Archiv für Januar 2013

Fortsetzung zu #Aufschrei -
Nur im Web geht’s voran

Donnerstag, 31. Januar 2013

Es bleibt weiter ein Thema: Dass fast alle Frauen in unserer Gesellschaft mit der konstanten Bedrohung durch sexuelle Belästigung verschiedenen Ausmaßes leben müssen. Sich damit auseinandersetzen müssen, Prävention planen, sich schützen müssen, sich wehren müssen. Und in einem konstanten double bind leben: Aussehen, Kleidung und Auftreten, die nicht dem gesellschaftlichen Weiblichkeitsideal entsprechen, können dazu führen, dass ihnen unterstellt wird, “ihre Weiblichkeit zu verleugnen” oder ihnen das Frausein gleich ganz abgesprochen wird. Aussehen, Kleidung und Auftreten, die diesem Ideal entsprechen, können als Einladung zu sexuellen Übergriffen interpretiert werden. Wenn sie einschreiten, werden sie als humorlos und erotikfeindlich beschimpft, wenn sie nicht einschreiten, sind sie selbst schuld.

Die traditionellen Medien konzentrieren sich weiter auf den Fall Brüderle (um den es in der #Aufschrei-Welle im Internet nie ging) und auf den Umgang von Journalistinnen mit Männern. Fernsehrunden versuchen weiter, möglichst zugespitzte Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und eine möglichst aufregende Show zu erzeugen. Die konstruktivsten Gedanken zum Thema finden sich in Texten im Internet. Hier einige Leseempfehlungen, diese Artikel sind mir besonders lange nachgegangen:

A. Stefanowitsch: Sagt ihnen nicht, dass sie sich hätten wehren sollen

Wer sagt, dass Frauen lernen müssen, sich zu wehren, erwartet von Frauen nicht nur, dass sie in einer Situation, in der die meisten Menschen (Männer und Frauen) mit lähmender Angst zu kämpfen hätten, ruhig genug bleiben, um wegzulaufen und/oder körperliche Gegenwehr zu leisten, sondern auch, dass sie geistesgegenwärtig genug bleiben, um korrekt einzuschätzen, ob Gegenwehr oder Kooperation die bessere Strategie sind.
Wer sagt, dass sie Situationen meiden sollen, die zu sexuellen Übergriffen einladen, erwartet, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, denn Situationen, in denen es nicht zu sexualisierten körperlichen Übergriffen kommen kann, sind äußerst selten.
Und bei allem Verständnis für vereinfachtes und weltfremdes Denken, diese Erwartungen an Frauen sind tief gestört. Sie sind ein Symptom für eine Einstellung zu sexualisierter Gewalt, die alle Verantwortung weg von den Tätern, weg von möglichen Zeugen, weg von der Gesellschaft schiebt und sie allein den Betroffenen auferlegt.
(…)
Und wehren können Frauen sich auch hier oft selbst dann nicht, wenn sie geistesgegenwärtig und ruhig genug bleiben, um nicht nur rechtzeitig zu erkennen, dass, sondern auch wie zu reagieren wäre. Denn in „schweren“ Fällen (grobe sexistische Beleidigungen oder verbale Nötigungen) besteht auch hier die sehr reale Gefahr, dass die Situation von einem verbalen zu einem körperlichen Übergriff eskaliert (auch das haben Frauen beim #Aufschrei zur Genüge beschrieben). Und in „leichten“ Fällen („dummen Sprüchen“, „Herrenwitzchen“) führt die Gegenwehr dazu, dass die Frau als diejenige dasteht, die sich sozial falsch verhalten hat, indem sie aus einer „Nichtigkeit“ oder einem „harmlosen Scherz“ eine „große Sache“ macht, indem sie einen doch völlig harmlosen Mann als üblen Sexisten hinstellt, indem sie für alle die doch bis eben so lockere Stimmung verdirbt.

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Malte Welding: Männer, gebt die Herrschaft auf!

