(Angeregt von dieser bezaubernden Geschichte von Modeste.)
Als ich ein Kind war, ging ich nie in Restaurants: Meine Eltern waren arm und sparten eisern aufs Eigenheim. Von Restaurantbesuchen hörte ich lediglich, wenn meine Mutter am Semesterende ihrer Volkshochschulkurse (Spanisch oder Damenturnen) mit den anderen Kursteilnehmerinnen ausging. Zum Beispiel in ein italienisches Lokal namens „La Fattoria“ (von den Einheimischen gerne als ein Wort gesprochen, Betonung auf dem o): Es lag in dem Wohnblockviertel, in dem ich aufwuchs, in einem Flachbau, das zu meinen Kindergartentagen noch der Supermarkt „Keine Feier ohne Meier“ gewesen war und in den ich zum ersten Mal allein einkaufen geschickt wurde. Wenn man an der Fattoria vorbei ging, roch es nach altem Garnelenfett. Drin war ich nie.
Mein Vater schaute mit mir hin und wieder im ehemaligen „spanischen Centro“ vorbei, dem einstigen Versammlungsort spanischer Gastarbeiter im ersten Stock einer unrenovierten historischen Backsteinkaserne in der Innenstadt. Ein Spanier namens F. hatte den Raum nach Heimkehr der meisten iberischen Gastarbeiter zu einem spanischen Lokal ausgebaut. Es galt als Geheimtipp unter den Honoratioren der Stadt, ich saß manchmal mit meinem Vater an der Theke und knabberte Oliven oder guckte hinten in der Küche zu, wie F. seinen berühmten Rosé herstellte: durch Zusammenschütten von Rotwein und Weißwein. Ich musste erst viel älter werden, bis mir klar wurde, dass Rosé normalerweise anders entsteht. So richtig gegessen haben wir in dem Lokal aber nie.
Als die Kaserne renoviert wurde, zog F. mit seinem Restaurant an den Stadtrand. (Kurz darauf stellte sich heraus, dass er seine Tochter jahrelang sexuell missbraucht hatte. F. wurde verurteilt und nach Spanien abgeschoben. Umso erstaunter war meine Familie, als er neuerlich in der Stadt auftauchte und wieder ein spanisches Lokal eröffnete. Ich setzte, damals studierte ich bereits, eine ehemalige Zeitungskollegin auf die Sache an, woraufhin ein örtlicher Behördenchef ziemlichen Ärger bekam. Aber das führt nun wirklich zu weit weg.)
Aushäusiges Essen gab es während meiner Kindheit aber in Form von Speiseeis in einer Eisdiele. Höchst festliche Ereignisse waren es, wenn ich nicht nur das Eis in der Waffel zum Mitnehmen bekam, sondern wir uns richtig reinsetzten und ich etwas von der Karte wählen durfte. Ich erinnere mich noch an die Sensation, die das Aufkommen des Spaghetti-Eis’ hervorrief, das zumindest für mich den Bananen-Splitt als Liebling dauerhaft verdrängte. (Gibt es jemand, der nicht versucht hat, daheim selbst Spaghetti-Eis zu machen? Mit der Kartoffel-Presse?)
Große Ausnahmen waren auch Urlaube. In Spanien aßen wir zwar nicht in Restaurants (bis heute unverhältnismäßig teuer), futterten uns aber in Bars durch Tapas. Und in Italien bei meiner Tante Barbara feierten wir meinen 13. Geburtstag in einem feinen Restaurant mit Meerblick, das weiß ich noch.
Nein, Essen in Restaurants war für mich von Anfang an mit Eigenständig-, wenn nicht sogar Erwachsenwerden verbunden. In dem Moment, in dem ich abends ausgehen durfte, fand ich daran Gefallen, denn in Restaurants fühlte ich mich mondän und luxuriös.
Es begann nach meiner Rückkehr von der Griechenland-Klassenfahrt in der 11. Klasse. Ungefähr um diese Zeit eröffnete meiner Erinnerung nach (der mitnichten zu trauen ist) das erste griechische Restaurant in der Innenstadt: das Delphi, in einem schicken Neubau zwischen alten Häusern der Fußgängerzone, mit Innenhof samt Brünnlein, sensationell folkloristisch griechisch eingerichtet (dass alle, alle griechischen Restaurants in Deutschland so eingerichtet sind und sich irgend ein Monopolist vermutlich mit Mafia-Methoden daran eine goldene Nase verdiente, konnte ich ja nicht wissen). Dort gab es all die exotischen Leckereien, die ich und die Rückkehrer aus dem damals in der Provinz sehr angesagten Griechenland-Urlaub eben erst kennen gelernt hatten: gewürzte Grillfleischberge und Salat mit schwarzen Oliven (!), Peperoni (!) und Schafskäse (!!).
Ich schaffte es sogar, mit meiner Begeisterung meine Eltern anzustecken, die mittlerweile zu einem Häuschen gekommen waren: Ganz feierlich gingen wir eines Sonntags dort essen. Für meinen Schülerinnengeldbeutel war das natürlich zu teuer. Ich entdeckte kleinere, weniger feudale Griechen wie den (wie hieß der noch?) in einem weiteren Militärbau am Künettigraben: Dort war es in Ordnung, wenn ich und meine Freundinnen uns den ganzen Abend an einem Tellerchen Tsatsiki und einem Viertel griechischen Süßwein festhielten.
