Feminismus unzeitgemäß?
Samstag, 26. Januar 2008 um 8:17Einen dicken Dank an Sule Eisele, dass sie vor Gericht geht. Laut einem Bericht der gestrigen Süddeutschen Zeitung hatte sie eine gute Position beim Versicherungskonzern R+V, war schwanger geworden und hatte eine schnelle Rückkehr nach der Entbindung geplant. Doch ihr Arbeitgeber drängte sie dazu, Erziehungsurlaub zu nehmen, stellte ihr an ihrem letzten Arbeitstag vor dem Mutterschutz bereits ihren Nachfolger vor. Als sie nach den drei Monaten Mutterschutz auf Rückkehr pochte, wurde ihr ein Arbeitsbereich zugewiesen, der erheblich weniger Einkommen brachte. Alles weist darauf hin, dass Frau Eisele wegen ihres Geschlechts diskriminiert wurde, und deshalb hat sie jetzt R+V verklagt.
Sie wagt, was eine Bekannte von mir sich nicht traute: Diese hatte in einer Führungsposition bei einem deutschen Großunternehmen nach der Geburt ihres ersten Kindes in Vollzeit weitergearbeitet, war aufgrund ihrer Leistungen noch mal befördert worden. Doch als sie ein zweites Mal schwanger wurde, und ankündigte, auch diesmal direkt nach dem Mutterschutz wieder einsteigen zu wollen, legte ihr Chef ihr nahe, ihre Karriere aufzugeben: Jetzt werde sie sicher nicht mehr genug Zeit haben, ihren verantwortungsvollen Posten auszufüllen. Er machte ihr klar, dass sie auf diesen Posten auch nicht würde zurückkehren können. Diese Frau ist nicht vor Gericht gegangen; sie sah voraus, meiner Meinung nach realistisch, dass sie sich durch eine Klage tatsächlich alle Karriereaussichten verbauen würde, auch in anderen Unternehmen.
Oder dann wäre da die junge Frau, die in ihrem Beruf sehr leistungsstark und ehrgeizig ist, gleichzeitig eine Persönlichkeit hat, die Ziele eher mit klaren Aussagen, eigener Meinung und Energie durchsetzt als mit Augenaufschlag und Hilfe-Appellen. Die deswegen immer wieder in Konflikte mit ihrem Chef gerät, den sie als entscheidungsschwach wahrnimmt. Und die von einem Mitarbeitergespräch erzählt, in dem ihr Chef ihr klar gemacht habe, dass es für sie mit Aufstiegschancen schlecht aussehe, zumal sie mit ihrem Mann doch sicher ohnehin in den nächsten Jahren Kinder plane.
Ich sehe alle drei Fälle als Beleg für die These, dass Frausein schlecht für Gehalt und Karriere ist. Und hoffe, dass Frau Eiseles Klage das Bewusstsein für die zugrunde liegenden Stereotypen schärft.
die Kaltmamsell


26. Januar 2008 um 9:01
Kinder sind schlecht für die Karriere. – als Frau, wobei auch Männer, die statt der Familie sich um die Karriere kümmern Vorteile haben.
26. Januar 2008 um 9:59
ich will mich gar nicht weit in das minenfeld gleichberechtigung am arbeitsplatz begeben, aber trotzdem eine kleine begebenheit erzählen.
meine frau kommt nach ihrem jahresendgespräch nach hause:
sie: ich bekomme dieses jahr x als jahresgehalt und einen bonus von y.
ich: ist im jahresgehalt der bonus schon drin?
sie: hm, weiss ich gar nicht, hab ich gar nicht gefragt
meine frau ist kein naives dummerchen aber diese anekdote passt zu einer studie der universität erlangen, die zu dem schluss kommt, dass frauen auch deshalb weniger verdienen, weil ihnen gehalt weniger wichtig ist als männern.
jetzt lässt sich natürlich trefflich darüber diskutieren, ob dieses “typisch weibliche” verhalten gesellschaftlich geformt und genormt wird, aber soll meine frau im nächsten jahresgespräch auf mehr kohle pochen, obwohl ihr andere dinge vielleicht wichtiger sind?
ich finde, dass jede und jeder das ändern soll oder versuchen zu ändern soll, was nicht passt und deshalb find ich es grossartig, was frau eisele macht.
