Ich geh da sowas von bestimmt nicht hin
Dienstag, 25. April 2006 um 14:39Kürzlich bekam ich das Programm zur 20-Jahres-Feier meines Abiturjahrgangs:
15:30 Uhr Treffpunkt Gymnasium mit Schulbesichtigung
16:30 Uhr Gang zur XYkirche
17:00 Uhr Ökumenische Andacht mit Musik in der XYkirche
18:00 Uhr Treffpunkt Lokal – Gruppenfoto
19:00 Uhr Abendessen mit mediterranem Buffet
Wird damit ein wenig verständlicher, warum ich mich nicht mal in das Posen flüchten kann, das Herr Bandini vorschlägt? Zwar neige ich ohnehin eher zu einem Auftritt auf einem 9000-Euro-Rennrad als mit einem Sportwagen italienischer Provenienz. Doch selbst das Rad müsste ich ja zum Angeben auf der Schulter ins Lokal tragen – uncool. In den Jahren ihrer Knabenblüte waren kaum irgendwelche Mitschüler in mich verliebt, und wenn, dann meinten sie gar nicht mich.
Zwar kann ich mir durchaus vorstellen, mich von einer dunkeläugigen Schönheit im Salma-Hajek-Format abholen zu lassen, die mir erst mal die Zunge in den Hals steckt – nur fällt mir niemand in meiner Abiturklasse ein, den ich damit beeindrucken würde. Auch nicht wenn ich Salma Hajek gegen etwas Clooney-haftes austauschte. Diese Leute leben auf einem anderen Planeten! Seligsprechung zu Lebzeiten, Fernsehstartum, Karriere in der Bundespolitik – damit könnten die Herrschaften vermutlich etwas anfangen. Aber ich will sie ja gar nicht beeindrucken. Ich will sie einfach nur nicht.
Warum ich mich nicht damit begnüge, die einst so verheißungsvollen Mitabiturientinnen einfach auf ihre Weise ihr Leben rumbringen zu lassen, hat mich durchaus umgetrieben. Ergebnis: Meine Wut basiert auf purem Egoismus. Ich sehe mich um eine Ägyptologin gebracht, um eine Jazzmusikerin, eine Pharmazeutin, eine Theologin. Statt dessen gibt es heute HausfrauundMutter 1, HausfrauundMutter 2, HausfrauundMutter 3, HausfrauundMutter 4. Ich fühle mich um vier Freundinnen gebracht, die ich allerdings bereits verlor, als aus ihnen nach erfolgreicher Partnerwahl ein „Wir“ wurde: „Wir meinen,“ „wir haben uns ja gedacht,“ „wir machen ja lieber,“ „wir kaufen uns jetzt,“ „wir fahren nach,“ „wir glauben ja nicht“. Zudem – Emotionen lassen sich oft nicht so einfach erklären – macht mich jedes dauerhafte Aufgeben von Autarkie wütend.
Es läuft auf die Knackfragen hinaus, an denen ich seit Denkbeginn knabbere: Ist Autarkie ein absoluter Wert? Darf ich mich über Abhängigkeit und Opferrolle ärgern, selbst wenn diese selbst gewählt sind? Wie unglücklich darf man jemanden durch Befreiung machen? Darf man jemanden zur Eigenständigkeit drängen?
die Kaltmamsell



25. April 2006 um 14:56
Achtung, das ist provokant (darf auch gelöscht werden, wenn es nicht gefällt):
Klar darf man jemanden zum Glück zwingen, auch mit dem Risiko, dass das Glück nicht eintritt. Nur muss man da auf einer ganz besonderen moralisch schwer angreifbaren Position sein. Eine PR-Dame aus einem Old-Economy-Unternehmen sollte niemanden vorwerfen, das Leben als potentielle Ägyptologin oder Jazz-Musikerin gegen die leichtere Wahl als Mutter und Hausfrau aufgegeben zu haben.
Zu leicht gerät man in die Gefahr, dass man Dritte zu einem Leben drängt, das man selber erreichen wollte, aber nicht erreicht hat.