Wenn in einer Beziehung der eine Partner sagt, etwas verletze ihn, und der andere erwidert, es sei doch gar nichts passiert, dann ist es für eine Paartherapie meistens schon zu spät.
Wenn eine Frau sagt, wenn hundert, wenn tausend, hunderttausend Frauen sagen, dass sie belästigt, bedrängt, geschlagen, bespuckt, vergewaltigt und weggeworfen wurden, dass sie sich nicht allein im Dunklen auf die Straße trauen und sich in Aufzügen, Parkhäusern, Innenhöfen fürchten, dann ist die richtige Reaktion nicht: Aber als Mann kann einem ja auch was passieren. Und nicht: Ich mache doch nichts. Und auch nicht: Dann muss man halt aufpassen. Sondern man muss Antworten auf die Frage finden: Wie bringt man Männern bei, Frauen keine Angst zu machen? Man kann kleinen Jungs sagen, dass man Mädchen nicht schlägt. Warum sagt ihnen keiner, dass man sie nicht bedrängen soll?

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Antje Schrupp: Wibke Bruhns und die Veränderung, die sie verpasst

Ich fand das eigentlich ganz interessant, weil Wibke Bruhns mit dieser Position gewissermaßen wie “aus der Zeit gefallen” schien, sie war sozusagen die leibhaftige Verkörperung eines “Common Sense”, wie er vor der Frauenbewegung üblich und normal war. Aber gerade dass sie so antiquiert wirkte, zeigt doch, wie sehr sich das Selbstbewusstsein von Frauen und ihr Wille, das nicht mehr hinzunehmen, bis heute weiterentwickelt hat.
Man muss nämlich sehen, dass eine Haltung wie die von Bruhns nicht einfach ein ausgedachter sexistischer Quatsch ist, sondern ideengeschichtlich sehr genau in einen Kontext einzuordnen ist: Nämlich in den der Kämpfe, die Frauen vor der Frauenbewegung, also in den 1950er und 1960er Jahren auszufechten hatten.

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engl: aufschrei(b)en (2)

ich wußte nur: ein mädchen darf im dunkeln nicht mehr draußen sein. ein mädchen muß angst haben, immerzu, daß ihm etwas getan wird. (aber was nur?) und ein mädchen muß aufpassen, daß alles das nicht passiert. (was auch immer!) wenn es das nicht tut, dann ist es bald selbst ein böses mädchen. denn da draußen gibt es etwas böses, das sich die mädchen holt. alle, unwiederbringlich.

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Sibylle Hamann: Zwitscherfeminismus, yeah!

… viele Frauen fürchten, als prüde, verklemmt und unsouverän dazustehen. Wer cool ist, lässt sowas abtropfen. Man will kein Opfer sein. Man will nicht als hysterisch gelten. Und will man sich wirklich über eine Berührung, eine blöde Bemerkung aufregen, solange anderswo Frauen vergewaltigt, gesteinigt, ermordet werden? Nein. Der antifeministische Diskurs der vergangenen Jahre hat eines geschafft: Dass Frauen sich zu Dank verpflichtet fühlen, nicht unter den Taliban zu leben. Denn, klar: Männer könnten auch noch ganz anders. Und daran erinnern sie einen gern.

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jawl: #aufschrei – Es sind die anderen. (Ja?)

Dann entwickelte so ca. zehn Minuten später der #aufschrei diese ungeheure Wucht und ich erschrak. Zwischen dem Wissen über nackte Zahlen inklusive ihrer Dunkelziffern und dem Erschrecken darüber, dass quasi jede Frau, die ich so in meiner Timeline kenne, etwas eigenes zu berichten hatte – da ist es ein großer Schritt. Ein Schritt mit viel Erschrecken, kein schöner Schritt (…). So Zahlen und Statistiken, das sind ja irgendwie immer die anderen und der #aufschrei brachte den Alltagssexismus viel näher an mich heran. »Lernerfolg eins: Deswegen heisst er ja auch Alltagssexismus, stupid«, dachte ich mir.

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Nachtrag: In diesen Tagen geht mir auch ein Hollywoodfilm von 2006 wieder sehr durch den Kopf, der das Thema bedrückend eindringlich verarbeitet: North Country

Münchens Kulturspektrum

Mittwoch, 30. Januar 2013

130130_Kammerspiele

(Im Kassenraum der Münchner Kammerspiele.)

