Archiv für Februar 2017

Lieblingstweets Februar 2017

Dienstag, 28. Februar 2017

Nachtrag: Jetzt gibt’s auch wieder die Sammlung anderer Leut‘ Lieblingstweets bei Anne Schüßler.

Journal Sonntag/Montag, 26./27. Februar 2017 – Georgische Versuche und Frühling

Dienstag, 28. Februar 2017

Sonntag und Montag gab es nicht nur Oscarverleihung.

Sonntagmorgen radelte ich zum Sport an den Ostbahnhof, hatte mittelviel Spaß (unverständliche oder mangelhafte Erklärungen von Kraftübungen ärgern mich leider), beim Heimradeln war es angenehm mild geworden.

Zum Mittagessen probierte Herr Kaltmamsell georgische Chatschapuri aus, wir hatten die verfügbaren, allesamt eher vagen Rezepte zusammengewürfelt.

Erkenntnisse:
1. Für die Füllung nur Mozzarella und Feta verwenden, der zugegebene Hüttenkäse verflüssigt sie zu sehr.
2. Salz in den Teig mischen; Herr Kaltmamsell hatte ihn anweisungsgemäß ohne jedes Salz geknetet, das schmeckt nicht.
3. Anleitung zum Ausrollen/Falten suchen: Wie kriegt man die Dinger rund und flach?

Selbst buk ich nachmittags Marmorkuchen als Oscarnachtverköstigung.

Ich ging vor zehn ins Bett um vorzuschlafen, hatte auf arte noch ein Stück des Filmklassiker Rebecca angeguckt: Vor allem, weil ich während des Studiums gelernt hatte, dass in Spanien eine leichte Strickjacke für Frauen wegen dieses Films „rebeca“ heißt – ich kenne keine vergleichbare Wortentstehung/Umbenennung auf der Basis eines Films („blitzdingsen“ etabliert sich zwar, doch bezeichnet das nichts schon vorher Dagewesenes). Wie würde man den Vorgang sprachwissenschaftlich benennen? Eponym auf der Basis eines Films? (Peliculonym?)

Debido al éxito que tuvo la película, en España se empezó a llamar rebeca al tipo de chaqueta que luce Joan Fontaine a lo largo de toda la película, aunque ella no fuera Rebeca. El Diccionario de la Real Academia Española ha incluso recogido el término para denominar a este tipo de prenda.

Quelle

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Montag nach der Oscarverleihung (das Durcheinander der Gewinnerbekanntgabe hat wohl PriceWarerhouseCooper verursacht, ausgerechnet) noch zwei Stunden geschlafen, danach fühlte ich mich munter. Nach einem Morgenkaffee ins Olympiabad geradelt. Erst erschrak ich über die vollen Bahnen, aber das waren die Frühschwimmer, die wohl gleich um 10 Uhr losgelegt hatten (es wird ja immer noch gebaut) und bald nach meinem Beginn fertig waren. Gemütlich und von Sonnenglitzern begleitet meine 3.000 Meter geschwommen.

Es schien weiter die Sonne und wurde immer wärmer, ich konnte ohne Mütze und Handschuhe ins Baader-Café zum Frühstücken radeln.

Gärtnerplatz. Der Münchner ist halt doch heliotrop.

Abends Konzert des Ukulele Orchestra of Great Britain im Prinzregententheater: Viel Freude an neuen und vertrauten Stücken.

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Auch wer sich nicht für die Roben auf dem roten Oscar-Teppich interessiert, interessiert sich vielleicht für die Ingenieurskunst, die menschliche Körper damit kompatibel macht.
„What Celebrities Wear Under Those Red Carpet Dresses“.

Making the girls look great takes a bit of MacGyvering

(Bestärkt mich in dem Plan, zu einer – unwahrscheinlichen, zugegebenen – Oscar-Show-Einladung Frack zu tragen.)

