On His Deafness

Sonntag, 9. August 2009 um 10:12

Deaf_sentence_1

Ich bin mir ganz sicher, dass David Lodge mit diesem Titel für seinen Roman Deaf Sentence gespielt hat – John Miltons “On His Blindness” ist für einen Literaturwissenschaftler, wie er einer ist, die unvermeidliche Assoziation.* Doch er entschied sich für das Spiel mit dem Wort deaf, das er, im Gegensatz zur Milton-Anspielung, durch den ganzen Roman ziehen kann (z.B. deaf on arrival, deaf in the afternoon, und den Lippenlesekurs nennt er deaf row). Die Übersetzerin ins Deutsche, Renate Orth-Guttmann, wird ihre Mühe gehabt haben; der deutsche Titel Wie bitte? ist ein Indiz.

Hauptfigur des Romans ist Desmond Bates, ein Linguistikprofessor jenseits der 60 im Norden Englands. Hauptthema ist seine Schwerhörigkeit, zu Herzen gehend und in vielen Details geschildert. Sie bildet den Hintergrund für die Handlung um den frühpensionierten Desmond, seine beruflich erfolgreiche Frau Winifred, Desmonds ebenfalls schwerhörigen und langsam pflegebedürftigen Vater in London, um die zwielichtige amerikanische Doktorandin Alex. Die äußere Form ist die eines Journals, das Desmond in seinen Rechner tippt, inklusive der Schreibpausen, die sich durch überstürzende Ereignisse ergeben.

Schon mit Anfang 40 wurde Desmonds Hörkraft immer schwächer und beeinflusste jeden Bereich seines Lebens. Die Ausführlichkeit, mit der die Geschichte uns in diese Details mitnimmt, hat mir zum ersten Mal eine Ahnung davon vermittelt, was das bedeutet. Aus allem aber spricht David Lodges typischer warmer Blick für die inhärente Komik: “Deafness is comic, blindness is tragic.” Die Kundigkeit der Schilderung ist nicht nur Ergebnis von Recherche; in den “Acknowledgements” schreibt Lodge: “The narrator‘s deafness and his Dad have their sources in my own experience.”

Manchmal wird die Komik zu bitterem Lachen: Es gibt einfach fast keine Interaktion, die nicht von Desmonds Schwerhörigkeit betroffen ist. Eingangs schildert er eine Unterhaltung zwischen sich und seiner Frau in der knappen Form, die wir aus Romanen gewohnt sind. Doch dann notiert er, wie dieses Gespräch tatsächlich verlaufen ist, nämlich an jeder Stelle durchsetzt von “What?”, Verhörern, Wiederholungen. Schon da wird klar, wie anstrengend jede Art mündlicher Konversation für einen Schwerhörigen ist. Oder die Frustration, am 2. Weihnachtsfeiertag festzustellen, dass die Ersatzbatterien fürs Hörgerät die falsche Größe haben und natürlich alle Kaufmöglichkeiten geschlossen sind. Interessanterweise taucht trotz einiger Sexszenen die Auswirkung von Schwerhörigkeit auf die Details im Bett nicht auf. Diese kenne ich aus Notquitelikebeethovens Beschreibung.

Deaf Sentence ist dennoch keineswegs ein Roman über Schwerhörigkeit, sie bildet lediglich einen intensiven Hintergrund. Die Geschichte erzählt Familienverwicklungen, Universitätsalltag, das Liebesleben nicht mehr junger Menschen, viel England. Und das mit David Lodges sprachlicher Leichtigkeit, die ich schon immer sehr schätzte. Ich werde seine Romane noch ausführlicher empfehlen. Fangen Sie vielleicht schon mal mit Changing Places an.

*Nachtrag: Ich hätte vielleicht erst mal “On his Deafness” gogglen sollen. Das gibt es natürlich schon, und zwar seit 1734, nämlich als Gedicht von Jonathan Swift.

die Kaltmamsell

10 mal Beifall zu “On His Deafness”

  1. kittykoma meint:

    die unterhaltung mit einem schwerhörigen ist wahnsinnig schwierig. es hat was von absurdem theater. immer wieder retardieren, wiederholen. oder auch die anstrengende übung, eine normale, positive mimik und gestik beizubehalten, dabei aber fast zu schreien.
    ich habe bei meinem großvater damals alles versucht: mit stütze sprechen, die stimme tiefer modulieren (meine lauter und dabei höher werdende stimme, war in dem frequenzbereich, den er garnicht hörte), wir verstanden uns nur noch bei ganz einfachen, alltäglichen dingen. das, worüber ich mich wirklich mit ihm unterhalten hätte (und wir waren und sehe sehr nah, als ich klein war), diffizile Sachen, diskussionen, diskurse, ging nicht mehr. es war eine einwegkommunikation geworden. er sagte und erzählte etwas und konnte meine nachfragen und einwände nicht verstehen.

  2. Not quite like Beethoven meint:

    Oh, in Ergänzung zu Lodge erwähnt, ich fühle mich geehrt. Danke, Fräulein Kaltmamsell! Auch für die Heinweise zu Swift und Milton. Da werd ich mal reinschauen.
    Deaf Sentence habe ich übrigens mit “Taubesstrafe” zu übersetzen versucht.

    Kittykoma — und genau so ein Brocken, so ein Hindernis in der Kommunikation zu sein zermürbt auch.

