Archiv für Juli 2012

Integration auf Bayrisch

Dienstag, 31. Juli 2012

Bei mir um die Ecke ist ja Münchens Türkei: An der Goethe- und der Landwehrstraße gibt es eine Vielzahl türkischer und arabischer Supermärkte. In der Fleisch- und Käsetheke eines davon entdeckte ich kürzlich “Halal Weißwürste”. (Bei dieser Sichtung war auf der Packung nur in der Zutatenliste vermerkt, woraus sie bestanden.) Na, wenn das keine beherzte Integration muslimischer Einwanderer ist! Und da wir ja alle wissen, dass Integration keine Einbahnstraße ist, nahm ich gestern ein Päckchen mit – diesmal mit einem größeren Vermerk, dass es sich um Puten-Weißwürsten handelte.

Diese Würscht verkostete ich mit dem Mitbewohner, zusammen mit integrativem Händlmaier-Senf.

Na ja. Sagen wir mal so: Man muss schon einen verzweifelten Gieper nach Weißwürsten haben und gleichzeitig eine verzweifelte Abneigung gegen Schweinefleisch, um diese Weißwurstvariante freiwillig zweimal zu essen. Labbrig und geschmacksneutral ist sie kein Aushängeschild der Metzgerkunst. Andererseits sollte ich vielleicht eine weitere Meinung einholen – von jemandem, der keinen Vergleich mit echten Weißwürscht hat.

Familienalbum – my parents were awsome

Sonntag, 29. Juli 2012

Vielleicht kennen Sie ja das schöne Blog My Parents were Awsome? Dort sind die Fotos von Eltern gesammelt, bevor sie Eltern waren – und sehr oft ziemlich cool.

Daran musste ich heute sofort denken, als ich bei meinen Eltern in Fotoalben blätterte und auf dieses Bild stieß:

Das Hochzeitspaar sind meine Eltern, links die beste Freundin meiner Mutter, Ingrid, rechts die Schwester meiner Mutter (Barbara) und ihr italienischer Mann Roberto. Was für ein fröhlicher, cooler und ausgesprochen wohl gekleideter Haufen! Ich habe weiter geblättert und kann Ihnen bereits versprechen, das hier weitere Bilder folgen werden, einige durchaus der Serie „Vintage Photos“ des Herrn Sartorialist würdig.

(Ansonsten heute: Bei meinen Eltern erstes Grillen des Saison – ich war völlig untergrillt, der Gehalt karzinogener Ruße in meinem Blut war auf ein bedrohlich niedriges Niveau gefallen. Es gab vom Grill Köfte, Chorizo, Morcilla, Hühnerflügel, Bratwurst, Lamkoteletts, Filetspieß, Schweinebauch,Tomatenhälften, Brot, Auberginenscheiben. Vormittags war ich in München bis auf die Haut nassgeregnet worden, als ich von der Muckibude in Schwabing zurück in die Ludwigsvorstadt radelte. 70 Kilometer nördlich aber schien die Sonne.)

Twitterliebe der letzten Wochen

Freitag, 27. Juli 2012

Pokalverleihung Freitagstexter

Mittwoch, 25. Juli 2012

Großen Dank, meine Damen und Herren: Ich habe mich sehr über die vielen Vorschläge zum Freitagstexter gefreut. Doch wenn ich schon die Tätigkeit in Jurys anstrengend fand, war die Entscheidung für mich als einzelne noch viel schwieriger: with great power comes great responsibility, und die lag nun allein auf meinen Schultern. Ich las die Vorschläge rauf und runter und stellte fest, dass mich die kürzesten Texte am meisten inspirierten, vermutlich weil sie so viel Raum ließen. Zur Shortlist wurden dann diese beiden Einreichungen:

„Guck mal, Clark! – Clark?“ – von bee
und
Sabrina? – von Trolleira

Nachdem ich auch beim zwölften Lesen immer noch grinsen muss, weil ich Harrison Ford vor mir sehe, wie er den Text fassungslos sagt, überreiche ich den Pokal an: Trolleira!

