Archiv für November 2012

Adventlicher Herzenswärmer

Freitag, 30. November 2012

Gestern war ich Abendessen mit einer Freundin. Die mir bei dieser Gelegenheit folgende Begebenheit erzählte, die es umgehend in Charles Dickens’ Christmas Books geschafft hätte.

Die Freundin hat eine kleine Firma in der Münchner Innenstadt, mit ebenerdigen Büros. Seit ein paar Wochen wird der Hinterhof des Altbaus durch Bauarbeiten belärmt: Vor den Hoffenstern ihres Büros wird aufgerissen, vor den Straßenfenstern gebaggert und Bauschutt gesammelt. Meine Freundin sowie ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen leiden.

Vergangene Woche klingelte es an der Firmentür. Davor stand eine junge Frau mit etwas Großem, Eingewickeltem und dem Auftrag, das dürfe sie nur persönlich der Chefin geben. Meine Freundin nahm das unförmige Paket also entgegen. Und wickelte daraus ein großes, ausgesprochen geschmackvolles Adventgesteck mit Kerze, hergestellt im schicken Blumenladen ums Eck, dabei eine Karte:
“Eine kleine Entschuldigung für den Lärm
… die Männer der Firma Bauarbeiterfirma

Bei nächster Gelegenheit ging die Freundin Richtung Lärm und traf als ersten auf einen Baggerfahrer. Sie berichtete von der großen Freude, die das Geschenk ausgelöst habe und fragte, bei wem sie sich wohl dafür bedanken dürfe. Worauf der Baggerfahrer einen roten Kopf bekam und meinte, nun, sie hätten sich halt gedacht, weil die Bauerei doch sicher furchtbar störe … Sie hatte also gleich den Richtigen erwischt und dankte ihm sehr herzlich.

The End

Kraulverbot in Gelnhausen

Mittwoch, 28. November 2012

Ha! Es gibt also Kommunen, die das Schwimmen so ernst nehmen, dass auf höchster Ebene darüber gestritten wird. Das erfreut mein inneres Mitglied im Verein Deutsche Sprache, VDS, sehr (auch wenn die Erscheinung überhaupt nichts mit Sprache zu tun hat; es geht mir um die beinharte Vopo-/Blockwart-Regelreiterei).

“Hallenbad-Streit
Kraulverbot etwas gelockert”

Ich fühle mit den Gelnhauser Sportschwimmerinnen: Da müssen sie sich schon auf der kurzen 25-Meter-Bahn einen Drehwurm holen, und dann sollten sie am Freitag nicht mal kraulen dürfen: “Spötter sprachen vom einzigen Brustschwimmbad der Welt.” Es beruhigt mich, dass dort nun ein Kompromiss gefunden wurde und auch Freitag eine echte Schwimmbahn Sport ermöglicht.

Ein Detail vermisse ich allerdings: Wie sieht es mit Schwimmflügerlschwimmern aus? Dürfen in Gelnhausen Flossen, Paddel, Kissen verwendet werden? DAS ist doch das eigentliche Problem in den Schwimmbädern von heute.

(via @Novemberregen)

Alan Moore, David Lloyd, V For Vendetta

Dienstag, 27. November 2012

Als Dystopie, so sprach der Mitbewohner, auf Höhe mit 1984 und Brave New World, deshalb dringend zur Lektüre empfohlen. Und da Graphic Novels ohnehin eine schmerzliche Lücke in meiner Bildung sind, ließ ich mir das Buch geben.

Die Atmosphäre des Romans (erschienen in zehn Folgen zwischen 1982 und 1985) ist eine Mischung aus hard boiled USA der 30er und apokalyptisch düsteren 80ern: Die bewohnbare Erde besteht nur noch aus Großbritannien, der Rest wurde durch einen Atomkrieg ausgelöscht. Jetzt, im Jahr 1997, herrscht dort eine totalitäre faschistische Regierung. In dieser Düsternis taucht eine Rächerfigur in schwarzem Umhang und Guy-Fawkes-Maske auf, die zu Beginn ein junges Mädchen vor einer Vergewaltigung rettet und wenige Minuten später das Parlamentsgebäude sprengt.

Im Lauf der Handlung erfahren wir, dass dieser Rächer, der sich bald V nennen lässt, Überlebender der Konzentrationslager ist, in denen die Faschisten nach dem Krieg Missliebige misshandelten und töteten. V bringt nach und nach alle Folterer dieses Konzentrationslagers um.

Sehr schön fand ich die Vielfalt und Tiefe der Figuren. Neben dem jungen Mädchen aus der Eingangsszene (Evey) gibt es einige Polizisten, die meisten davon hinter V her, aber auch interessante Gestalten aus der Unterwelt. Etwas ratlos haben mich die Foltersequenz in der zweiten Hälfte und der Ausgang des Romans gelassen; er zündet zwar einen Funken Hoffnung, lässt aber offen, ob er brennt. Gerade darin sehe ich die Handschrift der 80er, in der ich ja erwachsen wurde: Wir sahen uns damals tatsächlich sehr real von der ultimativen Katastrophe bedroht, ob durch Atomkrieg, Naturkatastrophen oder Gewaltherrschaft.