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Zwei erfolgreiche Literaturübersetzer und eine -Übersetzerin sprechen über ihre Arbeit:
„Warum mache ich das?“

via (eh klar) isabo

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Absolut großartig: Künstler, Illustratorinnen gestalten Kinderzeichnungen nach:
„The 2016 Monster Gallery“.

via Katharina Borchert

Oscarnacht 2017

Montag, 27. Februar 2017

Zur Selbsterinnerung: Die eigentliche Show beginnt um 5.30 pm PST, das ist 2.30 Uhr Münchner Zeit, Wecker also auf 2 Uhr.

Moin!

Und gleich mal die Strafe fürs frühe Zuschalten: Ich muss erst deutsche Moderatorinnen und Moderatoren ertragen. Nostalgie für Zeiten, als wir uns bei dem einen Menschen im Freundeskreis trafen, der die Oscarverleihung per Satellitenfernsehen direkt aus USA reinbekam, weil es keine Übertragung im deutschen Fernsehen gab.

Oh, Dakota Johnson goes Ferrero Rocher. Sehr 30er, das Kleid – aber das haben wir doch schon in der US-Politik.

Emma Stone und Nicole Kidman glitzern auf dem roten Teppich Richtung nude, akzeptabel, Emma sogar mit Fransen, nett.

Justin Timberlake kommt für die Eingangsnummer von hinten durchs Publikum, grovende Superstars in Nahaufnahme – Partystimmung! Ungewöhnliche Bilder zum Einstieg. Shirley Maclaine, wie großartig!

Bühnenbild very Great Gatsby. Meryl Streep in großartigem Petrol.

„I got a sitting ovation!“, Jimmy Kimmel mit sympatischem Auftritt. Witze über „uniting this country“ mit Seitenhieb auf Mel Gibson „there is only one Braveheart, and he’s not going to unite us either“. Dank an Donald Trump: „Remember when the Oscars seemed racist?“

Scherze mit Anspielungen auf Moonlight und Elle – mageres Gelächter: „You didn’t see them, did you?“ (Keiner der nominierten Filme war ein Kassenschlager.)

Meryl Streeps 20. Oscarnominierung bekommt stehende Ovationen (und ihr petrolfarbenes Glitzerkleid ist großartig).

Kimmel verspricht: „One of you will give a speech the president will tweet about!“

Alicia Vikander in brathendlfarbener Haut, ahem? Actor in a supporting role (Dev Patel ist NEBENdarsteller?): Mahershala Ali – stehende Ovationen. Er dankt teachers and professors, das ist ungewöhnlich. Erste Tränen auf der Bühne – und er erzählt, dass er vor vier Tagen eine Tochter bekommen hat.

Slipeinlagenwerbung bei den Oscars, wundervoll! (Letztes Jahr war’s Dallmayr glaube ich, Luxus ist so offensichtlich passend, pah.)

Kate Mckinnon! Der Make up-Oscar geht an Suicide Squad.
Warum haben wir den nochmal nicht gesehen, Herr Kaltmamsell?
„Weil er DC ist? Und richtig schlechte Kritiken bekommen hat?“
Italienischer Akzent auf der Bühne, muss sein. „This is for the immigrants.“
Und genau: Diesmal gucke ich zu zweit! Auch ein Lehrer hat morgen frei (Faschingsferien).

Costume Design geht an Fantastic Beasts – es ist Coleen Atwoods dritter, wow! Sehr gefasste Dankesrede.
(Bissken enttäuscht von Mckinnon, durfte sie nicht mehr?)

Ich serviere Marmorkuchen – sogar mit Schokoüberzug! (Will heißen, wir haben uns das Anschneiden lange genug verkniffen.)

Drei Hidden Figures-Darstellerin auf der Bühne, um die Nominierung für Best Documentary zu präsentieren. *KRAHAISCH* – Katherine Johnson wird rausgerollt, in bezauberndem Blau! Oscar für O.J.: Made in America – gewidmet „victims of police violence“.

