Archiv für März 2013

Beifang aus dem karsamstäglichen Internet

Samstag, 30. März 2013

Mit Hochzeiten habe ich ja weiterhin so meine Probleme (1. Warum?), umso erstaunter war ich, wie sehr mich die Bilder von Frischvermählten auf dem New Yorker Standesamt rührten. Vielleicht weil es sehr viele Sorten Paare sind? Vermutlich auch, deshalb:

It’s the „I Do“ in its purest form — and a million times more romantic than any episode of Bridezilla we’ve ever seen.

via Gofug

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Tanzen ist toll, zum Wiederholten:

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The 33 most beautiful abandoned places in the world. Ein Bild schöner als das andere, doch am liebsten mochte ich die versunkene Yacht in der Antarktis. (via Internet – ich finde meine Quelle leider nicht mehr, Verzeihung)

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Mode marginal: Alte Männer kommen in der modischen street style photography ausgesprochen selten vor, selbst in der auf alte Menschen spezialisierten. Umso schöner ist der tumblr, den Fotografin Zoe Spawton mit Bildern des eleganten, 83-jährigen Berliners Ali füllt: What Ali wore. (via advanced style)

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Dann doch noch Österliches (hey, es schneit schon seit STUNDEN nicht mehr!): Europameisterschaft im Kaninchenhüpfen – ich hatte ja keine Ahnung, wie hoch und weit die Viecher springen.

via @holadiho

Spaß mit Spam

Freitag, 29. März 2013

Seit über einem Jahr sammle ich Spam, auf Vieles davon antworte ich (z.B. auf fast jeden Nigeria-Connection-Scam). Es hat sich daraus schon so mancher lustiger Briefwechsel entwickelt, in dessen Verlauf ich hin und wieder nach Details des Scamming-Geschäfts gefragt habe, also ob eher in Gruppen gearbeitet wird oder einzeln, ob es Erfahrungsaustausch gibt, wie hoch die durchschnittliche Erfolgsquote ist, welche Sorte Hintergrundgeschichte am besten zieht. Leider hat darauf noch niemand geantwortet; ich habe noch nie einen Artikel über Nigeria-Scams aus Perspektive der Scammer gelesen, das wäre ein echter Scoop.

Recht selten bekomme ich Anfragen für bezahlte Blogpostings, aber darunter sind Highlights. Leider habe ich den versprochenen Artikel über Treppenlifte in Berlin nie bekommen. Dabei hatte ich nochmal betont, dass ich ihn absolut kostenlos veröffentlichen würde.

Doch jetzt gibt es möglicherweise eine weitere, weit glamourösere Chance. Gestern erhielt ich die Anfrage:

Hello,

We are interested in producing editorial content for your site, vorspeisenplatte.de.

We would be happy to pay an administration fee of €95 for your time spent publishing our content. The content will be professionally written in line with your site’s tone and voice.

Our client is one of the premier sellers of diamond rings and jewelry servicing the UK, Germany, and abroad.

I appreciate your consideration and look forward to hearing from you.

Na, wenn das kein Angebot ist! Ich antwortete also:

Dear Ms XXYY,

Your offer sounds definitely intriguing: I cannot even remotely imagine a blog posting about „diamond rings and jewelry servicing“ in my „site’s tone and voice“, which is feminist and critical. This I would like to see.

What do you think about an article shedding light on the sourcing of diamonds nowadays? Is there a connection to the recent revolution in the Central African Republic?

I could also imagine an article about the change in jewelry design connected to the specifics of new diamond deposits, i.e. in Russia: How the much smaller size of stones led to the eternity ring design.

Or, if we want to be really provocative: „Can a feminist wear diamonds?“ – With comments from leading German feminists.

Is this what you had in mind?

Many regards
Hello

Auch in diesem Fall bin ich so neugierig, dass ich einen Text nach einer der Ideen oben völlig kostenfrei veröffentlichen würde. Vielleicht klappt es ja diesmal!

Wetterstatus Ende März

Dienstag, 26. März 2013

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Erst jetzt merken die Buchfinken, dass sie sich ebenfalls am Meisenknödel bedienen können, nämlich an beim Picken herabgefallenen Bröseln. Zuvor waren bereits zu Gast: Blau- und Kohlmeisen sowie ein SperberKleiberpaar.

Dieses Jahr kann ich mich nicht mal auf die sonst immer so viel wintermilderen britischen Inseln sehnen: In London schneite es am Wochenende wieder, und für weite Teile Englands greifen die Medien zur beliebten Bezeichung „Schneechaos“.