was mich allerdings nervt, sind menschen, die sich hinter clichés, stereotypen und populären weisheiten verstecken, sich daraus als opfer einer bösen gesellschaft produzieren und dann nix machen.
vielleicht nervt es mich auch deshalb, weil ich dann zugeben müsste, dass mein beruflicher erfolg auch – in meinem falle bestimmt sogar ausschliesslich – von eben solchen clichés und stereotypen abhängen könnte: bin ich doch ein mann, weiss, überdurchschnittlich gross, (laut aussage meiner ehemaligen freundinnen und meiner frau) gutaussehend, kein scheidungskind und hatte eine behütete kindheit im mittelklassebildungsbürgertumelternhaus der 80er mit viel nutella, playmobil und geigenunterricht.
sollte deshalb nicht endlich gegen glückskinder diskriminiert werden, so als gesellschaftlicher korrektiv?
wir brauchen da dringend neue studien
26. Januar 2008 um 10:58
Leider ist es heutzutage und hierzulande immer noch so: Frauen müssen sich entscheiden – entweder Karriere oder Kinder.
Beides zusammen ist schwierig bis unmöglich und es werden den Frauen sowohl von Seiten der Firmen als auch von Seiten der Gesellschaft (z.B. andere Mütter! fehlende Betreuungsplätze!) massive Steine in den Weg gelegt, wenn sie beides versuchen.
Für Männer stellt sich diese Frage nicht.
26. Januar 2008 um 11:14
Wen der Fall so beeindruckt wie mich: Sule Eisele hat mit uns über die Klage gesprochen – tolle Frau, Respekt!
http://maedchenmannschaft.net/wenn-uns-schon-die-grosen-fische-schlucken-sorgen-wir-fur-eine-schwere-verdauung/
26. Januar 2008 um 12:30
“wir brauchen da dringend neue studien”
LOL, was wir brauchen sind keine neuen Studien, sondern einen Paradigmenwechsel.
26. Januar 2008 um 12:47
@media addicted
.
Mich macht das so sauer, wenn ich das lese. So sauer!
26. Januar 2008 um 15:00
“.. Doch oftmals mutierten sie zu unzufriedenen, narzisstisch verliebten, ewig gekränkten, zickigen jungen Frauen, die nörgeln und flunschen, wenn die Welt nicht so will wie sie wollen. ..” Der Feminismus und seine Folgen: Devote Männer und zickige Frauen von Astrid von Friesen
Mir tun die Frauen am meisten leid, die wegen der Karriere auf Kinder verzichten und am Ende weder Kinder noch Karriere haben.
26. Januar 2008 um 15:12
Bezeichnend ist es, dass es erst jetzt, im Jahr 2008, bezüglich dieses Themas so etwas wie ein Präzedenzfall geben wird.
Der Kasus “berufstätige Frau” ist noch nicht nachhaltig in der Rechtsprechung (jedenfalls nicht in der deutschen und nicht als eigenständiges “Modell”, der eben nicht nur “dazu verdienenden” Frau, sondern einer, die verantwortungsvoll und eine Familie ernährend in Führungspositionen zu finden ist) angekommen.
Feminismus ist zeitgemäßer denn je, wollen wir uns nicht mit einlullende Parolen und “neuen Studien” von scheinbarer Gleichstellung und gott- oder wie-auch-immer- gegebenen Unterschieden zufrieden geben.
Deshalb ein riesen Dankeschön an Frau Eisele, die den Mut hat, sich durch die Instanzen zu kämpfen.
26. Januar 2008 um 17:22
Da wundert es einen doch nicht, dass in diesem Land immer weniger Kinder geboren werden, nicht wahr ? In einem Land, in den Frauen ja ‘gleich berechtigt’ sind, aber nicht sofort – bitte ! Ohhh, die Herren der Schöpfung könnten ja Angst kriegen!! ;o)
So lange sich in den Köpfen der Herren nichts ändert, sich Frauen mehrheitlich immer noch für traditionell schlecht bezahlte Frauenberufe entscheiden und dann brav daheim bleiben, weil Männe ja nun einfach mehr verdient und die Familie ernähren muss und Mütter immer noch Kinderbetreuung mit “Verwahranstalt” verwechseln, mal ganz davon abgesehen, dass Betreuungsplätze ja immer noch dünn gesät sind, so lange werden diejenigen Frauen, die wissen wollen, wofür sie lange studiert oder eine andere fundierte Ausbildung absolviert haben, auf Kinder verzichten – einfach, um nicht am heimischen Herd zu verblöden.