25. April 2006 um 15:42
Das ständige ‘wir’ ist etwas, das mir auch sauer aufstösst. Aber sowas von, vor allem bei einer Frau, die mir vorher als Ausbund von Selbstständigkeit und Lebenslust vorgekommen ist. Und nun ist sie zum Anhängsel geworden (noch dazu an einem Kotzbrocken, was die Sache natürlich noch schlimmer macht).
Natürlich ist ‘wir’ ein völlig legitimer Begriff in einer Partnerschaft. ‘Wir fahren in den Urlaub’ ist OK, logisch, sind ja beide (oder mehr). Aber ‘wir finden, dass …’ und das immer und immer wieder, da könnt ich auf der Stelle loskotzen. Und immer ist es die Frau, die plötzlich das eigenständige Denken aufgibt.
Die Fragen stelle ich mir auch: Wieweit darf man sich da einmischen? Ist nicht jede ihres Glückes Schmiedin?
Ich frage mich aber auch:
Was ist denn nun die echte Persönlichkeit? War vielleicht die Persönlichkeit vorher die Maske, um im Leben zurecht zu kommen?
Im Endeffekt muss auch ich feststellen: Aus purem Egoismus macht es mich wütend eine gute Freundin verloren zu haben an deren Stelle nun diese seltsame Person getreten ist, in der die ehemalige Freundin zwar zu erahnen aber leider nicht wiederzuerkennen ist. Zumindest nicht dann, wenn der erwähnte Kotzbrocken dabei ist. Allein erkenne ich sie eher wieder.
Und Abi-Feiern: Nein, nicht mit mir. Ich war damals ein Freak und hatte kaum Kontakt, ich bin heute auch nicht anders.
25. April 2006 um 16:08
Wenn eine Frau sich aus puren eigenen Willen dazu entschliesst, Kinder zu haben und wir zu werden,dann ist das doch ihr Weg. Wenn man seine eigene beste Freundin dann nicht mehr wiedererkennt, das ist der Lauf, der Dinge, da sich mit Familie Interessen zwangslaeufig veraendern. Deshalb ist die Person, die sich fuer so ein Leben entschieden hat, ja kein schlechterer Mensch. Vielleicht ein Mensch, den man nicht mehr versteht, weil sie sich nicht fuer die Aegyptologin, Jazz Musikerin usw entschieden hat.
Das man trotz Mann und Kinder seine eigene Individualitaet behaelt und sein Lebensziel verwirklicht, ist nun wirklich moeglich und gar nicht so unhaeufigDeshalb kann ich Frau Kaltmamsell nicht ganz verstehen.
Aber vieleicht ist das deshalb, dass ich aus einer anderen Generation bin, wo Frauen durchaus in der Lage sind sich zu verwirklichen und eine Familie zu haben.
25. April 2006 um 16:36
“Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertag nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Bald jedoch empfanden sie die gegenseitigen Stacheln und entfernten sich wieder voneinander. Wenn dann das Bedürfnis nach Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich das zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden “hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.” Arthur Schopenhauer
25. April 2006 um 17:36
Über die Frage “Wie unglücklich darf man jemanden durch Befreiung machen?” habe ich vor 20-25 Jahren schon intensiv nachgedacht, allerdings in einem anderen Zusammenhang, einem wesentlich größeren Rahmen. Ich las damals “Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein” von den Brüdern Strugatzki. Dieser Roman schildert einen Raumfahrer aus einer technisch und gesellschaftlich (nahezu) perfekten Welt, der “undercover” auf einem rückständigen Planeten unterwegs ist – einem Planeten, der vor allem gesellschaftlich rückständig ist: lauter üble Feudalsysteme und schlimmeres. Der Held stellt sich die Frage, ob er in die Entwicklung des Planeten eingreifen darf, oder gar aus moralischen Gründen muss, um die gesellschaftliche Entwicklung zu beschleunigen. Er versucht es an ein paar Einzelpersonen, doch damit erreicht er genau das: die “Befreiten” fühlen sich unglücklich. Ich bin daher zu der Überzeugung gelangt, dass es besser ist, Leute, die nicht um Hilfe rufen, nicht zu befreien; der Impuls zur Befreiung muss von den “Unfreien” selbst kommen. Und dasselbe denke ich auch hier: Eine Frau, die freiwillig Hausfrau und Mutter sein will (anstatt z.B. Ägyptologin), die sollte man nicht gegen ihren Willen befreien, obwohl auch ich lieber mehr Ägyptologinnen in der Welt sehen würde als Hausfrauen, denn letztere gibt es schon genug.