Dwayne Johnson sieht gut aus in dunkelblauem Samt. Er präsentiert Best Song aus Moana. Ist ja eine Kategorie, die ich für extrem überholt halte. Statt dessen den Technikoscar in die Hauptshow holen?
Allerdings sehe ich die Funktion der Auflockerung ein, die Choreografie mit blauen Fahnen im Hintergrund ist schon auch nett.

Uff, Dallmayr-Werbung UND Rolex, jetzt sieht’s nach Luxus aus.

President of the Academy Cheryl Boone Isaacs – die war ja schon letztes Jahr interessant: Beschwört die steigende Diversity der Academy: „Art has no borders.“

Jimmy Kimmel lässt Bonbons an Schirmchen aufs Publikum regnen: „Movies need candy.“

Sofia Boutella und Chris Evans präsentieren Sound Editing, der bekanntlich damit eingeleitet werden muss, dass das ganz ganz wichtig ist: Arrival – gebt dem Film alles, was ihr habt. Wird mit französischem Akzent entgegen genommen, haben wird das also auch.
Jetzt Sound Mixing (viel Bumm, Krach unter den Nominierungen): Hacksaw Ridge, wieder einer, den La la Land nicht gekriegt hat (bleiben zwölf mögliche). Große Mütterbedankung.

Erinnerungswürdige Roben habe ich bislang noch nicht auf der Bühne gesehen, weder im Guten noch im Schlechten.

In der Werbepause Trailer für Nocturnal Animals – sieht gut aus. Und mit Amy Adams.

Vince Vaughn erzählt vom Governor’s Award: Jacky Chan als einziger ganz unbescheiden. Publikum steht schon wieder – trying to work off those candy calories?

Mark Rylance präsentiert Actress in a supporting role („opposing role“?): Viola Davis, jawoll! Ich verstehe die Zuordnung „supporting“ auch hier nicht, aber whatever worked. Weitere stehende Ovationen. Sehr bewegte und leidenschaftliche Rede für all diejenigen, die ihr Potenzial nicht umsetzen konnten, deren Geschichten erzählt werden sollten. Tränen beim Dank.

Kimmel kündigt an: Sie haben einen Touristenbus ins Dolby-Theater umgeleitet und behauptet, sie würden hier eine Ausstellung sehen.

Charlize Theron erzählt von ihrer Inspiration durch Shirley Maclaine – und da sind sie schon beide auf der Bühne! Best Foreign Language Film: The Salesman, keine Überraschung hier. Iranischer Regisseur ist nicht gekommen aus Protest gegen den Muslim Ban, seine Dankesrede wird vorgelesen: Appell, das Leid auf der Welt zu zeigen.

Dev Patel führt den nächsten Song ein: Sting. Joah, Heisereien zu Gitarre.

Hailee Steinfeld und jemand mit García im langen Namen präsentieren Best animated short film (einen habe ich sogar gesehen!): Piper, ein niedliches Vögelchen. Kalendersprüche zum Dank, Facebook schreibt mit.
Es geht weiter mit dem Presenter-Paar, es wird politisch: Gegen jede „wall“. Best animated feature film: Zootopia, wenigstens ein Kassenschlager unter den ausgezeichneten.

Das Kleid von Dakota Johnson ist wirklich schlimm. Sie präsentiert Production Design: La La Land, es geht los. Die Preisträgerin trägt das wahrscheinlich bequemste Kleid des Abends (schwarzer Kaftan mit Knopfleiste vorne).

Touristenbusgruppe kommt in den Zuschauerraum, Kimmel stellt sie den Stars in der ersten Reihe vor. Händegeschüttel, Gequietsche, Kimmel hat ein bisschen Schwierigkeiten, sie wieder rauszukriegen. (Große Filmfans werden sie ja nicht erwischt haben, wenn sie während der Oscarverleihung nicht Fernseh schauen, sondern eine Bustour machen.)

