Archiv für November 2016

Journal Dienstag, 29. November 2016 – Bremen weiter kalt

Mittwoch, 30. November 2016

Nochmal eine Runde arbeiten in Bremen.

Diesmal schaute ich mir den Wall von der anderen Seite an.

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Ruhiger Tag.

Granta ausgelesen, die Ausgabe 137 ist eine der besseren. Besonders mochte ich die Geschichte von Adam Thorpe über einen spätberufenen Schweigemönch aus dem Baugewerbe („My Angel“) und das Porträt der Fotografin Darcy Padilla, die die Obdachlose Julie 18 Jahre lang bis zu ihrem Tod mit 36 begleitet hat: „Julie’s Life“ – weil hier die Fotografin und die Fotografierte auf derselben Ebene erzählt werden, auf Augenhöhe.

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Schön, hin und wieder etwas von Harald Schmidt zu lesen.
„‚Ich schätze den kurzen Tagesschlaf‘.“

Herr Schmidt, letzte Frage: Wohin sollen wir das Interview zur Autorisierung schicken, Halifax, New York, Azoren?
Nirgendwohin.
Wie?
In meiner Liga ist Gegenlesen vulgär.

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Und weil es meinen gestrigen Morgen so deutlich verschönt hat, auch für Sie (via Buddenbohm):

(Meine Interpretation: Bittersüße Erinnerung an die Abschnitte des Lebens, die wirklich gut waren – damit der Schmerz über die schlimmen nicht siegt.)

Vorsatz fürs Heimkommen: Alles zusammentragen, was der Haushalt von Sinatra hergibt, die Welt braucht mehr crooning.

Journal Montag, 28. November 2016 – Bremen kalt und sonnig

Dienstag, 29. November 2016

Nachdem Bremen vergangenes Jahr durchgeregnet hatte, war es heuer tiefgekühlt und strahlend hell.

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Aus dem Schlafzimmerfenster meiner Unterkunft sah ich schönes Morgenrot. Der Spaziergang zur Arbeitsstätte Am Wall entlang war wundervoll.

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Faszination Postmoderne. Irgendwann wird das ein singulär bemerkenswertes Stück Architektur sein. (Also ohne das WTF?! von heute.)

Tagsüber nur wenig gegessen, spät abends vor lauter Hunger fast nicht gewusst, worauf ich Lust hatte. Ich bekam Appetit auf Gemüse; das Lokal am Heimweg hatte zumindest Salat im Angebot (wie sehr mir in letzter Zeit auffällt, dass die Speisenkartenkategorie „Vegetarisch“ mitnichten Gemüse meint, sondern meist einfach Stärke und Fett).

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Wo kamen seinerzeit eigentlich die Btx-Nachrichten her? So ganz ohne Internet? Das Techniktagebuch klärt auf:
„Nachrichtenübertragung per S-Bahn“.

Journal Sonntag, 27. November 2016 – Erfolgreiche Gestankbekämpfung

Montag, 28. November 2016

Zum Thanksgiving-Dinner lieber mal keinen Tropfen Alkohol getrunken, nach eher kurzem Schlaf mit heller Wachheit belohnt worden.

In trübem Wetter zu einer Runde Sport zum Ostbahnhof geradelt. Und dort festgestellt: Meine Gestankbekämpfung hat gewirkt. Unangenehmer Schweißgeruch entsteht ja durch die Bakterienflora der Haut, die den Schweiß zersetzt, genauer die Fettsäuren darin. Diese Bakterienflora wird unter anderem durch Hormone beeinflusst (weswegen der Mensch erst ab der Pubertät unangenehm nach Schweiß riecht). Um den Geruch aus Kleidung zu bekommen, muss sie also gründlich desinfiziert werden.

Das kann man mit Essig machen – Großwäschereien greifen zum Beispiel zu dieser Methode, weswegen Hotelwäsche gerne mal einen Essig-Haugout hat. Den ich widerlich finde.

Das kann man mit Hitze machen, doch meine stinkenden Oberteilen sind hauptsächlich Sportkleidung aus Synthetikstoffen (Baumwolle saugt sich beim Sport bei meinen Schweißmengen zu schnell voll, tropft und klebt an mir), die würde ich durch ausreichend lange Behandlung mit kochendem Wasser ruinieren.

Das kann man mit hochprozentigem Alkohol machen – der ist mir dafür allerdings zu teuer, solange es eine günstigere Alternative gibt.