Confession time: #Aufschrei

Montag, 28. Januar 2013

Ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer ich bin kein Opfer – diese essenzielle Selbstdefinition funktioniert auch bei mir. Hey, ich gehe auch mal in einer milden Spätsommernacht allein quer durch den Englischen Garten, wenn das eine Abkürzung auf meinem Heimweg ist und ich mich auf die Gerüche und weiten Blicke dort freue!
Hatte ich nicht gerade erst geschrieben, dass ich Belästigungen praktisch nicht kenne? Das hätte mir so gepasst, vor allem hätte es zu meinem Selbstbild als starke, selbstbestimmte Frau gepasst. Nur dass mir bereits als ich den “Veröffentlichen”-Knopf zum vorigen Text klickte, sehr wohl etwas einfiel, was ich wohl weit weg geschoben hatte. Weil mir sowas doch nicht passiert. Und selbst jetzt hätte ich es fast nicht aufgeschrieben: Unangenehm, nicht wichtig genug, Bagatelle, aber vor allem – da war ich doch selbst schuld.

Als 25-jährige Studentin jobbte ich auf einem kleinen Filmfestival: Ich sollte einen älteren Regisseur aus einem lateinamerikanischen Land betreuen; wahrscheinlich hatte den Ausschlag gegeben, dass ich fließend Spanisch und Englisch sprach. So begleitete ich ihn, dolmetschte, besorgte, organisierte, unterhielt mich viel mit ihm. Der Herr war sehr galant und wurde immer galanter: Er bat mich um meine Meinung zu Fachthemen, sorgte dafür, dass ich besonders interessante Menschen aus seiner Bekanntschaft kennenlernte, erzählte von seiner berühmten Familie, machte mir Komplimente, bemerkte kleine Details (“Oh, du hast heute ganz kurze Fingernägel.”), bat mich um Rat beim Aussuchen der Mitbringsel für seine Frau, eine in seinem Heimatland bekannte Fernsehpersönlichkeit. Ich fühlte mich geschmeichelt und dachte noch: “Ah, so macht also ein Herr der alten Schule jemandem den Hof.”

An einem Tag regte er an, ob wir nicht mittags im chinesischen Lokal um die Ecke Essen gehen wollten. Ich war bereits etwas irritiert, als er sich direkt neben mich setzte und fühlte mich augenblicklich befangen und unwohl. Dann legte er auch noch den Arm um mich – ich versteinerte. Doch er begann auch noch mich zu küssen, ich schüttelte mich innerlich vor Ekel. Dennoch sprang ich (wir erinnern uns: eine selbstbestimmte, eigenständige Frau) keineswegs sofort bestürzt auf und lief weg. Statt dessen schob ich mich ganz vorsichtig weg und entwand mich unter einem höflichen Vorwand seinen Arm – auch wenn in mir alles schrie. Ich war mit der Situation völlig überfordert: Zum einen arbeitete ich ja für ihn, und zum anderen fürchtete ich ernsthaft ihn zu verletzen. Ich redete mir ein, ich sei als junge Frau in der überlegenen Position und könnte den grauhaarigen Herren durch eine Abfuhr kränken. Wie das Mittagessen endete, weiß ich nicht mehr, meine Scham hat alles weitere ausgeblendet.

Nein, das erzählte ich danach niemandem. Ich machte nur ein paar Andeutungen in der Richtung, dass der Herr mich schon sehr umworben habe. Denn ich war ja wohl ganz klar selbst schuld gewesen, hatte mich zunächst von seinen Komplimenten geschmeichelt gefühlt. Wenn ich schon die ersten Aufmerksamkeiten abgewiesen hätte, so war ich überzeugt, hätte er sich mir nicht weiter genähert.
Sie merken vielleicht, meine Herren, woher die schroffe Reaktion mancher Frau bereits auf ganz schlichte Komplimente kommen kann: Sie hat möglicherweise Ähnliches erlebt und schützt sich in der Folge schon ganz weit im Vorfeld vor einer Wiederholung. Weil sie überzeugt ist, dass sie selbst die Grenzüberschreitung herbeigeführt hat.

Heute ist mir klar, dass nichts an des Mannes damaliger Grenzüberschreitung freundlich oder aufmerksam war. Unklar ist mir, was er sich bloß dabei gedacht haben mag.

Doch auch jetzt, 20 Jahre nach dem Vorfall, ist er MIR peinlich. Fast hätte ihn auch hier nicht erzählt. (Sooo schlimm war’s ja auch nicht.) (Ist ja auch gar nichts passiert.) (Und außerdem war ich doch eigentlich selbst schuld.)