Felicity Jones und schon wieder jemand, den ich nicht kenne. Visual Effects geht an Jungle Book – soll ja ganz erfolgreich gewesen sein, war aber derart schnell aus meinem Sichtfeld verschwunden, dass ich auch den verpasst habe. Der erste Preisträger im doppelreihigen Anzug, hmja. Seth Rogen schwärmt von Back to the future als Inspiration, kann ich total nachvollziehen. Kommt auf die Bühne mit Michael J. Fox, yay! Film editing: Hacksaw Ridge. Interessiert mich weiter nicht.

Mehr Bonbons von der Decke.

Salma Hayek sieht weiterhin großartig aus, selbst wenn das Oberteil an ein Negligee gehört. Documentary short subject: The White Helmets (schon zweite Nominierung). Diesmal darf auch die Dame auf der Bühne danken. Dank appelliert, an den Krieg in Syrien zu denken.
Live action short film: Sing. Dankesrede widmet den Preis Kindern.

Kimmel twittert Trump an, weil der noch nicht auf die Oscars reagiert hat – sein Telefonbildschirm auf die Leinwand projiziert.

John Cho und Leslie Mann stellen sich blöd, dass sie den Scientific Award zwar verliehen, aber nicht kapiert haben – tut den Wissenschaften keinen Gefallen. Aber lustig, „science so specific that none of you were invited“.

Javier Bardem schwärmt von Bridges of Madison Counry, kommt mit Meryl Streep auf die Bühne, sie zu seinen Komplimenten „Thank you, I felt underappreciated.“ Cinematography: La La Land, ochja, war schön gefilmt.
Kann es sein, dass die Bärte zumindest kürzer werden?

Oscar edition of mean tweets! Nette Idee.

Emma Stone und Ryan Gosling präsentieren die beiden nominierten Songs aus La La Land (die wirklich schön sind).

Orchester wird gezeigt und vorgestellt, wieder halb unter der Bühne.
Samuel L. Jackson präsentiert Original Score: La La Land, ja, wahrscheinlich die Filmmusik des Jahres, die man am längsten hören wird.

Scarlett Johansson – oh Gott, was hat sie an?! Rosa Frischhaltefolie? Best original song: „City of stars“, echter Ear Catcher. Zum dritten Mal wird „teachers“ gedankt, nett.

Jennifer Aniston kündigt die Verstorbenen an – immer mein Highlight.

Kimmel verarscht die Inspiration-Sache, indem er einen Matt-Damon-FLop zeigt, mit sensationell schlechten Dialogen.

Ben Affleck und Matt Damn präsentieren Screen play (Orchester versucht Damon von der Bühne zu spielen – dirigiert von Kimmel): Manchester by the Sea – das freut mich sehr, super Drehbuch von Kenneth Lonergan.

Amy Adams (in gravity defying Ausschnitt) präsentiert Adapted screenplay: Moonlight. Schön, dass die Oscar-Bühne diesmal nicht rein weiß ist.

Kimmel lässt jetzt „cookies and doughnuts“ von der Decke regnen. Dann ruft er nach Kaffee.

Halle Berry lenkt durch was Riesiges auf dem Kopf von ihrem Kleid ab. Dabei ist das Kleid echt ok. Director: La La Land – das ist ja wohl symbolisch und nicht ernsthaft. Die Verlierer halten sich auch nicht besonders gut. Vielleicht ist der Film ja Lyrik? Die verstehe ich auch nicht.

Brie Larson präsentiert Actor in a leading role: Casey Affleck, halleluja. Wenn sie den Oscar in diesem Line-up Gosling gegeben hätte, wäre es lächerlich gewesen. Er erwähnt seinen Bruder Ben sehr nicht beim Danken (der ihn in Interviews lächerlich machte, als der Film Manchester by the Sea Furore zu machen begann).

Leonardo Dicaprio präsentiert Actress in a leading role: Emma Stone – sie war das Brillianteste an La La Land, insofern ok. Sie würdigt erst mal die anderen Nominierten. Gibt zu, dass das nur durch die Kombination von „luck and opportunity“ möglich war, sie strahlt wirkliche Bescheidenheit aus.

