Journal Mittwoch, 1. Februar 2017 – Beifang aus dem Internet

Donnerstag, 2. Februar 2017 um 7:00

Hurra, den ersten Monat des Jahres haben wir also geschafft.
Es blieb mild mit Regenneigung, ich legte aber alle Draußenwege trocken zurück.

Ich ertappte mich dabei, dass ich zumindest ein bisschen anfällig bin für Kalendersprüche.

Genau das: Mein ständiges Mich-selbst-hochreißen, immer weiter, immer nach vorne, bloß keine Müdigkeit voretc. pp. Das könnte ich gerne stoppen. Etwas wirklich Brauchbares bringe ich eh nicht zustande – muss ich auch nicht. Warum kann ich nicht einfach aufhören, mir und der Welt vorzuspielen, dass ich es zumindest versuche? Weil ich die Hoffnung nicht loslassen kann, dass aus Versehen doch mal etwas Großartiges dabei rauskommt?

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Frau Brüllen erzählt, wie sie in ihrem Arbeitsumfeld dann doch an Geschlechterstereotypisierung geriet – und wie sie damit umgeht.
„Ich weiß doch auch nicht“.

§

Nach meinem Besuch im Fashion Museum in Bath hatten wir ja bei Twitter über die Gründe diskutiert, die zur Ausstellung fast ausschließlich zierlicher Kleidergrößen geführt haben mochten. Michelle Millar Fisher und Stephanie Kramer haben sich mit den Modehistorikerinnen Lauren Downing Peters und Clare Sauro genau darüber unterhalten:
„Talking About Plus-Size Fashion“.

via @ankegroener

Indeed, it is exceedingly rare to encounter museum archives that have had the foresight, resources, and space to conserve plus-size dress.

(..)

With exhibition there is a distinct bias towards the “ideal” and a preference for smaller garments that will fit a mannequin with little fuss. Padding out a form to fit a larger garment is time consuming and must be done carefully to avoid a lumpy, “stuffed” appearance. Most curators, myself included, will choose the garment that is easy to dress when faced with two equal options. This curatorial bias leads to a skewed sense of history in exhibitions. Seeing is believing, and the existing clothes on display are usually tiny!

(…)

However, it is also important to note the higher survival rate of smaller-sized garments. In the past, when garments were largely custom-made, larger garments could be passed along to a larger pool of recipients and remade.

(…)

It should also be said that plus-size fashion is, in many ways, inherently mass-manufactured fashion, or an industry defined by mass-market brands like Lane Bryant. Said differently, there are few high fashion or couture designers who have created garments for larger women, and therefore it is reasonable to see why museums would pass over plus-size dress: as objects, plus-size garments tend not to be exceptional. Rather, they are typically quite conformist and poorly made

§

Das Photo zweier Kinder, die auf den Schultern ihrer Väter am Chicagoer Flughafen gegen Trumps Muslim ban demonstrieren – eines mit Hijab, eines mit Kippa – wurde schnell zum Symbol für die vereinende Kraft des Protest. CNN schreibt die Geschichte dahinter und wie sie weiterging:
„Two children, two faiths, one message“.

§

Fürs Süddeutsche Magazin erzählt Michalis Pantelouris von seinen Gefühlen, als er nach der Trennung von seiner langjährigen Partnerin wieder mit einer Frau Sex hatte. Er erkennt:
„Ich suche keinen Typ Frau. Ich suche einen Typ Nähe.“

Das fand ich sehr berührend beobachtet, und wahrscheinlich geht es den meisten Menschen so.

§

Ebenfalls bewegend und unglaublich spannend fand ich dieses Dokumentarfilmchen, das gestern in meiner Timeline herumgereicht wurde:
„Ten Meter Tower“.

Die Filmer hatte Menschen aufgenommen, die zum ersten Mal vom Zehn-Meter-Brett springen. Oder nicht. Oder doch.

die Kaltmamsell

17 mal Beifall zu “Journal Mittwoch, 1. Februar 2017 – Beifang aus dem Internet”

  1. Joël meint:

    Oh Ten Meter Tower ist wirklich schön.
    Ich habe mich herrlich amüsiert bei den Diskussionen ob oder ob nicht.
    Wunderbar!!!!

