Journal Donnerstag, 14. Januar 2016 – Alan Rickman ist tot

Freitag, 15. Januar 2016 um 10:05

Oh nein, nicht Alan Rickman.

Mir will zum Teufel nicht einfallen, wo ich ihn entdeckt habe – und ich bin mir sicher, dass ich ihn selbst entdeckt habe, bevor er mit Die Hard berühmt wurde.

Truly Madly Deeply mag einer seiner ersten Kinofilme gewesen sein, aber ich bilde mir ein, dass ich den später als 1990 sah und dass ich Rickman schon vorher in einem Film gesehen hatte.

Vielleicht doch Robin Hood, Prince of Thieves? Der besser Sheriff of Nottingham, King of Being Annoyed geheißen hätte.

Sicher, als Snape war er sehr gut – aber der Punkt geht eigentlich an J.K. Rowling, die den Charakter so gut geschrieben hat.

In Sense and Sensibility stellte ich fest: Rickman konnte ja auch anziehend sein!

Nicht nochmal sehen kann ich An Awfully Big Adventure, weil er mir zu nahe ging. Und Gambit will ich ganz sicher nicht nochmal sehen; es reicht zu wissen, dass man auch mit einer sensationellen Besetzung einen sensationell schlechten Film machen kann.

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Schöner Artikel eines Vogelbeobachters.
„Die Vögel in Nachbars Garten“.

Die Vogelbeobachtung ist neben dem Schallplattensammeln eine der schönsten und beglückendsten Tätigkeiten, denen ein Mensch nachgehen kann.

Allein schon wegen des Zwischentitels „Nur ein tiefgefrorener Vogel ist ein ruhiger Vogel“ muss man ihn lieben.

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Wie sagen wir Berufskommunikatorinnen immer über Botschaften: Wenn sie dir selbst schon zum Hals raushängt, kommt sie draußen gerade erst an. In diesem Sinne: Teresa Brückner fordert zum Kampf gegen Sexismus und sexuelle Gewalt auf.
„Das geht #ausnahmslos alle etwas an“.

Dass insbesondere männliche Publizisten die Herkunft der Täter betonen, dient aber allzu oft auch der Rückversicherung, dass mit dem Frauenbild herkunftsdeutscher Männer alles zum Besten steht. Doch so ist es nicht. Nicht die Behauptungen von Feministinnen, sondern Studien, die von offiziellen deutschen und europäischen Stellen beauftragt wurden, belegen, dass sexualisierte Gewalt und Belästigung für Frauen zum Alltag gehören. Rund 40 Prozent der Frauen berichteten in der Studie des Bundesfamilienministeriums, mindestens einmal seit dem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt erfahren zu haben, bei sexueller Belästigung sind es 60 Prozent.

Als Journalistin, die sich schon länger mit Gewalt gegen Frauen beschäftigt, kann ich all diese Zahlen im Schlaf aufsagen – sie ändern sich ja kaum. Ich bewundere jede Kollegin, die schon Jahrzehnte darüber berichtet, wenn sie sich immer wieder diesem Thema zuwendet. Ich bewundere aber auch jeden, der mit Blick auf diese stabilen Zahlen sagt, mit dem Frauenbild in diesem Land sei alles in Ordnung. Wir alle müssen diese Fakten anders interpretieren, denn die Masse der Gewalt lässt sich nicht auf individuelle Entgleisungen zurückführen. Sie belegt ein strukturelles Problem – auch in aufgeklärten europäischen Gesellschaften.

(…)

Ich persönlich bin gegenüber sexualisierten Übergriffen abgestumpft. Ich habe aufgehört, sie zu zählen, weil sie zu oft geschehen. Unabhängig davon, was ich gerade anhabe, ob ich gekämmt und geschminkt bin, sogar wenn ich den Kinderwagen schiebe. Mehrere Dutzend Männer haben im Laufe der vergangenen Jahre gegen meinen Willen meine Brüste, meinen Hintern oder mein Haar angefasst. Ich hätte jedem davon am liebsten auf die Schuhe gekotzt. Dem Manager auf einer Business-Konferenz, dem Berlin-Touristen, dem Jugendlichen aus Kreuzberg – so unterschiedlich ihre Herkunft auch war, ihre Übergriffe haben sich für mich immer gleich schlecht angefühlt. Die verbalen Belästigungen höre ich nur leise durch die Kopfhörer, die ich fast immer trage, manchmal habe ich zurückgefaucht, geohrfeigt oder mit all meiner Kraft den Angreifer weggestoßen.

Auch Zoë Beck weist lesenswert darauf hin, dass sexuelle Übergriffe für sehr viele Frauen Alltag sind. Zum Beispiel für all die Frauen, die vor drei Jahren unter #aufschrei diesen Alltag schilderten.
„Das Märchen vom anekdotischen Einzelfall“.