25. April 2006 um 18:42
Ich greife mal schnell in meinen mütterlichen Sauertopf. Als mehr oder weniger berufstätige Mutter von mehreren Kindern erstaunt mich schon immer die Erbitterung, mit der Frauen sich gegenseitig ihr Leben madig machen. Offen oder hintenrum. Ich bin da selber nicht besser. Wenn ich sage: Ich könnte das nicht, immer nur mit den Kindern…, dann liegt da schon ein bisschen Verachtung für die Nur-Mütter drin. Und ein bisschen schlechtes Gewissen, dass ich die Kinder so weiträumig um die Arbeit herumorganisiere.
Finde nicht, dass Hausfrau und Mutter sein der leichtere Weg ist, was meint: Ich würde bekloppt, wenn ich den ganzen Tag nur mit Minderjährigen reden müsste. Wenn das anders wäre, hätte ich ja gleich Lehrerin oder Kindergartentante werden können.
Schwierig wird der Umgang aber wirklich, wenn die Mütter kein anderes Thema als ihre Kinder kennen, und wenn Menschen meinen, dass sie sich reproduziert haben, mache sie zu besseren Menschen, die erst so richtig wissen, was im Leben wichtig ist. Kommt leider häufig vor.
Weshalb ich beim letzten Treffen (16 Jahre Abitur) dann doch nur mit Lehrern und Schwulen länger reden konnte. Obwohl ich die Reproduktionskönigin war. Rein zahlenmäßig.
25. April 2006 um 18:50
“Ich will sie einfach nur nicht.”
Das reicht als Begründung doch vollkommen aus, um nicht zu einem solchen Treffen zu erscheinen.
Und was die “Wir-Pose” der Hausfrauenmütter angeht: Die ist in den allermeisten Fällen doch auch nur eine Fassade, mit der angegeben oder vertuscht oder sich die eigene Situation schön geredet wird.
Darunter gurgeln und schwelen (manchmal bewußt, meist aber unbewußt) die Minderwertigkeitsgefühle, denn unsere hochglanz- und leistungsorientierte Gesellschaft verlangt von Frauen ja nicht nur die Mutterschaft, sondern auch den Erfolg im Job. Und sich einzugestehen, dass man letzteren in den Wind geschossen hat, ist bitter.
Die bewußte Erkenntnis dieses Umstandes kommt meist ein paar Jahre später, wenn die Kinder größer sind und langsam aus dem Haus verschwinden. Und wenn der holde Ehegatte dann auch noch das Weite sucht, dann wird es ganz schlimm.
Dann ist sie da, die große Leere – nur, jede muss ihre Erfahrungen selbst machen.
Und aus eigener Erfahrung:
Die Nurhausfrauenmuttis, die mich früher, als die Kinder noch klein waren, im besten Falle milde belächelt und bemitleidet haben, weil ich doch auch noch jobmäßig so eingebunden war, kommen jetzt langsam, eine nach der anderen, hervorgekrochen und beneiden mich heiß um meine Berufstätigkeit.
Warte einfach ab, die Zeiten ändern sich.
25. April 2006 um 18:50
Oha. Das hört sich extrem gruselig an. Falls ich bei Ihrer ersten Beschreibung des Problems zum Hinfahren geraten habe: Ich nehm alles zurück, das wußte ich nicht, mit einem solchen Programm ist ja schon alles gesagt.
Ich seh das mit dem Kinderkriegen natürlich anders als Sie, aber erfahrungsgemäß will man die Kinder nicht mehr missen, wenn man sie denn mal hat, da möchte also bestimmt niemand befreit werden. Ich denke, Sie dürfen Autarkie unbedingt absolut setzen, aber eben nicht diesen Ansatz von allen verlangen, und wenn diese anderen Lebenentwürfe nur als -verwürfe bei Ihnen ankommen, dann lieber nicht hinfahren, denn diese ihre Wut wird eher nicht als Offenbarung angenommen werden von den Damen da. Und zur Autarkie: Die totale hab ich (jetzt mal so als Beispielmutter und nicht-Karrierefrau) natürlich aufgegeben, aber sie war mir nie wichtiger als das Leben u die Liebe meiner Kinder, das steht in gar keinem Verhältnis in meiner Welt, das wäre wie auf Sex verzichten, damit das Bett sauberbleibt, so in etwa. Und diesen Standpunkt muss keiner teilen, aber wenn er Sie so wütend macht, dann weiß ich auch nicht weiter :-), und bei Klassentreffen wollen sich die Leute ja amüsieren (also angesichts ihres Programms da oben offensichtlich nicht alle auf allen Klassentreffen, brrrr) und sind nicht so vorbereitet auf Krieg und Befreiung.
