Shoppen

Mittwoch, 9. Mai 2007 um 9:28

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(Praktisch spoilerfrei.)

Um Speed-Dating geht es schon auch im Film Shoppen, aber diese eigenartige Form des Kennenlernens zwischen den Geschlechtern stellt in erster Linie die Struktur des Dreiakters (1 – Vorstellung der Figuren, 2 – Speed-Dating, 3 – Was dann geschah). Drehbuchschreiber-Produzent-Regisseur Ralf Westhoff hat in diese Struktur einen großartigen Film geflochten, der so schön durchgängig bewegend und unterhaltsam ist, dass aus den vielen einzelnen Fäden und Lebensmustern der Hauptfiguren ein einheitliches Gewirk entsteht (puh, Metapher ausgereizt).

Shoppen ist sehr münchnerisch, gespielt von Münchner Theaterschauspielern, vor Münchner Kulissen, mit typisch Münchner Figuren und um eines der dominantesten Münchner Themen: Singletum. Glücklicherweise sind Erzählweise und Dialoge weit entfernt von jedem Frauenbuchhumor (es kommt auch kein bisschen Katja Riemann vor), durch alle Personen scheinen komplexe Lebenswelten mit Hoffnungen, Sehnsüchten, Schmerzen. Das ist zum einen dem ausgezeichneten Drehbuch zu verdanken, das geschickt indirekt erzählt (viel showing, fast kein telling) und seine Pointen beiläufig setzt. Zum anderen liegt das an den sagenhaften Schauspielern. Von Lisa Wagner als Irina konnte ich mich kaum lösen – die könnte allein mit ihrer Oberlippe Tschechow spielen. Kathrin von Steinburg strahlt als Miriam reine Versteinerung aus, Julia Koschitz als Susanna natürlichen Liebreiz und Charme, Stefan Zinner kennen wir als Markus-Söder-Darsteller vom Nockherberg (hier ist er erheblich sympathischer), Mediha Cetin als Mediha legt ein naives Plappermaul hin, das man dann vielleicht doch nicht gleich erschlagen, sondern ein bisschen beschützen will. Mit Oliver Bürgin als Jens bekommen wir außerdem einen echten Schnuffi geboten.

Aus der Riege der Männerfiguren kamen mir fast alle bekannt vor. Ja, mit solchen Herren hatte ich es schon zu tun: Der Zuwanderer aus dem Umland, der sein Schafkopfnacht-gebeiztes Provinzlertum nie wegbekommen wird; der geschiedene Kuschelbär; der mutlose Nerd. Bei den weiblichen Charakteren ging mir das weniger so, was sie nicht weniger interessant machte.

Dass kein erfahrener Profi diesen Film gemacht hat, ermöglicht erfrischend neue Perspektiven – ist aber auch an dem einen oder anderen handwerklichen Schnitzer erkennbar: Das mit dem Nachsynchronisieren (Dialog zwischen Jürgen und Frank auf der Hackerbrücke) und dem Scharfstellen von Bildern (Patrick und Susanne vor der Staatsoper) üben wir noch, ja? Dann freue ich mich schon sehr auf den nächsten Westhoff-Film.

Disclosure: Der Autor des Films ist ein Freund von einem Arbeitskollegen von mir.

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(Klicken für Schauen.)

die Kaltmamsell

7 mal Beifall zu “Shoppen

  1. Tim meint:

    Puh, der Text könnte so in die Pressemappe.

  2. gaga meint:

    schon gruselig.

    selbst dein text bringt mich nicht dazu, dem gegenstand und seiner umsetzung interesse entgegen zu bringen. (und das will schon etwas heißen).

    das fahle (gruppen)bild hat atmosphärisch einiges von besuchzeit im knast. sonntäglicher ausgang von der einzelhaft. sitzen die im richtigen leben bei so was auch wie die hühner auf der stange? weiß das jemand?

    (bin aber immer dankbar für deine verkostungen)

  3. Tim meint:

    Was mir noch auffällt. Der Titel soll wohl eine Anspielung auf das Theaterstück “Shoppen und Ficken” von Mark Ravenhill sein?

  4. Nulldev meint:

    Hm, geht mir anders als gaga. Mich reizt dieser Text, den Film anzuschauen.

  5. Frau Klugscheisser meint:

    MUSS ich sehen!

  6. wortmeer meint:

    Mir ging’s so wie Nulldev und Frau Klugscheisser. Nach Deinem Beitrag hab ich auch nur gedacht: Muss ich sehen! Und gestern hab ich’s gesehen. Ich fand den Film toll! Hätte nicht gedacht, dass man so viele unterschiedliche Charaktere schaffen kann, die dann auch jeder für sich sehr interessant und amüsant sind. Spitzfindige – einfach tolle – Dialoge. Aus meiner *reinenkinogenusssicht*: sehr gute schauspielerische Darstellung. Jede Person hat mich in ihren Bann gezogen… Kurz: Intelligent, charmant, ehrlich, amüsant.

  7. dickakroell meint:

    Meine fünfte – und ich befürchte letzte – Besichtigung dieses Films liegt jetzt eine Woche zurück – Teile der Dialoge sind mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil meines Wortschatzes geworden. Mich hat zwar der von Kaltmamsell nicht erwähnte Teil der Schauspielerriege noch mehr beeindruckt als der von ihr zu Recht gelobte – mein Fazit ist aber das Gleiche: ein überaus intelligenter, witziger Film.

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