  2. Dentaku meint:

    Das 10-m-Brett an sich ist aber auch … also …

    (ich bin einmal im Olympiabad da runtergesprungen, und das hat eigentlich auch gereicht)

  3. joriste meint:

    ist das etwas für die Blogöffentlichkeit?
    Nun, da Sie öffentlich darüber nachdenken, vielleicht. Ich traue mich Ihnen daher nun ebenfalls öffentlich zu sagen, dass Sie für mich einen Unterschied machen. Ich bewundere Ihre Bildung, Ihre Gedanken, Ihre Taten. Sie inspirieren mich, neues in Küche, Gesellschaft und Leben auszuprobieren, anzupacken (als Wahlhelferin beworben, yay!)
    Da ist schon was Großartiges dabei.
    Mehr kann man bei der gegenwärtigen Lage kaum erreichen. Es ist schon viel, wenn man den Kopf nicht ganz in den Sand steckt. Und außerdem glaube ich seit kurzem wieder an das Phänomen midlife crisis.
    Ich weiß, dass Sie das nicht interessieren muss, und es ggf. sogar Thema verfehlt ist bzw Sie einige ‚Aber‘ in der Tasche haben, aber lesen wir nicht immer, wie wichtig Feedback ist?
    Gute Gedanken für Sie. Und Danke.

  4. Micha meint:

    Für mich sind Sie ja mein ganz persönlicher *Feuilleton* – und zwar mein sehr geschätzter. Für Artikel wie heute! Der Link zum *Typ Nähe* – super! Bei dem Gender-Link zögerte ich kurz (das ist nicht so mein Thema) – ebenfalls toll! Der Einstieg mit dem Fröhlichmacher-Kalenderspruch – herrlich!

    Könnten Sie sich nicht auch wohlfühlen, wenn Sie einfach ganz gewöhnlich wären?

  5. Pippilotta meint:

    Vielleicht habe ich den Spruch mit dem Krönchen ja völlig falsch verstanden, aber
    darin geht es doch nicht darum, aus falsch verstandenem Pflichtgefühl und ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse Ziele zu verfolgen, die gar nicht die eigenen sind. Sondern es geht darum, auch bei Fehlschlägen den Mut nicht zu verlieren und weiterhin stolz durchs Leben zu gehen! Wichtig ist vor allem, dass frau ihr Selbstwertgefühl nicht verliert, egal was passiert. Auch mal liegen zu bleiben und Kekse zu essen, wenn einem danach ist, widerspricht dem in keinster Weise!

  6. Croco meint:

    Der Spruch mit dem Keksen ist nett.
    Den mit dem Krönchen hatte ich immer so verstanden, dass, auch wenn ich mal wieder der Länge nach im Dreck liege, ich zumindest ganz prinzessinenstolz aufstehen kann und weiter machen, auch wenn am Bauch der Schmutz klebt.
    Im übrigen bist Du großartig, da fehlt nichts.
    Vielseitig interessiert, gebildet, belesen, offenen Geistes, und noch so freundlich, uns an allem teilhaben zu lassen was Dich so umtreibt.
    Aus Dir muss nichts werden, Du bist schon was.

  7. Cecilia meint:

    Verehrte Kaltmamsell, erstaunlicherweise habe ich die Vorspeisenplatte erst vor ca. zehn Monaten entdeckt; seither ist sie fester Bestandteil meiner Abende und gehört für mich zum Besten, was im Internet zu lesen und anzuschauen ist. Ihre klugen, zutiefst menschlichen Gedanken tun mir gut, Ihre unaufgeregten Bilder ebenfalls. Sie geben meiner Wander- und Britannien-Sehnsucht Nahrung, Sie rütteln mich aus meiner Bequemlichkeit auf und lassen mich mitunter weniger verzagt sein. Anlass zum Lächeln geben Sie auch. Vor allem verdanke ich Ihnen in vieler Hinsicht bereichernde Erweiterungen meines Horizonts. Wenn das nichts Großartiges ist.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Sie sind sehr freundlich, meine Damen, danke. (Jetzt werfe ich mir allerdings vor, meine Gedanken könnten Komplimentefischerei gewesen sein.)

    Wohlfühlen wäre das ultimative Lebensziel, Micha.

    Ich möchte auch mal den Mut verlieren dürfen, Pippilotta, der Verzweiflung nachgeben und einfach liegenbleiben, mich nicht immer zu nächsten Lösung, zu nächsten Idee treiben müssen.

    Das mit dem Stolz Croco, habe ich mittlerweise als größten Schädling in meinem Leben unter Verdacht.

  9. Pippilotta meint:

    „Ich möchte auch mal den Mut verlieren dürfen, Pippilotta, der Verzweiflung nachgeben und einfach liegenbleiben, mich nicht immer zu nächsten Lösung, zu nächsten Idee treiben müssen.“

    Ja, auch das sollte frau sich selbst erlauben, wenn ihr danach ist. Der innere (verinnerlichte) Antreiber ist nicht immer ein guter Berater. Auch von mir vielen Dank für diesen Blog, und seien Sie gnädiger mit sich selbst. Mit oder ohne Krönchen.