Aber davon abgesehen: Beileid für diese Leute. Mein 20zigstes war eine Aneinanderreihung von essen, trinken, Party und dem Baden in einem Teich. Abwechselnd, und ich fand mich morgens um 3 in einer Jacuzzi wieder mit 5 anderen, es war laut und lustig und es hat geregnet, mehr krieg ich nicht zusammen. (Ökumenisch, ach du jemine)
25. April 2006 um 18:55
Jau! Wie Pepa sagt. Sie könnten den Hausfrauenmüttern ja einen Flyer schicken, dann müssen Sie da nicht selbst hin. Die Nurmütter sind übrigens ein totales (politisch gewolltes, weiß man ja) Westphänomen, in meiner (Ostberliner-) Kita gibt es eine einzige davon, und der glaubt das immer keiner.
25. April 2006 um 22:33
Auch bei uns stand kürzlich so ein Abi-Treffen an, und obwohl ich eher auf der bunten Seite mein Leben versucht habe und versuche, wurde es bei mir ganz dunkel, als ich damals die Einladung las. Und wenn ich jetzt Ihr angedrohtes Programm sehe, wird es vollends schwarz. Da hilft nur Wegbleiben, auch um den anderen nicht alles zu verderben – denn trotz allem haben die nach 20 Jahren immern och Unermüdlichen immer noch meinen Respekt. Und so ein Programm kann außer Schwarzweiß-Denken eine Menge mehr provozieren. Rückblickend muss ich aber auch sagen, dass ich damals schlicht Angst hatte, mich in den Augen der anderen zu sehen.
Zum anderen: Ich denke, dass es uns besser gehen wird, wenn wir nicht nur in Hausfrau 1, 2 und 3 denken und diese nicht nur in Karrierefrau 1, 2 und 3 (ist beides gleich verbreitet). Wenn es also Westberliner Kita-Glucken, theologische Karrieremütter, häusliche Ägyptologinnen, wilde Wir-Sagerinnen, kuschelnde Stachelschweine, autarke Jazzmamas gibt und all die Männer und Töchter und Söhne dazu oder auch nicht und die sich dann auch alle irgendwie lassen – denn erst dann kann es sie geben. Vielleicht beim 40jährigen?
26. April 2006 um 6:53
Ich seh schon, ich muss mich ein bisschen um Dich kümmern. Ökumenischer Gottesdienst? Mit alten KlassenkameradInnen? Sex im Bett? (Ja das wird dreckig. Ehrlichgesagt wundere ich mich schon seit Jahren, wie das andere machen. Das ist doch ein Bett!!)
Sicher nicht.
Ich hab auch Klassentreffen dieses Jahr, 14 Jahre, wer kommt denn auf die Idee. Drei haben Emailadressen mit ihrem Mann zusammen. Weisst Du, was mich an diesen Underperformerinnen so nervt? Und ich unterstelle, das ist bei Dir genauso. Die Angst davor, selbst eine zu sein. Und dann nichteinmal Kinder als Ausrede zu haben.
26. April 2006 um 9:45
Nutzen Sie einfach ebenfalls das “Wir”. Allerdings als pluralis majestatis.
(Bei “unserem” 20jährigen Abitreffen vor einigen Jahren habe ich feststellen können, dass sich nichts geändert hat. Selbst beim Aussehen einiger Mitschüler nicht. Andere wiederum waren fast nicht widerzuerkennen. Diese Aussage betrifft gleichermaßen Männlein wie Weiblein.)
