Archiv für Dezember 2015

Bücher 2015

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mit * versehene Bücher haben mir besonders gut gefallen, ich empfehle sie. Die anderen waren ok, außer ich schimpfe explizit.

1 – Batya Gur, Mirjam Pressler (Übers.), Am Anfang war das Wort

2 – Laura Waco, Good Girl

3 – Alistair Macleod, No great mischief

4 – Cory Doctorow & Jen Wang, In Real Life*
Graphic novel um ein Schulmädchen und ihre Abenteuer als Gamerin im fiktiven Multiplayer Role Game Coarsegold. Sie ist dort Teil einer Mädchengilde, die ein eigenes soziales System bildet, und sie lernt Figuren/Spieler in China kennen, die mit dem Spiel ihren Lebensunterhalt bestreiten – allerdings durch Regelverstöße. Mir gefiel der Zeichenstil sehr, in dem die Computerspielästhetik immer wieder eine Rolle spielte, ich mochte, dass die Protagonistin ein ganz normales dickliches Mädchen ist. Unter den Gamerinnen zeichnen sich unterschiedliche Typen ab, und die Eltern der Hauptfigur spielen auch eine Rolle (ich lernte, dass es heute wohl sowas wie digitalen Stubenarrest gibt: Internetverbot).

5 – Harry Mulisch, Annelen Habers (Übers.), Das Attentat*
Mulischs Werk hat mir eine neue literarische Welt eröffnet, sowohl in Erzählstil als auch Erzählwelt.

6 – Steven Uhly, Königreich der Dämmerung*
Hätte fürchterlich daneben gehen können: Der Weg dreier Familien nach 1945, wie sie dorthin kamen, wohin sie gingen. Doch Uhly macht das großartig, wählt meist die personale Sicht von Opfern und von Tätern, hält sich mit Wertungen fast völlig zurück. Ein besonderer Roman unter anderem, weil er einen zuvor nahezu unerzählten Handlungsstrang über überlebende Juden enthält, die nach dem Horror der KZs wieder in Lagern landeten, nämlich in denen für „displaced persons“.

7 – Nicole Stich, Reisehunger*
Großartige Bilder, attraktive Rezepte – und dazwischen Geschichten über Reisen, auf denen auch mal etwas schief geht.

8 – Granta 130, India. Another Way of Seeing*
Wieder ein Granta, das meine festgefahrenen Bilder auflöste, diesmal die von Indien. Eine Welten öffnende Mischung aus Sachtexten über gesellschaftliche Umbrüche und aus Fiktion, die ich nicht bei indischen Autorinnen und Autoren erwartet hatte.

9 – Fred Vargas, Tobias Scheffel (Übers.), Im Schatten des Palazzo Farnese

10 – Doris Dörrie, Für immer und ewig

11 – Italo Svevo, Barbara Kleiner (Übers.), Ein gelungener Streich

12 – Terry Pratchett, Men at Arms

13 – Wolfgang Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman.

14 – Laurie Lee, Cider with Rosie

15 – James Rebanks, The Shepherd’s Life. A Tale of the Lake District*
Hier ausführlich besprochen.

(16 – Fred Vargas, Julia Schoch (Übers.), Der vierzehnte Stein)
Noch nie habe ich einer Übersetzung so misstraut wie dieser: Es kommen zahlreiche Frankokanadier in dem Roman vor, und die sprechen wohl seltsames Französisch. Aber dass Fred Vargas sie erfundene Wörter und Verbformen sprechen lässt, bezweifle ich – dafür hat Julia Schoch sich in ihrer Übersetzung entschieden. Außerdem habe ich nun wirklich genug von psychopathischen Serienmördern. Wenn, dann will ich künftig Krimis mit banalen Verbrechen, mit den Abgründen ganz normaler Menschen.

17 – Graham Greene, Brighton Rock*
Nach acht Jahren wiedergelesen, sogar noch besser gefunden als damals.

18 – Granta 131, The map is not the territory

19 – Wolfgang Herrndorf, In Plüschgewittern

20 – Horace MacCoy, They shoot horses, don’t they?

