Kathrin Passig, Sascha Lobo,
Internet. Segen oder Fluch

Donnerstag, 20. Dezember 2012 um 8:12

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Hier stand ein entschuldigender Absatz über mein Fangirltum gegenüber Autorin und Autor. Gestrichen weil zu peinlich. Kurzfassung: \o/1

Als ich erfuhr, dass Kathrin Passig und Sascha Lobo ein Buch übers Internet schreiben, ging ich zunächst reflexhaft davon aus, dass das Ergebnis die ultimative Apologie des Lebens im Web würde (dem ersten Kapitel entnahm ich dann, dass ich nicht die einzige war). Dieses Zunächst dauerte allerdings nur wenige Momente, denn dann fiel mir ein, dass Kathrin Passig die personifizierte Stimme der Vernunft ist – und somit viel zu vernünftig für einseitige Darstellungen. Und Sascha Lobo ist zu klug dafür.

Tatsächlich ist das Buch Internet. Segen oder Fluch viel mehr geworden, nämlich eine höchst unterhaltsame Ausführung über den Umgang des Menschen mit technischen Neuerungen und über die Mechanismen, die zu bestimmten Formen der optimistischen oder skeptischen Argumentation führen. Ob Skeptiker oder Optimisten (das sind Passigs und Lobos Bezeichnungen für die beiden Perpektiven): “In der Diskussion steht oft Bauchgefühl gegen Bauchgefühl, und Argumente werden nur akzeptiert, wenn sie zu diesem Gefühl passen.” Dieser Beobachtungen gehen die beiden als erstes nach. Mit Erkenntnissen aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern erklären sie, dass das ein grundmenschlicher Mechanismus ist. Und sie führen auf, welche Argumentationsfehler das nach sich zieht.

Dass die Diskussion ums Internet (Fluch oder Segen) nichts Besonderes ist, sondern Mustern folgt, hat Kathrin Passig ja schon durch ihren Aufsatz “Standardsituationen der Technologiekritik” und ihren Vortrag “Standardsituationen der Technologiebegeisterung” belegt. Lobos und Passigs Buch schaut sich also nicht nur diese eine aktuelle neue Technik an, sondern geht weit zurück in der Wissenschafts- und Technikgeschichte. Besprochen werden Reaktionen auf Innovationen wie den Tonfilm, den Buchdruck, die Eisenbahn – die jeweils zu ihrer Zeit ebenso leidenschaftlich kontrovers waren wie die Auseinandersetzungen heute. Passig und Lobo machen sich auch Gedanken über die Wirkungsweise von Narrativen und Metaphern in der Argumentation, mit dem Ergebnis: Vorsicht! Denn neben der gewünschten pointierten Parallele zur Vergleichssituation transportieren sie eine Menge Nebenparallelen und emotionale Ansprache, die unkontrolliert fortwirken.

Diese ersten Meta-Kapitel enthalten auch Tipps für die eigene Argumentationshygiene: Im Idealfall ist sich ein Diskussionsteilnehmer im Klaren, warum er zu bestimmten Argumenten greift, und vermeidet klassiche Erkenntis- und Argumentationsfehler (Passig und Lobo empfehlen die allwöchentliche Lektüre beider verlinkten Listen).

Den meisten Raum nimmt dann aber doch das Internet ein. Das Buch führt den aktuellen Stand zu Kernthemen der Diskussion auf, und zwar mit Argumenten aller Seiten. Es geht um Disruption, Beschleunigung, Informationsüberflutung, Verlässlichkeit von Informationen, Kollektive und Kollaborationen, Politik mit Hilfe des Internets, Regulierung, Datenschutz, menschliches Miteinander, Urheberrecht, Filter- und Empfehlungsalgorithmen. Einige Kapitel haben einen Anhang mit unbrauchbaren Argumenten (auch diese beider Seiten), die man sich sparen kann “um die Diskussion zu optimieren”. Herzerfrischend (und mir sehr nahe) spricht aus all diesem der unverbrüchliche Optimismus, dass Vernunft hilft. Selbst frage ich mich seit einiger Zeit, ob das nicht die blindeste und unvernünftigste Hoffnung überhaupt ist, komme aber einfach nicht von ihr los.

Eine Lösung bietet das Buch folgerichtig nicht an, nur eben Runduminformation über die Diskussion. Das aber ist sehr unterhaltsam geschrieben mit herrlichen Beispielen, wobei jede scheinbar noch so alberne Blödelei einen argumentativen Kern hat. Meine Lieblingsblödelei steckt in den Anmerkungen, dazu gleich. Denn die leserunfreundliche Form der Anmerkungen ist mein einer Kritikpunkt: Sie sind in einem Anhang zusammengefasst, zu dem ich jedesmal recht mühselig und Lesefluss-unterbrechend blättern musste. Als Fußnoten (ein paar davon gibt es zusätzlich) wären die Anmerkungen im gedruckten Buch so komfortabel wie der anzutippende Querverweis des elektronischen Buchs gewesen. Meine Lieblingsanmerkung, die fast so kommunikativ ist wie das footnoterphone in Jasper Ffordes The Well of Lost Plots, liefert Hintergrund zur Netzsperrendebatte:

Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen hatte ein Gesetzesvorhaben mit dem Namen “Zugangserschwerungsgesetz” auf den Weg gebracht, das von ihr als Mittel für den Kampf gegen Kinderpornographie bezeichnet wurde. Kritiker dagegen waren überzeugt, dass blablabla, das steht nun wirklich überall.

Gehen Sie hin und lesen Sie das Buch und verschenken Sie es. Im Umschlag klebt der Download-Code der E-Book-Version, die gibt es als kostenfreie Dreingabe.

  1. Emoticon für Begeisterung []
die Kaltmamsell

6 mal Beifall zu “Kathrin Passig, Sascha Lobo,
Internet. Segen oder Fluch

  1. Alice meint:

    Nix ist kostenlos, auf der Welt. Am Ende bezahlen die Leser, die das E-Book nicht brauchen einen Teil für die E-Book-Leser mit.

  2. Sibylle Blaumann meint:

    Danke sehr! Und fröhliche Weihnachten. Wünscht Blaumann.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Hm, Alice? Das gedruckte Buch kostet 19,99 Euro – ganz normal für ein Hardback. Die elektronische Version gibt dann es als kostenlosen Zusatz. (Ein Käufer anderer gedruckter Büchern muss dessen elektronische Version zusätzlich zahlen.) Wie war Ihre Rechnung?

  4. Anne meint:

    Danke für die schöne Rezension. Da brauch ich meine ja gar nicht mehr zu schreiben, steht ja alles schon hier.

    (Fast beruhigend, dass die Fußnoten im gedruckten Buch genauso doof zu handhaben sind wie die im E-Book. Das war nämlich das einzige Ärgernis. Aber natürlich auch doof für die Hardback-Leser, für die man es wirklich einfacher hätte machen können.)

  5. wurst meint:

    Kann man mit den Fernbedienungen den jeweils anderen Rechner ausschalten?

  6. Sebastian meint:

    Love the Joy Emoticon!

    Hier die Cheerleader Version:

    “\o/”

    (entstanden beim Versuch, das zu googeln)

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