26. April 2006 um 10:22
“… und wenn Sie sich dann bitte auf die Couch legen würden…”
(mos bauch spricht und in fällen von psychologischer fremdbequatschung redet der fremdländisch)
what came up for me when i read this is that i don’t believe your “ich will sie einfach nicht”. because if it would be so easy you wouldn’t be writing this. you would get the invitate for the reunion and it would cause as much interest as the 4th flyer this week for some pizza delivery service.
but it triggers you. this suburbian charade, the spiessers’ delight.
and to me it feels as if you are still asking for acceptance for being different, for not fitting in the cosy prisons of a cliched life-style.
you want your friends back? well you can’t, they made their choice.
but if i lose a friend i don’t think i would be angry. i think i would be sad. your anger is for me again a sign of your “no!” to the perceived expectation from others towards you to change and to conform with other people’s life-concepts.
but this no does not fell like a relaxed “no” as this would be a total yes to who you are right now, in this moment.
and if you would resting comfortably in the person you are, i’m sure that the whole trip would feel like visiting a zoo and you would be looking great in that group picture.
but than again, these are just my humble rumblings and might be more relevant to myself rather than you.
26. April 2006 um 15:12
Julika: Selbstverständlich fühle ich mich als Underachieverin, so nicht mal in Sichtweite meines einst angestrebten Lehrstuhls für Englische Literaturwissenschaft. Demnach verüble ich den Hausfrauunmüttern 1-4, dass sie nicht mal mein Minimum erreicht haben: Dass ich selbst für meinen Lebensunterhalt aufkomme und nicht von Geschenken eines Partners lebe. Aber Du bist meiner eigentlichen Frage ausgewichen: Ist Autarkie ein absoluter Wert? Oder waren die Sklaven auf den Baumwollfeldern der Südstaaten nicht doch im Grunde besser dran als ihre arbeitslosen Nachkommen heute, weil sie zufrieden, genährt und versorgt waren?
26. April 2006 um 15:53
Oh, gemeinsame eMail-Adressen, ganz großer Grusel. Ich meide Klassentreffen, ich kannn mir das nur deprimierend vorstellen.
Der Frau Kaltmamsell muß ich leider sagen, daß ihr eine Zeit des schmerzhaften Nachdenkens bevorstehen wird. Wenn man Eva Herrman glauben darf.
27. April 2006 um 11:01
Auch ich möchte ein wenig stänkern.
Aber nicht gegen die Hausfrauenundmütter 1-4 et all. Sondern gegen gewisse Ansichten die hier geäußert wurden.
Warum lassen Sie ihnen nicht ihr Leben? Solange Sie niemand zwingen genauso zu leben ist das doch kein Problem.
Zudem finde ich diese permanente Kritik an anderen Lebensmodellen sehr unangenehm. Stellen Sie sich mal vor, jede Frau wäre Dozentin / Archäologin / was auch immer geworden. Wie langweilig auf der Welt. Keine Kinder mehr, die Menschheit wäre schon lange von der Erde getilgt.
Akzeptieren Sie doch einfach, daß es Leute gibt, deren Ideale und Vorstellungen vom Leben anders aussehen als Ihre.
Und was die so verteufelte Wandlung nach der Schule angeht: Soweit ich das beurteilen kann ist ein Mensch nach dem Abi noch lange nicht “ausgereift”, hat in der Regel noch wenig von wahren Leben gesehen und nährt seine Vorstellungen hauptsächlich aus Ferienreisen, zweifelhaften Ilustrierten und der umnittelbaren Umgebung. Heutzutage kommen wohl noch ein paar ebenfalls zweifelhafte Soaps dazu.
Wie können Sie annehmen, daß ein Mensch, der Ihnen in (sorry) Ihrer jugendlichen Sicht so hoffnungsvoll erschien, sich nicht weiterentwickelt? In eine Richtung die für Sie vielleicht enttäuschend sein mag, für denjenigen aber vielleicht das Glück bedeutet?
Woher diese Arroganz anzunehmen, daß Ihr Weg der einzig seligmachende ist?
Frau Kaltmamsell, wenn es Ihnen nicht passt, warum bleiben Sie dem Treffen nicht einfach fern. Nichts leichter als das.
edit: Klingt so ein wenig nach “Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen”.
Ups, jetzt habe ich mich aber richtig unbeliebt gemacht.