26. Januar 2008 um 20:06
Wer hat den hier von den Diskutanten Kinder? Pepa, klar. Ich habe 2 und beide Elternteile sind Vollzeit berufstätig. Was uns zu Exoten macht. Rücksicht kann man da nicht erwarten.
“Betreuungsplätze” nutzen wenig, zumindest in den von Kaltmamsell angesprochenen Fall.
1. Teilzeit, und wenn es 30 Std./W. sind, macht niemand Karriere. Das trifft auch für Männer zu.
2. Leitende Positionen verlangen oft Arbeitszeiten und Dienstreisen, bei denen “Betreuungsplätze” alleine nicht viel ausrichten können. Nicht nur in der Wirtschaft, selbst im Öffentlichen Dienst ist heutzutage eine Amtsleiterposition nicht mit 42 Stunden/Woche zu bewältigen.
Aber auch mit Nanny, Au-pair&Co. sind schnell die Grenzen erreicht. Während es im Kindergartenalter noch gut zu koordinieren ist, wird es in der Schule zum Dauerproblem. Die Betreuung der schulischen Aktivitäten (wie Hausaufgaben) ist kaum leistbar. Dazu verlangen die Schulen verstärkt das Engagement der Eltern. Und wenn dies nicht kommt, hat durchaus das Kind darunter zu leiden. Schon mal den Druck der “G12″-Reform erlebt, wenn Kinder den Stoff der eingesparten 13. Klasse in den ersten 5 Gymnasialjahren leisten müssen?
Unsere Konsequenz: Wir werden uns im Frühjahr Internate ansehen. Dann geht 3/4 eines Gehalts für die Internatskosten & Nebenkosten wie Fahrten usw. drauf. Aber anders ist es kaum machbar.
Alternativen? Wie denn? Wenn man mal auf einer Position ist, kann man sich schelcht auf eine Stufe niedriger bewerben, um Teilzeit arbeiten zu können. Im gleichen Unternehmem eh nicht, und in einem anderen Unternehmen würde u.U. ein Umzug, Pendeln usw. dazukommen. Umzug? Für beide?
So sieht die Realität in einem “verantwortungsvollen Posten” aus. Wer kann es Unternehmen verdenken, wenn sie davor zurückschrecken, Frauen mit Kindern oder potentiellen Kindern Verantwortung zu übergeben?
26. Januar 2008 um 20:08
Bei uns in der Schweiz ist das belegt, wir hatten die Präzedenzfälle schon und geändert hat sich ganz, ganz wenig. Wenn, dann durch die Gleichstellungsbüros der Städte und Kantone, die wir seit Jahren aber nur mit knapper Not der immer stärker werdenden SVP und der klammen Sparkralle abtrotzen.
Was mich an den eingehenden zwei Fällen besonders enerviert, ist, dass es trotz der Bereitschaft der Frauen, gleich wieder einzusteigen, nicht gelungen ist. Fälle, wo Frauen ein ganzes Jahr weg sind kann ich eher nachvollziehen, weil es halt in unserer rollenverteilungsmässig noch sehr rückwärtsgewandten Wirtschaft schwierig ist, eine solche Stellvertretung zu finden; also eine, die nach so langer Zeit dann auch wieder Platz machen mag.
Der dritte Fall ist für mich absolut alltäglich, meine Bekannte aus dem HR eines sehr relevanten Bundesamtes plegt das gerne “courant-normal-reg-dich-bloss-nicht-auf” zu nennen. Als ich jung war, war’s genau so, wie du bei der jungen Frau beschreibst. Ich hatte mein Leben lang noch keinen Auftraggeber oder Chef, den ich nicht als entscheidungsschwach und konfliktscheu bezeichnen könnte. Entscheidungen hab ich immer mit Unter- oder Gleichgestellten getroffen und dem Chef in den Mund gelegt, damit er dachte, es sei seine Idee. Klappt gut. Trotzdem habe ich mich immer darum bemüht (und werde das auch weiterhin tun!), junge Frauen nachzuziehen, zu ermutigen und zu fördern.
