Archiv für April 2016

Journal Sonntag, 24. April 2016 – Schnee und Abschied vom Habicht

Montag, 25. April 2016

Es war so angekündigt, und allso geschah es: Auf meinem Fußweg zum Bahnhof schneite es. Ich setzte mich in einen Zug nach Ingolstadt, um meinen eben aus der Reha gekommenen Vater zu begrüßen.

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(Da ich die Spiegelung des Zugfensters nicht wegkriege, erkläre ich sie zur künstlerischen Absicht.) Lassen Sie sich von der Sonne nicht täuschen: Es war saukalt. Aus dem Rest der Republik trafen bei instagram Bilder ein, die noch Schlimmeres zeigten.

Unterm Arm, abwechselnd auf der Schulter hatte ich die Rolle Vorhangstoff, aus der meine Mutter Vorhänge schneidern wird.
Meinem Vater geht es gut, er braucht keine Schmerztabletten mehr (zumindest nicht mehr für die Ursache der OP; den anderen orthopädischen Schaden will er erst nächsten Winter angehen).

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Zur Feier des Tages hatte meine Mutter zarzuela de pescado gekocht, serviert in irdener Schüssel (mein Vater zeigt auf die chipirones, die sich ganz unten in der Schüssel verbergen).

Auf der Heimfahrt sah ich blühenden Raps. Doch es war weiterhin saukalt, soll es laut Wettervorhersage auch noch ein paar Tage bleiben.

Zu Haus bügelte ich, die nächsten Tage sind mit Reisevorbereitungen durchgetaktet. Zum Bügeln hörte ich WRINT-Podcast:
„Frau Diener verreist schon wieder nach Japan.“

Beim Aufräumen der Wäsche vom Wäscheständer und aus dem Trockner entspann sich eine Grundlagendiskussion um Sockenlagerung mit Herrn Kaltmamsell. Der Herr versuchte unsere unterschiedlichen Auffassungen kurz in Verbindung zu bringen mit der Mär von unterschiedlichen Sauberkeitsstandards bei Männern und Frauen, hielt diese Argumentationslinie aber nicht durch.

Als ich beim Bügeln dann ein Geschirrtuch vermisste, das ich morgens mitgewaschen hatte, fand es sich in der von Herrn Kaltmamsell ausgeräumten Waschmaschine. Sein letztes argumentatives Aufbäumen: „Männer haben halt eine andere Auffassung von leer als Frauen.“

Zum Nachtmahl wurde mir eine Sellerielasagne aus dem Ernteanteilsellerie serviert.

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Vor dem Schlafen las ich H is for Hawk aus. Ein wirklich besonderes Buch: Helen Macdonald schreibt ihre persönliche Geschichte mit der Falknerei auf. Anlass ist der Tod ihres Vaters, doch in sehr persönlicher, gleichzeitig nüchterner Weise erzählt sie ihre lebenslange Verbindung mit dieser alten Kunst. Es taucht das kleine Mädchen auf, das sich in Bücher über Falknerei vergräbt, die Jugendliche, die unter professioneller Aufsicht die ersten Falken trainiert, der Kauf und das Zähmen eines Habichts nach dem Tod des Vaters. Doch der röteste Faden ist das Buch The Goshawk von T.H. White: Helen hat es als Achtjährige entdeckt und war beim ersten Lesen empört – T.H. White macht alles falsch im Umgang mit seinem Habicht. Jetzt, als Erwachsene, vollzieht sie die Handlung des Buches vor dem Hintergrund von Whites Biografie nach, sieht sie in mancher Hinsicht als Parallele zu ihrem eigenen Umgang mit ihrem Habicht Mabel.

Ich habe eine Menge über die Falknerei gelernt, ohne dass im Buch jemals doziert würde. Ich habe eine sperrige Persönlichkeit kennengelernt und mich an den ungewöhnlichen Anblick eines Habichts in ihrer Wohnzimmerecke gewöhnt, an den noch ungewöhnlicheren Anblick der jungen Frau, die in Cambrige mit ihrem Habicht auf dem Falknerhandschuh spazieren geht. Auch das Buch ist sperrig: Die Sprache dient sich nicht an, der Verlauf der Erzählung entzieht sich jeder Gefälligkeit – ist aber gleichzeitig dicht gewoben und struktuiert. Große Empfehlung.