27. April 2006 um 11:24
Jemand, der vor dem Kommentieren ganz offensichtlich das urspüngliche Posting nicht gelesen hat, macht sich immer unbeliebt, Herr Pernod.
27. April 2006 um 16:01
Frau Kaltmamsell,
meine Worte galten auch dem ursprünglichen Posting. Da wurde allerdings noch viel moderater geschimpft.
27. April 2006 um 16:21
kaltmamsell, totale autarkie gibts nicht, der mensch ist ein kooperierendes und soziales wesen. natürlich ist es betrüblich, wenn leute sich zum mausi machen, vielleicht dem partner gegenüber oder aber auch nur auf dem ererbten batzen der altvorderen a la ich übernehm die praxis von meinem vater und ihre menschwerdung auf irgendwann später verschieben.
andererseits kann man das streben nach absoluter autarkie auch als loyalitätsverweigerug auffassen. ich kriege kein autarkes kind, sondern ein abhängiges. wird mein partner furchtbar krank und kann sich nicht mehr allein den hintern wischen, ist es auch schnell vorbei mit der sexy autarkie.
marktwirtschaftlich autark ist man nur eine ziemlich kurze strecke in seinem leben, am anfang und am ende ist man eher eine investition. dass diese investition meistens von den frauen geleistet wird ist eine nicht hinzunehmende sauerei bis selbstverschuldetes eigentor.
aber der umkehrschluß, die notwendigkeit der loyalitätsinvestition zu leugnen ist auch quatsch.
hingehen tät ich da übrigens auch nicht.
27. April 2006 um 17:48
Den Vergleich mit der Sklaverei finde ich merkwürdig, und hey, so hart ist die Hausfrauenarbeit auch nicht. Diese Autarkie ist kein alles-oder-nichts-Modell, die vollkommene Autarkie hätten Sie allein auf dem Mond, genau wie bettyford det so wirklich gut ausführt, wenn Sie absolut autark wären, dann wäre das ein einsames Leben. Und auch rein finanziell gesprochen, sind Sie abhängig vom Arbeitgeber, dem Markt, der Steuer, den Bahnpreisen, what ever. Meine Gegenfrage wäre: Warum so absolut? Leben oder Tod? Ist man nicht genauso teilweise abhängig wie teilweise autark? Absolute Autarkie hieße emotionale und finanzielle und physiologische A. und so richtig in die Länge gedacht hieße das kein Internet, kein ipod und kein, äh, Faden weg (Kinder sind so laut). Kinder haben ist genauso ein Spassdingens wie meinetwegen ne Katze, da macht man sich auch nicht gleich zum Sklaven. Und man müßte die Mütter 1-4 mal fragen (oder die vielleicht grade nicht, egal) ob sie Kitaplätze gesucht haben, ob ihr Exarbeitgeber Halbtagsstellen ermöglicht hat, ob ihr Gatte flexible Arbeitszeiten hätte haben können, ob ihr Vetrauen in den Mann eben auch vor Finanziellem nicht aufhört, ob sie vielleicht einfach den Finanzkram nicht absolut setzen.
(Also my life is a running Mischkalkulation, jetzt zb eine Stunde für den comment gebraucht, WEGEN der Kinder :))
27. April 2006 um 22:10
Wenn ich es richtig lese, dann geht es dort oben auch nicht um “absolute Autarkie” sondern um Autarkie als absoluten Wert.
Autarkie an sich, die Selbstbestimmtheit und -wirksamkeit ja mit einschließt, ist so betrachtet durchaus ein Wert für sich, denn sie ist, das haben Untersuchungen an einer Gruppe stark Traumatisierter gezeigt, die Voraussetzung für Gesundheit; sowohl im psychischen, als auch, und das war der eigentliche Gegenstand dieser Studie, im physischen Sinne.
Davon einmal abgesehen betrachte ich selbst Menschen, die sich ohne wirkliche Not, mehr oder weniger freiwillig in Abhängigkeiten begeben, meist mit einer oszillierenden Mischung aus Bewunderung (Neid?) und Verachtung, was vielleicht die Befindlichkeit in einer solchen Situation, die wohl oft auch zwischen Bequemlichkeit und Selbstwertverlust schwankt, widerspiegelt.