Noch etwas zu heute:
Als einzige Frau im Kader eines Bildungsunternehmens komme ich mir vor wie in einer Alice-Schwarzer-Reportage der Achzigerjahre. Die Männer gehen (s. “courant normal”), erstaunlich sind die Frauen. Die Asistentinnen im Sekretariat behandeln meine gleichgestellten Kollegen um Meilen besser als mich. Sie führen meine Aufträge nur murrend und nach Mahnungen aus, verlangen von mir unendliche Dankbarkeit und vergessen immer gerade mich bei Kleinigkeiten, ich war z.B. die einzige ohne Weihnachtsdeko oder -güezi im Büro.
Aber würde ich heute sagen, ich bewege mich in einem chauvinistischen System, würde ich wegen Paranoia oder zumindest Ewiggestrigkeit eingeliefert.
26. Januar 2008 um 22:04
Tim klar, wenn beide Eltern mit einer 60/70-Stundenwoche belegt sind, dann ist die Erziehungsarbeit nebenher kaum zu schaffen (ich kenne diese Situation aus meinem beruflichen Umfeld ganz gut. Als Arzt arbeitet man für gewöhnlich ein wenig mehr, als 42 Stunden die Woche. Wenn beide Elternteile diesen Beruf ausüben, gibt es Stress – keine Frage. Und es ist dann fast immer die Frau, die zurücksteckt.)
Allerdings werden aber auch diejenigen Frauen beruflich benachteiligt, die einen Partner haben, der in Teilzeit oder gar nicht arbeitet und der sich somit intensiver um die Kinder kümmern kann.
Ich selbst habe übrigens erst vorgestern von einer Kollegin angeboten bekommen, dass sie meine Kinder (mit) hütet, während ich für eine Woche auf einer Fortbildung bin. Diese Kollegin hat selbst zwei Kinder und hat auch die ganze Zeit über in Vollzeit als Ärztin auf einer Intensivstation gearbeitet.
So ein Angebot ist ein absoluter Glücksfall, klar.
Ganz grundsätzlich sollte man aber auch die Möglichkeit in Erwägung ziehen, am Berufsleben und seiner Arbeitsbelastung – auch in der “Führungsetage” – etwas ändern zu können. Viel Zeit geht auch dort mit an sich Unnötigem verloren, Zeit die man und frau besser nutzen können.
Und 2nd, female, das mit dem chauvinistischen System nehme ich genau so wahr.
Die einzige Möglichkeit dagegen anzutreten sind Frauenbünde, Frauennetzwerke, Frauensolidarität. Danke, dass Sie nicht aufgeben und sich weiterhin bemühen junge Frauen zu fördern!
Es wird seine Zeit dauern und vielleicht werden die Erfolge klein und schleppend sein. Und für uns selbst werden wir vermutlich auch gar nicht mehr so viel erreichen können.
Tun wir es für unsere Töchter (und Söhne!).
27. Januar 2008 um 8:11
Mangelnde Betreuungsplätze akzeptiere ich nicht als Entschuldigung für das Verhalten der Arbeitgeber: Ich warte immer noch vergeblich auf die Geschichten von werdenden Vätern, denen der Chef klar macht, dass ihre Fortpflanzung ihre berufliche Weiterenwicklung massiv behindert. Im Gegenteil: Familienvätern, so das Ergebnis der Statistik, auf die sich der Artikel in der Harvard Business Review beruft, verschafft dieser Umstand traditionell ein höheres Gehalt – weil sie doch jetzt eine Familie ernähren müssen.
Bekannt hingegen ist mir die Geschichte des frischen Vaters und Anwalts, Partner in einer Kanzlei, der sich anhören musste, jetzt sei es aber langsam Zeit, dass er wieder so viele Stunden arbeite wie seine Kollegen; die hätten ja auch mit Kindern bald wieder ihre 12 Stunden gearbeitet. Ebenfalls eine Folge des Geschlechterstereotyps, das die Mutter atomatisch in der Vollzeit-Kinderbetreuung sieht.
All dies weist darauf hin, dass Frau Eisele wegen ihres Geschlechts diskriminiert wurde, nicht wegen ihrer Elternschaft. (Vielen Dank für die Ergänzung des Inteviews!)
