Archiv für Mai 2008

Grabräuber im All

Donnerstag, 29. Mai 2008

Liebe interstellare Nachbarn,

sollten Sie noch den einen oder anderen Schädel Ihrer verblichenen Stammesangehörigen vermissen: In der Münchener Lindwurmstraße gibt es da einen Edelsteinladen…

(Empfehlenswerte Besprechung des Films bei Anke Gröner)

Vermischte Momente

Mittwoch, 28. Mai 2008

Der Tag mit dunkel bedecktem Himmel, der nach kontinuierlicher Abkühlung aussah und gleichzeitig immer wärmer wurde. Nächtliches Heimradeln in balsamdicker Luft.

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Urlaub daheim ist ein kleines Aussteigen. Frühmorgendliche Straßenbahnfahrt zur Muckibude, ich in Schlumpfklamotten, ungekämmt, Sand in den Augen, unsichtbar – um mich herum hübsche junge Menschen, duftend, frisiert, hergerichtet für den Arbeitstag, alert.

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„I‘ve always thought that love thrives on a certain kind of distance, that it requires an awed separateness to continue. Without that necessary remove, the physical minutiae of the other person grows ugly in its magnification.“
(Siri Hustvedt)

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Den „moo point“ von Joey in Friends gibt‘s ja wirklich im Englischen – fast, nämlich als moot point.

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Die komplizierte Straßenkreuzung, eigentlich zwei Kreuzungen kurz hintereinander, die ich auf dem letzten Stück meines Isarlaufs diagonal überqueren musste. Alle Ampeln waren ausgefallen, manche warnten gelb. Die morgendliche Rush Hour wurde also von Polizisten geregelt. Ich bedauerte sehr, dass ich keine Zeit hatte stehenzubleiben – ich liebe die gemessenen Tai-Chi-Bewegungen von verkehrsregelnden Polizisten, könnte ihnen stundenlang zusehen. Und in diesem Fall auch noch als Pas de deux, denn die beiden Männer in Beige-grün mussten ihre Signale aufeinander abstimmen, damit der Verkehr fließen konnte. Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, dass Polizeibeamte es hassen, mitten auf einer Kreuzung den Hampelmann machen zu müssen – so sehen sie es angeblich. Schade, wo sonst in ihrem Job wirken sie so offensichtlich kompetent und souverän? Und macht es denn gar keinen Spaß, mit einer schlichten Handbewegung einen 18-Tonner zum Stehen zu bringen?

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Der Anti-Sangria, der in Brighton auf jedem Straßencafé-Tisch stand: Pimms als Longdrink mit Orangen- und Zitronenscheiben sowie Gurke und einem Minzzweig wird mein Sommergetränk.

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Letzter Urlaubstag. Hoffentlich meldet sich der Installateur, der den stark tropfenden Klo-Zufluss reparieren soll.

Brighton 2008 – 4

Sonntag, 25. Mai 2008

Einen noch, meinen Damen und Herren, dann ist Brighton für dieses Jahr rum. Gelaufen bin ich nämlich ganz viel – interessanterweise scheinen meine Gelenke gegen den Beton des Undercliff Walks weniger einzuwenden zu haben als gegen Asphaltboden.

Ein Versuch, den köstlichen Seegeruch per Foto festzuhalten. Konzentriert draufschauen und ganz tief einatmen.

Und dann gab es da neben Kormoranen, Möwen, Staren, Krähen noch diesen reiherartigen mit weißer Kopflocke.

Sowie diesen hübschen Kerl, den ich zum südenglischen Spitzspatz ernannte (Wiesenpieper?).

Jetzt, zurück in München, vermisse ich bereits das Möwengequäke, den Cappuccino bei Redroasters, das Bier. Dafür kann ich mich zu den Überlebenden des neuen Heathrow Terminal 5 zählen (der National-Express-Busfahrer machte ein arg sorgenvolles Gesicht, als er erfuhr, wo er uns rauslassen sollte); sogar unser Gepäck kam ordnungsgemäß mit.

