Journal Dienstag, 9. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 2

Mittwoch, 10. Mai 2017 um 7:58

Gut und ausgeschlafen, den am Vorabend geschriebenen Blogpost fertiggemacht, im Hotelcafé Morgenkaffee getrunken. Auf dem Spaziergang zur re:publica (es ist weiter kalt, zumindest war es trocken) Brotzeit-Börek mit Käse eigekauft. Ich ging hintenrum über den Gleisdreieck-Park.

Aus dem Networking-Area-Gebäude klang überraschenderweise Tangomusik. Ich ging gleich mal nachsehen: Tatsächlich, da spielte echte Musik, ich sah auch ein paar Paare in Tangokleidung. Noch vor 10 Uhr. (Sah nach einer Firmenveranstaltung aus.)

Einstieg in den Konferenztag mit Gunter Dück.

„Flachsinn – über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt“. Nachdem ich vergangenes Jahr beim meinem ersten Dück-Erlebnis von seiner Büblein-Sprechweise und seinen scheinbar meandernden Gedankengängen irritiert war, lenkte mich gestern nichts davon ab: Dück brachte auf den Punkt, wie wir Internet-Pioniere vom Umstand brüskiert sind, dass sich jetzt auch Goldgräber, Kreti und Pleti im Web herumtreiben und überall Pommesbuden herumstehen. Wie auf der anderen Seite Wirtschaft und Politik 30 Jahre nach Start des Internets, 20 Jahre nach Beginn seiner rapiden Verbreitung immer noch Kampagnen wie „Digitale Transformation“ erfinden. Nützliche Beobachtungen auch über den Wandel von Unauffälligkeit als Karriereweg zur Aufstiegsbedingung Auffälligkeit.

Von den vielen, vielen Programmpunkten zum Thema Fake News hatte ich mir „Survival of the fakest? ARD und andere Medien im Kampf gegen gezielte Falschinformationen im Netz“ ausgesucht. Es war ein anregendes Gespräch, das viele Aspekte berührte: Persönliche Angriffe, Faktencheck, fehlendes Wissen über Abläufe in Redaktionen, mangelnde Medienkompetenz. Anregend auch wegen der Uneinigkeit der Teilnehmenden, wie man gegen den Einfluss von Falschinformationen im Netz angehen kann: Vertrauen in Medien wiederherstellen (ich frage mich, wie das konkret gehen soll), über die eigene Arbeit aufklären (das bemerke ich seit einigen Jahren mit Freude), Fehlinformationen widerlegen (was möglicherweise nur bei den ohnehin bekehrten ankommt), mit den Menschen auf Facebook und per Mail sprechen (was die Welt/N24 unter Niddal Saleh-Eldin wohl intensiv tut).

(Nein, in Echt habe ich auch nicht mehr gesehen – ich war schon froh, überhaupt einen Sitzplatz zu haben.)

Von den Menschen aus der Spitzenpolitik, die auf die Bühnen der re:publica kamen (meine Güte, wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?), interessierte mich das Thema von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am meisten: „Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den Digitalen Wandel“.

Nahles wurde für ihren Mut gelobt zu kommen, sprach selbst von der „Höhle des Löwen“, in die sie sich begeben habe – das verstand ich erst durch die unablässig zischelnden Kommentare zu ihren Ausführungen um mich herum: „Pah!“ „Wie?“ „Hä?“ „Blödsinn.“ Offensichtlich bestand das Publikum zu 90 Prozent aus (kritiklosen?) Befürwortenden des bedingungslosen Grundeinkommens. Selbst habe ich in den vergangenen Jahren einiges darüber gelesen, nichts davon überzeugte mich dafür oder dagegen – ich war unschlüssig. Die Gegenargumente von Frau Nahles allerdings hatten Schlagkraft, unter anderem weil sie mein Misstrauen bestätigte: Wenn Kapitalisten wie Mercedes und große IT-Unternehmen sich für dieses Grundeinkommen aussprechen, sollte man hellhörig und skeptisch werden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie die Möglichkeit wittern, sich aus der Verantwortung für die Veränderungen ihrer Arbeitswelten zu ziehen. Was ich aus der Perspektive einer Regierungspolitikerin nachvollziehen kann: Sie kann sich für nichts erwärmen, was sie als Expertin (und das ist sie nun mal) für nicht umsetzbar hält.