§

Oder leider auch vor erst einem Jahr: Die beiden Männer auf der Bank an der Isar, die mich heranjoggen sahen und dann feixend mit den Händen vor ihrer eigenen Brust die Bewegung meiner Brüste beim Laufen imitierten.
Ich hielt an und erklärte den beiden Männer in einfachen Worten aber ausführlich, warum dieses Benehmen komplett unangemessen war und wie sehr sie damit nicht nur mich, sondern auch sich selbst herabsetzten. Sie wurden im Lauf meiner Ausführungen immer ernster und stiller. Bevor ich weiterlief, versprachen sie mir, das nie, nie wieder zu tun.

HA. HA. Weil die Kühe so schön fliegen.

Tatsächlich brüllte und fuchtelte ich sie im Vorbeilaufen unflätig an. Was das Feixen der Männer nur verstärkte. (Tja, schließlich hatte meine Mutter mich doch angewiesen, Provokationen zu ignorieren statt sie durch meine Reaktion auch noch aufzuwerten. Mein Impuls war aber, meine schlagartige heiße Wut dringend rauszulassen.) Doch ich habe bis heute niemandem von dem Vorfall erzählt. Auch wenn ich jedesmal daran denke, wenn ich an dieser Bank vorbeilaufe. Weil ICH mich schäme.

§

Um mein Selbstbild als Herrin über mein Geschick zurechtzurücken, und zu beweisen, wie selbstbestimmt ich bin, gebe ich hiermit gleich mal eigene Grenzüberschreitungen zu; eine Zeit lang war ich nämlich zu meiner heutigen Beschämung stolz darauf, selbst ganz gut den Macho geben zu können.

In meinem Berufsteam gab es einen besonders attraktiven (und zudem sympathischen) Mitarbeiter. Gerade im internationalen Firmennetz fiel auf, dass Kolleginnen seine Aufmerksamkeit suchten, ihn zum Beispiel versuchten zu einem Auslandseinsatz bei ihnen zu überreden. Und mir als seiner Chefin fiel nichts Besseres ein, als ihn deshalb als “unser Coca-Cola Boy” zu titulieren. (Außerdem fürchte ich, habe ich in seiner Gegenwart einmal zu Dritten eine anerkennende Bemerkung über seinen Po gemacht.)
Das tut mir heute sehr leid.

Zudem ist mir heute klar, dass ich bei dieser Begebenheit zurecht ein schlechtes Gefühl hatte: Ich hatte den jungen Mann aus reiner Witzelsucht in Verlegenheit gebracht. Das gehört sich nicht.

§

Nachtrag: Seit vergangenem Wochenende gibt es eine Sammel-Site für diese Geschichten: alltagssexismus.de Damit niemand mehr von Einzelfällen sprechen kann.

#Aufschrei – Es geht nicht um mich

Samstag, 26. Januar 2013

Als junge Frau hatte ich mich ein paar Jahre lang vom Feminismus entfernt. Denn: Ich war beruflich erfolgreich, ohne dass mein Geschlecht auch nur Thema war, ich hatte einen Freundeskreis, in dem stereotype Geschlechterrollen höchstens noch für Spiele und Witze taugten, und mein Lebenspartner setzte sich auf höchstens ebenso spielerischer Ebene mit Männlichkeitserwartungen auseinander. Also sagte ich: Altersgenossinnen, stellt euch nicht so an. Wir haben so viel erreicht, der Rest ist Details. Seht her, es geht doch.

Es war eine wundervolle, kluge Schweizer Feministin, die mich davon runterholte. Erst hörte sie sich diese meine Ausführungen gelassen und in allen Details an. Dann blickte sie mir fest ins Auge und sagte: “Es geht nicht um dich.” Und begann Zahlen und Fakten zu Frauenbenachteiligung aus der ganzen Welt zu nennen: Lohnunterschiede, die Verteilung von Macht nach Geschlechtern, Einschränkungen körperlicher Selbstkontrolle in kleiner und ungeheurer Dimension, Wahlrecht, Bildungschancen, religiösen Extremismus. Ihre abschließende Frage: “Details?”

Ich weiß recht gut, woher meine Abwehrhaltung kam: Für mein Selbstbild sind Autarkie, Kontrolle und Selbstverantwortung sehr wichtig. Dass ich auch nur ansatzweise Opfer sein oder in meinem Leben jemals gewesen sein könnte, lehnte ich vehement ab. Denn paradoxerweise ist es gerade in der Geschlechterdiskriminierung und vor allem in der sexuellen Diskriminierung die Seite der Opfer, die mit Scham und Peinlichkeit belastet ist. Ich doch nicht! ICH gebe niemandem die MACHT dazu! MIR tut niemand was an! HA!
Nur dass die Welt nicht so funktioniert, wenn es um strukturelle Missstände geht. Es geht nicht um mich.