Was mag wohl der Nutzen einer solchen Abhängigkeit sein, in der sich jeder Zeit emotionale und finanzielle Komponenten gegenseitig hochschaukeln können?
Mir hat eine Mutter zweier Kinder einmal in einer ruhigen Minute gestanden, dass sie die Verantwortung in ihrem Job (sie war damals gerade mit ihrem Jurastudium fertig und arbeitete in einer kleinen Kanzlei als angestellte Anwältin) nicht ertragen würde und deshalb in Zukunft lieber zu Hause bliebe. Dass ihr, nachdem sie diesen Schritt gegangen war, die Abhängigkeit von ihrem Gatten, der ihr jeden Pfennig (ja, so lange ist das schon her) zuteilte, zu schaffen machte, verriet sie später nie verbal. Das zeigten nur eine Vielzahl psychosomatischer Beschwerden, die sich nach und nach bei ihr einstellten.
Autarkie, in den jeweils gegebenen Grenzen, ist durchaus ein Wert, den es zu verteidigen gilt, und Kinder zu haben bedeutet nicht automatisch auch, sich in unnötige, potenziell kränkende Abhängigkeiten begeben zu müssen.
27. April 2006 um 23:52
pepa, deine autarkiedefinition ist sehr gut, das meinte ich mit ‘menschwerdung’: ein eigenverantwortlicher handlungsfähiger erwachsener zu sein.
wenn ich autark in dem sinne in mir selbst ruhe brauche ich eigentlich keine hochzeitsparanoia, kinderphobie und muttihass zu entwickeln. oder anders gesagt, ich muss ja nicht hinter jeder solidaritätsbindung eine traumatische abhängigkeit vermuten.
unter ‘gesunden’ ist eben jede loyale beziehung eine mischkalkulation von einerseits verantwortung übernehmen und sich andererseits auf den anderen verlassen und ihm vertrauen. das kann auch unterschiedlich ausgehandelt werden.
sexuelle, emotionale, finanzielle Hingabe an andere ist mir bei der kaltmamsellposition zu stark mit selbstauflösung, abhängigkeit und entindividualisierung verkoppelt. da fehlt mir irgendwie der flow.
28. April 2006 um 8:02
“sexuelle, emotionale, finanzielle Hingabe an andere ist mir bei der kaltmamsellposition zu stark mit selbstauflösung, abhängigkeit und entindividualisierung verkoppelt. “
Leider entspricht die vermutete Definition der Kaltmamsell am ehesten der Realität – nicht so sehr in den beschriebenen Jahrgängen, sondern meist erst ein wenig später und es sind fast immer die Frauen, die dann zu Opfern der Alterangst derer werden, von denen sie sich Jahre vorher abhängig gemacht haben. Die meisten real gelebten “Mischkalkulationen” sind sehr einseitig verteilt – oder etwas konkreter ausgedrückt:
Wenn sich der Ernährer der nun mittlerweile 50jährigen, auf dem Arbeitsmarkt weitestgehend chancenlosen, bis dahin Nur-Hausfrau-und-Mutter aus dem Staube zu anderen Abhängigkeiten macht, dann hinterlässt er, selbst wenn er anständig zahlt, ein Selbstwertwrack, das nicht selten seine verlorenen Identität in der Tablettenschachtel und/oder der Weinflasche sucht.
Gegen “Mischkalkulationen” zwischen gesunden, reifen Erwachsenen, die damit glücklich und zufrieden sind, ist ja auch gar nichts einzuwenden, denn eine wirklich erwachsene und reife Persönlichkeit verkraftet durchaus eine gewisse Zeit lang die eine oder andere ansonsten pathogene Abhängigkeit.
Nur – wie viele wirklich reife und erwachsene Persönlichkeiten kennen Sie?
28. April 2006 um 8:50
mein name sei nicht eva schirrmacher, von den abhängigkeitsfallen der klassichen arbeitsteilung innerhalb der klassischen ehe hab ich auch schon mal was gehört und ich durfte auch schon selber erfahrungen mit dem verteilungskampf um vorrechte in beziehungen machen, so ist das ja nicht.
indes, vielleicht liegt es ja an meinem alter, meiner peer group oder sozialen klasse, aber ich kenne eigentlich kein paar meiner generation, bei dem der mann es gegenüber seiner frau überhaupt im kreuz hätte, ein überzeugendes angebot für eine rundumversorgung bis zum verfallsdatum der so pathogenierten überhaupt zu unterbreiten.
wenn man ein gemeinsames ‘projekt’ plant, das über zusammenwohnen mit katze oder fernbeziehung mit abendlichem anruf hinausgeht, bleibt einem aber nix anderes übrig, als sich stärker zu arrangieren.