21 – Adam Thorpe, Ulverton

(22 – Henry David Thoreau, Walden)
Habe ich nicht bis zum Ende durchgehalten, zu sehr nervte mich das selbstherrliche und unreflektierte Geschwalle von Herrn Thoreau. Sagt wahrscheinlich viel über die USA aus, dass sich die Gesellschaft über dieses Buch fast schon definiert.

23 – Bov Bjerg, Auerhaus*
Hier ausführlich besprochen.

24 – Christoph Schröder, Ich pfeife!*
Für Fußball interessiere ich mich ja ganz ausgesprochen nicht, doch als geschätzten Kollegen hatte ich einen jungen Fußballschiedsrichter kennengelernt: Eine völlig neue und im Gegensatz zu Fußball höchst interessante Welt. Christoph Schröder ist Feuilletonist und seit 27 Jahren Fußballschiedsrichter. Aus seinen Erfahrungen hat er ein hochspannendes Buch gemacht.
Hier ein Auszug daraus.

25 – Vladimir Nabokov, Lolita*
Man kann ja auch mal ein Buch der Weltliteratur empfehlen. Dieses ist auf unzähligen Ebenen ein Meisterwerk. Beim Wiederlesen fiel mir vor allem die erzähltechnische Ebene auf, wie die Erzählstimme uns den Blick vernebelt, in ihre Sicht lockt – bis wir sogar bereit sind, Mitleid mit dem Mann zu haben, der sich immer wieder ganz, ganz mies fühlt und zerfressen von schlechten Gewissen über den Umstand, dass er das Leben eines Kindes zerstört hat.

26 – Granta 132, Possession

27 – E.L. Doctorow, The Book of Daniel*
Doctorow starb vergangenes Jahr – Anstoß, endlich mal etwas von ihm zu lesen. Dieser Roman von 1971 gefiel mir ausgesprochen gut. Hintergrund ist die Verurteilung und Hinrichtung des Ehepaars Rosenberg im USA der 1950er, sie heißen im Buch Lewin. Doch die Geschichte ist technisch kunstfertig aus der Sicht des Sohnes erzählt, in zwei Zeitebenen: Gegenwart der End-60er und Rückblick auf die Kindheit. Und in zwei Erzählebenen, denn diese Daniel-Stimme wechselt zwischen Ich und Er, manchmal sogar im selben Satz. Es wird viel Stimmung und Information aus den 50ern transportiert, und das Rechtssystem der USA kommt ausgesprochen schlecht weg, daneben die menschlichen Folgen der damaligen Kommunistenhatz.

28 – Patricia Cammarata, Sehr gerne, Mama, du Arschbombe*
Die Geschichten kannte ich fast alle aus Patricias Blog – das für mich bis heute kein Muttiblog ist, dafür kenne ich es schon zu lange. Ich las darin vor Jahren, wie sie in der Arbeit irgendwen im Aufzug anschwärmte (und weiß bis heute nicht, ob das der Vater ihrer Kinder ist), wie ein Partner in ihrem Blog auftauchte, der ein Kind hatte, wie sie nach langer Blogpause als Mutter wiederauftauchte und von einer schrecklichen Schwangerschaft berichtete. Schon immer liebte ich den Surrealismus der Geschichten von dasnuf (manche davon wunderbar vertont von MC Winkel, bitte klicken Sie hier), davon werden auch Patricias Kinder- und Muttergeschichten getragen.
Im Grunde bietet Sehr gerne, Mama, du Arschbombe etwas für alle: Kinderfans finden genau die Geschichten, die sie Kinder lieben lassen, auch Kindernichtfans lachen über die Geschichten und finden sich darin bestärkt, Kinder großräumig zu meiden.

30 – Ian McEwan, The Children Act

31 – Raúl Aguayo-Krauthausen, Dachdecker wollte ich eh nicht werden
Diesem eigentlich fesselnden Buch wünschte ich von Herzen ein besseres Lektorat, das sich der vielen sprachlich unbeholfenen Passagen angenommen hätte.

