Journal Donnerstag/Freitag, 28./29. Januar 2016 – Faktenferne und Partylärm

Samstag, 30. Januar 2016 um 9:11

Am Donnerstag im Sonnenaufgang zu Fuß in die Arbeit. Die Theresienwiese konnte ich nicht ganz in Luftlinie kreuzen, weil mitten drin ein Stück Asphalt erneuert wird.

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Dieser minimale Umweg war allerdings sehr weit entfernt zu dem Weg, den meine Bewegungs-App mir unterstellte.

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In der Arbeit lernte ich durch Facebook-Kommentare und Anrufe, wie egal Menschen die einfachsten Fakten sind: Wer was wo gesagt hat zum Beispiel. Davor hatte ich vorausgesetzt, dass Menschen nur Aktionen angreifen, wenn sie sichergestellt haben, dass diese auch geschehen sind. Irrtum: Es wird nicht gelesen, nicht nachgedacht, sondern in einem Ausmaß rumgemeint, dass mir schwindlig ist.
Ich wundere mich über Entschlackungsgläubige? Das Ignorieren einfachster Alltagsfakten fängt schon weit vorher an. Unsereine mag scherzen: „Don’t confuse me with facts“. Doch eine große Anzahl Menschen ist anscheinend wirklich überzeugt, dass alles, was ihrem Bauchgefühl widerspricht, einfach gelogen ist.
Dass mich das erschüttern konnte, belegt, wie naiv ich immer noch bin.

Und doch fuchtle ich schon wieder mit den einfachsten Regeln sachlicher Argumentation herum: In der NZZ erklärt ein Kommentar von Karim Bschir
Die Regeln der Wissenschaft“.
Untertitel: „Wenn sich alternative Medizinpraktiker den Anschein von Wissenschaftlichkeit geben, indem sie ihr Vokabular jenem der Wissenschaft anverwandeln, ist Vorsicht geboten.“

Wer auch nur die geringste Ahnung von Wissenschaft hat, der weiss, dass diese keine absoluten Gewissheiten liefert.

(…)

Bevor wir anfangen, Evidenzen abzuwägen, gilt es zunächst einmal, zu klären, ob beide Seiten bereit sind, empirische Evidenz überhaupt als Argument zuzulassen.

via @RomanaGanzoni

Abends kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch und weil der Ernteanteil ein Stück Kürbis enthielt die Mac’n’Cheese aus Nicky Stichs Reisehunger. Während ich mich über die Einleitung zu dem Rezept so freute, dass ich sie verinstagramte

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(meine eigenen Rezepte müsste alle so anfangen), zweifelte Herr Kaltmamsell das eine oder andere Detail an dem Rezept an. Ich musste ihn zurechtweisen: „WENN DIE DAS SO HINGESCHRIEBEN HAT, WIRD SIE SICH WOHL WAS DABEI GEDACHT HABEN!“

Dazu passend: Margarete Stokowski lässt sich über die Detox-Welle aus. Ganz vernünftig:

Das Vermeiden von Stress ist die Grundhaltung. Das ist okay. Jede Gesellschaft hat ihre tröstenden Kulturtechniken. In Polen gibt es zum Beispiel Wodka.

Die ganze Kolumne:
„Oben und unten: Geil, Resignation!“

(Ich hab’s ja einfach: Mein Detox wird von den serienmäßig mit Körper gelieferten Nieren und Leber übernommen.)

Nach über einer Woche hatte ich mal wieder Lust auf Alkohol. In den Wochen davor hatte ich mir fast Sorgen gemacht, weil ich jeden Abend Lust auf ein Glas Wein gehabt hatte – irgendwie gehe ich davon aus, dass in jeder von uns eine Alkoholikerin lauert, die nur darauf wartet durchzubrechen. Doch da ich eben auch, eher selten, Phasen ohne jeden Hang zu Alkohol habe, stimmt das wohl nicht ganz.

