Archiv für November 2010

Die nächsten vier Monate

Dienstag, 30. November 2010

Heute Morgen habe ich sie also doch aus dem Keller geholt: Die Schneeschuhe, die ich dann wohl die nächsten vier Monate auf meinem Arbeitsweg tragen werde, die Salongschleicher fürs Büro im Täschchen dabei. Jaja, sieht sehr hübsch aus da draußen mit all dem Schnee, heute auch noch sonnenbeschienen. Leider erinnere ich mich noch allzu deutlich an den Überdruss, den dieser Anblick im März auslöste – ich hatte nicht genug Zeit und nicht genug Sommer, mich davon zu erholen.

Die Frau, die vor 15 Jahren meinen Namen trug…

Montag, 29. November 2010

… nutzte diese Dinge beim Sport. Es handelt sich um Gewichte, die ich beim Aerobic-Hüpfen fünf Mal die Woche trug, um das Training zu intensivieren: die blauen Manschetten um die Fußknöchel, die roten Gewichte an den Händen.

So und mit Weglassen des Abendessens mindestens zweimal die Woche ließ sich die Konfektionsgröße 36/38 ein paar Jahre halten.

Ich verstehe nicht, warum ich die Dinger erst gestern weggeworfen habe.

(Gerne würde ich behaupten, dass ich heute viel glücklicher bin und ein viel besseres Verhältnis zu meinem Körper habe. Zumindest genieße ich häufiger köstliche Speisen und Getränke.)

Die Zukunft des gedruckten Buches

Sonntag, 28. November 2010

Im Merkur hat Kathrin Passig sehr Kluges zur Zukunft des gedruckten Buches geschrieben: „Das Buch als Geldbäumchen“.

Darin blickt sie auf ihr eigenes gewandeltes Verhältnis zum Buch zurück, macht sich – wie immer angenehm sachlich und unaufgeregt – Gedanken über die heutige Funktion von Büchern und skizziert, welche Formen die Veröffentlichung und die Rezeption von Texten in naher Zukunft annehmen werden.

Ich muss ja immer schmunzeln, wenn mal wieder jemand, meist ein Feuilletonist einer großen Tageszeitung, versichert, das physische Umblättern beim Lesen inklusive der Haptik und Olfaktorik, sei nunmal ein grundmenschliches Bedürfnis, alles andere verursache Unbehagen und werde sich deshalb nie durchsetzen. Das ist doch lediglich erlerntes Kulturverhalten. Selbst gehöre ich noch ganz zur Lesegeneration, die sich am wohlsten mit einem papierernen Buch fühlt, das ich im Bett, im Zug lese. Doch mir ist sehr bewusst, dass das einfach zu meiner Kultur gehört, ähnlich wie meine Essvorlieben (vergorene Kuhausscheidung: lecker; geröstete Insekten: eklig). Und ich habe förmlich den Unterbibliothekar von Alexandria vor Augen, der am Anfang unserer Zeitrechnung mit seinen Kollegen über diesen neumodischen „Codex“ ablästert, der sich gegenüber den verbrieft praktischen Schriftrollen niemals durchsetzen werde: Zu umständlich das Blättern, diese Präsentation von Text in seitenweisen Häppchen, wo man doch in einer Schriftrolle flüssig und ohne Unterbrechung scrollen kann.

So weit wie bei Passig ist mein Verhältnis zum gedruckten Buch einfach noch nicht. Zwar ist seit einigen Jahren mein Bedürfnis verschwunden, jedes gelesene Buch auch zu besitzen: Ich gebe alles weg, was mir nicht zum Nachschlagen dient oder ich nicht sicher ein weiteres Mal lesen werde. (Das hat die Bücherregale chez Kaltmamsell allerdings nicht leerer gemacht, das ich sie mit einem leidenschaftlichen Sammler teile; es schrumpft lediglich mein Anteil am gemeinsamen Buchbesitz.)
Aber noch kaufe ich jedes Buch, das ich lesen möchte, wenn auch durch Online-Merkzettel erheblich disziplinierter als noch vor ein paar Jahren, nämlich nicht mehr auf Vorrat.

Auch der Mitbewohner und ich stehen schon seit einiger Zeit vor dem Problem, dass wir ausgemusterte Bücher sehr schwer loswerden – nicht mal geschenkt. Institutionen wie Krankenhäuser oder Stadtbüchereien, die noch vor zehn Jahren als sichere Abnehmer galten, nehmen nichts mehr an. Das ist nur ein Symptom, dass Frau Passig mit ihrer Prognose Recht haben könnte.