32 – Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

33 – Amos Oz, Ruth Achlama (Übers.), Black Box

34 – Neil Gaiman, Coraline*
Düsterer Roman um ein Mädchen, das sich nach einem Umzug in ein altes Haus mit wirklich grusligen Erscheinungen beschäftigen muss. Ihre vorherigen Probleme werden unwichtig – unter anderem ein Vater, der immer wieder statt etwas Anständigem ein recipe kocht, das man nicht essen kann. („Hast du etwa wieder ein recipe gekocht?“ ist in unserem Haushalt stehende Wendung, seit Herr Kaltmamsell das Buch vor Jahren las.)

35 – Julie Schumacher, Dear Committee Members

36 – Jean-Yves Ferri, Didier Conrad, Der Papyrus des Cäsar*
Schönes Geschichte, schöne zeichnerische Gags, schöne Anspielungen auf heutige Kommunikation.

37 – Louise Fitzhugh, Harriet the Spy*
Hatte mir Herr Kaltmamsell schon länger empfohlen, und das zurecht. Ein Klassiker der amerikanischen Jugendliteratur, der, wie alle gute Jugendliteratur, gute Literatur ist. Harriet ist eine sehr gewöhnungsbedürftige Heldin: Sie schreibt unentwegt auf, was ihr passiert und wer ihr begegnet – das allerdings mit abschreckendem Mangel an Empathie, dafür umso kälterer Abschätzigkeit. Dafür muss sie einen Preis zahlen (so weit, so konventionell), aus dem sie aber nicht etwa das lernt, was man erwartet.

38 – Oskar Maria Graf, Das bayrische Dekameron*
Ein weiteres Highlight des Jahres: Graf sammelt anzügliche bayrische Geschichten und schreibt sie sehr original mündlich auf. So genau habe ich mein heimisches Bayerisch noch nie getroffen gesehen – ohne dass es für nicht-Muttersprachler unverständlich wäre.

39 – Jane Gardam, Old Filth*
Der Roman um einen alten britischen Juristen vor dem Hintergrund des verschwindenden Commonwealth, des britischen Klassensystems und des heutigen Großbritanniens erzählt scheinbar leichtfüßig – und doch stecken in diesem gar nicht so dicken Buch ungemein viele Geschichten, Perspektiven, Einblicke. Gardam ist eine Meisterin des significant detail: Auch ohne ausführliche Beschreibungen von Räumen und Umgebungen ist die visuelle Seite der Geschichte jederzeit detailliert und lebhaft. Die anderen beiden Bände der Trilogie will ich unbedingt lesen, schon um mehr über die Zeit in Hongkong zu erfahren und über die Ehefrau der Hauptfigur, Betty, die aus seiner Perspektive als wenig bemerkenswerte „Frau an seiner Seite“ geschildert wird, doch zu seiner großen Überraschung nach ihrem Tod einen ausführlichen Nachruf in den Zeitungen bekommt – sie scheint außerhalb seiner Wahrnehmung eine bedeutende gesellschaftliche Rolle gespielt zu haben.

40 – Granta 133, What have we done

41 – James Rebanks, The illustrated Herdwick Shepherd*
Mit demselben Humor und denselben tiefen Einblicken hat Rebanks nun auch ein Buch mit Bildern aus seinem Hirtenleben veröffentlicht.

42 – John Irving, Avenue of Myteries
Leider auch diesmal keine positive Überraschung. Geradezu mechanisch sind die erwartbaren Irving-Versatzstücke zusammengestellt: Zirkus (Son of the Circus), Kind mit komischer Stimme (Owen Meany), Abtreibungsdiskussion (Cider House Rules), Transgender (Garp, In One Person). All diese Irving-Romane tauchen auch selbst wenig verbrämt auf, im Mittelpunkt des Romans steht der gealteter Romanautor Juan Diego, der sie geschrieben hat. Womit auf einer weiteren Ebene der Bogen zu Irvings Romanen geschlagen wird: Wo wir im Meisterwerk The World According to Garp die Anfangsjahrzehnte eines Schriftstellers bekamen, haben wir jetzt die Endphase eines Schriftstellerlebens. Inklusive – ich frage mich, ob die alten Schriftsteller Roth, Rushdie, McEwen, Irving und Konsorten da einfach eine zotige Männerwette laufen haben – fond memories of vagina: Der alte Juan Diego hat Sex mit einer sehr jungen Frau. Das ist zwar gebrochen dadurch, dass er auch mit ihrer Mutter schläft und das ebenso gerne, lässt mich dennoch Augen rollen. Die beide Frauen sind mystische Wesen, tauchen wie Erscheinungen auf und verschwinden, haben kein Spiegelbild (ein Nicken in Richtung des magic realism von García Márquez?). Als exotischen nicht-US-amerikanischen Hintergrund haben wir diesmal Mexiko, in dem die Kindheit und Jugend des Schriftstellers spielen.