Deshalb griff ich zu dem Wäschedesinfektionsmittel, das ich seit ein paar Jahren für jede Waschmaschinenladung verwende, um dem blöden Hautpilz versicolor vorzubeugen (mit Erfolg übrigens). Diesmal tränkte ich erst die Achselbereiche der Oberteile ordentlich mit dem Mittel, ließ das in einem Eimer 30 Minuten einwirken, dann füllte ich den Eimer mit Wasser auf und ließ ihn 24 Stunden stehen (viel hilft viel, nicht wahr?). Anschließend wusch ich die Oberteile mit weiterer Schmutzwäsche in der Waschmaschine.

Zum Turnen trug ich gestern das älteste und bis dahin verstunkenste Oberteil: Keine Spur von Schweißgeruch, selbst als ich schwitzte. Allerdings Waschzusatzgeruch – die nächste Runde mache ich vielleicht mit der ungedufteten Variante.

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Mittags nahm ich einen ICE nach Bremen, dort bin ich bezahlt bis Mittwoch. Ich rollkofferte unter Sternenhimmel zwischen erfreulich vielen Pokéstops zu meiner Unterkunft, sah mich nach schnellem Auspacken nach einem Abendessen um. Es wurde ein spanisches Lokal, gut besucht. Zu meiner Freude entdeckte ich auf der Speisenkarte Albóndigas, ich bestellte die Variante mit Safransoße. Dass die sich als dicke Sahnesoße erwies, überraschte mich – bislang hatte ich Sahne für eine durch und durch unspanische Saucenzutat gehalten. Aber was weiß denn ich, Spanien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark verändert, das mag ja Auswirkungen auf die spanische Küche gehabt haben.

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Menschen in Gruppen mit ähnlichen Merkmalen einzuteilen und zu untersuchen, muss natürlich für Analysen aus Effizienzgründen sein. Wenn man sich nur oft genug auch einzelne Menschen ganz genau anschaut. Ein Nachruf im Tagesspiegel:
„Nur eine Person gegen die ‚gottverdammte Einsamkeit'“.

Sammlungen sollten Dose ein erfülltes Leben vorgaukeln. Per Kleinanzeige wünschte er sich „nur eine einzige Person, die mit mir in den Zoo geht“.

Journal Samstag, 26. November 2016 – Engelesspiel und Thanksgiving

Sonntag, 27. November 2016

Nachts schon wieder Migräne – was war ich froh, dass ich das Triptan nachgekauft hatte.

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Wieder meine Schwimmpläne fürs Dantebad abgeblasen, statt dessen übers Schwimmen draußen gelesen: Journelle hat das wunderbare Swimming Studies von Leanne Shapton gelesen und ist ihr nachgeschwommen: im Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Anfang November.
„Winterlicher Frauenteich“.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton.

Kleine Einkaufsrunde, vor allem Reisedinge: Ich fahre am Sonntag ein paar Tage auf Geschäftsreise.

Am späten Nachmittag setzte ich mich mit Herrn Kaltmamsell in einen Zug nach Augsburg: Wir waren bei alten Freunden von ihm zum Thanksgiving-Dinner eingeladen.

Als wir am Augsburger Rathausplatz vorbeikamen, wurde gerade auf dem Rathausbalkon das Engelesspiel aufgeführt.

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Ich musste kurz stehenbleiben und mich in Studienzeitenerinnerungen tragen lassen: Ich hatte direkt hinterm Rathaus gewohnt und die Musik des Engelesspiels bis in meine Wohnung gehört. Das ist fei schon schön.

Ein Abend mit viel gutem Essen, Gesprächen über Essen, Politik, USA, anstehende Bundestagswahlen, Gespenster in Landhäusern hinter Rom.

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„‚Manche Männer wollen einfach Urlaub vom Menschsein machen.'“

Undine de Rivière ist Prostituierte, wobei sie sich selber lieber Bizarrlady nennt. Ein Gespräch über SM-Sex mit Gummihühnern, das Klischee der Zwangsprostitution und menschliche Bedürfnisse außerhalb von schlichtem Rein und Raus.

Großartige Fragen, z.B. „Kannst du besser Sex als ich?“
Interessante Hintergründe und Zahlen zur tatsächlichen Verbreitung von Zwangsprostitution und Aussagen wie:

Die Dinge, die ich hier mache müssen nicht meine persönliche Erfüllung sein. Es reicht, wenn sie ok für mich sind.

via @kathrinpassig

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Für die Adventszeit ein kleines Kitsch-Antidot:

(via Frank von Cléo)

Journal Freitag, 25. November 2016 – Prä-Advent

Samstag, 26. November 2016

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An der Theresienwiese war’s bereits adventlich.