  10. iv meint:

    Wenn Fische im Teich sind, ist maßvolles Komplimentfischen erlaubt und sinnvoll.
    Es sind genug Fische drin ;)

  11. mhs meint:

    „Sie sind sehr freundlich, meine Damen, danke. (Jetzt werfe ich mir allerdings vor, meine Gedanken könnten Komplimentefischerei gewesen sein.)“
    DA! Schon wieder! ABSTELLEN! Auch weil
    1. wir wissen, dass Ihnen so etwas fernliegt, also weg mit diesem Gedankenansatz und
    2. selbst wenn? s. Ivs Kommentar. Wenn kein Lob von außen kommt, darf man es ruhig mal anfordern, denn, und das hab ich hier gelernt: was nicht benannt wird, ist auch nicht sichtbar.
    Viel schöne Kekse wenn von Nöten. Krönchen eh vorhanden.

  12. Norman meint:

    Auch ungeklärt: Springen Sie da herunter?

  13. Sebastian Dickhaut meint:

    Ich mag den Spruch ohne Hinfallen, also für morgens, wenn man eh aus der Natur heraus liegt: „Aufstehen, Krönchen liegen lassen, loslaufen“ Geht bestimmt viel besser ohne das Ding. Und immer nur Prinzessin sein wollen…

  14. Sabine meint:

    Zum Thema Plus-Size-Antikkleider gibt es zwei Reiseziele, die unbedingt zu empfehlen sind: einmal Schloss Neuburg an der Donau, wo die geradezu kolossale Strickjacke des kolossal kultivierten Renaissancefürsten Ottheinrich neben vielen anderen schönen Dingen zu besichtigen ist. Das Strickmuster könnten sie im Museumsshop verkaufen, so hübsch ist es.

    Und dann ist da noch der Fund des Texeler Tauchclubs, der in einem alten Wrack das Kleid der Jean Kerr, Countess of Roxburgh, einer Hofdame der englischen Königin Henrietta Maria, gezogen hat. Es ist dort in einem Museum ausgestellt. Man könnte das Kleid ziemlich zweifelsfrei identifizieren, weil bekannt war, dass Jean Kerr alt und ziemlich rund war, deswegen musste das teure, altmodische Kleid in XL ihr gehören. Und jetzt weiß man auch noch, dass sie in geheimer Mission, also als Spionin unterwegs war.

  15. Sabine meint:

    Das war eben vom Mobilgerät, hier noch die Links:

    Schloss Neuburg an der Donau.

    Das Museum hält sich noch bedeckt, aber Forscherinnen an der Universität Leiden sind sich sicher. Mich entzückt besonders, dass bei der Aufklärung mal wieder meine Lieblingsfigur des 17. Jahrhunderts, die Winterkönigin Elisabeth von Böhmen, wichtig war.

    Letztes Jahr gab es eine vorzügliche Ausstellung zu historischen Kleidern im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, die auch sehr interessant über die Problematik berichtet hat, dass eben sehr selten Kleider wirklich erhalten werden. Seither bin ich auch einmal ins Bayerische Nationalmuseum gestiefelt, um mir die Kleider aus der Lauinger Fürstengruft anzuschauen, spannend, spannend.

    Und wo wir schon beim abseitigen Thema historische Kleidung sind – Professor Ulinka Rublacks Projekt (da sind noch mehr Videos) zum Trachtenbuch des Augsburger Buchhalters Matthäus Schwarz ist überaus sehenswert. Neben der aberwitzig aufwändigen und paradiesvogelhaften Mode des guten Mannes hat mich besonders berührt, dass er die Veränderungen seines Körpers durch Zunahme und Alter auch für viel Geld hat festhalten lassen, sogar in ganz nackt. Der Mann war so modern wie die Heuschreckenmethoden seiner Firma.

  16. die Kaltmamsell meint:

    Großen Dank für die Hinweise, Sabine! Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet im wohl bekannten Neuburg historische Kleidung zu besichtigen gibt – und laut den Informationen, die ich aus Bath habe, ist säkulare Kleidung noch seltener erhalten als religiöse. Bei den „Textilen Geschichten“ von Suschna liest du hoffentlich auch mit? Zum Beispiel ihre Ergänzungen zu E.T.A. Hoffmanns Beobachtungen?

  17. Sabine meint:

    Vielen Dank zurück für die Textilen Geschichten, die kannte ich noch überhaupt nicht. Das ist ja eine absolute Fundgrube, wunderbar! (bearbeitet: unfassbar toll! Der lang schlummernde Wunsch, mal ein Seminar zu historischer Kleidung anzubieten, meldet sich gleich wieder. Der Samstag ist gelaufen…)

    Schon als Kind fand ich historische Kleidung zutiefst faszinierend, weil sie den Menschen buchstäblich nahe kommt.

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