Das Element der Groteske, das Irving früher so leichtfingrig und humorvoll beherrschte, hat mittlerweile etwas sehr Angestrengtes bekommen. Und wo seine Sexszenen früher von ihrer liebevoll sachlichen Schilderung profitierten, lesen sie sich jetzt wie pflichtgemäße Trainingseinheiten beim Gewichtheben – bar jeder Sinnenfreude.

Auch diesmal wedelt ein erhobener Zeigefinger vor der Nase der Leserin, wieder und wieder:
1. Literatur spiegelt nicht die persönlichen Erlebnisse des Autors.
2. Katholizismus ist unlogisch und voller innerer Widersprüche.

Der Spiegel war begeistert von dem Roman.
The daily beast mochte den Roman sehr.
Vielleicht sind John Irvings Bücher ja gar nicht schlechter geworden. Vielleicht haben seine Romane und ich uns einfach auseinander entwickelt.

43 – Flix, Schöne Töchter*
Eines meiner Lieblingsbücher des Jahres, graphic short stories über die Liebe. Flix nutzt die Erzählmittel des Zeichnens ganz wunderbar, so manche Geschichte musste ich zweimal lesen, weil die Pointe zeichnerisch am Ende auf den Anfang verwies.

44 – Alison Bechdel, Are You My Mother?

Journal Mittwoch, 30. Dezember 2015 – Nizza 5

Donnerstag, 31. Dezember 2015

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Manchmal nervt mich meine tiefe Konventionalität schon arg. Am klarsten erkennbar an meinen Fotos: So durchschnittlich sieht mein Blick wirklich aus. Doch ich übe mich ja weiterhin im Zurechtkommen mit der Realität. So bin ich halt, das ist schon in Ordnung. Wer ein so großes Bedürfnis nach Sicherheit und Halt hat, wird naheliegenderweise von Konventionen geleitet.

§

Nachmittags im Théâtre de la Photographie et de l’Image Charles Nègre, Ausstellung mit Fotos von Henri Cartier-Bresson. Ein schönes altes Gebäude, Fotografieren verboten.

Abendessen im L’Escalinada: Gute Regionalküche, jetzt kenne ich Kutteln auch auf Nizzanisch.

Jahresrückblick 2015

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen: Alle Kleidung sitzt knapp. Was immer noch schafft, mich zu bedrücken.

Haare länger oder kürzer?
An manchen Stellen kürzer (Deckhaar), an manchen länger (Nacken).

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Anderssichtig, langsam macht das Alter das Sehen spannend: Vor einer Woche festgestellt, dass ich in 25 cm Entfernung ohne Brille besser sehe als mit.

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger, glaube ich. Im neuen Job habe ich das zweite Halbjahr über keinen Sportrhythmus für die Arbeitstage gefunden.

Mehr Kohle oder weniger.
Mehr – wenn auch nicht so viel mehr wie erwartet: Aus 900 Euro mehr brutto im Monat ab Jahresmitte wurden rubbeldieKatz nur knapp 300 Euro mehr netto.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger, weil ich keine halbe Küche gekauft habe.

Der hirnrissigste Plan?
Mir fällt keiner ein.

Die gefährlichste Unternehmung?
Die von der Hausärztin verschriebenen wirkmittelfreienhomöopathischen Medikamente EINFACH NICHT ZU NEHMEN.

Die teuerste Anschaffung?
Unterwäsche

Das leckerste Essen?
Gegrillter Octopus mit mediterranem Gemüse im Marais soir im September.