Nach einem crazy Arbeitstag in die Maxvorstadt gelaufen, um mein Smartphone endlich retten zu lassen. Jetzt sei es aber wirklich in Ordnung, versicherte der freundliche Schrauber und riet mir noch zur App Battery Life, um den Zustand meines Akkus im Blick zu behalten.

Daheim erst mal Wedges of Decadence gebacken für die samstägliche Thanksgiving-Einladung in Augsburg. Nach dem zweiten Schieben in den Ofen einen kräftigen Tequila Sunrise eingeschenkt, allerdings mit Mezcal, weil nur der da war, was gar nicht so gut schmeckte. Den zweiten auf Wodka-Basis, weil der wenigstens nach gar nichts schmeckt.

Her Kaltmamsell bereitete zum Nachtmahl freihändig Chinesisches, was sehr gut schmeckte (black beans!, Auberginen!, zartgemachtes Rindfleisch! Chillis!), allerdings nicht so richtig chinesisch.

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Ben Lerners Leaving the Atocha station ausgelesen – aber bloß, weil es so dünn ist, sonst hätte ich nach spätestens 100 Seiten aufgehört. Der Ich-Erzähler interessierte mich massiv gar nicht. Dass er ein Depp sein soll, ist schnell klar, doch er ist halt eine Sorte Depp, die mich langweilt. Kindisch, narzistisch, ohne interessante Beobachtungen und Reflexionen, nicht mal den Ort Madrid genoss ich (wie kann man dem Retiro so wenig Atmosphäre abgewinnen?).
Außerdem habe ich nach July, July, The Secret History, War of the Encyclopaedists und diesem Buch erst mal für lange Zeit genug von Drogengeschichten. Sie dominieren in Leaving the Atocha station die Handlung völlig (Kauf, bei wem anders abgreifen, Konsum, Bewusstlosigkeit, Upper, Downer, Analyse der Qualität, Kotzen, Panik weil daheim vergessen, überrascht feststellen, dass es heute auch ohne geht, nächster Konsum etc. at inf.), ohne irgendetwas dazu beizutragen.
(Was übrigens ein Grund war, dass ich mich seinerzeit so freute, nicht mehr zu rauchen: Mir wurde rückblickend klar, wie stark mein Tagesablauf vom Rauchen geprägt gewesen war.)
(Allerdings bin ich jetzt endgültig an dem Punkt, meine Jugend nicht mehr für langweilig zu halten, bloß weil Drogen keine Rolle gespielt haben – ich scheine nicht wirklich etwas verpasst zu haben.)

Meine Art Drogenkonsum:

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Vielleicht probiere ich es dieses Jahr doch nochmal mit Plätzchenbacken. Auf die apokalyptische Weise von Tilman Rammstedt:
„Makronen! Meine Fresse!“

Das war kein sehr schönes Jahr. Voller Auf und Ab, nur dieses Mal halt ohne Auf. Deshalb: Backen Sie diese dringend notwendigen Adventskekse. Versuchen Sie es wenigstens.

via @Buddenbohm

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Sie erinnern sich an die Friends-Folge, in der Rachel selbst Trifle machte? Und die Seiten des Kochbuchs zusammenklebten, so dass sie zwei Rezepte vermischte und Hackfleisch einarbeitete? Die wackeren Recken von Buzzfeed haben das tatsächlich ausprobiert.
„I Tried Rachel’s Trifle From ‚Friends‘ And It Was Pretty Awful“.

via @ankegroener

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Eigentlich scheint gesetzt, dass Frauen, denen wegen Krebs die Brüste entfernt werden mussten, diese rekonstruieren lassen. Doch anscheinend machen das immer mehr nicht – was ich sehr gut nachvollziehen kann. Die New York Times berichtet (mit Fotos) darüber:
„‘Going Flat’ After Breast Cancer“.

“Having something foreign in my body after a cancer diagnosis is the last thing I wanted,” said Ms. Bowers, 45, of Bethlehem, Pa. “I just wanted to heal.”

Journal Donnerstag, 24. November 2016 – Nebel

Freitag, 25. November 2016

Ein Nebeltag – im November völlig in Ordnung. Auch wenn so konsequenter Nebel von früh bis spät schon betrübend ist.

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Göttin im Nebel.