Nahles stellte auch einen Gegenvorschlag vor: Ein Startguthaben für jeden und jede ab 18. Es könnte in Qualifizierung investiert werden, in ein Sabbatical, in eine Unternehmensgründung.

Bis dato hatte ich auch zu Andrea Nahles keine Position, doch die Häme und die unsachlichen Angriffe gegen sie in den Tweets zu ihrem professionellen und doch nahbaren Auftritt nehmen mich tatsächlich für sie ein (ich kannte sie in Bewegung davor nur aus Tagesschau-Schnipseln).

Bis mittags versteckte ich mich gestern vor Menschen, nach dieser Session freute ich mich aber sehr über die Umarmung eines Internetmenschen, den ich sehr wegen Katzen- und Lauflandschaftsfotos schätzte.

Für die nächste Veranstaltung („Treffen sich eine Jüdin, eine Feministin, ein Journalist und ein schwarzer, homosexueller Mann.“) sah ich endlich die Location, um die die re:publica dieses Jahr erweitert wurde: Das Kühlhaus. Ein großartiger Ort. UND es war warm dort.

Durch geduldiges Anstehen bekam ich doch noch einen Platz an der immer überfüllten Stage 8: Das vielversprechende „Von AfD-Troll bis Zeppelinfetisch: Geschichtsbilder im Netz“ war allerdings lediglich eine Schlaglicht-artige Aufzählung und keine Analyse.

Für „Wissenschaftskommunikation to the rescue! Mit Wissenschaft den öffentlichen Diskurs (zurück-)erobern“ konnte ich gleich sitzen bleiben. Hier gab es nichts wirklich Neues, aber es war nett, Akteuren aus diesem Gebiet beim Austausch zuzuhören. Zu meiner Erleichterung wies Julia Offe auf die Gefahr anekdotenhafter Wissenschaftsvermittlung hin: Sie gleicht zu sehr den Einzelfällen, die Parawissenschaften statt Beweisen anführen.

Nach einigen schönen Begegnungen und Gesprächen am Affenfelsen setzte ich mich zu Kübra Gümüşay und hörte ihren Vortrag: „Die Emanzipation der Gutmenschen.“ Kübra, deren letztjähriger Vortrag den Titel der diesjährigen re:publica hervorbrachte, appellierte unter anderem dafür, sich nicht auf die Bekämpfung vom Hassangriffen zu beschränken, sondern sich auf eigene Anliegen zu besinnen und für diese zu kämpfen, statt gegen Attacken.

Tagesabschluss mit Journelles „Save the world – tell a story: Wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können“, das schön hergeleitet und mit guten Beispielen daran erinnerte, dass es Geschichten sind, die Menschen zum Umdenken bewegen, nicht das Aufzählen von harten Fakten.

Mehr ging gestern nicht. Ich hatte Hunger und ging heim, wieder über den Park. In einem indischen Restaurant am Weg aß ich Palak Gosht (Lamm mit Spinat), dazu trank ich einen entspannenden Mai Tai.