Brighton 2008 – 3

Freitag, 23. Mai 2008

Gestern in den hiesigen Wagamama reingeschmeckt (Suppen so gut wie in Erinnerung, Lokal allerdings Treffpunkt örtlicher Babyhalter), im größten Trödelmarkt der Stadt alte Fotos von irgendwelchen Frauen gekauft, den neuen Indiana Jones geguckt (kann, aber warum hat man ihn – unter anderem – nicht einen alten Mann sein lassen, wie in The Last Cusade den Herrn Papa?), nach der Ruine des West Pier gesehen (gestern wurde laut Lokalpresse das Go für den Neubau i360 gegeben), Cider getrunken. Davor, danach und dazwischen gelesen.

Dazu ein paar Touristenbilder.

Brighton Hauptbahnhof

Royal Pavilion

West Pier

Rosentag

Mittwoch, 21. Mai 2008

Vor 15 Jahren stellte sich ein Mann vor mich hin, gab mir die größte rote Rose, die ich jemals gesehen habe, und sagte: „Wenn du irgendwann des Singledaseins überdrüssig bist – denk an mich.“ Das geh ich jetzt feiern.

Brighton 2008 – 2

Mittwoch, 21. Mai 2008

Das ist dann doch ein Sonnenbrand, das Rote auf meinem Nacken. Man möchte meinen, ich wäre zum ersten Mal im Leben bei wolkenlosem Himmel Wandern gegangen – oder warum sonst ignorierte ich den Umstand, dass frischer Wind in keiner Weise vor UV-Strahlen schützt?

Wundervoll war es in den South Downs um Southease und Rodmell.

Auch wenn das Überqueren von Gleisen hier ganz besondere Anforderungen stellt.

Wir begegneten nicht nur erklärungsbedürftiger Landschaftskunst,

sondern auch Kühen und Kälber vielerlei Rasse, Schafen, einem riesigen schwarz-rosa Schwein, zwei Kaninchen, Pferden, Ponys, einem Reiher und vielen kleinen und mittelgroßen Vögeln, die ich daheim hoffentlich mit Hilfe meiner Bücher identifizieren kann (da war zum Beispiel dieser kleine weißbäuchige, kirschrot-gesichtige Koloratursänger mit kurzem Schnabel…).

Azar Nafisi, Reading Lolita in Tehran

Mittwoch, 21. Mai 2008

„Living in the Islamic Republic is like having sex with a man you loathe“ beginnt Kapitel 22 von Azar Nafisis umwerfendem Buch Reading Lolita in Tehran. Im darauffolgenden Absatz erklärt sie diesen Vergleich:

Well, it’s like this: if you’re forced into having sex with someone you dislike, you make your mind blank – you pretend to be somewhere else, you tend to forget your body, you hate your body. That’s what we do over here. We are constantly pretending to be somewhere else – we either plan or dream it.

Das ist nur eine Stelle, von der ich mir sehr sicher bin, dass sie in dem Hörbuch der deutschen Übersetzung nicht vorkommt (ist mir zu anstrengend zu verifizieren). Ich schätze, dass mindestens die Hälfte des Buches für die deutsche Hörbuchfassung gestrichen wurde – man bekommt also ein Listener’s Digest. Nein, das ist definitiv nicht das Buch, nur halt vorgelesen. Ebenso fehlt am Hörbuch der Untertitel „A memoir in books“, aus dem hervorgeht, dass es sich nicht um Fiktion handelt. Ja, das ist wichtig. Oder die Kapitelüberschriften „Lolita“, „Gatsby“, „James“, „Austen“, die den Untertitel berechtigen.

Dabei will ich mich gar nicht in erster Linie über die verlogene Hörbuchfassung beschweren, sondern lieber vom Buch schwärmen. Azar Nafisi ist eine aus Iran stammende Literaturwissenschaftlerin, die nach ihrem Studium in den USA in ihre eben vom Schah befreite Heimat Tehran zurückkehrte, um dort an der Universität zu unterrichten. Das Buch erzählt ihre Jahre dort bis 1997, als sie wieder wegging.