Sarah Kane, Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose

Dienstag, 26. März 2013

Wieder Theater, doch diesmal war ich sehr beeindruckt, zu meiner Überraschung. Die drei Dramen Gesäubert, Gier und 4.48 Psychose der Britin Sarah Kane waren mit insgesamt dreieinhalb Stunden angekündigt – das schreckte mich schon mal. Dann sprach die Ankündigung auch noch von einem „dunklen, beunruhigenden Oeuvre (…), in dem Vernichtung und Selbstzerstörung wichtige Themen sind“.

Doch das Ergebnis war ein berührendes Erlebnis mit ungewöhnlichen Einblicken. Das unendliche Leid psychischer Erkrankung aus einer reflektierten Innensicht ergab eine Mischung aus Anklage von traumatisierenden Verbrechen, verzweifelter Suche nach Heilung, den Abgründen der Hoffnungslosigkeit, dem Erkennen von Zusammenhängen, der Hilflosigkeit eigenen Sehnsüchten und Gefühlen gegenüber, dem, was menschliche Begegnungen auslösen können, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Und daneben so etwas wie Alltag. Doch statt aus diesem Abend niedergeschmettert heimzugehen, überwogen Dynamik und Klarheit – die Sinnlosigkeit des Lebens kann etwas Heiteres haben.

Inszeniert hatte Kammerspiel-Intendant Johan Simons – dem ich misstraue, seit er dieses Stück als Klamauk auf die Bühne stellte. Dass Simons sich in diesem Interview auf die Regieanweisungen Kanes bezieht, überraschte mich: Ich hatte aus den Inszenierungen der vergangenen Jahre geschlossen, dass Regisseure und Dramaturgen den Regieanweisungen etwa so viel Bedeutung beimessen wie Münchner Radler der Straßenverkehrsordnung. Doch auch im Theater bleibe ich Rezeptionsästhetikerin: Ausschlaggebend ist nicht, was mir die Inszenierer Damit Sagen Wollen, sondern was bei mir ankommt.

Das erste Stück, Gesäubert, überforderte mich noch ziemlich. Eine Gruppe Menschen in einer freiwilligen Internierungssituation mit Aufseherin/Ärztin, es geht um Sucht, Zerbrochenheit, Wahnvorstellungen – meine Wahrnehmung konnte nur sehr langsam und sehr angestrengt aus den Fragmenten Zusammenhänge herstellen. Anders in Gier: Vier Personen tragen einen sehr dichten Text mit Selbstbeschreibungen und Interaktionen vor, die im Jetzt stattfinden, dann wieder die Vergangenheit beleuchten. Lebensentwürfe, Sehnsüchte, schwere seelische Erkrankungen, die jeden menschlichen Austausch unmöglich machen – all das schälte sich schnell aus dem hohen Tempo des Austauschs heraus. Sensationell war in diesem ohnehin hervorragenden Quartett die Schauspielerin Sandra Hüller: Sie schauspielte in genau diesem atemberaubendenden Tempo, wechselte die Charaktere/Rollen/Stimmungen jedesmal in einer fast erschreckenden Tiefe.

Nach der Pause saß ein Streichquartett mit Klavier auf der Bühne. Es untermalte 4.48 Psychose, den Abschiedsmonolog einer tödlich Depressiven. Alle Rettungsversuche nochmal zusammengefasst, das langsame Aufgeben der Aussicht auf Rettung, ein Aufbäumen bereits in den Tod hinein – Thomas Schmauser und Sandra Hüller spielten ein prämortales Requiem.

Der Zuschauerraum war nicht mal halb voll; ich danke bei dieser Gelegenheit allen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen, dass sie die Subventionen für das deutsche Theatersystem ermöglichen und mir damit für den Preis nur zweier Kinokarten dieses Erlebnis. Soweit ich sah, kamen alle Zuschauer aus der Pause zurück – ich war wohl nicht als einzige sehr angetan.

Die Übersetzung aus dem Englischen (verschiedene Übersetzer je Einzelstück – sie stehen im Programmheft, das ich nicht habe) riss mich nur einmal ziemlich am Anfang von Gesäubert heraus: Ein Charakter steckt dem anderen einen Ring an den Finger, dieser fragt ihn, was das bedeuten soll. „Engagiert!“, antwortet der. Wie bitte?