Diese Diskriminierung, dieser Hinweis ist mir wichtig, geht keinesfalls nur von Männern aus; die Mechanismen, die 2nd beschreibt, kenne ich nur allzu gut. Es gibt sehr viele Frauen, die eine Änderung der bestehenden Geschlechterverhältnisse aktiv bekämpfen. Nur: Das macht sie nicht gerechter.
27. Januar 2008 um 10:46
Danke Frau Kaltmamsell, dass Du dem Thema wieder aus dem Sumpf der subjektiven Elternrealität heraus geholfen hast.
Denn genau so ist es:
Dem Mann verschafft der Umstand, dass er seine Potenz unter Beweis gestellt hat, indem er seine Gene weitergegeben hat in aller Regel die Chance zur Gehaltserhöhung (durch beruflichen Aufstieg).
Eine Frau hingegen wird bereits aufgrund ihrer potenziellen Mutterschaft diesbezüglich diskriminiert.
Warum es allerdings immer noch Frauen gibt, die diesen Zustand zementieren wollen, ist mir schlicht ein Rätsel.
27. Januar 2008 um 11:38
Ich widerspreche Euch beiden nur ungern, aber aus eigener Erfahrung, aus der Erfahrung meiner engagiert berufstätigen Frau und aus einigen Beiträgen hier in der Diskussion kann ich doch nur eine Schlussfolgerung ableiten:
Es müssen sich Menschen mit einem gemeinsamen Sinn für Verantwortung und Nachhaltigkeit vernetzen. Es bringt überhaupt nichts, solche »Netzwerke« nach dem Kriterium des Geschlechts oder der Berufstätigkeit aufzubauen. Für jede Frau, die auch nur auf die halbe Höhe aufgestiegen ist, wetzen schon mindestens drei andere Frauen
das Messerdie Nagelfeile, um bei passender Gelegenheit zuzustechen. Die Gleichberechtigung ist dem Gesetz nach durchgesetzt und das ist auch gut so. Jetzt muss sie nur noch bei etwas mehr Menschen im realen Leben ankommen.So denke ich im Verlauf eines kurzen Wochenendes, das mir ganz viel Abwechslung mit Arbeit, Sport und Kultur, Wäschewaschen und Kochen, Aufräumen, gesellschaftlicher Verpflichtung (und ein wenig Privatleben) bietet; das aber eigentlich nur noch dafür dient, am Montagmorgen mit freiem Kopf und sportlicher Haltung eine 50-Stunde-Woche anzugehen.
PS: Zur Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung könnten meine Frau und ich inzwischen ein ganzes Buch schreiben. Ich denke, dass die Rolle der Kinderkrippen, Kindergärten und Grundschulen in Wechselwirkung mit der Berufstätigkeit der Frauen deutlich unterschätzt wird. Es geht um viel mehr als um das Abgeben und Abholen des Kindes. Es geht um die Entwicklung kleiner Menschen und um die Wechselwirkung mit den (verantwortungsbewussten) Eltern.
27. Januar 2008 um 11:59
Liebe verantwortungsbewußte Hausmänner und Väter – und dass Du Stefan ein solcher bist, wissen wir – es geht hier nicht darum, Eure Leistungen zu schmälern oder nicht anzuerkennen.
Es geht um eine immer noch vorhandene Diskriminierung der Frau bezüglich allgemeiner Karrierechancen.
Vielleicht einige Beispiele aus eigener Erfahrung?
Ich habe (vor über 20 Jahre, aber seitdem hat sich in der Praxis nichts Entscheidendes geändert) das Feld für einen deutlich weniger qualifizierten Mann räumen müssen mit der Begründung, na?
Dieser Mann wäre schließlich Familienvater und hätte eine Familie zu ernähren.
Ich hingegen sei würde doch sicher irgendwann schwanger werden wollen.
Aus nicht ganz so weit zurückliegender Vergangenheit:
In einer familienrechtlichen Auseinandersetzung bekam ich zu hören, dass mein Fall, der einer alleinverdienenden, die Kinder dennoch betreuenden Familienmutter im Gesetz nicht vorgesehen sei. Das würde jetzt erst so langsam in das Bewusstsein der Justiz einsickern, dass es so etwas eventuell auch geben könnte.
