Journal Mittwoch, 7. Januar 2015 – Die Schweine auf die Bühne

Donnerstag, 8. Januar 2015 um 7:52

Egal wie alt du bist, wenn du das erste Mal hinter einer Bühne stehst, sagst du: „Die Schweine auf die Bühne bitte, die Schweine auf die Bühne!“ Lautstärke und Modus je nach Temperament. (Außer du hast nie im Leben die Muppet Show gesehen, aber dann läsest du hier wohl kaum mit.)

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Was soll ich sagen: Gestern waren sie dort, auf der Bühne der Kammerspiele, in König Lear. Riesige Säue, mittelgroße Säue, kleine Säue, die entspannt bis vergnügt über die Bühne spazierten und rüsselten, während die Schauspieler das Stück weitertrieben, grunzten, manchmal ganz schön laut, an Bühnenbild und Schauspielern knabberten, sich kraulen ließen. Das Publikum wurde nach dem anfänglich ernsten „Aha, interessanter Einfall“ immer heiterer, einzelne Schweinseinlagen waren kurz vorm Szenenapplaus. Da fühlte ich mich richtig shakespearisch: Der alte Will hätte sicher keine Gelegenheit ausgelassen, das Publikum zu unterhalten, und die Clowns, Gaukler und Tiershows, die es im alten Globe immer wieder in Pausen gab (die Einteilung in Akte war ja weit nach Shakespeare), vermisse ich schon. SOLCHE Schweine!1

Ich hatte Lear vorher nie gelesen, auch noch nie gesehen, es war also wirklich mal Zeit. Und von einigen Details war ich überrascht, zum Beispiel: Dass die tragische Figur Lear anfangs ein richtig unangenehmer Typ ist und ich die beiden Töchter gut verstehen konnte, die ihn und seinen Tross nicht daheim haben wollten. Dass die gute Cordelia als blasse Projektionsfläche daher kommt. Und ich war schockiert wie das erste Shakespearepublikum, dass Cordelia am Schluss tot ist.
Die Inszenierung gefiel mir auch neben den Schweinen auf der Bühne (hihi!): Schöne Mischung aus Vereinfachung (alles spielte auf demselben Schauplatz, einem Rasenkreis in der Bühnenmitte, eine Leuchtanzeige darüber nannte den aktuell vorzustellenden Ort) und Bühnentechnik aus allen Rohren (solch einen Sturm hatte ich noch nie auf einer Bühne gesehen, der Kunstnebel hielt sich bis zur Pause im Zuschauerraum). Großartige Besetzung, auch wenn es mich erstmals irritierte, Tatort-Schauspieler Lasse Myhr auf der Bühne zu sehen; sonst habe ich beim Tatortgucken ja schlagartig all die Stücke vor Augen, in denen ich die Kammerspieldamen und -herren bereits kenne. Gestern fiel mir aber am meisten Kristof van Boven als Edgar auf, der vor allem am Anfang immer wieder durch scheinbare Ungelenkheit spröde Akzente setzte.

Aber vor allem: SOLCHE Schweine! Theater UND Zoo für den Preis von nur einem Theaterticket!

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Sonst gestern Rückkehr ins Büro, die übliche viele Arbeit nach drei Wochen Abwesenheit plus Quartalsabschluss, heute weiterzuführen. So viel Arbeit, dass ich den ganzen Tag keine Zeit für einen Blick auf Twitter hatte und so erst am späten Abend den Terroranschlag in Paris mitbekam.

Davor Crosstrainerei.

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Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke entschuldigt sich für eine unpassende Kameraeinstellung: „Katja Sudings Beine“.

Ja, war mir unangenehm aufgefallen. Doch erst nach dem Lesen der Selbstkritik merkte ich, dass ich dieses Unbehagen umgehend mit der Schere im Kopf weggeschnitten hatte: Na, jetzt stell dich doch nicht so an.
Die Form der Entschuldigung übt Herr Gniffke ja erst noch.

  1. Nein, sowas steht natürlich nicht in Regieanweisungen. Obwohl ich mir anschließend sagen ließ, die berühmteste Bühnenanweisung eines Shakespearestücks stünde im Winter’s Tale und laute: „Exit, pursued by a bear“. []
die Kaltmamsell

6 mal Beifall zu “Journal Mittwoch, 7. Januar 2015 – Die Schweine auf die Bühne”

  1. Novemberregen meint:

    (Ich habe nie im Leben die Muppet Show gesehen…)

  2. Mareike meint:

    (Was Frau Novemberregen sagt.)

  3. Susann meint:

    Ich frag jetzt mal ganz blöd, wozu die Schweine da waren – doch nicht, um dem Publikum einen Ausflug in den Zoo zu ersparen. Aber warum dann?

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich stelle hiermit ihren Integrationswillen in Frage, Novemberregen, Mareike.

    Die waren als Teil des Bühnenbilds da, Susann, wie auch der Rollrasen auf der Spielfläche, der Lamettavorhang drumrum.

  5. Sigourney meint:

    Schweine sind tolle Tiere, die auf der Bühne hatten es wenigstens gut im Vergleich zu den meisten ihrer Artgenossen.

  6. Chris Kurbjuhn meint:

    Früher gab es mal die Schauspielerweisheit: „Geh nie zusammen mit Kindern oder Tieren auf die Bühne. Du hast keine Chance, sie werden dir den Arsch abspielen.“

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