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Ich glaube es war Benjamin Henrichs, der vor Jahren in der Süddeutschen Zeitung bedauerte, dass Theater in Blogs praktisch nicht stattfindet. Er hatte recht, doch das war mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Und es hat sich seither nicht geändert. Woran mag das liegen? Der Anteil an Theaterbesucherinnen unter der Gesamtbevölkerung ist ohnehin sehr gering – repräsentiert der Anteil unter Bloggerinnen einfach diesen Prozentsatz? Unter den paar hundert Blogs, die ich verfolge, lese ich bei Frau Modeste regelmäßig über Theaterabende, dann taucht das Thema noch bei Frau kittykoma auf. Dass wir keine Fachleute sind, bremst uns doch bei anderen Themen auch nicht, unsere individuelle subjektive Sicht darzulegen – die, wie so vieles Geblogtes, in den klassischen Medien nicht vorkommt. Gehen Blogger und Bloggerinnen nicht ins Theater?

Mode marginal

Sonntag, 24. März 2013

Zum ersten mal wieder ein Schwung #609060.

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Letzteres als traurige Erinnerung, dass es draußen immer noch eisig ist. Gestern lagen die Temperaturen zwar über Null, dafür wirbelten wieder ein paar Stunden lang Schneeflocken.

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Zum anderen: Sie erinnern sich vielleicht noch an Zeiten (1980er), in denen Gesundheitslatschen der Marke Birkenstock als Beleg für die komplette Abwesenheit von Stil und Eleganz dienten? Als Arbeitskleidung akzeptiert, aber sonst Mode gewordenes Aussteigertum? Und dann an die Zeiten, in denen in Mittelmeerländern „die Leute mit hässlichen Schuhen“ ein Synonym für „deutsche Touristen“ war? Die Modewelt hat sich seither fundamental verändert.

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Bis vorgestern war das hier für mich häuslicher Gammellook (ich trage seit Jahrzehnten diese Gesundheitslatschen, breit, als Hausschuhe).
Doch vorgestern tauchte die Kombi Birkenstock & Socken bei Stilikone Satorialist als fashion statement für den Frühling auf. Anscheinend ernsthaft. Ausnahmsweise empfehle ich hier dringend auch die Lektüre der Kommentare („More armpit and leg hair and you have the ‚look‘!“ / „This post makes me feel like a bit of a chump for ever reading this blog and being influenced by the images.“)

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Schnell nachgetragen: Lieblingsmodeblogger Advanced Style war in München! Und hat auf dem Viktualienmarkt eine schöne alte Münchnerin fotografiert.

Jetzt weiß ich, wie Buddha’s Hand schmeckt

Freitag, 22. März 2013

Letzte Woche sah ich mit dem Mitbewohner mal wieder ins Upper Eat Side – und hatte einen sehr schönen Abend. Obwohl ich mich auf ein Glas Indian Pale Ale gefreut hatte, ließ ich mich von Wirt Jogi Kreppel zu einem Glas Gelben Muskateller (Steirische Klassik von Polz) umstimmen: Der Herr schwärmte zu sehr, wie wundervoll der 2012er geworden sei. Und hatte Recht.

Zum Essen ließen wir uns eine Flasche 2011er Blaufränkisch vom Clausi Preisinger aufmachen (sehr fein, aber der erst kürzlich auf Empfehlung von La Gröner probierte Baufränkisch vom Heinrich hat mir dann doch einen Tick besser geschmeckt, weil vielfältiger).

Wir aßen uns einmal quer durch die Kleingerichte:

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Süßwasser-Sashimi, Ingwer, Teriyaki, eingelegte Gurkerl

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Marinierte Beete, Regenbogenforelle, Apfelbalsamico

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„Von unserem eigenen Bio-Charolais-Ochsen“: Shortribs, Topinambur

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Junglauchrisotto mit Bergkas

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Sauvignon Blanc Burger mit Ziegenkäse und Grillpaprika

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Gebeizter Lachs mit Orangenfenchel – und das war mein Favorit. Der fein gehobelten Fenchel schmeckte ganz ungewöhnlich aromatisch, ich entdeckte kleine Zitrusfruchtscheibchen darin und tippte erst mal auf Kumquats – obwohl der Geschmack nicht ganz dazu passte. Als ich den Wirt danach fragte, stellte sich heraus, dass ich zum ersten Mal Buddha’s Hand gegessen hatte: Er habe auf dem Markt ein schönes, erschwingliches Exemplar gefunden und am Morgen den Fenchel damit angemacht. Eine großartige Idee! Selbstverständlich erzählte ich gleich von Katharina Seiser und und ihrer ganz speziellen Bezugsquelle für Buddha’s Hand.