Teilsieg im Kampf gegen Migräne

Samstag, 27. November 2010

Möglicherweise habe ich endlich eine Waffe gegen Migräneattacken gefunden. Im Sommer hatte ich endlich einen Neurologen konsultiert, der mir ein Medikament verschrieb. Da die enorme Übelkeit meiner nächtlichen Migräneattacken mit einer Entleerung des Verdauungsapparats in alle Richtungen einhergeht (Verzeihung), ist die Medikation mit einem der erprobten Triptane technisch schwierig. Doch auch für diesen Fall hat sich die Pharmaindustrie etwas ausgedacht: Aufnahme des Wirkstoffs über die Nasenschleimhaut. Ich holte mir also aus der Apotheke ein Migränenasenspray, genauer: sechs Migränenasensprays mit je einer Einzeldosis. Verbunden damit war die Anweisung, sie beim allerersten Anzeichen einer einsetzenden Migräne zu verwenden. Als ich also nach einem wundervollen Abend in Gesellschaft zweier ausgesprochen bereichernder Damen, aber auch mit einem gefährlichen dritten Glas Wein nachts erwachte und leichte Übelkeit sowie ein wenig Kopfschmerz wahrnahm, hielt ich mich nicht lange mit der Überlegung auf, ob das nun eine Migräne ist oder nicht – bislang war genau diese Überlegung immer das verlässliche Symptom der unaufhaltsamen Lawine. Das Spray beseitigte innerhalb weniger Minuten Übelkeit samt Kopfschmerz und ließ mich bald und lange schlafen.

Heute fühlte ich mich zwar ein wenig postmigränal schlapp, war aber schon um eins fit genug für eine Laufrunde an der Isar.

Spaziertipp für morgen: In der Unterführung am Friedensengel erstellten heute junge Männer neue Wandbemalung. Der erster Eindruck war sehr vielversprechend.

Diese Bemalung unter der Tivolibrücke hingegen ist schon älter. Ich muss beim Vorbeilaufen immer lächeln: sehr München (gibt es vielleicht Duft-Spraydosen?).

Neues Twitter-Hintergrundbild bis Frühling.

Erster (echter) Schnee der Saison

Freitag, 26. November 2010

Schließlich bin ich meinem zukünftigen Ich gegenüber in der Chronistenpflicht. Die ersten Schneeflocken habe ich zwar schon vergangenen Dienstag, 23. November, vom Bürofenster aus gesehen, doch erst heute sind sie auch liegen geblieben.

Wie praktisch, dass ich heute frei habe, beim Turnen am Ostbahnhof war und von dort aus ein hübsches Panoramabild aufnehmen konnte.

Internet verzerrt die Wahrnehmung

Freitag, 26. November 2010

Diese bösen virtuellen Welten? Verzerren völlig die Realität? Machen vereinsamte Onliner irgendwann lebensunfähig? Da ist was dran.

Damals, als ich mit dem Bloglesen anfing, ein paar Monate bevor ich selbst mit dem Bloggen begann, war der Anteil der Techniker und Technikerinnen unter den Ins-Internet-Schreibern hoch. Das hatte damit zu tun, dass noch kurz davor Einiges an technischer Beharrlichkeit nötig war, um als User Internet-Content zu generieren. (Erst letztes Wochenende saß ich mit einer der Pionierinnen zusammen, die in der zweiten Hälfte der 90er, als das Wort „Blog“ noch gar nicht erfunden war, mit Hilfe von Buchtaben zwischen spitzen Klammern Websites frickelte.) Ich stieg ja zu einem Zeitpunkt ins Internetschreiben ein, als ich dazu nur vorgegebene Felder ausfüllen musste und auf einen Knopf „Publish“ klicken.

Der tiefe Eindruck, den ich als Erstes durchs Bloglesen bekam: Unzählige Leute da draußen konnten verdammt gut schreiben. Und da ein sehr großer Teil davon von Technik und IT lebte: Techniker und ITler können verdammt gut schreiben.

An dieser Stelle werden Leser und Leserinnen ohne diesen Internet-Werdegang herzlich lachen. Aber ich falle bis heute immer wieder aus allen Wolken, wenn ich im beruflichen Umgang Schriftliches von einem Haus-ITler bekomme: Die können ja gar nicht gut schreiben!

Ein Hauptschuldiger an dieser unrealistischen Erwartung an den Alltag ist Wendelbald Klüttenrath, der erst unter einem anderen Namen bloggte, den er aus Urheberrechtsgründen aufgeben musste (lange Geschichte), und der zu meinen allerersten Lieblingsblogs gehörte. Schäubles Datenpolitik vergällte ihm 2007 dauerhaft die Internetschreiberei, er hinterließ eine deutliche Lücke. Doch jetzt ist er wieder da, mit seinem antiken, Zweitakt-betriebenen Blog auf Diaryland. Ich freue mich sehr, auch wenn ihn erst mal der Schlag treffen musste, damit es ihn zurück an die Tastatur trieb.
(Ob wir ihn wohl dazu kriegen, einen RSS-Feed einzuschrauben?)