Herzlichen Glückwunsch, Applaus, Applaus, Applaus!
Und nun freuen wir uns schon sehr auf Trolleiras Vorlage nächsten Freitag.

Sabrina?

Das ist übrigens ein Eiffelturm-förmiger Lutscher in Zellophan, den ich da in der Hand habe. Ich war 20 und entdeckte gerade mein Faible für Geschmacklosigkeiten, das mir in den 90ern noch zu manch nützlichem Einrichtungsgegenstand und Kleidungsstück verhelfen sollte. Genauer als an diesem einen Nachmittag (ich war mit meinem Begleiter auf der Rückreise von Spanien) habe ich Paris bis heute nicht gesehen.

Freitagstexter – Erinnerung

Dienstag, 24. Juli 2012

Heute, meine Damen und Herren, ist die letzte Gelegenheit, sich für dieses Bild einen Text einfallen zu lassen und sich damit am aktuellen Freitagstexter zu beteiligen. Nur zu!

Echte Körper und die Macht von Medienbildern -
ein Beispiel

Montag, 23. Juli 2012

Ein klein bisschen, muss ich gestehen, zweifelte ich an der These, dass die Medienbilder Kindern von klein auf vorschreiben, wie sie aussehen dürfen. Denn schließlich, so dachte ich, sind sie umgeben von echten Menschen, die die Mehrheit ausmachen. Und die ihnen die Künstlichkeit der Medienbilder klarmachen müssten.
Und dann wurde ich damit konfrontiert, dass mein eigenes Bild von Bikini-kompatiblen Körpern offensichtlich ausschließlich von Medienbildern geprägt ist.

Ich gehe eigentlich nie Baden. Das letzte Mal trug ich Badekleidung (im Gegensatz zu Schwimmkleidung) vor drei Jahren auf Sardinien, und da herrschte noch derart Vorsaison, dass wir meist die einzigen am Pool und am Hotelstrand waren. Vor dem Sardinienurlaub waren seit dem letzten Strand- oder Seebad mindestens sieben Jahre vergangen.

Es war für mich also eine große Ausnahme, als ich einen Nachmittag auf der Liegewiese eines populären Sees verbrachte und meinen Blick über die zahlreichen Badegäste schweifen ließ. Und mich bei den Gedanken ertappte: DIE trägt einen Bikini? Und DIE? Sogar DIE traut sich? Mutig, mutig. (Mein inneres Ohr wurde von der lästernden Stimme meiner Mutter beschallt: „Oiso naaa, die ist wirklich aus dem Bikinialter raus.“) Bis mir klar wurde, was da in meinem Kopf passierte: Ich verglich diese echten Frauen mit den Medienbildern, die sich in meiner Wahrnehmung ohne regelmäßigen Abgleich mit der Realität als Standard etabliert hatten, weil sie in meinem Sichtfeld die einzigen Frauen im Bikini gewesen waren. Also zählte ich mal bewusst durch. Und kam zu dem Ergebnis, dass auf dieser Liegewiese mit vielen Familien ca. 2 Prozent der Frauen dem Medien-Standard genügten. Etwa 10 Prozent gingen demnach als gerade noch akzeptabel oder rettbar durch, der Rest trug einfach Bikini. Weil es heiß war, weil wir hier beim Baden waren – weil sie verdammt nochmal einen Bikini tragen wollten. Dass sie ALLE eine „Bikinifigur“ hatten, war ja wohl hiermit bewiesen.

Daran denke ich jedesmal, wenn vor der Tagesschau dieser fröhliche Werbeclip läuft, der irgendein Diätpülverchen anpreist: „Für alle, die noch ganz schnell eine Bikinifigur brauchen“ (oder so ähnlich). Dazu braucht man doch kein Pülverchen: Klamotten ausziehen, Bikini anziehen – Bikinifigur!

(Und weils irgendwie dazu passt: Mal wieder neue Visionen, wie Zelebritäten aussähen, wären sie ganz normale Amerikaner.)