Warren Beatty und Fay Dunaway präsentieren besten Film. Erstmal Plädoyer für „freedom and diversity“. Die Nominierungen wurden dieses Mal nicht über die Show verteilt, sondern werden erst jetzt gezeigt.
La La Land, pft.

Während der Dankesrede stellt sich heraus: War ein Irrtum, Oscar geht an Moonlight; der Zettel wird gezeigt.
Warren Beatty erklärt die Verwechslung: Offensichtlich hatte er den Zettel für Best Actress bekommen, „Emma Stone, La La Land„, deshalb habe er so lange mit dem Vorlesen gebraucht.
Durcheinander auf der Bühne, es ist sehr voll, Produzentin versucht irgendwie eine Dankesrede zu halten.

Ok, Moonlight muss ich noch sehen, will ich auch wirklich. Dieses Jahr hatte ich wirklich viele der nominierten Filme gesehen, den noch nicht.

Aufräumen, noch ein bisschen schlafen, bevor der Putzmann spätestens um 10 Uhr kommt.
Vertipper und Fehler besser ich noch aus.

Bis auf das Durcheiander am Ende (Kimmel: „I knew I would screw up.“) durchschnittliche Show, aber eine weitere.

Journal Samstag, 25. Februar 2017 – Manchester by the Sea

Sonntag, 26. Februar 2017

Ein sonniger, kalter Tag. Ich war mit Kopfweh aufgewacht und sah meine Laufpläne bereits durchkreuzt, doch über den Vormittag ging es mir besser. Ich spazierte in Laufkleidung an die Isar, um dort zu entscheiden, ob ich lieber weiter spazierte oder doch losjoggte.

Am Westermühlbach sah ich endlich reichlich Winterlinge, jetzt glaube ich, dass Frühling werden könnte.

Meine Taktik funktionierte: An der Wittelbacherbrücke fühlte ich mich fit genug für einen Dauerlauf.

§

Nachmittags in die Museumslichtspiele geradelt, um Manchester by the Sea zu sehen, eine weitere Oscar-Nominierung. Wieder ein anstrengender Film, doch einer, der klein, harmlos und leise daher kommt, sich ganz auf der Hintergrundebene entfaltet. Und dort sind entsetzliche Erlebnisse und große Schmerzen. Mir gefiel der Realismus der Charakterzeichnungen und des zwischenmenschlichen Umgangs. Es geht um normale Leute, im Mittelpunkt der völlig gebrochene Lee. Und die sprechen halt nicht über ihre inneren Vorgänge und ihr Gefühle, auch wenn sie einander zugewandt sind, einander sehen. Als sein Bruder stirbt, soll Lee die Vormundschaft seines 16-jährigen Neffen übernehmen. In unmarkierten, daher oft angenehm verwirrenden Rückblenden wird erzählt, warum Lee aus dem Ostküstenort Manchester by the Sea fortgezogen ist, warum das Testament seines Bruders ihn überfordert. Und Casey Affleck spielt ihn ohne Schauspiel, mit nahezu unbewegtem Gesicht.

Auch den 16-jährige Patrick erkannte ich (ideal besetzt mit Lucas Hedges), der eben nicht niedlich ist, sondern zwischen kindlicher Egozentrik und Autarkiebestreben schwankt. Mich rührte, wie Lee einerseits hilflos ist im Umgang mit diesem Verhalten, dem Neffen aber dennoch beharrlich und ungelenk voll Liebe beisteht – ich fühlte mich an meinen Vater erinnert.

Und das Filmende liefert weder Erlösung noch menschlichen Wandel. Sondern halt das Finden einer Lösung, mit der sich irgendwie leben lässt.

(Matthew Broderick taucht auch kurz auf – creepy Spießertypen scheinen ihm Spaß zu machen.)

Die Rezension von Tobias Kniebe in der SZ gefällt mir sehr gut:
„In eine Seele schauen, in der nichts mehr ist“.

