Berlin im Frühling – zweiter Tag re:publica 2013

Mittwoch, 8. Mai 2013 um 8:59

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Diesmal dachte ich rechtzeitig daran, ein Erkennungsbild nach Instagram und Twitter zu senden.

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Ein Knaller war “Crowdsourced Astronomy” von Carolina Ödmann-Govender – genau das Richtige für mich Science-Groupie (will heißen: bin zu faul für Naturwissenschaften, aber total begeistert). Sie wies darauf hin, dass die Menschheit erst seit 100 Jahren Signale ins Weltall schickt, dass diese zwar Lichtgeschwindigkeit haben, doch in Relation zur Größe unserer Galaxie bislang erbärmlich wenig weit in diesen 100 Jahren gekommen sind. Es wird noch einige Zeit dauern, bis uns jemand hört. Carolina erklärte verschiedene Typen von Teleskopen, die weltweit in der Astronomie genutzt werden und wie die Mitarbeit unzähliger Helfer an ihren Computern hilft, günstigere Technik einzusetzen. Sie berichtete von astronomy hacks mit Laien, die neue Methoden ergeben haben, und dass die menschliche Wahrnehmung einer Computeranalyse immer noch weit voraus ist: Es sind diese Hobby-Astronomen daheim, die immer wieder seltsame Erscheinungen auf Teleskopbildern melden, deren Untersuchung die Astronomie weiterbringt. Ödmann-Govender berichtete, wie in solcher Zusammenarbeit der südliche Teil Afrikas ein riesiges Teleskop werden kann. Und wie die Einrichtung einer zentralen Forschungsstation eine abgelegene Siedlung im westlichen Südafrika veränderte.

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Annabel Church und Friedrich Lindenberg präsentierten “News you can’t print – journalism beyond the article”. Ich musste ständig daran denken, wie sehr auch Corporate Publishing davon profitieren könnte, daten- und materialbasiert ein Thema in vielen kleinen Aspekten lebendig werden zu lassen. Zudem zeigten die beiden eine mögliche Zukunft für insolvente Zeitungen auf: als Anbieter von Daten- und Recherchedienstleistungen.

Tanja und Johnny Haeusler hatte sich eine großartige Form ausgedacht, das Thema “Netzgemüse” zu präsentieren, zu dem sie ein Buch geschrieben haben – bitte sehen Sie sich das an. Nachzulesen ist der Text hier.
Ich diagnostiziere nur zwei kleine Schluckaufe in dem Slam:
1. Mehr Kinder braucht die Menschheit nicht. Überbevölkerung ist ein sehr reales Problem.
2. Einerseits die Kritik, dass Kinder auf eine Weise großgezogen werden, in der alles und jedes Nutzen haben muss. Gleichzeitig die Wiederholung der Forderung, das in der Schule vermittelte Wissen müsse nützlich sein.

Wie oft hat es uns zuletzt genützt, zu wissen,
wo die Hypotenuse verläuft
wann die Nebenflüsse des Amazonas entsprangen
welcher Hugenotte den Siebdruck erfand
wer das Universum vertonte?

(Rechtschreibung von mir korrigiert, deéformation professionnelle)

Solches Wissen ergibt in seiner Gesamtheit Bildung. Auch diese vermeintlich unnützen Fakten erzeugen das Gitter, das hilft Wahrnehmungen einzuordnen, Zusammenhänge herzustellen (die man mit den hoffentlich ebenfalls vermittelten Recherche- und Forschungstechniken vertiefen kann). Und dann hört man Nachrichten aus Südamerika, erfährt über Umweltprobleme dort und versteht Hintergründe, WEIL man weiß, wann die Nebenflüsse des Amazonas entsprangen. Diese nicht täglich anwendbaren Fakten helfen Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen: Kann das überhaupt sein, was die mir da erzählen? Erst dadurch fundierter Zweifel führt doch zu Eigenrecherche. Aber genau für diese Einschätzung braucht man häufig das besonders mühsam erlernte naturwissenschaftliche Wissen – zum Beispiel über Hypotenusen.

Yarnbombing
(Foto: fraumutti)

Daniela Warndorf, Kiki Haas sprachen über “Yarnbombing, Social Commerce und die Craftistas: Wie das Internet Crafting und Crafting unsere Gesellschaft verändert”. Sie hatten viele Daten und Informationen darüber zusammengetragen, was sich in dieser Ecke des Internets in den vergangenen Jahren getan hat und ließen keinen Zweifel, dass es sich um eine Massenbewegung handelt.

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Die deutsche Welle vergab auf der re:publica diejenigen ihrer BoBs Awards, die Online Activism auszeichneten. Hier stehen die ausgezeichneten Blogs, aus Deutschland kommt dabei das interessante Me & My Shadow: Es zeigt die Spuren, die wir im Internet hinterlassen. Werde ich zurück daheim sofort ausprobieren.

Als Entwicklungen im Online-Aktivismus identifizierte die Jury:
- die Verwendung immer höherwertiger Daten als Grundlage
- die Gleichzeitigkeit und Verquickung von Online- und Offline-Aktionen
- Videos, Videos, Videos
- die Nutzung von Apps, sei es über Kartenmaterial oder Geo-Tags

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Besonders freute mich, dass eine Hauptpreisträgerin, die ich seinerzeit als Jurymitglied mit ausgesucht hatte, nach fünf Jahren endlich selbst ihre Auszeichnung abholen konnte: Yoani Sánchez aus Kuba – die sich charmant auf Deutsch bedankte.
Auf die Zukunft des Journalismus in Kuba angesprochen, wies Yoani darauf hin, wie dringend Kuba Hilfe von außen braucht. Sie sprach einen Appell aus, den ich hier sehr gerne weitergebe: Wenn Sie nach Kuba reisen, nehmen Sie Technik zum Verschenken mit, sei es ein USB-Stick, eine digitale Kamera, einen Laptop. Schenken Sie das Gerät dort jemandem, jedes einzelne bringt die Informations- und Meinungsfreiheit vor Ort einen großen Schritt weiter.

§

Da ich schon nach diesen Veranstaltungen (und unzähligen Treffen und Gesprächen dazwischen) komplett am Ende und übermenscht war, ließ ich das Abendprogramm aus und zog mich zurück.

Besonders begeistert bin ich, wie schnell dieses Jahr die Videoaufnahmen der Veranstaltungen hochgeladen sind.

Zum atmosphärischen Ausklang empfehle ich Ihnen einen herrlichen, kunstreichen (und total unnützen) Blödsinn: Die re:publica-Plakate seit 1913. g06.met.vgwort.de/na/655352b56f56408a93e74dc80541aecf” width=”1″ height=”1″ alt=””>

die Kaltmamsell

6 mal Beifall zu “Berlin im Frühling – zweiter Tag re:publica 2013”

  1. Anke meint:

    Sehr gern gelesen.

  2. Xaver Unsinn meint:

    Sehr schön, aber sicherlich auch anstrengend den ganzen Tag? Noch schöne Stunden in Berlin.

  3. gscheitl meint:

    deformation professionelle schreibt man “déformation professionnelle” (Rechtschreibung von mir korrigiert).

  4. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank, gescheitl, für Französisch kann ich das nicht selbst.

  5. Uschi meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  6. Anne Roth meint:

    Vielen Dank für die Erwähnung von Me and My Shadow (das inhaltlich von mir betreut wird). Aus Deutschland kommt es nur sozusagen – ich wohne hier, aber Tactical Tech, die NGO dahinter, sitzt in verschiedenen Ländern und richtet sich daher auch nicht primär an deutsches Publikum (aber natürlich auch).

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