Was virtuell ist

Sonntag, 22. Juli 2012

Gestern Morgen lachte ich beim Zeitunglesen laut auf: Die Literaturseite der SZ machte mit einem fünfspaltigen Artikel über Tex Rubinowitz und sein neues Buch Herumgurken auf; Alex Rühle hatte ihn verfasst.

Diese Kombination, Tex und Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, erschien mir grotesk, und so lachte ich. Keinesfalls weil ich Tex Rubinowitz’ Werk nicht für Feuilleton-wert halte, Gott bewahre, der Mann macht Kunst! Sondern weil für mich Virtuelles und real life aufeinanderprallten.

Seither überlege ich, wie ich das meine.

Mein Internet, vor allem die selbst gemachten Inhalte, von Nichtteilnehmern meist social media genannt, besteht aus Menschen – ist also real. Denn diese Menschen sind nachvollziehbar, sind Teil der Information. Sie geben sich und ihren Hintergrund zu erkennen, viele davon habe ich persönlich getroffen. Felix Schwenzel referierte auf der re:publica 2012 unterhaltsam über die eigentliche Binse, dass das Internet aus Menschen besteht. In den Texten und Hinweisen dieser Menschen liest man die Menschen immer mit. Was übrigens nichts (weit verbreitete Fehlannahme) mit der Verwendung ihres bürgerlichen Namens zu tun hat.

Traditionelle Medien hingegen (Vorsicht: steile These) sind virtuell. Sie vermitteln mir die Realität durch einen Filter, der sich nicht zeigt und sich selten nachprüfbar macht. Ja, über den Artikeln stehen die Autorennamen. Und ja, als jahrzehntelange Leserin der SZ formt sich über die Zeit in meinem Kopf ein vages Profil dieser Redakteurin, dieses Redakteurs (steht auf Autos / hält Kinder für die besseren Menschen etc.). Aber die traditionelle journalistische Konvention besteht ja gerade darin, dass sich diese Menschen nicht zu erkennen geben – dass ihr Ziel zu sein hat, hinter dem Inhalt zu verschwinden, „objektiv“ zu berichten. Was nur knapp an der glatten Lüge vorbeischrammt, denn es gibt keine Information in den Medien, die nicht von Menschen ausgewählt, gewertet, gewichtet ist. Vom welchem Menschen aber und wie, das ist nicht Teil der Information, macht die Vermittlung virtuell.

Zurück zum aktuellen Beispiel. Tex Rubinowitz ist ein echter Mensch. Ich habe ihn im Web erlebt (er interagiert hier mit derselben Begeisterung wie Aug’ in Aug’) und bei persönlichen Begegnungen. Letztes Jahr in Klagenfurt erzählte er mir von seinem nächsten Buch, das sehr wahrscheinlich das eben als Herumgurken erschienene war – und Tex ist ein ganz wundervoller Erzähler. Allerdings erreichen seine Geschichten gerne mal einen Grad des Haarsträubens, der meine Skepsis hervorruft. Und so unterstellte ich ihm mir etwas vorzuflunkern, als er schilderte, dass die Finnen (Finnland, so hatte er eben gesagt, sei eines seiner absoluten Lieblingsländer) nicht nur großartige Musik machten (Tango), sondern im Sommer der finnische Lieblingssnack frische Erbsen seien: Jeder Flaneur in Helsinki habe eine Tüte mit Erbsenschoten in der Hand, sie würden auf der Straße verkauft, und knabbere Erbsen. Nee, jetzt ging er mir aber zu weit.
Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich bei ihm für diese Anschuldigung zu entschuldigen: Inzwischen weiß ich, dass das wirklich so ist.

Wenn nun dieser Mensch in Bild und Besprochenwerdung durch eine virtuelle Welt auf meinem samstäglichen Frühstückstisch landet, dann ist das komisch.

(Fast hätte ich geschafft mir den Seitenhieb zu verkneifen, dass der SZ-Artikel auch deswegen virtuell ist, weil er nicht online steht, und es deshalb sinnlos wäre, empfähle ich Ihnen die reale Lektüre.)