  3. Hande meint:

    Das finde ich jetzt interessant – ich habe bisher nichts von David Lodge gelesen, aber die Beschreibung hier macht lust. Und von Schwerhörigkeit bin ich auch betroffen… ;-)
    Und ich sehe jetzt wird gerad Everything Is Illuminated gelesen. Habe selten so gelacht. Bin gespannt, was die Frau Kaltmamsell darüber schreibt.

  4. Sabine meint:

    Sind die Sexszenen so schlimm (sprich unerotisch und aufdringlich) wie immer bei Lodge? Das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe, ist mir deswegen in besonders schlechter Erinnerung geblieben; persönlich sind mir die ewigen Ehebrechereien auch zu unappetitlich. Dass das neue Buch der Beschreibung nach ähnliches vermuten lässt, hat mich nicht zum Lesen angeregt, auch wenn ich seine älteren Bücher sehr schätze.

  5. kittykoma meint:

    @sabine: mache leute suchen “stellen” (sogar heute noch, in den zeiten des überbordenden sexangebotes habe ich mir sagen lassen), ich glaube, man kann sie auch überspringen. sie sind wie arien, kunstvolle ausarbeitungen eines themas – auch zu viel koloraturen können nerven. einfach ein paar seiten weiter blättern, mal einen satz riskieren: poppen die immer noch?, wenn nein, dann weiterlesen.
    @not quite like beethoven: ich glaube, in der kommunikation ist ein hörproblem schwieriger als das fehlen des sehens. es geht so viel über worte. fast zu vel.

  6. Elbnymphe meint:

    @Kaltmamsell: Prima, da habe ich doch gleich ein Weihnachtsgeschenk für jemanden in meiner kollektiv alterstauben Familie. Danke!
    @Sabine: Als ich Changing Places las, war ich als Jung-Akademikerin öfters auf Konferenzen unterwegs, und was er beschreibt, spiegelte meine Beobachtungen und Erfahrungen so sehr wieder, daß es meinen Blick für Realsatire ungemein schärfte. Unappetitlich? Schlimm? Wahr!

  7. die Kaltmamsell meint:

    Die Sexszenen bei Lodge fand ich bislang nicht schlimm, Sabine, in Paradise News steht sogar eine meiner überhaupt liebsten. Aber auch mir fiel wieder auf, dass Lodge gerne einen Schritt über die Stelle hinaus beschreibt, an der üblicherweise ausgeblendet wird – das kann irriteren.

  8. Sabine meint:

    Nichts gegen ausführliche Sexszenen, aber meine Einwände bei Lodge sind, dass a) ich sie nicht besonders gut geschrieben finde, und dass b) die immer gleichen Beziehungs-Themen Lodges mir als etwas obsessiv aufstoßen. Die Jugendliebe, die der Protagonist nicht vergessen kann, ist ja noch halbwegs rührend und langt vielleicht für einen Roman. Die sexuell und fitnessmäßig erwachende Mitvierzigerin, so sympathisch der Gedanke auch sein mag, ist schon für *einen* Roman etwas zu kitschig, und vor allem die latente Bedrohung, die bei Lodge von solchen Figuren ausgeht, missfällt mir. Ganz übel sind die lüsternen mittelalten bis älteren Männer, die durch Krisen gehen und es mit einer jungen knackigen Frau (alternativ der nicht mehr ganz so jungen, aber wenigstens in der Erinnerung knackigen Jugendliebe, s.o.) noch einmal wissen wollen. Lodge ist wief genug, um die Geschichten meist schlecht ausgehen zu lassen, aber wenn das gleiche Muster immer und immer wieder auftaucht, dann legt sich mir der Verdacht nahe, dass der gute Autor da seine eigenen Bedürfnisse verarbeitet. Und ich teile seine Vorlieben nicht, also finde ich’s ein bisschen eklig.

    @kittykoma: Deshalb ist es mit dem Überspringen der “Stellen” auch nicht getan. Ganz abgesehen davon darf man bei besserer Literatur doch wenigstens darauf hoffen, auch einer fein beschriebenen Kopulation beiwohnen zu dürfen?

    So. Die Universitätsromane finde ich hinreißend. “Paradise Lost” (fitte Mittvierzigerin!) und “How far can you go?” (Jugendliebe!) lese ich immer wieder gerne.

  9. Extramittel meint:

    Oh, ein David Lodge, den ich noch nicht kenne. Es gibt doch noch Dinge, auf die man sich freuen kann. Auch mich haben die Sexszenen nie gestört, der Vollständigkeit halber sei hier noch “Therapy” erwähnt, wo da von böse bis rührend ein breites Spektrum abgedeckt wird. Meine Lodge-Favoriten sind aber nach wie vor “Changing Places” und “Small World”.

  10. Sabine meint:

    Ich habe das Buch gerade fertiggelesen, und hätte es eigentlich lieber als zwei lange Beiträge zu einem Magazin gelesen – die Behandlung der Taubheit ist wirklich anrührend und interessant, ebenso das Verhältnis zum alten Vater. Aber der Rest, nun ja… Als Roman fand ich Deaf Sentence einfach nicht überzeugend – die Alex-Geschichte stiehlt sich einfach irgendwann davon, ohne zu einem echten Abschluss zu kommen, und der Polen-Trip passt überhaupt nicht zum Rest der Geschichte.

    Aber mit Sexszenen hat er sich ja Gott sei Dank zurückgehalten, obwohl auch hier wieder zwei der Damen aus dem Standardprogramm auftauchen. Und natürlich der ewige Griff Roms, der der Kirche entwachsene Katholiken wohl nie loslassen wird…

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