(Ohne das jetzt hier weiter auswalzen zu wollen: Aufgegeben habe ich nicht, bin eine Instanz weiter gegangen, gescheitert, nochmalige Revision des Verfahrens ausgeschlossen. Ein Mann wäre, so versicherten mir mehrere Juristen unabhängig voneinander, anders behandelt worden.)
Die Gleichberechtigung ist dem Gesetz nach durchgesetzt?
Habe ich da etwas verpasst?
27. Januar 2008 um 13:12
Ganz ehrlich: Wenn das Kind seine Hausaufgaben nicht alleine bewältigt und dabei ständig “betreut” werden muß, dann ist das Kind schlicht und ergreifend in der falschen Schulform untergebracht. Man mag darüber streiten, ob diese frühe Selektion oder Selektion überhaupt sinnvoll ist (meiner Ansicht nach ersteres nein, zweiteres ja), das G8 ausgreift ist (nein, und eine dumme Idee ist es auch) etc., aber Überforderung macht keinen glücklich…
27. Januar 2008 um 13:20
Es tut mir leid, dass ich mich oben nicht präzise genug ausgedrückt habe. Aber ich schrieb nicht über das Unterhaltsrecht. Im Artikel und in der Diskussion ging es um das Berufsleben und um das Vereinbaren von Beruf und Kindern. Dort ist die Gleichberechtigung meiner Meinung nach zumindest gesetzlich durchgesetzt. Die Begründung aus der Zeit vor 20 Jahren würde heute sicher eine Klage mit Aussicht auf Erfolg nach sich ziehen.
Zur praktischen Anwendung des Unterhaltsrechts kann ich keine persönlichen Erfahrungen beisteuern, allerdings scheint es dem Vernehmen nach sowohl weibliche als auch männliche Opfer hervorzubringen.
27. Januar 2008 um 13:46
Auch ich habe mich emotional überlagert und damit unpräzise ausgedrückt, Stefanolix.
Die Gleichberechtigung ist zwar gesetzlich durchgesetzt, sie ist aber in der Justiz – wie das Fehlen von Präzedenzfällen anzeigt – und nachfolgend in der beruflichen Realität noch nicht angekommen.
Ferner sei angemerkt, dass Gesetze keine starre Massivmasse, sondern auslegbar, ja sogar verdrehbar sind. Tausende und Abertausende von RechtsanwältInnen verdanken diesem Umstand ihr täglich Brot.
Oder anders ausgedrückt:
Wenn eine mutige Frau wie Frau Eisele, gegen ihr – auch dem Gesetz nach so definiertes – zugefügtes Unrecht klagt, so heißt das noch lange nicht, dass sie vor Gericht auch Recht bekommt.
Oder wie sagte ein von mir hoch geschätzter Richter einmal:
Vor Gericht bekommst du ein Urteil, erwarte nicht, dort Recht zu bekommen.
Deshalb bedarf ein solcher Schritt der breiten Öffentlichkeit und solidarischer Unterstützung.
27. Januar 2008 um 14:18
@Pepa: Wir haben [nach meiner Kenntnis, ich bin kein Jurist und glücklich darüber] auf diesem Gebiet kein Recht, in dem nach Präzedenzfällen geurteilt werden kann. Auch eine Grundsatzentscheidung müsste Raum für Auslegungen lassen. Ich wüsste jetzt auch keine Alternative zu unserem Rechtssystem: wenn der falsche Jurist an der entscheidenden Stelle sitzt, kann kein Rechtssystem der Welt Gerechtigkeit hervorbringen. Gesetze können immer subjektiv ausgelegt werden.
Außerdem muss man es ja nicht bis zum Unterhaltsrecht kommen lassen: einmal in der Woche ein Essen wie z.B. heute mein »Winterlich gewürztes Ragout von der Barbarie-Ente mit Bratapfel und Basmatireis« erhält die Beziehung langfristig und vermeidet derartige Streitigkeiten ;-)
27. Januar 2008 um 15:58
Also, dass sich unser Rechtssystem aufgrund dieser Entscheidung verändert, habe ich jetzt auch nicht angenommen. ;-)
Wenn allerdings in diesem oder ähnlichen folgenden Fällen der Beklagte zu einer saftigen Geldzahlung verdonnert wurde, wird sich die nächste Firma wohl überlegen, ob sie so eine Nummer durchziehen will. Präzedenzfall hin oder her – wenn sich schon die Gerichte nicht aneinander orientieren (und das tun sie wohl schon in gewissem Maße), dann wenigstens orientiert sich die Argumentation der/des nächsten Rechtsanwältin/anwalts einer Geschädigten an den bis dahin ergangenen Urteilen.