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Auf der Theresienwiese fing ich aber auch dieses extra Pokémon, das es anlässlich Thanksgiving gab: Es sieht vor dem Fangen wie ein anderes Pokémon aus (dieses war ein Taubsi) und verwandelt sich erst danach. Träte ich in Arenen an, übernähme es die Kampfeigenschaften des Gegners.

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Sie dachten, es gebe nur vier Reiter der Apokalypse? Ich zählte gestern Nachmittag den etwa sechsten.

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Abends zum Haareschneiden. Diesmal hatte ich den Termin früh genug angesetzt, dass er noch nicht verzweifelt dringend war. Jetzt laufe ich wieder militärisch kurz geschnitten herum.

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Bloomberg schreibt über eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und des Sozio-oekonomische Panels (SOEP) am DIW Berlin.

„For Refugees, No German Doesn’t Mean No Chance
A new survey finds patchy educational attainment but a basic identification with German values“

A complicating factor for many, according to the report, is that trade skills were often learned on-the-job rather than with formal qualifications. That leaves them locked out of German trades where formal certificates are often still a must.

(…)

The survey found that not only do most new arrivals say they believe that government should be democratic, they also support gender equality and largely reject the role of religious leaders in setting society’s rules.

According to the study, this suggests that there was a “strong selection’’ at the start of the migration process. In other words: it was mostly those who already felt an affinity toward European norms who decided to embark on the costly, perilous journey to Europe in the first place.

In der Studie selbst tauchen außerdem so interessante Aspekte wie Kosten für die Flucht und Diskriminierungserfahrungen auf.

Journal Mittwoch, 23. November 2016 – Was ist Leistung?

Donnerstag, 24. November 2016

Ein weiterer warmer Tag. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, um nach der Arbeit mein malades Smartphone nochmal zum Schrauber zu bringen. Dieser fand tatsächlich einen Fehler außer dem Akku (Ladesensor), das Ersatzteil bekommt er aber erst Donnerstag. Ich werde also am Freitag nochmal zu ihm müssen.

§

Der Freitag schreibt über die Folgen für die Gesellschaft, wenn der Glauben vorherrscht, dass man mit Leistung zum Erfolg kommt:
„So ein Dusel“.

via @bebal

Er dreht sich genau um die Frage, an der ich seit Jahrzehnten knabbere: Welcher Erfolg ist mein eigener Verdienst? Was basiert auf Angeborenem? Was auf Zufall? (Dass Erfolg selbst schon Definitionssache ist, lassen wir mal beiseite.) Ich bin mit Hirn, Interesse und Energie auf die Welt gekommen, wurde von klein auf gefördert und angetrieben, hatte nie den Eindruck, große Hindernisse überwinden zu müssen. Viel weist darauf hin, dass ich bei allem, was äußerlich nach Erfolg aussieht, einfach Glück hatte.

Was ist eigentlich Leistung? Eine Leistung, auf die man stolz sein kann?
Ich tendiere dazu, nur als meine eigene Leistung zu empfinden, wenn es Mühe ohne Spaß gekostet hat. Aber weil ich dann im Nachhinein vor allem Leid damit assoziiere, freue ich mich über das Ergebnis nicht – und bin nicht stolz darauf.
Beispiele:
Mein Einser-Magister? Hat Spaß gemacht, war also keine Leistung. Klar gab es Phasen, die mich sehr viel Mühe und Anstrengung kosteten, doch sie erfüllten mich nicht mit Wut und Zorn.
Hirn und Energie wurden mir angeboren, auch der Spaß, etwas damit zu machen. Dazu hatte ich Eltern, für die Bildung einen hohen Stellenwert hatte. Fühlt sich nicht wie Leistung an.
Berufliche Leistungen? Da gibt es einiges, was objektiv als Erfolg gezählt wird, aber nur durch so viel Selbstüberwindung möglich war, von glühendem Hass begleitet, dass ich mich nur sehr ungern daran erinnere. Will ich nicht als Leistung zählen, war eine sehr verdrehte Art von Pflichterfüllung.

Komischerweise empfinde ich das Gefühl von Stolz am ehesten auf Freundinnen, Freunde, Angehörige, die großartig sind und Großartiges tun und erreichen. Wofür ich nun wirklich am allerwenigsten kann. Ich empfinde Stolz darauf, dass ein so wundervoller Mensch sich mir freundschaftlich zuwendet.

