
Das hier sind mein kleiner Bruder und ich, startklar für den Kinderfasching 1977. Wir gingen beide in von Muttern geschneiderten Kostümen als Hexen – so sahen die nämlich bis vor einigen Jahren in unserem Kulturkreis aus. Unsere Hexen, das nur zur Erinnerung, waren geprägt von den Märchen, wie sie die Grimms oder Herr Bechstein aufgeschreiben hatten: Alte, gebeugte böse Frauen mit warzigen Hakennasen, zerrissenen und schmutzigen Kleidern, Kopftuch, die am Stock gingen, in einsamen Hütten im Wald wohnten, einen Sack bei sich hatten, in den sie möglicherweise kleine Kinder steckten. Nur so funktionierte ja Ottfried Preußlers wundervolle Geschichte Die kleine Hexe, in der eine ebensolche aus dem Hexen-Stereotyp ausbricht.
Der weltweite Siegeszug der Harry-Potter-Romane (von denen ich auch literarisch sehr viel halte) hat nun diesen Hexenmythos mit einem ganz anderen überlagert: Die Hexen, die sich im derzeitigen Fasching tummeln, sind englisch / amerikanisch. Sie tragen lange schwarze Gewänder und hohe, spitze schwarze Hüte mit breitem Rand, wohnen in Schlössern oder Burgen – ganz sicher niemand, vor dem sich Kinder fürchten. Ob die nächste Generation das Märchen “Hänsel und Gretel” überhaupt nachvollziehen kann?
Mit Feen, schätze ich, passiert im Moment Ähnliches: Aus unseren großen, schönen Feen mit schleierbesetzten Hauben, die sich mit segensreichen Zaubersprüchen (oder Flüchen) über Kinderwiegen beugen, werden gerade englische fairies, also libellengroße, glitzernde Flügelwesen.