Journal Dienstag, 29. März 2016 – Osterschokolade-für-die-Hälfte-Tag

Mittwoch, 30. März 2016 um 9:17

Nach einem heftigen Regenguss radelte ich trocken in die Arbeit – Glück gehabt.

Vormittags Telefonat mit Vater im Krankenhaus: Endlich war er ärztlich betreut worden und erfuhr, wie seine OP überhaupt verlaufen war. Und wie er sich im Anschluss hätte verhalten sollen: Es war dann doch nicht so gut gewesen, dass nach der OP vier Tage lang weder Ärztin noch Physiotherapeut nach ihm gesehen hatten. ACH?

Im Büro viel Textarbeit. Anruf einer Mutter, die gerade an den Hausaufgaben ihrer Tochter saß („wir habe da eine Hausaufgabe“) und um Unterstützung bei der Recherche einiger Hintergrundfakten bat („unsere Lehrerin will wissen“). Dass solche symbiotische Mutter-Kind-Beziehungen mehr werden, wusste ich theoretisch; ich war dennoch sehr verdutzt.

Nach Feierabend traf ich mich mit Herrn Kaltmamsell und bestellte den Vorhangstoff, der mich so begeistert hatte. Zählen wir diese Investition doch einfach als Altersvorsorge: Ich bin ziemlich sicher, dass ich mich in 30 Jahren immer noch an diesem Stoff freuen werde.1

Dann wurde der gestrige Feiertag begangen:

OsterschokoladefuerdieHaelfte

Bei dem einen Tengelmann, der erfahrungsgemäß immer zu viel eingekauft hat, holte ich große Mengen Osterschokolade. Am Telefon erzählte meine Mutter, dass im Gute-Laune-Radio vor allem Verwendungsmöglichkeiten für übrige Schokolade gehandelt wurden. Ich weiß nicht, wovon die reden.

Zum Abendbrot hatte Herr Kaltmamsell köstliche Sellerielasagne mit Champignons gebacken.

§

Chemikerin Frau Brüllen erklärt genau und doch einfach verständlich, warum man Medikamente nach Ablauf ihres angegebenen Haltbarkeitsdatums wegwerfen soll – indem sie zusammenfasst, wie Medikamente produziert und verkauft werden:
„Warum eigentlich?“

Man sollte vielleicht nicht vergessen, dass die allermeisten Ärztinnen und Ärzte keine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind. Sie unterliegen denselben biases in Wahrnehmung und Urteil wie andere nicht-wissenschaftlich arbeitende Menschen. „Aus meiner ärztlichen Erfahrung kann ich Ihnen empfehlen“ klingt zunächst vertrauenserweckend, bedeutet allerdings vor allem Subjektivität ohne methodische Absicherung (-> Evidenz).

§

Ein neues Wort gelernt: gaslighting.
„6 Unexpected Ways I’ve Healed From Gaslighting Abuse and Learned to Trust Myself Again“.

Gaslighting refers to when someone tries – intentionally or not – to overwrite your memories or perceptions. Lots of people have experienced this form of emotional abuse, and many of them don’t even know it.

Na, dann habe ich jetzt also ein Wort für prägende Teile der Erziehung, die ich erfahren habe – sei es daheim oder durch den Katholizismus.
Bislang hatte ich die Auswirkung meine „Gefühlspolizei“ genannt, die Gefühle und Reaktionen gerne erst mal blockt und kontrolliert: Ist das jetzt gerade das richtige Gefühl? Solltest du das gerade wirklich so empfinden? Gibt es eine angemessenere Alternative?
Am wenigsten Zugriff hat diese Gefühlspolizei auf Aggression, Zorn und Wut, die platzen meist unkontrolliert einfach raus. Und ziehen tiefe Scham nach sich. Zum Glück gehört auch enthusiastische Freude zu meinen nicht zu filternden Emotionen.

„Reconnect with your intuition“ ist als Tipp eher lala – ich glaube, da war nie eine connection, die ich re- könnte.

§

Den Versuch von Microsoft, einen weiblich definierten Bot durch Interaktion im Web lernen zu lassen, haben Sie scheitern sehen?
Hier eine schlichte Erklärung, warum der Versuch so schnell so gründlich gegen die Wand fuhr:
„The tech industry wants to use women’s voices – they just won’t listen to them“.

How could anyone think that creating a young woman and inviting strangers to interact with her on social media would make Tay “smarter”? How can the story of Tay be met with such corporate bafflement, such late apology? Why did no one at Microsoft know right from the start that this would happen, when all of us – female journalists, activists, game developers and engineers who live online every day and could have predicted it – are talking about it all the time?

(…)

The industry wants to use women’s voices but still has no plans to actually listen to them.

§

Kampf dem Diätterror, diesmal der Buchseite:
„Diet books are full of lies. But they’re even worse when doctors write them.“

In evidence-based medicine, though, anecdotes are considered the lowest form of evidence, since they may be cherry-picked or otherwise unrepresentative of a broader experience. In the world of diet books, they are presented as definitive proof.

  1. Hey, die Gardinen, die wir von den Vormietern übernommen hatten, hängen seit 17 Jahren im Wohnzimmer und grauen vor sich hin. []
die Kaltmamsell

11 mal Beifall zu “Journal Dienstag, 29. März 2016 – Osterschokolade-für-die-Hälfte-Tag”

  1. Milla meint:

    Gratulation zum Vorhangstoffkauf! Ich würde mich ja über ein Foto des fertig dekorierten Fensters sehr freuen. Lieben Gruß

  2. Hande meint:

    Absolutes, mehrfaches, a-ha erlebnis beim gaslighting artikel. Danke.