Auf dem Heimweg hatte ich Zutaten für Mai Tai eingekauft, den gab’s abends reichlich.

§

Freitagmorgen um 4 klopfte die Migräne an. Das ging leider gar nicht, weil an diesem Freitag in der Arbeit eine ganztägige Konferenz stattfand, die ich organisiert hatte. Wenn ich zum Triptan gegriffen hätte (und ganz so schlimm, fand ich, war’s ja gar nicht), wäre ich in schwer abbrechbaren Tiefschlaf gefallen. Ich stand also wie geplant um 6 Uhr auf, setzte mechanisch den Kaffee auf, ertrug nicht mal seinen Geruch, war zu nichts zu gebrauchen, stierte schaukelnd vor mich hin. Zumindest musste ich mich nicht erbrechen.

Eine halbe Stunde ging ich nochmal ins Bett, schubste mich dann ins Büro. Ich stattete die Konferenztische mit Unterlagen aus (der Raum war bis zum Abend davor belegt gewesen, ich konnte das erst am Konferenzmorgen erledigen), legte Tischschilder und Namensschilder bereit – und stellte fest, dass ein Namensschild fehlte. Nun können die bei mir in der Arbeit CD-gerecht nur mit einer ganz bestimmte Maschine gefertigt werden, die nur zwei Menschen in der Hauptabteilung bedienen können – und die waren so früh noch nicht da.

Ich informierte eine Kollegin, die an der Konferenz teilnahm, über die organisatorischen Hintergründe des Tages (wann wo Mittagessen, wie der anschließende Espresso, woher Kaffeepause), wartete die Herstellung des fehlenden Namensschilds ab, brachte es in den Konferenzraum, schickte eine Krankmeldung ab und fuhr endlich nach Hause ins Bett.

Als ich wieder aufwachte, bekam ich sogar noch eine Stunde von dem wundervoll sonnigen Tag mit, sah eine große Gruppe silbern schillernder Gänse weit oben am Himmel ziehen.
Aber mehr als Nachlesen der Twitter-Timeline, einiger darin verlinkter Artikel und des Techniktagebuch-Redaktionschats war nicht drin. Jetzt ist aber mal wieder gut mit Migräne, drei Attacken in zwei Monaten sind störend weit über meinem Durchschnitt.

Abends feierten kürzlich zugezogene Mieter eine Party – schon gleich ab acht ungewöhnlich laut für dieses Haus. Aber so ist das halt mit fröhlichen Festen: Man hört sie.

Um neun klingelte es, ich verstand über das Haustelefon nicht, wer das war und ging hinunter zur Haustür: Da standen drei sehr große junge Männer in blauen Overalls, mit Funkknöpfen im Ohr und „Polizei“ auf die Brust gestickt. Tatsächlich, sie waren wegen der Party gerufen worden, oh je. Sie fragten freundlich, ob ich wisse, wo die sei? „Ja.“ – Ich deutete hinter sie ans schwarze Brett des Hauses, an dem die Mieter per Aushang die Party angekündigt hatten. Ob ich mich gestört fühlte? Aber nein, beteuerte ich, der Geräuschpegel sei nur für dieses sonst ruhige Haus ungewöhnlich.
Die Herren gingen hinauf.
Es tat mir leid für die Partygastgeber: Wer da auch immer die Polizei geholt hatte, hatte sicher nicht den Anstand gehabt, erst mal selbst zu klingeln und um Ruhe zu bitten.
Verbuchen wir das also unter München: Wo die Leute wegen einer hörbaren Party schon vor 21 Uhr die Polizei holen.

Leiser wurde es deshalb auch nicht (völlig in Ordnung), zumal offensichtlich auf den Balkonen geraucht wurde und der Schall der begleitenden laut-fröhlichen Gespräche sich im Hinterhof verstärkte. Aber dagegen gibt es ja Ohropax.