Design ist Schauspiel

Donnerstag, 25. November 2010

Es ist sehr einfach, sich über das Darstellungsbedürfnis seiner Mitmenschen lustig zu machen – das weiß ich, weil ich es selbst ständig tue.

Der Tagesspiegel stilkritisiert den „unheimlichen Trend zu Outdoorkleidung“, also die Heerscharen von Deutschen, die ihren Weg zum Nanga Parbat anscheinend gleich auf dem Münchner Marienplatz antreten.

Sie wissen: diese sündhaft teuren Spezialklamotten, gemacht für hochalpine Witterungsbedingungen oder Arktisexpeditionen von Herstellern wie North Face, Vaude, Jack Wolfskin, Patagonia oder Wellensteyn. Wasserabweisende, atmungsaktive Anoraks mit abnehmbaren Pelzkrägen, UV-Strahlenschutz, hunderttausend versteckten Taschen und Reißverschlüssen, mit Unterarmventilation und strahlenabweisender Handytasche.

Kaum liegt der Spekulatius in den Supermarktregalen sind sie überall: in der
U-Bahn, der Imbissbude, der Fußgängerzone, im Kino, im Park, sogar im Kindergarten und auf dem Spielplatz. Im Wendland lief jüngst die halbe Führungsriege der Grünen in den Jacken mit dem Tatzen-Logo auf. Eine Kollegin, die kürzlich über den Berliner Alexanderplatz lief, zählte bei einer einzelnen Überquerung 47 Jack-Wolfskin- und 14 North-Face-Jacken. Wahnsinn!

Ich musste umgehend an SUV-Automodelle denken, bei deren Anblick ich unschlüssig bin, ob sie als Panzer für den nächsten Russlandfeldzug fungieren sollen oder die Fahrerin vielleicht ja direkt von ihrer Alm auf dem Reisberg bei Lippertshofen angefahren kommt. Denn, so denke ich mir, niemand wird doch wohl diese spritsaufenden Scheußlichkeiten ohne schmerzliche äußere Zwänge kaufen. Auch dieses Jahr allerdings sprechen die Geschäftszahlen von Porsche eine andere Sprache: Am besten verkauft sich der SUV des Herstellers. So viele Almbewohner, Försterinnen und Privatarmeen gibt es in der deutschen Bevölkerung ganz sicher nicht.

Die einfachste Erklärung: Die Leute wollen doch bloß spielen. Sie verkleiden sich als Darsteller in einer imaginären Szenerie, mit der sie positive Gefühle verbinden. Letzte Woche begegnete ich einem Grüppchen junger Punk-Darsteller im Untergeschoß des Marienplatzes: So perfekt bis ins letzte Detail durchgestylt hätte sich das vor gut 30 Jahren Vivienne Westwood nie ausdenken können.

Oder all die Menschen, die sich ausstaffieren, als wären sie gerade auf dem Weg zu ausgiebiger sportlicher Betätigung: Glänzender Trainigsanzug, blitzblanke Joggingschuhe, gerne kombiniert mit einer Pilotenarmbanduhr. (In München treffe ich sie vor allem in der Umgebung des Hauptbahnhofs an.)

Die Großstadtmenschen wiederum, die sich draußen in den Spitzenentwicklungen von Textilingenieuren für Outdoorkleidung mögen, fühlen sich wahrscheinlich von Werten wie praktisch, nützlich, sinnvoll angezogen und wollen sich von einer eigens dafür definierten Oberflächlichkeit abgrenzen.

Ich bin doch auch nicht besser. Werfe mir im Frühwinter Umhänge über, die man eigentlich aussschließlich in – äh – Mantel- und Degenfilmen erwartet, und bevorzuge auch sonst Kleidungsstücke, die mich an Filme erinnern.

Was uns alle, alle verbindet: Freiheit und Wohlstand. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns den Raum für diese Schauspiele lässt. Keine Sittenpolizei nimmt uns fest, keine Standesordnung begrenzt Farben oder Stoffvarianten unserer Kleidung. Und wir müssen uns schon lange keine Sorgen mehr darum machen, ob wir uns überhaupt witterungsadäquat bedecken können – auch dann nicht, wenn ein Outfit gerade in der Wäsche ist.

Ist doch eigentlich schön, nicht? (Und jetzt von Herzen weiterlästern.)