Journal Samstag, 23. April – Wandern mit dem MVV, von Tutzing nach Herrsching

Sonntag, 24. April 2016

Es war kühles Wetter angesagt, dazu eine hohe Regenwahrscheinlichkeit, aber ich war zum Wandern verabredet, also wurde gewandert. Immer noch das Üben für den Wanderurlaub in England im Hinterkopf, hatte ich um eine Strecke mit Höhenunterschieden gebeten, das steht uns in den Cotswolds nämlich bevor. Herr Kaltmamsell wählte eine Strecke von Tutzing über Kloster Andechs nach Herrsching, wir wanderten also vom Westufer des Starnberger Sees zum Ostufer des Ammersees, wieder auf der Basis unseres Büchels Wandern mit dem MVV. Und wieder zeigte sich das Büchel als unzuverlässig und verbesserungswürdig (ich werde endlich die aktuelle Auflage besorgen müssen): Die Tour wurde als „eine besonders schöne, wenn auch anstrengende Wanderung“ beschrieben,
online gilt sie als „eine eher leichte Wanderung“. Einige Male führte uns die Beschreibung auf Autostraßen, wo wir per Tablet und Landkarten leicht Alternativen in Form von Fuß- und Wanderwegen fanden. Da wir einige beschriebene Ortsmarken nicht sahen, mussten wir uns ohnehin oft an der Landkarte orientieren. Was aber korrekt war: Die Strecke war schön und abwechslungsreich, bot immer wieder bezaubernde Anblicke.

Das Wetter hielt sich dann im angenehmen Bereich: Zwar tröpfelte es die meiste Zeit ein wenig, doch es war hell, zum Teil schien sogar parallel zum Regen die Sonne. Windjacke und Schirmmütze reichten als Schutz. Erst auf dem letzten Kilometer vor unserem Ziel in Herrsching begann es richtig zu gießen, wir trafen im Schweinsgalopp im Wirtshaus ein.

Was wir auf dieser Tour lernten (laut App ca. 22 Kilometer und viereinhalb Stunden reine Gehzeit): Wir müssen mehr Pausen machen. Bis Andechs waren wir dreieinhalb Stunden gegangen, fröhlich und fit, hatten lediglich zum Schauen, Weg Prüfen und Fotografieren angehalten. Erst als wir in der Schwemme des Kloster-Bräustüberls saßen, wurde uns die Anstrengung bewusst, das Ziehen in den Muskeln, das Knarzen in den Sehnen, das Drücken des Stiefelschafts. Aufstehen und Weitergehen kosteten überraschend viel Mühe. Wir nahmen uns vor, im Wanderurlaub alle anderthalb Stunden eine Zwangspause einzulegen – wie man es auf langen Autofahrten ja auch alle zwei Stunden tun soll: Ausruhen nicht bei Erschöpfung, sondern nach Plan, um Erschöpfung gar nicht erst eintreten zu lassen.

Wir kamen mit dem Mittagsläuten am S-Bahnhof Tutzing an, hatten auf der Fahrt gefrühstückt.

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Hinter Tutzing: die Ilkahöhe (dorthin könnten wir beim nächsten Mal eine Schleife machen).

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Kerschlach von der Alleeseite.

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Kerschlach von mittendrin.

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Kerschlach von hinten.

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Waldstücke und freie Flächen wechselten sich ab. Einmal stießen wir gleich am Weg auf einen großen Waldameisenhaufen – hatte ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Vom belebtesten Fleck machte ich ein Filmchen.

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Über dem Ammersee.

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Kloster Andechs. Das dazugehörige Bräustüberl, in dem wir uns niederließen, ist schon sehr Massenabfertigung. Die Gaststube sieht kärcherbar aus, die Selbstbedienungstheken sind industriell durchoptimiert. Auf den letzten Metern zum Kloster waren uns Grüppchen junger Leute begegnet, der Sprache nach nicht einheimisch, zum größten Teil aber in Bayernverkleidung. Kann es sein, dass sich international das Gerücht verbreitet, man bekomme in Bayern nur in dirndloider oder lederhosenförmiger Kleidung ein Bier verkauft?

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Die Wallfahrtskirche wiederum ist sehenswert. Unter anderem stieß ich auf das Grab von Carl Orff.