§

Seit gestern Morgen lese ich die Tweets, die mit dem Hashtag #Aufschrei ins Web strömen (Link zum Live-Stream, in dem mittlerweile Spam und Trolle überwiegen). Menschen, vor allem Frauen berichten in 140 Zeichen von sexuellen Belästigungen im privaten und beruflichen Alltag, von sexuellen Misshandlungen, von alltäglichem Sexismus. Die Aktion, angestoßen von den Twitterinnen @vonhorst und @marthadear, hat in kürzester Zeit ein ungeheures Echo gefunden. Sie zeigt, dass die derzeit in den Mainstream-Medien diskutierten Fälle von Frauenbelästigung (Anmachversuch von Rainer Brüderle, niederträchtige Nachrede von Mitgliedern der Piratenpartei) nicht etwa Ausnahmen sind, sondern für Frauen Alltag.

Aber jetzt kommt’s: Ich selbst habe diese Formen der Frauenfeindlichkeit so gut wie nie erlebt. Mich lässt man auf der Straße in Ruhe, im Beruf traf ich bislang auf noch nichts Schlimmeres als gedankenlose Verwunderung, dass ich ranghöher als eine Sekretärin bin.

Doch, und das ist essenziell: Dass bedeutet weder, dass es diese Frauenfeindlichkeit gar nicht gibt, noch dass die Frauen, die damit Probleme haben, selbst daran schuld sind. Es geht nicht um mich.

Die Erlebnisse, die unter #Aufschrei auf Twitter auftauchen (viele zum ersten Mal überhaupt berichtet), belegen die Omnipräsenz dieser Unterdrückung im Alltag – besonders infam, da sie mit Scham-besetztem Verschweigen verbunden ist. Auch mir war nicht klar, wie stark manche Frauen ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, wenn nicht sogar praktisch ihr ganzes Leben darauf ausrichten, Angriffe und Belästigungen zu vermeiden. Dass darunter zwei Frauen sind, die mir sehr am Herzen liegen und bei denen ich das nicht mal ahnte, schmerzt mich besonders.

Viele der Tweets schieben erwartungsgemäß den Opfern die Schuld zu: Sie müssen sich halt wehren, nicht zulassen, Widerstand bieten, Grenzen aufzeigen. (Jede und jeder ist im Leben schon mal Opfer geworden, in jedem Moment, in dem über ihn oder sie verfügt wurde.) Abgesehen davon, dass unser Raum-Zeit-Kontinuum unmöglich macht, einen sexuellen Übergriff post factum durch die genannten Maßnahmen zu verhindern und er dann schon fürs Leben gezeichnet haben kann: Die ungeheure Vielzahl und Vielfalt der Übergriffe belegen ein strukturelles Problem – selbst wenn man die #Aufschrei-Erlebnisse streicht, die vielleicht Ermessenssache sind, bleiben genug übrig.

Das ist ein erster wichtiger Schritt, den diese Veröffentlichung auf Twitter darstellt: Sichtbar machen, nicht mehr darüber hinweggehen, weil man sich als Opfer schämt, sondern aushalten, die humorlose Spaßbremse zu sein. Unter #Aufschrei tauchen (neben erwartbarer Trollerei, die in diesem konkreten Fall allerdings nützt, weil sie das Problem belegt) immer wieder Tweets vor allem von Männern auf, sie seien sich des Ausmaßes nicht bewusst gewesen.

Und jetzt? Zunächst mal: Weiterhin zuhören und lesen, nachfragen. Und dann bitte nicht einfach im Verhalten der Opfer suchen, wodurch sie wohl diese Angriffe ausgelöst haben. Es ist belegtermaßen keineswegs so, dass selbstbewusstes Auftreten vor Attacken schützt. In einer Vielzahl von Fällen war es nach Aussagen der Täter genau dieses Auftreten, das einen Übergriff ausgelöst hat: “Der arroganten Bitch werde ich schon noch Benehmen beibringen.”