(Hallo? JuristInnen hier? Bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege sollte.)
Deshalb ist diese Klage so wichtig.
Und auch wenn das Urteil wider erwarten negativ im Sinne der Gerechtigkeit ausfallen sollte, so wird das Problem wenigstens in das Licht der Öffentlichkeit gebracht.
Wie es ausschaut, scheint es im öffentlichen Bewusstsein ja auch noch nicht so ganz angekommen zu sein.
2. Februar 2008 um 4:19
Natürlich wünsche auch ich Sule Eisele-Gaffaroglu alles Gute und einen Erfolg schon stellvertetend für viele die klaglos gegangen sind oder wurden. Als gemeinsam erziehender Vater von zwei Töchtern habe ich eine Vorstellung davon, wie die Vorstellungen vieler so sind. Natürlich nehmen die meisten meiner Geschäftsbegegnungen an, dass meine Frau das macht (allerdings nehmen wohl umgekehrt viele ihrer Kolleginnen an dass ich das mache), während die Vorstellung dass wir uns das teilen während sie in sogenannter Teilzeit angestellt ist und ich selbständig bin, für viele schwer vorstellbar scheint.
Als ein Vorsitzender des Landeselternrats LER setze ich mich auch für Eltern gleich welchen Geschlechts ein und dafür dass die Angebote für Bildung und Erziehung ein Berfufs- und Familienleben möglich machen. Aber hinweisen wollte ich doch auf die ‘netten’ Angebote die die Beklagte (R+V) noch hat (siehe Link auf meinem Nicknamen).
2. Februar 2008 um 18:01
Ein sehr großer Arbeitgeber praktiziert folgendes: Frauen, die nach der Elternzeit zurückkehren möchten, wird ein Auflösungsvertrag + Abfindung angeboten. Wenn die Frau arbeiten möchte, dann nur ganztags, alles andere funktioniert nicht. Eine Frau, die sich die Halbtagsstelle fast eingeklagt hat, sollte dann eine Präsenzpflicht von 13:00 bis 17:00 Uhr haben. Anderes Beispiel: Nach betriebsbedingten Kündigungen bekam jeder Mitarbeiter ein Gespräch, in dem Möglichkeiten innerhalb des Großkonzerns ausgelotet werden sollten. Einer Frau, die mit dem Technik-Chef zusammen war, sagte man in dem Gespräch: “Heiraten Sie doch!” Auch ‘ne Perspektive, oder?
Das Thema macht mich extremst wütend. Ich kenne Frauen aus unterschiedlichen Branchen, die recht schnell nach der Geburt wieder arbeiten wollten. Die zuvor als kompetente, tüchtige (weil äußerst belastbare) und zuverlässige Mitarbeiterinnen geschätzten Frauen mussten feststellen, dass sie als Mutter überhaupt nicht mehr erwünscht waren. Ich warte noch auf den Tag, an dem man einem Manager sagt, dass er mit nunmehr drei Kindern sicher nicht mehr seiner Arbeit nachkommen könne. Nicht, dass das erstrebenswert wäre, aber so lange Kinder eine Frau ins Karriere-Aus und damit auch ins finanzielle Abseits katapultieren, ist nicht wirklich viel erreicht.
15. Februar 2009 um 5:33
Oh wie fein, Frau Kaltmamsell errät meine momentanen nächtlichen Sorgen und schreibt was drüber. Liege gerade wach und denke drüber nach, ob man nicht mal das zweite Kind bekommen sollte – ja sehr gern, nur geht das leider erst, sobald ich hier in meiner neuen Stadt eine Arbeit gefunden habe. Wenn ich nämlich jetzt ein zweites bekomme, kann ich frühestens erst in zwei Jahren mit der erneuten Arbeitssuche beginnen. Dann bin ich Ende 30 und hab zwei kleine Kinder – kurzum, ich wäre die ideale Arbeitnehmerin. Der Arbeitsmarkt bestimmt also meine Familienplanung. Super, gell?