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Besonders bezaubernd fand ich aber die Mischung von Alt und Neu, von Sakral und Profan.

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Durch das Kiental nach Herrsching. Aufschrift auf dem Kruzifix oben: „Gott schütze die Forstwirte.“

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Mountainbiken war auch 1911 schon gefährlich.

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Einkehren im Herrschinger Gasthof zur Post: Für das Lokal hatte jemand viele, viele, viele Deko-Ideen gehabt – und sie alle umgesetzt. Inklusive der mit den schwulen Pornos auf der Damentoilette. Das Essen war in Ordnung, das Bier vom Augustiner.

§

Cory Doctorow heult sich aus über kryptische Armaturen und Lichtschalter in Hotels:
„The quest for the well-labeled inn“.

I literally can’t count the number of weird-ass shower configurators I’ve seen. It doesn’t matter if the hotel is high-end or bottom-tier, inevitably someone’s decided to conduct radical UI experiments with the faucet.

(…)

Not just showers. Light switches. If your hotel room is lit by between one and eight little lamps, they should have really obvious switches, obvious even to a human who has never seen them before. (…) These days, I just unscrew the bulbs, or, failing that, unplug them (even if I have to move the bed to do it).

Journal Mittwoch/Donnerstag, 20./21. April 2016 – Prince ist tot

Freitag, 22. April 2016

Mittwoch brach der Frühling mit Gewalt aus. Seltsamerweise sorgte genau der mit seinem strahlenden Himmelblau dafür, dass ich nach Feierabend keine Lust hatte, zum Sport zu radeln.

Warm war es nicht: Die Menschen zogen sich zwar ohne Umwege bis auf Hochsommerkleidung aus und saßen in Biergärten in der Sonne, doch ich war auf dem Rad um meine Jacke froh. Die frühe Heimkehr nutzte ich dafür, ein großes Stück weiter in H is for Hawk zu lesen. Gefällt mir sehr gut.

Nachtmahl aus der Ernteanteilkiste:

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§

Am Donnerstag niedergeschlagen, dagegen half auch kein morgendliches Crosstrainertstrampeln. Schweres Hadern mit dem Leben (as in es müssen). Wenn das Leben nicht dieses ganz bestimmte Sperma auf diese Eizelle hätte treffen lassen, müsste nicht ich es leben, sondern jemand anders. Ich halte es immer noch für eine Verwechslung, einen Irrtum, das es mich getroffen hat (stellen Sie sich bitte mich das Leben wegfuchtelnd vor).

In Sonne unter wolkenlosem Himmel mit Blick auf die Füße nach Hause gegangen. Rausgerissen aus meinem Hadern durch einen Frühlingsduft: Der Flieder vor der Feuerwehr im Westend blüht.

Einkäufe beim Verdi: Fisch, Obst, Joghurt. Vergeblich versucht, ein Päckchen abzuholen: Die Anweisung, es bei Abwesenheit vor meine Wohnungstür zu legen, war nicht befolgt worden, es landete in einem Geschäft. Das bei meiner Ankunft bereits geschlossen war. Laune knallschwarz.

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Twitter half mir beim Identifizieren des „zwei von denen“-Fischs: Wolfsbarsche. Dazu Ernteanteilmangold. Gebratener Fisch ist inzwischen für mich der Fastfoodtrick Nr. 1 geworden: von Heimkommen bis Servieren 30 Minuten.

Und dann die Nachricht, dass Prince tot ist. Den hatte ich in meiner Jugend fast selbst entdeckt (während ich mir zum Beispiel David Bowie erst als Studentin hatte zeigen lassen müssen). Die musikalischen Detailsensationen in der Musik von Prince verstand ich und freute mich daran, seine eigenwillige Musik gehörte zu meinem Lebensweg.

Jetzt ärgere ich mich, dass ich die Prince-Schallplatten, die ich vor ein paar Jahren mit meinen gesamten Schallplatten weggegeben habe, nicht vorher digitalisiert habe.