§

Abends im Bett augenrollend Krachts Faserland weitergelesen. Nach 70 Seiten habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass diese Platzierung von Markennamen im pubertärer Partyleben eines Wohlstandsverwahrlosten irgendwie literarisch gebrochen werden könnte oder ich gar eine Geschichte bekomme. Kracht ist etwa in meinem Alter – dennoch hätten unsere 90er nicht verschiedener sein können, selbst wo ich den Erzähler nicht mit dem Autor gleich setze. (Dass ich einen gewissen Stolz darauf verspüre, dass ich mit einem Drittel der genannten Markennamen überhaupt nichts anfangen kann, erkenne ich aber als ebenso unangenehmen Dünkel.)

die Kaltmamsell

7 mal Beifall zu “Journal Dienstag, 9. Mai 2017 – re:publica 2017 Tag 2”

  1. Pippilotta meint:

    „Zu meiner Erleichterung wies Julia Offe auf die Gefahr anekdotenhafter Wissenschaftsvermittlung hin: Sie gleicht zu sehr den Einzelfällen, die Parawissenschaften statt Beweisen anführen.“

    „…das schön hergeleitet und mit guten Beispielen daran erinnerte, dass es Geschichten sind, die Menschen zum Umdenken bewegen, nicht das Aufzählen von harten Fakten.“

    Genau das ist wohl der Spagat, den Wissenschaftsvermittlung zu leisten hat: Einerseits auf der mit Daten abgesicherten, verallgemeinerbaren Fakten-Ebene zu beharren, andererseits aber mit Beispielen, Geschichten und auch Einzelfällen auch nichtwissenschaftlich-denkende Menschen zu erreichen.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Richtig, Pippilotta, nur habe ich in den vergangenen Jahren so oft die Forderung nach Vereinfachung und, jetzt schreibe ich’s doch, „Storytelling“ in der Wissenschaftskommunikation gehört, dass mir unwohl wurde: Nein, der Large Hadron Collider ist nicht „im Grunde ganz einfach“, und es ist kein Zufall, dass Teilchenphysikerinnen viele Jahre studieren, dass ein Medizinstudium das längste überhaupt ist. Darauf hinzuweisen ist keine Überheblichkeit, sondern Selbstbewusstsein – auch dass es Anstrengung kostet, die Inhalte zu erklären UND als Laie nachzuvollziehen.

  3. Pippilotta meint:

    „Darauf hinzuweisen ist keine Überheblichkeit, sondern Selbstbewusstsein – auch dass es Anstrengung kostet, die Inhalte zu erklären UND als Laie nachzuvollziehen.“

    Absolut d’accord! Ich komme selbst eher aus der Daten- und Fakten-Ecke und kenne die Problematik übertriebener Vereinfachung sehr gut. Es gibt nun mal nur selten einfache Antworten auf komplexe Fragen und auch vom Rezipienten kann und muss ein gewisses Mitdenken erwartet werden. Auch dies zu vermitteln ist eine Aufgabe der Wissenschaftskommunikation.
    Mir ging es lediglich darum, auf den (scheinbaren) Widerspruch in Ihren Kommentaren hinzuweisen, und anzumerken, dass beides seinen Sinn – und seine Grenzen – hat und dass es nicht immer einfach ist, die passende Kombination aus beidem zu finden.
    BTW: Danke für die Berichte von der re:publica!

  4. Croco meint:

    Danke für den Bericht.

  5. Susanne meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  6. vered meint:

    Gefallen hat mir die Stellungnahme von Kübra Gümüşay: Für eigene Anliegen kämpfen ist besser als nur gegen irgendwas( bei ihr Hassattacken anderer.) .

    Im Übrigen ist eine solche (Monster?-)Veranstaltung nicht mein Ding. Qui bono?

  7. jongleurin meint:

    Ich selber finde ja Andrea Nahles auch sehr kompetent und nahbar. Aber hier muss ich etwas Skepsis bezeugen: das bedingungslose Grundeinkommen ist einfach mit dem SPD-Menschenbild nicht vereinbar. Die alte Arbeiterpartei steht allem mißtrauisch gegenüber, das arbeitsfähige Menschen von Erwerbsarbeit abhält. (Sieht man ja auch gut in der Geschlechterdebatte der SPD – da finde ich das auch ganz prima.)

    Daher zweifele ich per se etwas, wenn eine SPD-Politikerin von der Nicht-Umsetzbarkeit des BGE spricht.

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