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Schmunzeln am Sonntagmorgen:
„10+ Animals That Look Like They’re About To Drop The Hottest Albums Of The Year“.

via Felix M

Journal Freitag, 24. Februar 2017 – Georgische Küche und Blognostalgie

Samstag, 25. Februar 2017

Anstrengender Arbeitstag, mit Kopfweh vor Wut. So verließ ich meinen Schreibtisch nicht mit dem Enthusiasmus über die anstehende Urlaubswoche, den ich sonst kenne.

Ich radelte noch raus ins Lehel, um in der Schokoladengalerie Pralinen zu kaufen – zum einen überhaupt, weil diese die derzeit besten sind, die ich in München kenne (die Schließung der Konditorei Rottenhöfer hat eine immer noch nicht geschlossene Lücke geschlagen), zum anderen als Verpflegung für die Oscarnacht.

Daheim mit empfohlener Methode nach meinem Mi gesucht, doch meine Vermutung bestätigte sich: Wenn die App keine Daten der Kapsel findet, findet sie auch die Kapsel nicht.

Abends hatte ich einen Tisch in einem georgischen Restaurant reserviert, das ich beim Vorbeiradeln entdeckt hatte: Marani an der Leonrodstraße. Unter anderem bei Katrin Scheib hatte ich gelesen, dass die georgische Küche in Moskau als die beste der ehemaligen Sowjetrepubliken gilt, alle Beispiele davon, die mir bislang begegnet waren, sahen sehr einladend aus.

Wie ließen uns aus der kleinen, rein georgischen Weinkarte einen Rotwein empfehlen, Mukuzani aus der Saperavi-Traube: nicht zu schwer, mit Beerentönen.

Gemischte Vorspeisen, von denen mir am besten die scharfen, kräutrigen Pilze auf drei Uhr und der Spinatklops schmeckten – alles andere war aber auch ausgezeichnet. Unbedingt probieren wollten wir Chatschapuri, das typisch georgische Käsebrot. Man empfahl es uns zu den Vorspeisen, und es war hinreißend:

Fluffig-schwerer Hefeteig mit schmelzendem Käse gefüllt und mit Käsekrümeln überbacken. Will ich definitiv nachbauen.

Zur Rechnung bekamen wir georgischen Tresterschnaps Tschatscha spendiert – wunderbar weich.

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Derzeit bekomme ich wieder verstärkt Werbung und PR-Einladungen an die E-Mail-Adresse in meinem Impressum, die den Vermerk trägt: „Einer kommerziellen Nutzung (unaufgeforderte Werbung etc.) der oben genannten E-Mail-Adresse, die ausschließlich für dieses Impressum angelegt wurde, widerspreche ich.“ Ich fürchte, dass die Anschrift wieder mal in einer „Influencer“-Datenbank gelandet ist, die verkauft wird. Also antworte ich wieder jedesmal mit der Bitte, aus dem Verteiler gestrichen zu werden, jetzt aber ergänzt um den Hinweis: „Sollten Sie die Adresse in einem Paket von einem Dienstleister gekauft haben, könnten Sie dort Rabatz schlagen – wahrscheinlich sind dann nämlich auch andere Adressen nicht belastbar.“

§

Dazu passt dieser schöne, nostalgische Aufsatz übers Bloggen im Merkur von Ekkehard Knörer, einem der allerersten Blogger deutscher Sprache, aus eben der Generation Ins-Internet-Schreiber, die auch mich zum Bloggen gebracht hat:
„Feuerzeug, du“.