§

Nochmal ganz einfach erklärt: Warum es eine bessere Reform des deutschen Sexualstrafrechts braucht, als bisher geplant:
„Wann heißt Nein endlich Nein?“

Es ist eine grundlegend falsche Wertung, wenn das Eigentum, aber auch etwa der Hausfrieden als schutzwürdiger angesehen werden als die sexuelle Selbstbestimmung. Wenn Sie die Wohnung einer Bekannten betreten, selbst wenn die Tür offen steht oder andere ein und aus gehen, dann brauchen Sie ihr Einverständnis. Wenn Sie wissen, dass sie es nicht möchte, machen Sie sich strafbar. Wenn es um ihren Körper und ihre sexuelle Selbstbestimmung geht, dann nicht. Das ist falsch.

§

Am Dienstag gab’s Pulitzerpreise. The Marshall Project bekam einen davon. Diese Geschichte steht dahinter:
„An unbelievable story of rape“.

An 18-year-old said she was attacked at knifepoint. Then she said she made it up. That’s where our story begins.

§

Als Kind wurde sie wegen ihre Hautfarbe gehänselt, als Erwachsene mit dem Tode bedroht. Mo Asumang über Rassismus in Deutschland, die AfD und enge Hosen.

„Ich bin Globuli für Nazis“.

Seltsame Überschrift, interessanter Artikel. Mo Asumang ist Filmemacherin und hat über rassistische Vereinigungen auf der halben Welt recherchiert.

Es gibt nicht den Nazi. So bunt wie unsere Gesellschaft ist auch die Welt der Rassisten. Es gibt Hassprediger, die zeigen wollten, dass sie mir jede Unflätigkeit an den Kopf schmeißen können. Andere trauen sich ein „Geh doch nach Afrika“, aber nicht, mich anzuschauen. Die Mitläufer ducken sich schnell weg bei persönlichen Begegnungen. Sie leben in einer Parallelwelt, in der niemand anders ist, denkt oder redet als sie selbst. Und dann stehe ich da, mich kann man nicht einfach zutexten mit „schlimmer Ausländer“, „blöder Flüchtling“. Ich bin das Hassbild.

Journal Sonntag, 17. April 2016 – Spotlight

Montag, 18. April 2016

Ein konsequent verregneter Sonntag. Ich hatte mich eigentlich auf einen Isarlauf gefreut, doch nachdem ich morgens mit meinem Vater telefoniert hatte (immer noch auf Reha, ihm ist fad), regnete es weiter – das nahm mir die Lust aufs Laufen.

Ich guckte ins Kinoprogramm und entschied mich für eine Mittagsvorstellung Spotlight. Spannender Film, hervorragendes Drehbuch, wunderbare Schauspieler, einige Topoi des Genres nicht bedient – aber den Oscar für den Film verstehe ich nicht so recht. Sehr gut gefiel mir, dass die Mechanismen des Verschweigens transparent wurden, die bewussten wie die unbewussten. Und der kleine Einblick in die Denke seriöser Zeitungsarbeit (wo ist die Geschichte? wann ist warum der richtige Zeitpunkt, sie zu veröffentlichen?).

Daheim gebügelt – ohne Podcast nebenher, ich wollte den Film verarbeiten.

Die Wochenendezeitung gelesen. Zum ersten Mal über eine Todesanzeige in der SZ von dem Tod eines Menschen erfahren, mit dem ich mal viel zu tun hatte: Einer meiner früheren Agenturchefs ist gestorben, nicht viel älter als ich. Das tat mir sehr leid, ich verbinde viele heitere Erinnerungen mit ihm, von einer langen Autofahrt zur CeBIT, auf der er mir die kulinarischen Eigenheiten des jeweils passierten Landstrichs erzählte, bis zum Erlebnis perfekter Marillen- und Zwetschgenknödel bei ihm daheim (sein Geheimnis: große Mengen flüssiger Butter dazu). An Gespräche über PR, die uns eigentlich beruflich verband, erinnere ich mich nicht.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell spanischen Cocido, schließlich galt es den Sud aus den Resten des weihnachtsgeschenklichen Schinkens aufzubrauchen.

Journal Freitag/Samstag, 15./16. April 2016 – Theresienwiesenflohmarkt

Sonntag, 17. April 2016

Auf Freitag sauschlecht geschlafen, statt Frühsport eine halbe Stunde Schlaf drangehängt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei Weckerklingeln den Wecker verstellt habe um weiterzusschlafen.