Das beeindruckenste Buch?
James Rebanks, The Shepherd’s Life. A Tale of the Lake District

Das enttäuschendste Buch?
Fred Vargas, Julia Schoch (Übers.), Der vierzehnte Stein

Der ergreifendste Film?
Inside Out (der beste aber war Hot Fuzz)

Die beste Musik?
Soundtrack von Sherlock – Series 2

Das beste Theater?
König Lear an den Kammerspielen

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Berufstätigkeit

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Herrn Kaltmamsell – dessen Anwesenheit schöne Momente halt noch schöner macht.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Es geht weiter.

2015 zum ersten Mal getan?
Eine Klobrille ausgetauscht

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Eine Fremdsprache gelernt

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Einen jungen Burschen zu Grabe tragen zu müssen, die eine oder andere Jobabsage, die daraus resultierende Niedergeschlagenheit

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Mich einzustellen

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Klappe halten

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Eine Halskette

2015 war mit 1 Wort…?
Neustart

Vorsätze für 2016?
Kopf hoch!

Journal Dienstag, 29.Dezember 2015 – Nizza 4

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Nach elf Stunden Schlaf aufgewacht, reichlich durcheinander. Für mich als ungeübte Langschläferin war ein Großteil des Tages weg, ich musste mich neu sortieren. Die geplante Stunde Lauf ließ ich ausfallen, um halbwegs in einen Tagesrhythmus zu kommen. (Außerdem würde die Pause wahrscheinlich meinen schmerzenden Achillessehnen gut tun.)

Statt dessen Einkauf auf dem Markt auf dem Cours Saleya, der bereits kurz vor Abbau stand: Artischocken für abends, in einer Bäckerei auf dem Weg Pain de Campagne.

Den Nachmittag im Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain MAMAC verbracht. Interessant am Museumsbau selbst: Viele Möglichkeiten, nach draußen zu schauen, immer wieder schöne Anblicke. Dazu kam ein heller Linoleum(?)boden, in dem sich die Kunstwerke spiegelten, was immer wieder zu einer Dopplung bis Erweiterung führte.

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Gelernt: Yves Klein war Nizzaner. Zu ihm wie auch zum Ausstellungsteil mit Werken von Niki de Saint Phalle gab es eine Wand mit ausführlichen biografischen Informationen. Mir als Laiin half das sehr bei der Einordnung dessen, was ich sah.

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In einem anderen Raum eine weitere Spiegelung, diesmal auch im Glas, das das Gemälde bedeckte.

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Die oberste Ebene des Museums sind Dachterrassen – mit Kunst, aber auch Ausblick.

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Für weitere Einkäufe suchten wir den großen Carrefour-Supermarkt Tnl auf und guckten uns dort gründlich um. Gelernt: Foie Gras ist hier wirklich, wirklich wichtig, noch mehr an Weihnachten und Neujahr. Nicht nur wurden acht große Kühltruhen davon angeboten – es gab sogar eine eigene Truhe mit Halal-Versionen, Symbol für das sich wandelnde Europa auf so vielen Ebenen.

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Rückweg über einen Käseladen, um das Abendessen zu komplettieren. Das dann so aussah:

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Internet gelesen, dann das am Vorabend angefangene SPQR von Mary Beard, das mich von der ersten Zeile an einnahm. Wie immer ist sie in der Reflexion des eigenen Blicks sehr zeitgemäß, gleichzeitig nie überheblich gegenüber ihren Vorläufern und Vorläuferinnen. Der Unterschied zu der Art und Weise, in der ich zu meiner Schulzeit die Antike vermittelt bekam, ist eklatant. (Mary Beard wäre die erste, die betonen würde, dass das frühere Vermittlungsweisen nicht schlechter macht, lediglich anders.)

Journal Montag, 28. Dezember 2015 – Nizza 3

Dienstag, 29. Dezember 2015

Geweckt von heftigem Baulärm: Die animierte Krippe auf dem Platz vor der Ferienwohnung wurde abgebaut. Mittags erinnerte nur noch ein wenig Sand an sie.

Morgenkaffee gerettet: Ich stellte die Bratpfanne auf den Herd (weil ich mir ausrechnete, dass die hohe Hitze vertragen müsste) und darauf die Cafetera.

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Wieder ein Stündchen Laufen, auf der nicht mehr ganz so dicht bevölkerten Promenade – es war allerdings immer noch deutlich mehr los als Ostern vor sechs Jahren.