Aus seinem Blog dem Blog Der Kutter habe ich die Einsicht, die ich als Zusammenfassung über meine Leben stellen könnte:
„Verdrängung ist, was uns über Wasser hält“.1

Es gab tiefe Gedanken, heftige Gefühle, aber vor allem ging es um den Alltag, das Profane, das Banale, einen geschärften Blick auf die wenig aufregende und in manchen Hinsichten kleine und beschränkte Welt, durch die wir, oft prekäre, irgendwie kulturaffine Mittelschichtexistenzen, uns von Morgen bis Abend, und nachts auch, bewegten. Es war eine kleine Welt, keine Frage, es verband uns ein ziemlich spezifischer Blick, AkademikerInnen, die wir fast ausnahmslos waren, sanft dissident zu Normalitäten, müde und wach, voller Lust auf das Schreiben und Denken der andern, begeistert für Bücher, Filme, Kultur überhaupt, wobei der prekäre Alltag auch Einblicke in Altenheime und Blumenläden erlaubte.

Dieser geschärfte Blick, um den es ging, das waren eben die Blogs, war das Wissen darum, dass man, was man erlebte, im Aufschreiben zu fassen versuchen würde, im Aufschreiben und Hinstellen für die Anderen, die sich und ihre Wirklichkeit wiedererkennen würden, und im besten Fall ging es, so hingestellt, über ein Wiedererkennen hinaus: Man sieht das Eigene anders mit den Augen des Anderen. Dieses Wissen war eine Kamera im Kopf, die die Wirklichkeit beim Erleben schon rahmte, scharfstellte, durch Filter jagte: ein Instagram aus Sprache.

„Sanft dissident zu Normalitäten“… Fast weine ich, denn damals dachte ich, ich sei Zeugin eines Anfangs. Und lange wartete ich auf das, wovon es Anfang sein sollte, doch das kam nie.
Tatsächlich war es ein kurzes Jetzt, das nur ohne Vorläufer möglich war, und es endete, als es selbst zum Vorläufer wurde.

Ich bin sehr dankbar, dass ich es beobachten durfte. Und habe längst aufgehört, es anderen erklären zu wollen.

So mache ich einfach weiter, tue so, als sei immer noch Jetzt.

  1. Aus welchem Grund auch immer hatte ich fest angenommen, dass Herr Knörer hinter dem Kutter stehe – danke an Anke für die Korrektur. []

Journal Donnerstag, 23. Februar 2017 – Mi weg

Freitag, 24. Februar 2017

Mein Mi ist weg.
Am Mittwoch entdeckte ich auf dem Heimweg von der Arbeit, dass ich morgens offensichtlich vergessen hatte, die Kapsel im BH zu verstauen – ich wartete nämlich vergeblich auf das Vibrieren, das das Erreichen des Tagesziels von 8.000 Schritten signalisiert. Daheim sah ich an den Stellen nach, an denen die Kapsel vor dem offensichtlichen Vergessen gewesen sein musste: Jackentasche Hausanzug (wohin ich die Kapsel meist nach dem Aufstehen schob), Sideboard beim Föhn (wohin ich die Kapsel immer legte, wenn ich ins Bad ging, und wovon ich sie beim Anziehen normalerweise nahm). Nichts.
Da mir auch mit viel Anstrengung nicht einfallen wollte, wie und wo ich das Dingsi verloren haben könnte, suchte ich noch im Schrank um den Hausanzug herum und vage den Fußboden ab, erwartungsgemäß ohne Erfolg.
Dann weiß ich halt erst mal nicht, wie viele Schritteinheiten ich mich am Tag bewegt habe. Vielleicht taucht das Ding ja beim nächsten Putzmanneinsatz auf.

§

Ein sehr windiger Tag, das Laub tanzte auf dem Boden vorm Bürofenster Ringelreihen.

Tag der Bizarro-Anrufe.

Auf dem Heimweg war es dann wie angekündigt föhnwarm, die Anzeige an der Dr. Rihani-Apotheke in der Landwehrstraße lautete 15 Grad.

Doch nochmal Granatäpfel eingekauft, aber es war schon schwer, welche ohne braune Flecken zu finden. Die Saison ist zu Ende.

§

Wibke Ladwig erzählt vom Vergehen ein Bäckerei und philosophiert mit der Bäckersfrau:
„Brot und Kuchen“.