Mittags hatte ich mich in einem nur Schaufenster-großen neuen kleinen Café mit einer Kollegin zum Essen verabredet. Ich aß ein Stück Quiche, viel aufregender aber war die Lavendellimo (Cucumis) dazu: Die kann ich mir ausgezeichnet mit Gin als Longdrink vorstellen.

Abends traf sich meine kleine Leserunde. Wir sprachen über Tim O’Brien, July, July, die Geschichte einer College-Abschlussklasse Jahrgang 1969, die sich 2000 wiedertrifft. Ich mochte das Buch nicht, die Figuren und Lebensgeschichten kamen mir vor wie stereotype Versatzstücke aus Hollywoodfilmen, nicht wie echte Menschen. Das wurde nicht dadurch gerettet, dass 1969 und 2000 kapitelweise abwechseln und zum Schluss nochmal ganz große nicht-realistische Erzählgeschütze aufgefahren werden. Das letzte Drittel hatte ich eher überblätternd gelesen.

§

Für Samstag war der Wecker gestellt: Theresienwiesenflohmarkt. Die ersten Platzreservierer hatte ich schon am Donnerstag auf meinem Arbeitsweg gesehen, beim Heimweg am Freitagabend war der Flohmarkt bereits zu 40 Prozent aufgebaut.

Samstagmorgen hatte ich eigentlich keine Lust (seit ein paar Tagen Schatten auf der Seele), doch ich hatte bestimmte unaufschiebbare Einkäufe dort geplant. Entgegen der Wettervorhersage war es sonnig, und tatsächlich fand ich auch etwas, sogar mehr, als ich erhofft hatte. Unter anderem schoss ich ein Schnäppchen an Sechziger-Abendkleid in ganz hellem Aqua – das sich daheim auch noch als wie angegossen passend erwies (= keine Ausgaben für die Änderungsschneiderei).

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Allerdings brauche ich dazu dringend Schmuck fürs Handgelenk – den ich ich nie trage, weil mich Gebämsel am Handknöchel wahnsinnig macht -, ein Armband, optimalerweise mit Amethysten. Und ein bis drei Runden im Solarium, damit meine nackten Arme perfekt dazu passen. Ein passendes Diadem würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen, aber die bekommt man bekanntlich vererbt und dafür habe ich mir entschieden die falschen Vorfahren ausgesucht. Ein Foto des Gesamtoutfits gibts zu einem Anlass Ende April. Zum Glück habe ich nämlich überhaupt kein Problem damit, komplett overdressed zu Anlässen zu erscheinen, solange es bequem ist.

Überrascht war ich, dass weniger Stände den Flohmarkt bildeten als in den Jahren davor.

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Herr Kaltmamsell (dem ich geschafft hatte zu sagen, dass gerade alles sehr traurig ist, Morgensonne und Frühling hin oder her) passte auf mich auf, übernahm die Einkäufe und schickte mich zum Schwimmen. Eigentlich ist ja das Ritual, dass wir nach dem Theresienwiesenflohmarkt auf dem Frühlingsfest eine Bratwurst frühstücken.

Auf dem Weg zum Schwimmen füllte ich Kaffeevorräte auf (und freute mich auf die Aussicht, dass das nächste Vorratauffüllen in Brighton stattfinden wird). Schwimmen im Olympiabad war erst anstrengend, dann aber immer besser. Derzeit plagen mich ja böse Hüftschmerzen, die diesmal die Knie gleich mitnehmen. Schwimmen war erstaunlich gut dagegen. Ein wenig Abschied vom Olympiabad genommen, im Mai schließt es erst mal für Renovierungen – dachte ich, doch beim Gegencheck stellte ich fest, dass der Schwimmbetrieb schon nach drei Wochen Schließung wieder aufgenommen wird.

Daheim Frühstück und Siesta.

Ich hatte noch gemahlenen Mohn aufzubrauchen und wollte ihn mit Äpfeln kombinieren: Dieses Rezept stellte sich als ideal heraus. (Leider kann ich seit einiger Zeit nicht mehr auf Blogspot-Blogs kommentieren, mit keiner der angebotenen Methoden, sonst hätte ich mich vor Ort bedankt.) Statt weit importiertem Rohrzucker nehme ich allerdings immer heimischen Rübenzucker. Schließlich kenne ich aus meiner Kindheit in einer Zuckerrübengegend noch die eigenen Schienen für Rübenwaggons (mittlerweile alle verschwunden oder zu Radwegen umgebaut), zu Studienzeiten wohnte eine Freundin in Regensburg in Sicht- und Riechweite einer Südzuckerfabrik, also habe ich dazu durchaus eine persönliche Beziehung. Und überhaupt ist chemisch gesehen Kristallzucker gleich Kristallzucker.
Die in den Zutaten angegeben Zimt (ich nahm 1 gestrichenen Teel.) und gemahlenen Ingwer (1/2 Teel.) mischte ich unters Mehl (sie tauchen in der Zubereitung nicht auf).

