Archiv für Juli 2006

Abenteuerjoggen

Sonntag, 23. Juli 2006

Gestern war’s wieder besonders schön. Ich startete zwar nicht so früh wie geplant, um der Hitze zuvor zu kommen (unaufschiebbarer Blogeintrag über polnische Mode), geriet aber schon nach wenigen Minuten in den Flow, der mich das Laufen vergessen lässt und mich zum Fliegen bringt. Meine Wadenschmerzen hat mittlerweile die Orthopädin als durch meinen Bandscheibenvorfall verursacht diagnostiziert, die begleitend tauben und schmerzenden Zehen auf meine Platt-Senk-Spreiz-you-name-it-Füße zurückgeführt. Nächste Woche gibt’s Einlagen, dann schaun mer mal, ob ich nächstens die gesamte Strecke Tierpark-Aumeister hin und wieder zurück mache.

Derzeit glitzert die Isar zwar sehr schön am Rand meines Gesichtsfeldes, verbreitet aber momentweise den Geruch von totem Fisch. Von bereits länger totem Fisch.

Und dann kam mir auf dem Uferweg eine Pferdekutsche von einem Dreiergespann Rösser gezogen entgegen (drei nebeneinander – hat das einen Namen?). Auf der Kutsche saßen etwa sieben einheimisch aussehende Männer mittleren Alters, alle mit riesigen mexikanischen Sombreros. Sie grüßten freundlich.

Und dann kam mir Bruno Jonas entgegen getrabt. Ich war gerade in Gedanken (malte mir aus, ich würde beruflich für drei Monate nach Manhattan geschickt und nutzte die Gelegenheit, um mal an einer Aerobic-Stunde von Faustus teilzunehmen) und hätte ihn gar nicht wahrgenommen, hätte ich nicht registriert, dass ein entgegenkommender Läufer seitlich in meine Richtung starrt. Als ich aufblickte, dachte ich: „Der Bruno Jonas ist aber alt geworden.“

Und dann waren offensichtlich mal wieder zwei Jahre vergangen, denn ein wildfremder Mann sprach mich an. Ein kräftig gebauter, junger Mountainbiker hielt an und fragte mich, ob es hier in der Nähe einen Biergarten gebe. Ich erklärte ihm den Weg zum Biergarten am Chinesischen Turm, für den er allerdings umkehren müsse. Ob ich nicht mitkommen wolle, fragte der Mann da schelmisch. Ich schüttelte den Kopf, ich hätte noch eine halbe Stunde Lauf vor mir, und lief weiter. Wenn er tatsächlich zum Chinesischen Turm gefahren wäre, hätte er mich überholen müssen. Aber er hat dann wohl sein Glück bei einer anderen Joggerin versucht.

Dazwischen: Höhersommer

Samstag, 22. Juli 2006

Hier in meiner Wohnung hat es 25 Grad. Draußen um die 35. Mir fällt so gar kein Grund für “das schöne Wetter nutzen” ein, wie es in Deutschland ständig gepredigt wird. Eher bin ich versucht, Hitzegeschädigten Obdach zu gewähren. Und wehe jemand macht das Fenster auf! Da kommt kein “frischer Luftzug”, das ist 100% Heißluft!

Werbung: Moda polska

Samstag, 22. Juli 2006

Meinen Polenaufenthalt nutzte ich für den sonst so ungeliebten Kleidungskauf (meine begleitende Mutter sorgte dafür, dass ich passende Kleidungsstücke nicht mit einem “ach, im Grunde brauche ich das doch gar nicht” zurückhängte, sondern zur Kasse trug). Allein schon die Vielzahl an Stoffgeschäften wies darauf hin, dass Schneiderkenntnisse hier noch weit verbreitet waren, und schließlich war meine polnische Großmutter selbst gelernte Schneiderin.
Wenn ich schon mal da war, wollte ich also bei polnischen Herstellern einkaufen (warum Reisende in Dubai Prada kaufen, will mir nicht recht einleuchten). Es stellte sich heraus, dass Polen an Boutiquenmode einiges zu bieten hat: schöne Materialien, saubere Schnitte und – das weiß ich jetzt nach mehrfachem Tragen und Waschen meiner Einkäufe – sehr gute Verarbeitung.

Gemerkt habe ich mir zwei Marken:
- Reserved. Vertrieb ausschließlich in Osteuropa. Sollten Sie also mal in Polen, Litauen, Lettland, Estland, Slowenien, Ukraine, Ungarn, Russland sein, empfehle ich sehr den Besuch einer der Läden.
Vielleicht mögen Sie mal die Damenkollektion hier gucken.
- Tatuum, sehe ich gerade, ist kürzlich auch nach Deutschland gegangen, erst mal nach Berlin und Leipzig. Das Design erinnert an Zara, Stoffqualität und Verarbeitung liegen Meilen drüber.
Zum Beispiel weiß ich jetzt endlich, was mit dem „edlen Knittern“ von Leinen gemeint ist: Ich trage Leinen gerne, aber jetzt habe ich erstmals ein Leinen-Kleidungsstück, das nicht nach ein paar Stunden Tragen Ähnlichkeit mit einem Putzlappen hat, sondern schön und in Form fällt.
Schaun Sie sich mal dieses Stöffchen an: Daraus habe ich eine Tunika und eine Hose mit weitem Bein.

Tatuum_fabric.jpg

(„Ich bügle nur schnell was für einen Blogeintrag“ gehört wohl zu den selteneren Erklärungen, warum der Milchkaffee noch etwas dauert.)