Den Rahmen und roten Faden bildet ein Seminar, das Nafisi in den letzten beiden Jahren bei sich zu Hause gab und für das sie einige besonders literaturwissenschaftlich engagierte Studentinnen ausgewählt hatte. Sie beginnt mit einer Beschreibung der beiden Abschiedsfotos des Kurses – einmal in voller Verschleierung, einmal von den unverschleierten Teilnehmerinnen. Sie beschreibt detailliert jede ihrer Seminaristinnen – und wo mich sonst in Geschichten zu genaue Personenbeschreibungen nerven, haben sie in diesem Fall eine klare Funktion: Nafisi gibt den Frauen damit die Individualität zurück, die der Tschador ihnen nimmt.

An den wöchentlichen Seminartreffen entlang erzählt Azar Nafisi ihre eigene Entwicklung als Dozentin, Bürgerin, Person und die des Iran. Mit den sehr klugen Überlegungen zu den behandelten Romanen sind politische Beobachtungen verwoben, Analysen der erst immer radikaleren Islamisierung, des irak-iranischen Krieges, der ersten Reformen, links und rechts begleitet von Alltag. Dabei verlässt Nafisi nie den leichten und gleichzeitig spannenden Plauderstil, der sie einem direkt gegenüber an den Kaffeehaustisch setzt.

Das Buch, das alle Qualitäten eines hervorragend geschriebenen Romans hat, lebt von dem Kontrast zwischen der Welt der westlichen Romane, die Nafisis Forschungsgebiet darststellen, und dem postrevolutionären Iran / Tehran (ich bleibe mal bei der englischen Schreibweise). Sie hat viel Gespür für die maßlose Komik, die aus der islamischen Diktatur entsteht. Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Psychologieprofessorin, die sich der Verschleierung entzieht und sich mit einem eifrigen, dicken Sittenwächter ein Wettrennen quer über den Uni-Campus liefert (noch vor der Zeit, in der die neuen Gesetze mit Gewalt, Folter und Gefängnis durchgesetzt wurden – weshalb ich beim Lesen noch lachen konnte). Oder die wundervolle Seminarstunde während Nafisis Lehrtätigkeit an der Universtität, als sie die Interaktion der Charaktere aus Austens Pride and Prejudice mit einem Tanz der damaligen Zeit vergleicht. Die persischen Studentinnen können sich darunter nichts vorstellen, und so lässt ihre Dozentin sie nach ihren Anweisungen tanzen – elegante englische Tänze vom Anfang des 19. Jahrhunderts, ausgeführt von tief verschleierten Studentinnen in einem Seminarraum der Universität Tehran.

Auch wenn die Geschichten linear vorgeht, sind die verschiedenen Zeitebenen miteinander verflochten; die Tanz-Episode wird zum Beispiel als Erinnerung erzählt – eine der Studentinnen in Nafisis Privatseminar war sich nicht sicher gewesen, ob sie sich mit ihrem fernen Verlobten verstehen würde, und so hatte eine ihrer Kommilitoninnen gemeint, vielleicht sollte sie mit ihm tanzen, um das herauszufinden. Wir erfahren viel über diese sehr verschiedenen Frauen, so, wie Azar Nafisi in den beiden Jahren dieses besonderen Seminars viel über sie erfahren hat. Gleichzeitig entsteht ein sehr lebendiges Bild von Tehran, davon, welch wundervolles Land Iran einmal gewesen sein muss – und es außerhalb des Zugriffs der Machthaber wohl immer noch ist. An vielen Details werden die Auswirkungen einer in Diktatur geendeten Revolution auf unterdrückte Bevölkerungsgruppen geschildert, in diesem Fall vor allem auf Frauen. Und auch wenn die Frauen in diesem Buch es über weite Strecken versuchen – irgendwann hilft ihnen auch das Lachen nicht mehr.

Die englische Buchhandelskette Waterstone’s ist mir unter anderem deshalb sympathisch, weil die Mitarbeiter jeder Filiale ihre eigenen Favoriten präsentieren (mit handschriftlichen Begründungen am Regal). Zudem gibt es Schildchen „life-changing book“. An Reading Lolita in Tehran befestige ich hiermit ein solches.