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Das Ergebnis war ausgesprochen köstlich: Saftiger Mohnrührkuchen mit Apfelstücken und hin und wieder Mandelstückknurpsel.

Zum Abendbrot backte ich Coca de verdura, gestern überließ Herr Kaltmamsell wegen Arbeitsüberlastung die Küche ausnahmsweise mir. Mangold und Petersilie dafür kamen aus Ernteanteil.

§

Von mir aus sieht der neue kanadische Premierminister Trudeau auch gut aus: Ich finde es respektlos, in politischen Zusammenhängen darauf herumzureiten. Kann es sein, dass die Berichterstattung damit seine wirklich fortschrittliche Politik kleinmachen möchte? Indem sie diese lediglich als Dekoration eines dekorativen Menschen darstellt? Bloß weil diese Art der Berichterstattung bei Frauen in der Politik nerviger Standard ist, wird sie nicht angenehmer, wenn ein Mann das Ziel ist. Herr Trudeau scheint sich ebenfalls unterschätzt zu fühlen:
„Handsome Canadian Prime Minister Justin Trudeau Gives Passable Off-the-Cuff Lecture on Quantum Computing“.

Und ich hoffe sehr, sehr, dass die ständige Wiederholung von hot und handsome im Text dazu satirisch ist.

§

Nachschlag zu der Guardian-Auswertung seiner Online-Kommentare: Wie geht es der Frau, die die Spitzenreiterin als Ziel von Beleidigungen und Angriffen ist?
„Insults and rape threats. Writers shouldn’t have to deal with this“.

For all the progress women have made, there’s always an online comment section or forum somewhere to remind us that, when given anonymity and a keyboard, some men will use the opportunity to harass and threaten.

(…)

Because the harassment doesn’t begin and end on the Guardian website – being on social media has become, for better or worse, part of being a writer online. And the things you publish for one site have a ripple effect across all of your various social media profiles. It’s a workplace harassment issue that doesn’t stop at the workplace.

(…)

I’ve been writing online long enough to not attach my value as a person or writer to strangers’ opinions, but it would be a lie to say that the cumulative impact of being derided daily isn’t damaging. It is. It’s changed who I am on a fundamental level. And though I’d still like to think of myself as an optimistic person, being called a “cunt” or “whore” every day for a decade leaves its mark.

§

Welche unerwarteten Folgen ein Handyverbot bei Veranstaltungen haben kann:
„Es ändert sich nichts: Keine Mobiltelefone an geheimen und gefährdeten Orten!“

Journal Mittwoch, 13. April 2016 – Sportpläne weggeschwemmt

Donnerstag, 14. April 2016

Nachts schon wieder eine Migräneattacke, diesmal aber perfekt alltagskompatibel terminiert. Als ich mit Kopfweh plus ansteigender Übelekeit aufwachte, war es halb vier: Genug Zeit für mein Triptan zu wirken und die Migräne zu brechen sowie für den anschließend nötigen Tiefschlaf. Zwar fühlte ich mich am Morgen postmigränal waidwund und nicht so richtig schwungvoll, konnte aber ohne Überwindung in die Arbeit. Ich danke hiermit nochmal allen Pharma-Forscherinnen und -Forschern für die Entwicklung von Triptanmedikamenten. Trotzdem: Geht’s noch?

Übrigens und weil zufällig in einem Migräneartikel auf kleinerdrei verlinkt:
„Was man Menschen mit Migräne lieber nicht sagen sollte“.

§

Der Tag begann sehr sonnig und verwandelte sich am Nachmittag in die Apokalypse mit Gewitter und Sturzbachregen. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich ins Sportstudio hätte radeln wollen, regnete es heftig. Ich wartete eine kleine Regenpause ab und radelte nach Hause. Statt Stepaerobic stellte ich mich dort eine Stunde auf den Crosstrainer.