…schon allein aus dem grund, dass ich mir nicht die gesamte sozialkomponente meines lebens als weibliche wollmilchsau selbst auf die schultern laden muss.
28. April 2006 um 9:27
Bettyford: Weder bestreite ich, dass solche eine Mischkalkulation möglich ist, noch kritisiere ich sie. Mein Zorn richtet sich gegen Frauen, die sich nach der Fortpflanzung in völlige materielle Abhängigkeit begeben – und das ist nicht nur statistisch, sondern auch in meinem Sichtfeld die Regel. In meinem persönlichen Arbeitsumfeld sogar verstärkt bei jungen Frauen, die oft eine erschreckende Feminismusfeindlichkeit vor sich her tragen (meist biologistisch argumentiert).
28. April 2006 um 14:57
Junge Frauen.
Kann ich gut verstehen. Was hat denn die Gesellschaft den jungen Frauen anzubieten? Ausbildung. Klar. Aber wenn es an die Arbeit geht, werden sie systematisch von ihren Chefs untergebuttert, sind Objekt sexistischer Fantasien und Angriffe, werden auf Klischees reduziert (die blonde Blöde, die kurzhaarige Zicke, …) und haben gegenüber Mänenern immer noch weniger Chancen Verantwortung über Personal und Budget zu bekommen.
Und die Umwelt: TV, Werbung, usw. Da wird ein Frauenbild gepflegt, dass sich an Äusserlichkeiten orientiert. Hauptsache der Busen stimmt. Wenn es aufgrund des Alters nicht mehr so stimmt, dann tauchen Frauen kaum noch auf. Nicht umsonst beklagen sich Schauspielerinnen, dass nach 40 kaum noch Rollenangebote kommen. Ab 60 in Richtung Grossmutter wird es dann besser…
Und die Politik: Nicht erst seit Merkel und Röschen v.d.L. werden Frauen nur noch als Lösung im Demographieproblem gesehen. Nach unten als potentielle Mütter der notwendigen zukünftigen Beitragszahler, nach oben als Entlastung der Pflegekassen.
Man kann den Frauen vorwerfen nicht genug zu kämpfen. Nur ist der Kampf härter geworden als noch vor 20 Jahren. Ich kann es keiner jungen Frau verübeln, dass sie da sich der Gesellschaft verschliesst und einen Ausweg in einer Partnerschaft sucht, auch wenn es eine Abhängigkeit bedeutet.
Ich stöhne auch oft: Dafür war (auch ich als Mann) nicht Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre auf der Strasse und habe in alternativen WGs das neue Rollenverständnis geübt und in stundenlagen Diskussionen theoretisch mit Adorno, Marx und Guillebaud untermauert.
28. April 2006 um 17:38
Ich bin der Frage nicht ausgewichen, ich verstehe sie nur nicht. Du fragst:
(Ist Autarkie ein absoluter Wert?) Oder waren die Sklaven auf den Baumwollfeldern der Südstaaten nicht doch im Grunde besser dran als ihre arbeitslosen Nachkommen heute, weil sie zufrieden, genährt und versorgt waren?
Antwort: Sicher waren sie nicht besser dran. Es kommt nicht auf das bequeme Leben an, sondern auf das freie.
JedeR soll sich versklaven können wie ersie will, zahnarzthelferinlernenmannfürslebenfindenkinderwerfenberufaufgebenhässlichesreihenhausbauen
sichwiederindenberufintegrierenundwennesnichtklapptastrologischeberaterinwerden wie ersie will, nur mich dann fürs Scheitern zahlen zu lassen, nur weil ich nicht so blöd war, das finde ich dann nicht mehr so super autark.
2. Mai 2006 um 3:44
Die Diskussion hätte ich unheimlich gerne verbal erlebt. Was da für Emotionen drin sind.