Aber zurück zum oben verlinkten Artikel:

Ein genauer Blick auf die Utopie einer reinen Leistungsgesellschaft lohnt, weil diese Argumentation unsere Gesellschaft prägt: Nicht die Einkommensunterschiede an sich seien das Problem, heißt es gern. Entscheidend sei allein, dass jeder eine faire Gelegenheit bekomme, sich eine privilegierte Position zu erarbeiten. Aber dieser Gegensatz führt in die Irre, weil Chancen und Ergebnisse nicht so einfach zu entfädeln sind: Wann ist Reichtum verdient, wann unfairer Wettbewerbsvorteil? Wo fängt Leistung an, wo hören Chancen auf? Und welche Zufälligkeiten müssen beseitigt sein, damit man wirklich überall von gerechten Startbedingungen sprechen kann? Der Beruf der Eltern ist vielleicht ein Zufall, der auf die Laufbahn eines Kindes keinen Einfluss haben sollte. Aber was ist mit angeborener Begabung, einer robusten Persönlichkeit, einem Geburtsdatum im Januar? Zufällig ist es genau so.

Vor der Meritokratie, schreibt Young1, stellte man sich die sozialen Klassen heterogen vor. Es war selbstverständlich, dass es Kluge und Tüchtige in den unteren Schichten gab, genauso wie Dumme und Faule in den oberen. In gewisser Weise wirkte das wie ein Kitt: Niemand konnte mit Inbrunst behaupten, er habe sich seinen Posten als großer Boss verdient – weil man es schlicht nicht mit Sicherheit wissen konnte. Die Gesellschaft wirkte zwar unfair, willkürlich und ineffizient, aber solange es kein klares Selektionskriterium gab, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, im Grunde seien die Menschen doch alle gleich.

Funktioniert die Bestenauswahl erst einmal, braucht sich die Elite dagegen nicht mehr mit Selbstzweifeln zu plagen. In der Meritokratie muss sich niemand rechtfertigen für seinen Reichtum. Aber die untere Schicht verliert ihre Selbstachtung. Im meritokratischen Denken sei sie nun nicht mehr aus Zufall oder Diskriminierung benachteiligt, heißt es bei Young, sondern weil sie nachweislich minderwertig sei. Wo der Erfolg allein auf Leistung beruhen soll, ist jeder Misserfolg ein persönliches Versagen. Die Meritokratie ist erbarmungslos.

§

Eine praktische Anleitung:
„Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe“.

Hier meine Zusammenfassung; sollte durch die Verkürzung etwas in Schieflage geraten sein, liegt die Schuld bei mir und nicht bei der Autorin.

Für das Zurückholen dieser Menschen in ein rationaleres Jetzt dürfte für viele AfD-Wähler_innen das gelten, was auch für Impfverweigerer gilt: Es ist aufwendig und lang.

(…)

Man muss die Risiken eines bestimmten Verhaltens möglichst plastisch erfahrbar oder kommunizierbar machen.

(…)

Auch von wissenschaftlicher Seite wird postuliert, dass bei festgefügten Verschwörungstheorien das Ersetzen einer Verschwörungstheorie durch eine andere sinnvoller ist als der Versuch, faktenbasiert vom Gegenteil zu überzeugen.

(…)

Ich habe nur dann eine Chance durchzudringen, wenn ich es schaffe, dass das Gegenüber in mir selbst keinen Wutausbruch auslösen kann.

(…)

Es ist wichtig, das Verfestigen von irrationalen Gedankengebäuden zu verhindern, bevor sie zu festgefügt sind um noch zur einzelnen Person vorzudringen.

(…)

In emotional aufgeladenen Situationen müssen wir Menschen besonders gut vor dem Zugriff kontrafaktischer Argumente schützen.

(…)

Das reine Widerlegen von Un-Fakten hilft überhaupt nicht.

(…)

Wir müssen Suchmaschinen wie google stärker in die Pflicht nehmen, wir müssen aber auch rationale Informationen besser und verständlicher und breiter verfügbar machen.

(…)

Diskutiere nicht mit Opas (und Omas).

(…)

Kompromisslos unbestechlich, rigoros Skandale in unseren Reihen aufklären, sehr hohe Transparenz gewährleisten.

(…)

Wir müssen denen, die mit dem Kontrafaktischen ihr Geld verdienen, diesen Geldhahn so gut wie möglich zudrehen.

via @wortschnittchen

  1. Der britische Soziologe Michael Young prägte in den 1950ern den Begriff „Meritokratie“. []