Hitzeschäden bahnseitig

Freitag, 21. Juli 2006

Zwar: Der Kollege, der mit mir in der Abendhitze im Café sitzt, schwärmt von seinem Auto, einem amerikanischen 70er-Jahr-Cabrio in Leuchtendrot (“lass ich aber noch umspritzen, ist mir zu porno”). Wie er sich immer darauf freue, darin mit offenem Verdeck heimzufahren. Nee, sorry: Ich glaube, meine Freude, abends in einen klimatisierten ICE zu steigen und nach Hause gefahren zu werden, ist größer.

Aber: Wenn ich abends um 22 Uhr eine Stunde am Bahnhof festhänge für eine Fahrt von gerade mal 70 Kilometer, weil sich wieder ein suizidales Arschloch auf die Schienen schmeißen musste und der nächste ICE durch einen sommerlichen Böschungsbrand aufgehalten wird – dann frage ich mich schon, wofür wir eigentlich all diesen teuren Abhör- und Überwachungsmethoden finanzieren (ja, solche irrationalen Gedankensprünge hat man halt im Zorn). In dieser Hitzewelle häufen sich die Verzögerungen im sonst zuverlässigen Fernverkehr. Mein Wecker piepst mich trotzdem jeden Morgen um 5.35 Uhr wach.

Andererseits hätte ich als Autofahrerin diese vier Erdbeermargaritas nicht trinken können, die mir jetzt beim Warten auf den verspäteten Zug nach Hause die schönsten Irrbilder vorgaukeln: Seit wann hat die DB solche blassgelben, breiten Lokomotiven, wie sie gerade einsam an mir vorbei zieht?

Margarita.JPG

(Der Herr ist lediglich durch Verzerrung unkenntlich gemacht, kein Bedauern nötig.)

Gelbe_Lok.jpg

Coals to Newcashl

Donnerstag, 20. Juli 2006

Von ausländischen Akzenten im Deutschen, die den regionalen Heimatdialekt übertragen, hatte ich es ja schon. Ein weiteres Kapitel ist die Mischung nicht-deutscher Akzente mit regionalen deutschen Dialekten. So spricht mein spanischer Vater eindeutig Bayrisch – mit heftigem spanischen Akzent. Bei meiner polnischen Oma war es eine polnisch-schwäbische Akzentmischung. Oder vielleicht kennen Sie den Münchner Albert C. Humphrey, den „Blues-Bertl“? Der spricht amerikanisches Bayrisch. Sicher gibt es auch türkisches Berlinerisch, vietnamesisches Sächsisch – italienisches Hessisch will ich mir erst gar nicht vorstellen.

Doch jetzt höre ich seit einiger Zeit regelmäßig einen Stuttgarter mit nordenglischem Migrationshintergrund. Ich weiß nicht, ob so viele Sch gesund sind.

A whole new Büro-world

Mittwoch, 19. Juli 2006

Es ist für alle Seiten von Vorteil, bei mehr als einem Arbeitgeber Erfahrungen zu sammeln. Unter anderem, weil man dann gute Arbeitgeber zu schätzen lernt. Angestellte, die nur diese ihre jetzige Firma kennen, tendieren dazu, Positives zu ignorieren und als selbstverständlich hinzunehmen, Negatives hingegen überzubewerten und als persönliche Beleidigung zu sehen.

Derzeit kann ich bei einem Herrn, der nach 15 Jahren den Arbeitgeber gewechselt hat und an diesem kein gutes Haar lässt, den Lernprozess mitverfolgen:
- Nein, bei uns gibt es keinen Freikaffee für alle.
- Wasser und Säfte gibt es nicht nur nicht umsonst, er muss sie sich auch selbst im Fabrikkiosk holen sowie Leergut selbst zurückbringen.
- Er kann gerne erst um halb zehn ins Büro kommen, doch die Stechuhr berechnet Arbeitszeit nur bis 17.30 Uhr. Wodurch er bei spätem Arbeitsbeginn seine 42,5 Wochenstunden nicht voll bekommen wird.
- Nein, er kann nicht nachträglich versuchen, ein Abendessen mit Bekannten als Arbeitsessen zu deklarieren. Unsere Revision ist lobenswerterweise knallhart.
- Nein, Kaffeemaschinen, Milch für den Kaffee, Wasserkocher, Geschirr und Besteck werden nicht gestellt. Vielleicht mag er ja mal zu den großen Kaffeeautomaten mit Plastikbecher in den Produktionshallen gehen?
- Sein Schreibtisch ist schmutzig und wird es auch bleiben, wenn er nicht selbst zu Lappen und Spüli greift: Das Reinigungspersonal kommt hier nachmittags, wenn alle an ihren Schreibtischen arbeiten, und können sie deshalb nie säubern.

War vielleicht doch nicht alles schlecht in der vorherigen Firma?
Ich hoffe, dass er durch dieses Lernen auch aufmerksamer für die vielen, vielen überdurchschnittlich angenehmen Details bei uns wird.

Wie’s in Israel grad so zugeht

Dienstag, 18. Juli 2006

Wen der Nahost-Konflikt von Nahem interessiert, dem sei die tägliche Lektüre des Blogs Letters from Rungholt empfohlen. Die deutsche Kibbutznik Lila, Kunsthistorikerin und Mutter von vier Kindern, bloggt klug und gründlich internationale Medienrundschauen mit dem Schwerpunkt auf isrealischer Berichterstattung, sowie israelischen Alltag. Hilft immens gegen gängige Vorurteile, auch außerhalb von Krisen.


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