Selbstverständlich müssen Töchter bestärkt werden sich zu wehren. Was unter anderem deswegen schwierig ist, da die Konsumgesellschaft Mädchen und Frauen weiterhin idealerweise in der passiven Rolle der Hübschen, Begehrten, Angeschwärmten sieht: Wem Anerkennung von außen und für Äußerlichkeiten als Lebensziel eingeprägt wird, hat ziemliche Schwierigkeiten abzuschätzen, ab wann diese Anerkennung in Grenzüberschreitung umschlägt.
Aber könnten wir darüber sprechen, dass Buben auch beigebracht werden muss, dass sie Grenzen zu respektieren haben? Oder protestieren dann bereits all die längst widerlegten Bildungsapokalyptiker, die Buben schon heute in einem beruflich von Frauen geprägten Kindergarten- und Grundschulwesen ohnehin benachteiligt und zu Verweiblichung gezwungen sehen?

tl;dr Der Umstand, dass manche Frauen nicht sexuell belästigt und diskriminiert werden, belegt nicht, dass belästigte Frauen selbst an Angriffen und Diskriminierung schuld sind.
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Weitere Leseempfehlungen zum Thema (Stand Samstagmorgen):

Journelle: Danke #aufschrei
Frau dingens: Ich habe keine Worte…
Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden
Die Mutti: Zwischen Arschklaps und #Aufschrei – Sexismus und Kram. Ein Meinungsbild.
Littlejamie: Ohne Worte. Ein #aufschrei
Kiki: Hört auf damit!
natalie: Aufschrei-Argumente (Natalie nimmt die bislang häufigsten Gegenargumente zur #Aufschrei-Aktion auseinander, von “Frauen, wehrt euch doch, macht euch nicht selbst zu Opfern!” über Männerhass bis “Eure Definition von sexueller Belästigung/Sexismus ist albern”)

Was Spechte mit Herzinfarkten zu tun haben

Mittwoch, 23. Januar 2013

Nochmal was zu wissenschaftlicher Methodik, eigentlich zu Erkenntniswegen und den Fallen darin. (Bitte in Verbindung sehen mit meinen Gedanken zu Schlechte Medizin von Gunter Frank.)

Im neuen Lexikon des Unwissens von Passig, Scholz, Schreiber wird en passant darauf verwiesen, dass manchmal die Beboachtung von Spuren das Beobachten des eigentlichen Untersuchungsgegenstands ersetzt. Im Kapitel Ernährung geht es darum, wie verdammt schwer es ist herauszufinden, welche Ernährung nun wirklich gut für den Menschen ist. Deshalb messen

Forscher anstelle von Gesundheit oder Langlebigkeit häufig sogenannte Biomarker. Ein Biomarker für die Existenz von Spechten ist die Existenz von Löchern in Bäumen. Spechte sind schwer zu beobachten, Löcher in Bäumen dagegen relativ einfach. Aber Biomarker bringen gewisse Nachteile mit sich: Löcher in Bäumen können auch andere Ursachen haben, vielleicht ist der verursachende Specht bereits tot oder davongeflogen, und leicht verliert man über dieser ganzen Beschäftigung mit Löchern das Thema Spechte aus den Augen.

Daran musste ich sofort bei diesem aktuellen Artikel des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG denken1: “Blutzucker, Cholesterinspiegel, Knochendichte: Können Messwerte zeigen, ob eine Behandlung hilft?“. In diesem Fall sind Messwerte die Biomarker. Und der Artikel führt einige Beispiele auf, wie sehr eine reine Betrachtung der Biomarker in die Irre führen kann: Herzrhythmusstörungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für einen plötzlichen Herztod? Das bedeutet noch lange nicht, dass Medikament gegen Herzrhythmusstörungen dieses Risiko senken. So wie eine durch Medikamente erhöhte Knochendichte bei älteren Frauen keineswegs das Risiko von Knochenbrüchen senkte.

Das IQWiG verweist deshalb auf den Unterschied zwischen Surrogatendpunkten und patientenrelevanten Endpunkten:

Die Werte aus dem EKG galten lange als Ersatzkriterium für das Sterblichkeitsrisiko. Kriterien, die in Studien als Ersatz für eine wichtige Zielgröße (Endpunkt) dienen, werden auch Surrogatendpunkte oder Surrogatparameter genannt (vom lateinischen surrogatum = der Ersatz).

Beispiele: Hoher Cholesterinspiegel, hoher Blutdruck.