Zu Kollegstufzeiten ging ich auch nach den freitäglichen Chorproben mit einigen Mitsängern manchmal noch etwas essen, meist in den örtlichen Billigitaliener Roma. Im ersten Stock eines Stadtpalasts in Flussnähe gab es unter Stuckdecken für wenig Geld Pizza und Wein (mittlerweile durfte es auch trockener sein). Legendär der glatzköpfige Kellner mit dunklem Vollbart, dessen „Hatte gesmeckte?“ in den Kaltmamsell’schen Familienwortschatz einging (auch mein kleiner Bruder verkehrte später im Roma).
Die Bekanntschaft deutsch-chinesischer Restaurantküche machte ich, als ich mit meinem Englisch-Leistungskurs ausging und unsere Lehrerin den einen Chinesen in der Innenstadt vorschlug. Er lag in einem frühneuzeitlich geduckten Altbau und bescherte mir eine durchwachte Nacht, vermutlich durch Glutamat-Überdosis. Dennoch versuchte ich noch Jahre später, die Gerichte nachzukochen, die ich dort gegessen hatte. Tipps dafür holte ich mir beim Hongkong-stämmigen Pächter und Koch des Lokals: Ich war nach dem Abitur einige Monate mit einem jungen Mann verbandelt, der im heute abgerissenen Hinterhaus des Lokals wohnte. Auf dem Weg zu ihm kam ich an der Restaurantküche vorbei, sah den Koch Berge von Zwiebeln, Paprikaschoten, Champignons schnippeln und hielt oft mit ihm und seiner bayerischen Frau ein Schwätzchen.
Richtig krachen ließ ich es, als ich mein Zeitungsvolontariat begann und eigenes Geld verdiente. Ich war mit dem Volontärskollegen M. liiert, mit dem ich in der Mittagspause regelmäßig bei einem mittlerweile noch feineren Griechen Essen ging: Poseidon. Dort wagte ich mich manchmal sogar an Fischgerichte (Barben einfach mit Zitronenscheiben zu füllen und dann zu grillen, habe ich mir dort abgeschaut). Damals wurde mir klar, dass Restaurantbesuche für mich Mini-Urlaube sind: Angenehme Umgebung, man bedient mich, und von mir wird nichts verlangt als zu essen und zu trinken. Deshalb kommt es bis heute fast nie vor, dass ich nur „schnell was essen“ gehe: dann lieber einen Döner holen oder etwas vom Asiaten kommen lassen.
Zeitungskollege und Lover M. war auch mein Begleiter beim ersten Besuch eines hochangesehenen Feinschmeckerlokals in einer nahe gelegenen Bischofsstadt – ein kolossaler Reinfall, denn das Lammkarree, das ich bestellt hatte, sah zwar beeindruckend aus, war aber unzerkaubar zäh, und ich 19-jährige Selfmade-Gourmesse traute mich nicht, es zu reklamieren.
Zum Ausgleich nahm mich M. wenige Monate später in seiner Heimatstadt in ein Hotelrestaurant mit, in dem zurückgezogen ein Meister kochte, der eher seine Ruhe als Ruhm haben wollte. Wir waren an diesem Abend seine einzigen Gäste, und er verwöhnte uns neben dem eigentlichen Menü mit zahlreichen Zwischengängen: Süppchen, Schnittchen, Sorbets, die er ausprobiert hatte und zu denen er unsere Meinung wissen wollte. Mit diesem Abend hatte mich höhere Restaurantküche endgültig am Haken.
Sauber verschätzt hatte sich der Gastronom, der an einer Ausfallstraße der Provinzstadt ein authentisches mexikanisches Restaurant eröffnete. Ich aß dort kurz nach seiner Eröffnung und war hellauf begeistert von so abgefahrenen Speisen wie rohem, in Limettensaft mariniertem Fisch, Maissuppe, Koriandergerichten. Doch schon wenige Wochen später hatte das Lokal auf Tex-Mex umgestellt, um nicht pleite zu gehen.
Als Studentin wohnte ich in der Altstadt von Augsburg, gleich hinter dem Rathaus, und mein Wohnzimmerfenster ging in das so genannte „Höfle“ des traditionell ersten Restaurants am Platz: der Ecke Stuben. Sommers sah ich dort bei schönem Wetter Geschäftsleuten auf den Teller, hörte an ihren Bestellungen und der Beratung des Personals, welche Leckereien das waren. Selbst konnte ich mir ein Essen dort nicht leisten. Ich kam erstmals in den Genuss, als mich ein Bekannter aus Spanien in dieser Wohnung besuchte, ein Griechischprofessor auf Durchreise, Gourmet und Gourmand, der sich ungeheuer über diese Konstellation amüsierte: Ich arme Studentin am Fenster auf das unerreichbare leckere Essen spechtend. Er lud mich ein und lehrte mich dabei viel über Essen und Weine.
Restaurantbesuche sind bis heute für mich Kurzurlaube: Ich entdecke gerne Neues, nehme Freunde mit, lasse mich überraschen, weiß Qualität und Hingabe zu würdigen, verbringe eine höchst angenehme Zeit. Und ich freue mich sehr darüber, dass ich einen Partner habe, der mich auf diese Urlaube mit Begeisterung begleitet.