Einfach zu lesen ist V For Vendetta nicht. Ich brauchte pro Seite fast so lang, wie ich für reinen Text gebraucht hätte. Da ich keine erfahrene Comicleserin bin, begriff ich erst durch das Nachwort von Autor Alan Moore den Grund dafür: Zeichner David Lloyd hatte darauf bestanden, ohne Bildtexte (captions), Gedankenblasen und Geräuschwörter zu arbeiten (laut dem Comicfachmann an meiner Seite ist das inzwischen Standard). Das lässt sehr viel in der Erzählung offen und ging so weit, dass ich einige Panels lang nicht wusste, ob der Revolver, der mir in Großaufnahme gezeigt worden war, nun geschossen und gar getötet hatte oder nicht.

Sehr spannend, dieses Lese-/Schau-Erlebnis – und tatsächlich so vielschichtig wie die Dystopie-Klassiker, die der Mitbewohner als Vergleich angeführt hatte.

Auszeitjournal: Die Woche in Kleidung

Sonntag, 25. November 2012

Immer noch zu #609060.

Familienalbum – Häuserne Wurzeln

Samstag, 24. November 2012

Gouncourt schreibt über das Haus seiner Großeltern in San Giacomo, 1991 und heute.

Will ich doch noch mal gezielt hinfahren nach El Olmo zum Landhaus meiner spanischen Yaya?

Aufnahme von 1968. Das linke Haus gehörte der Mutter meines Vaters, das rechte ihrer Schwester Vitoria. Ist heute noch fast genau so am Ende des Zeilendorfs El Olmo in der Provinz Segovia zu erkenen (auf dieser Luftaufnahme links, von der anderen Seite fotografiert).

Erst jetzt fällt mir auf, dass die beiden alten Sessel in meinem heutigen Wohnzimmer von derselben Machart sind wie der, auf dem ich hier mit meinem drei Jahre älteren Kusin sitze.

Aber das Haus gibt es so nicht mehr. Zwar hat es meine Tante Luci geerbt, die alle Jahre ein paar Sommerwochen dort verbringt. Aber es wurde natürlich modernisiert und hergerichtet. Ich würde dort nichts finden, was schöner oder auch nur bewegender wäre als meine Erinnerungen daran.

Der Ausflug ins Badische -
Die vier Damen aus dem Internet

Freitag, 23. November 2012

Endlich habe ich jetzt ein wenig Freiburg gesehen. Vor dem Auftritt beim Burghof Poetry Slam in Lörrach traf ich mich mit zwei anderen der Vier Damen aus dem Internet, nämlich mit ruhepuls und HappySchnitzel1, in Freiburg bei der dritten, misscaro.

Misscaro und der Mann an ihrer Seite gastgaben mit einer entspannten Umfassendheit, dass sich Karl-May’sche Araber zu einem Coaching angemeldet hätten. Unter anderem bekam ich eine sehr individuelle Stadtführung inklusive Bekanntschaft mit herausragenden Standlern auf dem samstäglichen Markt am Münster. Bislang hatte ich geglaubt, Kunsthistorikerinnen gäben die besten privaten Städteführerinnen ab (und dachte an mein Erlebnis mit Chloe in Chicago), jetzt weiß ich, dass eine örtliche Lokalredakteurin das in vieler Hinsicht toppt.

Außerdem weiß ich jetzt, wie ein hochklassiges Atelier für Körperschmuck von innen aussieht (nur Besichtigung, nicht dass Sie jetzt an meinem Körper herumdenken).

Der Burghof in Lörrach, eine ausgesprochen schöne Auftrittsörtlichkeit, empfing uns ganz professionell, Veranstalter Tilmann Scheipers trug uns auf Händen – ich begann, von uns beeindruckt zu sein.

Unser Programm war aufgefrischt und um neuen Spam erweitert, wir riefen damit durchaus Heiterkeit hervor. Als Showdown und Rausschmeißer hatten wir besonders blumigen Porno-Spam zusammengestellt, hatten uns in den vergangenen Wochen bei der Vorbereitung weggeschmissen über “junge Mösen und alte Ständer”, “dicke Girls und ihre molligen Brötchen”, “Analgrotten”, “dicke Zitzen” und “Ficksahne”. Was allerdings hörbar am größten Teil des Publikums vorbei ging, andere Art Humor.

Anschließend und hinter der Bühne gaben sich eine ganze Reihe von Bloggerinnen und Blog-Kommentatorinnen aus dem Publikum zu erkennen, ich freute mich sehr über die Begegnung mit den Menschen hinter den Wörtern.

Außerdem ließen wir uns von Jule Markwald fotografieren, jetzt haben wir für Ankündigungen künftiger Auftritte professionelles Material. Denn man kann uns durchaus buchen, damit wir aus dem Internet vorlesen. Oder wenn Sie einfach mal zeigen wollen, wer diese Menschen eigentlich sind, die im Internet wohnen.

  1. Möge die Ära der Web-Nicks nie enden. []

Fangirl-Zeugs: Eine Stunde bei der BBC über Stephen Fry

Donnerstag, 22. November 2012

In Deutschland gehört Stephen Fry eigenartigerweise immer noch zu den weniger bekannten britischen Stars: Wenn ich von ihm spreche, muss ich regelmäßig erklären, wer er ist. Dabei macht und weiß Stephen Fry so viel, dass für jede etwas dabei sein sollte; einen Querschnitt zeigt das einstündige Portrait oben. Und so traurig ich bin, dass ich hierzulande nicht Qi gucken kann, weiß ich jetzt zumindest, dass ich noch einige Filme von und mit Fry nachholen muss.