§

Menschen fürs Putzen unserer Wohnung zu zahlen, bereitet mir immer noch ein leicht schlechtes Gewissen. Umso interessanter ist es zu erfahren, was vier solcher Reinigungskräfte über ihre Arbeitgeber und ihre Arbeit denken:
„Sie kennen unseren Schmutz. Kennen sie auch uns?“

die Kaltmamsell

5 mal Beifall zu “Journal Donnerstag/Freitag, 28./29. Januar 2016 – Faktenferne und Partylärm”

  1. typ.o meint:

    In nur ganz wenigen Gesprächen habe ich noch die Energie, etwas zu Entschlackung, Homöopathie oder ähnlichen Harry-Potter-Gesundheitsmethoden zu sagen. Dieses „Rumgemeine“ macht offenbar eine wohlige, gefühlige Suhle, die vom empfundenen Widerspruch zu Fakten der „Schulmedizin“ noch zusätzlich erwärmt wird.

    Interessant: Ich habe beobachtet, dass einige Theorien sogar bewusst solche kognitiven Dissonanzen einsetzen. In meiner schwarzen Vergangenheit im kontrafaktischen Dunstnebel der Anthroposophen wurde mir erklärt, dass Wurzeln von (bestimmten) Pflanzen gut für den Kopf, die Blätter jedoch gut für den Unterleib wären. Bei beteiligten Zuhörern beobachtete ich in den Gesichtern so etwas wie eine Parodie von Verständnis: „Ach so, natürlich, genau anders herum!“. Leuchtende Augen. Und das Herz pumpt nicht das Blut, sondern wird vom Kreislauf in Bewegung gesetzt. (No shit, Sherlock!)
    http://www.die-welt-ist-im-wandel.de/Das-Herz-ist-keine-Pumpe.htm
    Weinend ab.

  2. berit meint:

    Naja, wie soll ich sagen, ich beneide sie trotzdem drum, dass bei Ihnen die Polizei bei sowas wenigstens kommt. Hier wird auf das Ordnungsamt verwiesen, bei dem ab 18 Uhr aber bekanntlich niemand mehr da ist. Grmpf.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Kann es sein, typ.o (Achtung: Küchenpsychologie 1.01), dass sich der Glauben an Aussagen umso tiefer anfühlt, je mehr sie der Vernunft widersprechen? Und so Glücksgefühle auslöst?

    Mag etwas Bayrisches sein, berit: Ich hatte mit 20 bei einer Party in Ingolstadt auch mal die Polizei vor der Tür, wegen Lärm. Und ich bin mir nicht sicher, ob solche Bagatellen die unterbesetzte Polizei lösen sollte.

  4. Jaelle Katz meint:

    Die Meinungen haben wenigstens den unbestreitbaren Vorteil, dass sie weder zu entkräften, noch zu widerlegen sind. Da meine Mutter zu solchen Meinungsmenschen gehört, habe ich sehr früh gelernt, die Ohren auf Durchzug zu schalten, automatisch und gelegentlich zu nicken und „hmmm“ zu machen. Alles andere führte regelmäßig zu hysterischem Streit. (Gut, ich könnte mich für den Rest meines Lebens von meiner Mutter fernhalten. Aber was mache ich mit allen anderen Meinungshabenden?)

  5. kecks meint:

    ich finde, wenn das nicht ständig stattfindet – meine toleranz liegt so bei 2x pro jahr und wohnung – und per zettel angekündigt wird, dann geht man entweder mitfeiern oder nutzt oropax. wenn wirklich ruhe dann ganz wichitg ist, geht man klingeln und bittet um ruhe. bei uns wurde dem immer (!) entsprochen, noch nie stress gehabt. die polizei zu rufen, noch dazu um 21.00 uhr, ist meiner ansicht nach asozial. die sollen sich mal entspannen und sonst – siehe oropax. schön, dass sie toleranter sind! :)

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