Spaziergang hinauf auf den Burgberg und durch die dortigen Friedhöfe.

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Sehr beliebt hier: Grabblumen aus Porzellan.

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Aussicht.

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Vor sechs Jahren hatten wir sein Grab zufällig auf dem jüdischen Friedhof entdeckt, dieses Jahr besuchten wir ihn gezielt: René Goscinny, einen der beiden Väter von Asterix.
Nizzas jüdischer Friedhof bietet interessante Lektüre für Stunden. Im unteren Teil sind die Gräber aus dem späten 19., frühen 20. Jahrhundert nicht von ihren christlichen Gegenstücken zu unterscheiden: viel neoklassischer Pomp. Allerdings fällt schon hier auf, dass bei vielen Verstorbenen ein weit entlegenen Geburtsort angegeben ist (verwirrenderweise manchmal gefolgt von einem anderen Herkunftsort). Über die Jahrzehnte werden die Grabstätten immer schlichter. Der vielen Opfer der Shoah wird auf einer Tafel am Eingang des Friedhofs gedacht, nur wenige tauchen namentlich auf Grabsteinen auf. Die zeitgenössischen Grabsteine sehen völlig einheitlich aus (wie der von Goscinny). Nur ganz selten sind neben den Lebensdaten in christlicher Zeitrechnung auch die jüdischen Jahreszahlen angegeben.

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Mehr Aussicht vom Burgberg. An einer Jausenstation oben tranken wir heimischen Glühwein: Sehr wenig süß, mit viel Orangensaft und -schale gewürzt.

Fürs Abendessen hatten wir einen Tisch im kleinen Olive & Artichaut reserviert, das im Vorbeigehen einen guten Eindruck gemacht hatte (z.B. nur Bioweine auf der Karte – für mich ein Hinweis, dass sorgfältig eingekauft wird). Wir aßen tatsächlich sehr gut, allerdings recht gehetzt: Der Tisch wurde nochmal benötigt. Gerade mal eine gute Stunde hatten wir für unser Menü.

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Aperitiv mit Wermuth, Limo, Minzsirup.

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Ravioli mit Entenleber gefüllt, dazu Boudin blanc (hatte ich schon in einer Kühltheke gesehen, wollte ich probieren, schmeckte weißwurstartig).

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Tagesfisch mit besonders köstlichem Grillgemüse und Artischockenpüree.

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Zum Nachtisch bestellte ich das Pain perdu, das sich als Armer Ritter aus frisch-fluffigem Brioche herausstellte – sensationell.

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Eine besondere Freude war der Wein. Ich hatte gestanden, dass ich im Weißwein Holztöne nicht mag, daraufhin wurde uns dieser Pouilly Fumé empfohlen: Rund und frisch, Birke und Birne in der Nase, Zitrone im Mund, schmeckte lange nach.

Journal Sonntag, 27. Dezember 2015 – Nizza 2

Montag, 28. Dezember 2015

Ausgeschlafen. Ich hatte die Fensterläden des Schlafzimmers (genau DIE Fensterläden mit unterem Hochklappteil, 50 mal überstrichen, die Sie sich beim Stichwort Nizza vorstellen) offen gelassen, um beim ersten Augenöffnen blauen Himmel zu sehen.

Ich setzte die mitgebrachte Cafetera auf – und bekam erst mal keinen Morgenkaffee.

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Schlag 10 Uhr startete wieder die animierte Krippe auf dem Platz vorm Fenster, mit lebensgroßen nickenden Hirten, MariaundJosef, Königen, Schafen, KuhundEsel, Kamelen, durchgehend beschallt mit Weihnachtsliedern aller Kulturen.

In Laufkleidung reihte ich mich ein in die Menschenmassen auf der Promenade des Anglais, Hindernislauf um Familien, andere Joggerinnen, Menschen jeden Alters mit Rollgeräten (Tretroller, Inline Skates, Roller Skates, Kickboards, Skateboards, Fahrrädern), die sie oft nur sehr unzureichend beherrschten.

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Vielleicht hätte ich es besser den Schwimmern nachtun sollen, um meinen Bewegungsdrang auszuleben. Aber auch das Stündchen Laufen hatte mir gut getan.