§

Datenanalysten haben sich 2000 Hollywood-Drehbücher vorgenommen und die weiblichen Redeanteile durchgezählt.

Im Film „Mulan“ etwa hat ihr Berater-Drache Mushu Redeanteile, die die von Mulan um 50 Prozent übersteigen.

„Frauen im Film: Ihr habt nichts zu sagen“.

Journal Montag, 11. April 2016 – Ausbruch der Referenzkirsche

Dienstag, 12. April 2016

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Auf dem Weg in die Arbeit: Der Aufbau des Frühlingsfests dauert zwei Wochen (Aufbau Oktoberfest zwei Monate).

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Auf dem Weg nach Hause: Die Referenzkirschbäume sind voll in Blüten ausgebrochen.

Als Abendessen geplant waren Fleischpflanzerl (die ich noch nie nach Rezept gemacht habe, wie mir gerade auffällt, wo ich sogar für Pfannkuchen ein Rezept brauche). Doch schon auf dem Heimweg wünschte ich sie mir nicht klassisch bayrisch, sondern – meinem Wohnort im Bahnhofsviertel geschuldet? – orientalisch: Gewürzt nicht nur mit angedünsteter Zwiebel, sondern auch mit Knoblauch, Oregano, Harissa, zudem mit Schafskäse gefüllt. Dazu machte Herr Kaltmamsell ein noch orientalischeres Püree aus weißen Bohnen, Tahini, Knoblauch, Zitronensaft, Olivenöl.

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Es war ein sehr gutes Abendbrot.

§

Auf kleinerdrei macht sich Barbara Gedanken darüber, welche Auswirkungen der Überfluss und die Geschenkeflut haben, unter der ihre kleinen Kinder begraben werden:
„Der Osterhase hat ein Fahrrad gebracht.“

Unter anderem weist sie darauf hin, wie groß ihre Entfernung zu Familien geworden ist, die in materiellem Mangel leben.
Diese Ungleichheit ist relevanter, als es auf den ersten Blick aussieht. Wissenschaftler haben schon lange herausgefunden, dass für die Zufriedenheit mit Gehalt und auch sonst mit materiellem Wohlstand gilt: Nicht der absolute Besitz gibt den Ausschlag, sondern der Wohlstand/das Gehalt im Vergleich zur Umgebung.

Wenn wir Alten (jetz lassen’S mich halt) krückstockfuchteln: „Mia ham ja nix g’habt!“, dann ist daran wichtig, das auch sonst niemand etwas hatte. Ein neues paar Schuhe war eine Investition, für Eis musste ich mein Taschengeld hernehmen, Restaurantbesuche waren für meine Eltern als Aspiranten auf ein eigenes Häusl nicht drin – aber so ging es allen. (Das Argument meiner Mutter, dass ich irgendetwas nicht gekauft bekam, von Eis bis Billigspielzeug, war übrigens keineswegs: „Dafür haben wir kein Geld.“, sondern: „Des braucht’s net.“)

Das hat sich mittlerweile völlig verändert: An derselben Klassenfahrt nehmen Schülerinnen teil, die eine Kreditkarte mitbekommen, damit sie bei Nichtgefallen der gebotenen Speisen Pizza bestellen können. Und gleichzeitig Schülerinnen, deren Eltern einen finanziellen Zuschuss beantragen mussten, damit sie überhaupt mitfahren konnten. Diese immer größer werdende Schere ist auf vielen Ebenen bedenklich.

Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass der/diejenige viel Geld verdient, die klug ist und hart arbeitet und viel Geld verdient. Solange ich der Meinung war, dass das stimmt, konnte ich Ungerechtigkeiten, die ich gesehen habe, ganz gut verkraften. Je mehr ich sehe, dass der Zusammenhang zwischen harter Arbeit, großer Verantwortung und gutem Verdienst ein Fantasiegespinst ist, desto weniger komme ich damit klar – und desto schwieriger finde ich es, es meinen Kindern zu erklären.

§

Bella hat eine worst case-Beerdigung erlebt. Und nutzt die Gelegenheit, vor dem bösesten Schnitzern zu diesem Anlass zu warnen.
„Kyrie eleison – Ableben mit Stil“.