Für Patientinnen und Patienten wichtige Zielgrößen wie Sterblichkeit, Herzinfarkte, Lebensqualität oder die Dauer von Krankenhausaufenthalten bezeichnet man hingegen als patientenrelevante Endpunkte. Der Begriff „patientenrelevant“ betont, dass es um Fragen geht, die für erkrankte Menschen entscheidend sind – zum Beispiel darum, ob eine Behandlung ihr Leben verlängert, ihnen Klinikaufenthalte erspart, ihre Beschwerden verringert, Komplikationen vorbeugt oder ihren Alltag und den Umgang mit der Erkrankung erleichtert.

Beispiele: Herzinfarkt, Schlaganfall.

Die medizinische Forschung arbeitet aus praktischen Gründen (siehe Spechte) mit Surrogatendpunkten, vor allem wenn es schnell gehen muss. Die Erfolgsgeschichte, die der Artikel nennt, sind die ersten Medikamente gegen HIV:

Aus Studien wusste man, dass diese Arzneimittel die Zahl der im Körper nachweisbaren HI-Viren deutlich reduzieren konnten. Es gab jedoch keine Studien, die zeigten, dass dadurch weniger Menschen AIDS entwickeln oder sich die Sterblichkeit verringert. Da es keine Behandlungsalternativen gab und HIV ohne Behandlung schnell fortschreitet, haben die Arzneimittelbehörden diese Mittel trotzdem zugelassen. Heute weiß man, dass dadurch Tausende von Menschen mit HIV vor einem frühen Tod bewahrt wurden.

Gute medizinische Forschung bleibt hier nicht stehen (ebensowenig gute Ärzte), sondern untersucht den Nutzen einer Therapie immer auch für patientenrelevante Endpunkte.

(Habe ich schon von meinem Bruder erzählt, sehr schlank und sehr sportlich, dessen Hausarzt besorgt war über dessen leicht erhöhten Cholesterinwert? Und der ihm deshalb riet, wait for it: Abzunehmen?)

  1. Bei diesen Erklärungen ist es wohl unwahrscheinlich, dass die Interessen von Krankenkassen-, Krankenhaus- und kassenärztliche Vereinigungsvertreter hinter dem Institut eine Verzerrung (bias) verursachen. []

Gewinnerin der Gen-Lotterie

Sonntag, 20. Januar 2013

Ich bin nicht sicher, warum mich dieser knapp 10-minütige TEDtalk so berührte: Eine junge Frau, Cameron Russell, die seit zehn Jahren als Model arbeitet, beantwortet auf der Bühne die Fragen, die sie als Model immer wieder gestellt bekommt – überraschend offenherzig. Unter anderem erklärt sie ihren beruflichen Erfolg in erster Linie damit, dass sie halt mit den Genen auf die Welt gekommen ist (female, tall, thin, white), die die richtigen für die derzeitigen Erwartungen an ein Model sind. Sie ist sich der Privilegien, die damit verbunden sind, sehr bewusst.
Berührend fand ich sicher ihre Gegenüberstellung von professionellen Aufnahmen ihrer selbst und Schnappschüssen aus derselben Zeit oder sogar vom selben Tag. Sie belegt damit: Das auf den Hochglanzfotos, “that’s not me”. Eher in Nebensätzen liefert sie biografische Hintergrundinfos: Zu der Zeit habe ich noch nicht mal menstruiert. / Da hatte ich noch nie einen Freund gehabt. Ebenfalls nahe ging mir ihre Vortragsweise: Ganz offensichtlich aufgeregt und sehr wahrscheinlich nie für solch einen Auftritt gecoacht – das kann auch sympathisch wirken.

Brot- und Wetterchronik

Samstag, 19. Januar 2013

Nach dem dritten Frankenlaib ist das Rezept sicher genug, dass ich es weitergeben kann. Sie finden die Anleitung für das würzige und gut haltbare Brot hier. Persönlich schmeckt es mir noch nicht sauer genug, ich werde wohl ein wenig mit der dreistufigen Sauerteigführung experimentieren müssen (zweite Stufe länger?).

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§

Meiner großen Lust auf Isarlauf im Schnee nachgegeben, mit wundervollem Flow und Schmerzfreiheit belohnt worden.

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Das hier werden Sie vermutlich nicht auf den ersten Blick wiedererkennen.

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Streifengänse, Graugänse, Krähen, Mensch, Schwäne, Möwen.

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Alter Südfriedhof.

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