  3. stedtenhopp meint:

    Nun wüsste ich aber doch zu gerne, was & wie Du der Symbiosemutter geantwortet hast (… und wünsche mir heimlich einen skurrilen #alleirre -Dialog à la Frau Novemberregen).

  4. stedtenhopp meint:

    Und zum „Gaslighting“-Artikel: Was Hande sagt. Augen öffnend, sehr.

    Und: Dem Papa Kaltmamsell baldige Genesung!
    (Und fürsorglicheres Fachpersonal, herrje, das kann doch wohl nicht angehen?!)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe professionell und sachlich geantwortet, stedtenhopp, mein Arbeitgeber ist der Öffentlichkeit auskunftpflichtig. Anfangs aber vorsichtig nachgefragt, ob sie mit ihrer Tochter in die Schule geht (was weiß denn ich: Inklusion, Schulbegleitung etc.). Später einen Tipp gegeben, wo sie die Information eventuell herbekommen kann.
    Auch dem Anrufer mit dem Einstieg „Ich hab da einen Gartenteich“ konnte ich weiterhelfen – die Skurrilität endet in meinem Fall fast immer, nachdem die Herrschaften ihr Anliegen vorgebracht haben. (Außer bei den Aluhutträgern und -trägerinnen, doch auch auf die reagiere ich äußerlich freundlich sachlich.)
    Danke für die guten Wünsche!

  6. ash meint:

    Danke mal wieder. Bin selbst Mutter, war aber immer wieder bestürzt, wenn die Laufpartnerin z. B. das Laufen absagte, „weil wir die Mathehausaufgaben noch machen müssen“ .
    Hier: http://standardissuemagazine.com/in-the-news/je-suis-helen-titchener/
    war mir der Begriff gaslighting schon einmal begegnet und hat zu viel Nachdenken angeregt.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Auf Twitter verlinkte jemand diesen Sketch, der wohl gar nicht lustig ist, ash:
    https://www.youtube.com/watch?v=OXIgVkmHQTE

  8. ash meint:

    Hihi. Heutzutage übrigens kennt sich besagte Laufpartnerin auch genauestens mit den Klausurterminen und Fachkombinationen, Professoren, Wohningssituation in der Studienstadt etc. ihres Erstsemesterstudenten aus. Hier läuft das anders und ich bin heilfroh. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.

  9. ute verweyen meint:

    Symbiotische MutterSchulkindbeziehung war vor 17 Jahren ein ueberwiegend bayrisches Problem! Grauenhaft! Aus Hessen mit 3 Schulkindern kommend war ich nur entsetzt.Konnte meine Arbeitsstelle antreten ,da meine Vorgaengerin mir erzaehlte sie hoere auf zu arbeiten,weil ihre Tochter nun in die 3.Klasse kaeme,da gaebe es Noten. Ich Ahnungslose dachte es handle sich um ein minderbegabtes Kind,welches natuerlich alle muetterliche Hilfe benoetigte.Nun,Wochen spaeter war mir klar,dass Bayern elterliche Hilfe einfach voraussetzt.Kontaktaufnahmen mit anderen Muettern waren nicht moeglich weil „wir muessen erst schauen was wir heute fuer Haussis aufhaben…! Eine der Toechter schrieb in die Abizeitung „Bayern hat das beste Schulsystem und die Erde ist eine Scheibe“….Ob die Elternpflicht heute nur in Bayern gilt,weiss ich nicht,alle Kinder zum Glueck bis auf die Juengste schon fertig studiert.Aber die 4 Jahre in dem System haben uns gereicht!

  10. die Kaltmamsell meint:

    Andererseits könnte ich schwören, ute verweyen, dass das vor 30 Jahren in Bayern anders war. Damals gingen auch Gastarbeiterkinder (ich) auf humanistische Gymnasien und hatten keinen Nachteil davon: Mir konnten meine Eltern nicht bei Hausaufgaben helfen, und den Eltern meiner Klassenkameradinnen und -kameraden wäre das niemals eingefallen, ob Akademiker oder nicht.

  11. obadoba meint:

    Ist hier auch um die 30 Jahre her und fand im tiefsten Bayern in einer Kleinstadt statt. Als Akademiker-Kinder hätten unsere Eltern uns 3 Töchtern durchaus helfen können und auch wollen, aber gibt es was Schlimmeres als besserwissende Väter (ganz besonders) oder Mütter?
    Wir haben uns erfolgreich gewehrt und entweder selbst kapiert oder Nachhilfe bekommen. Ich wüsste auch nicht, dass meine Freunde spezielle Elternhilfe bekommen hätten.

    Die Neffen (das ist aktuell und immer noch tiefes Bayern, allerdings eine andere Ecke), Akademiker-Kinder, bekommen ebenfalls keine spezielle elterliche Hilfe. Abgesehen von mantra-artigem ‚Habt ihr schon Hausaufgaben gemacht?‘ natürlich.

    So allzuweit verbreitet ist das symbiotische Eltern-Phänomen also scheinbar nicht. (Ja, Anekdoten-Beweise. Die funktionieren halt so schön :-))

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