Es gibt keine Entschuldigung für die Übergriffe in Köln und in anderen Städten. Aber eben auch keine Entschuldigung für all das, was (in der überwiegenden Mehrzahl) Frauen vorher angetan wurde und auch weiterhin angetan werden wird, egal welcher Nationalität oder welchen Glaubens die Täter (überwiegend Männer) waren oder sind. Gewaltopfer zu sein ist furchtbar. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, ist furchtbar. Opfer zu sein ist immer auch demütigend. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, trägt noch eine weitere Form der Demütigung in sich. (Was nicht qualitativ wertend gemeint ist. Kein Gewaltopfer hat es besser oder schlechter als ein anderes. Darum geht es nicht.)

Ebenfalls mal wieder und zur Sicherheit: Wenn Sie eine Frau sind, die nicht 90% ihres Verhaltens und Alltags auf mögliche männliche Übergriffe ausrichten muss, bedeutet das nicht, das mit den Frauen etwas nicht stimmt, die das müssen.

Antje Schrupp macht sich interessante Gedanken zu
„Verharmlosen Feministinnen die Taten von Köln?“,
dabei vor allem über die Frage, ob es sich vielleicht doch in der Silvesternacht in Köln um eine „neue Qualität“ sexueller Gewalt gehandelt hat.

Und tatsächlich ist in Köln eine Form von sexualisierter Gewalt offensichtlich geworden, die uns bisher unbekannt war – und auf die wir deshalb nicht vorbereitet sind. Dadurch ist ein Gefühl des Kontrollverlustes entstanden, und Kontrollverlust macht Angst: Viele Menschen haben ja auch Angst vorm Fliegen, aber nicht vorm Autofahren, obwohl Autofahren objektiv gefährlicher ist. Aber im Auto hat man eben selbst die Kontrolle (oder kann sich das einbilden), im Flugzeug nicht.

Das dominierende Gefühl unter vielen Frauen, mit denen ich seit Köln gesprochen habe, war das Ausgeliefert sein, die Überrumpelung, die Vorstellung einer Bedrohung, mit der man – oder frau – bisher nicht gerechnet hatte. Und gegen die es deshalb auch noch keine Strategien gibt.

Was hingegen die „normale“ sexualisierte Gewalt in Deutschland betrifft, so haben wir von klein auf gelernt, mit ihr zu leben.

die Kaltmamsell

8 mal Beifall zu “Journal Donnerstag, 14. Januar 2016 – Alan Rickman ist tot”

  1. Julia meint:

    Der König der Nebenrollen. Und diese Stimme. Und die Angedwidertheit oder Gelangweiltheit beherrschte keiner so wie er. Als Schauspieler, der sich chronisch unterschätzt fühlte in seiner Rolle in einer Science-Fiction-Serie (in „Galaxy Quest“): Neben einer fantastischen Sigourney Weaver war er einfach umwerfend. Kennen Sie diesen Film? Und nie war ich mir mit Heike Makatsch so einig wie in „Love… actually“. Ach, 2016, Du bist eine Bitch!

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Julia, Galaxy Quest war ein Highlight.
    Ich hatte mal einen Kollegen, der diese nasale Genervtheit perkekt imitieren konnte. Was haben wir gelacht.

  3. Brigitte Novacek meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  4. Preißndirndl meint:

    Oh nein, das war auch meine Reaktion auf den Tod von Alan Rickman. Sehr gut fand ich ihn auch in Snow Cake.

  5. Suzie meint:

    Ich habe mich hier in ihn verliebt: https://www.youtube.com/watch?v=X4-gNN8WRHo.

  6. Sabine meint:

    Um Antje Schrupps Artikel bin ich ganz froh, denn den Vorwurf, mit dem sie sich auseinandersetzt, finde ich schon gerechtfertigt. Gerade die sonst so besonnene Anne Wiczorek hat sich da meinem Empfinden nach nicht so klug verhalten. Natürlich ist der Hinweis richtig, dass sexuelle Gewalt für einen großen Anteil von Frauen hier eh schon Alltagserfahrung ist und bekämpft gehört. Auch schadet eine größere Sensibilisierung der Polizei für die Problematik nichts. Aber zu suggerieren (und ich fand schon, dass das suggeriert wurde), dass die Angriffe von Köln Nichts grundlegend neues waren, ist wirklich nicht hilfreich und desavouiert die ganze #ausnahmslos-Aktion, weil es so verbissen daherkommt.

    Dass Männer in Gruppen Frauen isolieren und angreifen, so dass jegliche Hilfe oder Gegenwehr unmöglich ist, ist eine neue Qualität. Und ein Problem von Polizei, Justiz und Behörden.

    Das heißt keineswegs, dass der allgemeine Kampf gegen Sexismus nicht wichtig wäre. Aber situationsadäquat fand ich die feministische Öffentlichkeitsarbeit letzte Woche.

  7. Sabine meint:

    … nicht (zu spät gemerkt)

  8. Pfiffika meint:

    „Blow dry“ war für mich der Auslöser, Filme nur wegen Alan Rickman zu sehen.
    Ich habe seitdem keine selbstbewusstere Fußsohle gesehen.

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