und Frauen sind nunmal verschieden.

Die Geschichte von North Country beginnt im Jahr 1989. Dass sie auf einer „wahren Geschichte“ basiert (von 1984), schadet ihr glücklicherweise nicht: Es ist eine gute und fesselnde Geschichte ohne Löcher. Minenarbeiterin Josey und ihre Kolleginnen sind konstanten Angriffen ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt, mündlich und physisch. Nachdem sie weder von ihrem Vorgesetzten noch von der Gewerkschaft Hilfe bekommt, verklagt Josey ihren Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung.

Zu 70 % wird chronologisch erzählt, dazwischengeschnitten sind Szenen aus dem Gerichtssaal, Rückblenden auf Joseys Jugend in dieser Gegend. Das ist ein ganz ausgezeichnetes Mittel, mehr als eine der handelnden Personen zu verstehen. Eng verwoben mit der politischen Geschichte ist die Beziehung von Josey zu ihrem Vater, der ebenfalls in der Mine arbeitet, und zu ihren beiden Kindern. Keine der Minenarbeiterinnen hat sich diesen Knochenjob ausgesucht, um ein gesellschaftliches Zeichen zu setzen; sie wollen einfach nur das gute Geld verdienen, das dieser Knochenjob bringt.

Aus den Medien kenne ich vor allem das Gewitzel über US-amerikanische Anklagen wegen sexueller Belästigung, deren scheinbar lächerlich geringe Anlässe in erster Linie mit dem amerikanischen Puritanismus in Verbindung gebracht werden. Aber würden die Leserinnen, die schon mal in der Fabrik oder auf dem Bau gearbeitet haben, die Hand heben? Und jetzt bitte mal alle aufstehen, die sich gedacht oder gar zu jemandem gesagt haben: „Komm, ist doch bloß Spaß“ oder „Wer dafür zu empfindlich ist, muss sich halt einen anderen Job suchen“. Es sind meiner Erfahrung nach gerade die Frauen mit einem Selbstbild als robuste und autarke Menschen, die sich schwer eingestehen können, dass man sie verletzt, gedemütigt, zu Opfern gemacht hat. Wir doch nicht!

Als ihr Sohn ihr vorwirft, sie sei keine richtige Mutter, weil sie nicht, wie die Mütter seiner Klassenkameraden, den Tag daheim kochend und waschend verbringe, erinnert Josey ihn daran, dass sie ihm immer gepredigt habe, er könne alles werden, was er wolle. Ob das nicht auch für sie gelte?
Über diesen Punkt sind wir immer noch nicht hinweg, fürchte ich. Heute, nicht historisch gesehen.

Charlize Theron ist als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert, Frances McDormand (gut, female love interest spielt sie vermutlich in diesem Leben nicht mehr, aber könnte man sie vielleicht mal ein bisschen anders besetzen?) für die beste weibliche Nebenrolle. Und Woody Harrelson habe ich zum ersten Mal in einer Rolle gesehen, in der er mir nicht unangenehme Gänsehaut bereitet.

Guter Film.

die Kaltmamsell

1 mal Beifall zu “North Country (Kaltes Land)”

  1. syberia meint:

    Häufig sind es die “Kleinigkeiten” für die es Zeugen gibt und die sich vor Gericht anführen lassen. Siebzig Seiten mit solchen Kleinigkeiten haben fünf Angestellte einer New Yorker Bank gefüllt, die ihren Arbeitgeber auf 1,4 Milliarden Dollar verklagt haben. Wegen verbaler Belästigungen und der Bevorzugung von männlichen Kollegen bei Beförderungen, obwohl Frauen besser qualifiziert waren und weitaus größere Erfolge vorzuweisen hatten. Das ist weit weniger kurios, als es sich liest, denn noch immer bleiben Männer aller Länder in den Chefetagen lieber unter sich. Aus dem Milliardentopf sollen u.a. ähnliche Fälle anwaltlich gesponsert werden. Es wird wohl noch lange dauern, bis festgebackene Rollenklischees überwunden werden. Seufz.

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