„Gerne nach Hause zu kommen – das ist ein großes Geschenk.“

Journal Mittwoch, 22. Februar 2017 – Frühlingsblüten im Sturm

Donnerstag, 23. Februar 2017

Seit zwei Wochen trage ich wieder Lippenstift. Etwa drei Jahre hatte ich praktisch nie einen aufgelegt. Angefangen hat das wohl in meinem Jahr Auszeit, denn Lippenstift verbinde ich mit Büro oder Ausgehen. Dann war die Haut meiner Lippen lange in so desaströsem Zustand, dass ich mit Pflege statt Schminke beschäftigt war. Doch vor zwei Wochen fiel mir ein, dass ich Lippenstift mal sehr gemocht hatte.

Stürmischer, milder Tag. Arbeitssorgen bekamen noch ein Schippchen aufgelegt.

Auf dem Heimweg besorgte ich Grapefruit, Chicorée, Avocado, um zusammen mit dem Feldsalat aus Ernteanteil (und ein paar Datteln und ein wenig Mozzarella) einen Wintersalat zum Abendbrot zu bereiten. Und ich machte einen Umweg, um mir auf der blumigesten Vorgartenwiese, die ich kenne, endlich meine Dosis Frühlingsblüten abzuholen.

§

Es hat schon was von absichtlichen Hammerschlägen auf den eigenen Daumen, dass ich mich von Studien angezogen fühle, die belegen, wie wenig vernünftig der Mensch tatsächlich ist.
Ist vermutlich Selbsterziehung mit dem Ziel, dass ich nicht mehr mit bescheuerten Entscheidungen anderer oder meiner hadere.
„Why facts don’t change our minds“.

“Once formed,” the researchers observed dryly, “impressions are remarkably perseverant.”

(…)

Even after the evidence “for their beliefs has been totally refuted, people fail to make appropriate revisions in those beliefs,” the researchers noted.

Bislang bin ich schwer gescheitert. Vielleicht weil diese Studien keine Schlüsse aus ihren Ergebnissen ziehen, die mich zufrieden stellen. Wahrscheinlich muss ich mich erst mal von meiner Überzeugung verabschieden, es gebe objektiv gute oder schlechte Entscheidungen/Entwicklungen (kommt ja immer auf priorisierte Werte an).
Vielleicht ist jemand, der sich wider besseres Wissen für ein Verhängnis entscheidet, hinterher auf der Ausschlag gebenden Ebene glücklicher als hätte er sich dagegen entschieden.

Dieser Artikel im New Yorker bietet eine Erklärung für die beschriebenen Entscheidungsmechanismen an:

“Reason is an adaptation to the hypersocial niche humans have evolved for themselves,” Mercier and Sperber write. Habits of mind that seem weird or goofy or just plain dumb from an “intellectualist” point of view prove shrewd when seen from a social “interactionist” perspective.

Dazu kommt wohl, dass das Wissen, das innerhalb einer Gesellschaft vorhanden ist, zum gefühlten eigenen Expertentum wird:

People believe that they know way more than they actually do. What allows us to persist in this belief is other people. In the case of my toilet, someone else designed it so that I can operate it easily. This is something humans are very good at. We’ve been relying on one another’s expertise ever since we figured out how to hunt together, which was probably a key development in our evolutionary history. So well do we collaborate, Sloman and Fernbach argue, that we can hardly tell where our own understanding ends and others’ begins.

(…)

Where it gets us into trouble, according to Sloman and Fernbach, is in the political domain. It’s one thing for me to flush a toilet without knowing how it operates, and another for me to favor (or oppose) an immigration ban without knowing what I’m talking about.

via @mspro

§

Dabei gibt es viele Arten der Unvernunft, die ich ausdrücklich gut heiße. (Weil ich sie natürlich in Wirklichkeit für besonders vernünftig halte.) Zum Beispiel:
„Der höflichste Krieg der Menschheitsgeschichte“.