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Als Dessert: Bananensplit (mit hausgemachtem Vanilleeis, Brownie und Weißbiersirup/soße) – die volle Bananenbombe.

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Nebenbei und weil ich nicht weiß, wo ich es sonst unterbringen könnte: Gestern hat mich die Süddeutsche Zeitung zum schallenden Lachen gebracht, und zwar mit einer Restaurantkritik. Das La Kaz auf der Schwanthalerhöhe beschreibt Kritikerin „Helene Töttchen“ (die gastronomischen Besprechungen werden wohl mit Anagrammen der Autorennamen unterzeichnet):

Die Einrichtung ist glockenbachmäßig mit einer Prise Nouveau Westend: blanker Putz, Klinker, grobe Holztische, Designlampen, die aussehen wie Ferkelwärmer

Ich wusste sofort, was sie meint – und endlich, woran mich diese spezielle Lampenform erinnert. In Berlin läuft sie vermutlich unter „Industrielampe“, uns hier in Bayern liegen andere Vergleichswelten näher.

Theatergehen für Fortgeschrittene

Donnerstag, 21. März 2013

Jahrelang war ich darauf hereingefallen. Hatte einen Schauspieler aus dem Kammerspiel-Ensemble im Zuschauerraum gesehen und gedacht: „Ach guck, schaut sich an, was die Kolleginnen so machen.“ Um im Lauf des Stücks festzustellen, dass er in Wirklichkeit mitspielte, seinen Auftritt halt vom Zuschauerraum aus hatte.

Gestern war es damit vorbei. Ich sah Stefan Merki (hatte ich unter anderem in Fein sein, beinander bleibn erlebt) drei Reihen vor mir Platz nehmen, in einem 50er Ski-Anorak, und dachte: „Ha! Diesmal falle ich nicht rein. HA!“ Doch er spielte nicht mit und sah sich wohl wirklich einfach nur das Stück an. Ich muss noch viel lernen.

Gegeben wurde der jährliche Pollesch, diesmal Eure ganz großen Themen sind weg! Inszeniert, wie gewohnt, vom Autor René Pollesch selbst. Möglicherweise haben seine Stücke ja Trainingsfunktion: Die Schauspieler und Schauspielerinnen müssen ein enormes Textpensum schaffen, meist in maschinengewehrartiger Geschwindigkeit vorgetragen, inhaltlich auch noch nahezu sinnfrei und deshalb schwer zu merken. Gestern stellten sie den Souffleur gleich in Kostüm mit auf die Bühne, meist in die Nähe der Textsalven feuernden Schauspielergruppe. Die Wörter „Liebe“, „Leben“, „Themen“, „nehmen“, „Mehrwert“, „Gebrauchswert“ tauchten auffallend häufig in den Sprachschleifen auf. (Zum ersten Mal in einem Theaterstück gehört: „Narrationen“.)

Menschliche Nähe oder nicht, Liebe, Leben – Pollesch kreiste wieder um alles, was Douglas Adams mit „42“ beantworten lässt (ja aber sicher tauchte die Zahl unter den Unmengen popkultureller Anspielungen auf). Die Schauspieler und Schauspielerinnen turnten in wechselnden Kostümen aus 100 Jahren Filmgeschichte über die Bühne und einen riesigen begehbaren, drehbaren Holzschädel (die Rezensentin der Münchner tz brachte mich drauf, woran mich der Schädel erinnerte: Damien Hirst). Alles ganz possierlich, das Wegnicken des Publikums wurde durch regelmäßige Einspielung von Musik in trommelfell-gefährdender Lautstärke verhindert.

Aber! Katja Bürkle. Zu schauspielern hatte sie im eigentlichen Sinn nichts, es standen ja keine Personen oder Charaktere auf der Bühne, sondern – ja was? Polleschtextaufsager? Doch diese kleine, drahtige Faust von einer Person sehe ich immer gerne.

Das Stück fasst am besten der Autor selbst zusammen:

Die ganz großen Themen im Theater, wie ‚Gier‘, bekommen es jetzt mit der Universalisierung der ganz kleinen, wie ‚Kreativität‘, zu tun. Es gibt keine großen Themen mehr, wir können die kleinen aber wichtig und ewig machen, wenn wir sie nur lange genug hochhalten und gen Himmel sagen.

Ach.