Duschen und Frühstück (im Supermarkt hatte ich einen Fromage blanc de Campagne gekauft, der sich als köstlich sahniger Schichtkäse herausstellte), Lesen im sonnendurchfluteten Wohnzimmer.

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Nachmittags machten wir uns auf die Suche nach Restaurants für die kommenden Tage. Doch alle, die ich mir vorher notiert hatte, gibt’s nicht mehr oder sie haben gerade Weihnachtsferien.

Wir setzten uns bis zum Sonnenuntergang an den Kiesstrand und beobachteten die Seeschwalben bei ihrer Jagd nach Futter (dazwischen auf der gleichen Höhe wie die Seeschwalben: Quadrokopter). Mehr Spaziergang um den Hafen und noch ein Stück nach Osten, bis wir müde und hungrig waren.
Zum Abendessen setzten wir uns dann einfach in das Touristenlokal gegenüber der Ferienwohnung, ich bekam Salade niçoise und Daube, beides schmeckte anständig. Der Begleiter hatte Farcis und Pizza, dazu provenzalischen Rosé.

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Journal Samstag, 26. Dezember 2015 – Nizza 1

Sonntag, 27. Dezember 2015

Nizza! Der Himmel vereinbarungsgemäß blau, die Sonne strahlend, die Luft lau, die Ferienwohnung wunderschön, die Gassen wuslig weihnachtlich.

Erst mal Freude über freie Sicht den ganzen Flug über.

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München ist wirklich nicht besonders groß.

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Die Alpen machen als Wintersportgebiet erst mal Pause.

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Monte Carlo.

Mit dem Linienbus nach Nizza hinein (der Flughafen ist hier so zentral wie der Münchner weit weg ist), Schlüsselübergabe für die Ferienwohnung unterm Dach in der Altstadt.

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Ausblick vom Balkon.

Eine Runde Lebensmitteleinkäufe gleich im Viertel, der 26. Dezember ist hier kein Feiertag. Unterwegs die erste Socca (Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl) auf die Hand, köstlich. Schlendern durch Gassen und Prachtstraßen Nizzas: Wiedersehen mit bekannten Ecken, Entdecken neuer.

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Sonnenuntergang an der Promenade inmitten vieler, vieler anderer Menschen.
Viele Möwen und Tauben, Starenschwärme in Bäumen. Das kleine dunkle Geflatter an der Promenadenmauer waren dann doch Fledermäuse. Sie begleiteten uns auch in das Village de Noël: ein Christkindlmarkt im umzäunten Stadtpark. An der Pforte standen Sicherheitsleute, die alle Taschen kontrollierten, manche auch ganzkörpercheckten, die Zeiten haben sich geändert.

Das Weihnachtsdorf war deutlich ans deutsche Vorbild angelehnt: Viel Krimskrams und Kunsthandwerk. Es gab zwar keine Bratwurst, dafür Churros mit einem Töpfchen Nutella zum Dippen.

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Mit Palmen wirkt so ein Christkindlmarkt eigentlich authentischer.

Fernsehabend: Es kamen drei Folgen aus der letzten Staffel Downton Abbey mit französischen Untertiteln. Ich fühle mich zumindest in diesem Bildungspunkt aufgefrischt.

Dass die Ferienwohnung nicht allzu ruhig sein würde, hatte ich mir schon gedacht: Sie liegt an einem kleinen Platz mit vielen Straßenlokalen, da tönt bis spät in die Nacht Menschenlärm. Ich habe Ohropax dabei. Überrascht war ich allerdings vom Glockenlärm der benachbarten Kirche (Luftlinie Schlafzimmer-Glocke ca. 10 Meter) – dabei habe ich doch ein Semester in Augsburg in ähnlicher Entfernung zu einer Kirchenglocke gewohnt und hätte es besser wissen müssen.

§

Das Rätsel guter schlechter Filme. Christopher Orr nimmt Love actually auseinander: Orr hatte ihn schon bei Kinostart verrissen und rauft sich jetzt die Haare, warum ausgerechnet dieser Film ein Weihnachtsklassiker geworden ist:
Love Actually Is the Least Romantic Film of All Time“.

Ich gebe Orr in praktisch jedem Punkt recht – und liebe den Film trotzdem.