Journal Donnerstag/Freitag, 15./16. Juni 2017 – Fronleichnam und gemischte G’schichtln

Samstag, 17. Juni 2017 um 10:47

Der Fronleichnamsdonnerstag mit Hochsommerwetter. „Und? Auf welche Prozession gehst’n?“ scherzt meine Mutter, als ich am Telefon abendliches Abholen vom Bahnhof und Übernachtung im Elternhaus verabrede.

Schwimmen gehe ich, Fronleichnamsprozessionen habe ich selbst in meiner religiösen Kindheit und Jugend nur verpflichtet als Kommionskind mitgemacht.
Das Becken des Schyrenbads ist um 11 Uhr bereits dicht beschwommen, ich mache mich bereits auf Gereiztheit und Ärger gefasst, rolle bereits Augen über meine mangelnde Gelassenheit. Doch die Schwimmerinnen und Schwimmer ziehen konfliktfrei aneinander und hintereinander vorbei, die 3.000 Meter sind ein Genuss.

Beim Aufwärmen in der Sonne esse ich saftige Pfirsiche und höre den Soundtrack zu Billy Elliot.

Abends in einer ungekühlten Regionalbahn nach Ingolstadt gefahren, bei Brüderchen in seinen Geburtstag hineingefeiert.

Gespräch unter anderem mit einer erfahrenen Grundschullehrerin, die nun in einer Brennpunktschule unterrichtet und erzählt, wie viel lieber sie sich um ein Klasse kümmere, in der nur zwei Deutsch-Mittersprachler sitzen, aber in der die Kinder auf ihre Einfälle und Projekte mit Staunen und Begeisterung reagieren, statt wie früher jeden Morgen ein Elternteil vor ihrem Klassenzimmer stehen zu haben, das ihr erklärt, wie sie ihren Unterricht, den Lehrplan und das Bildungssystem so umzukrempeln habe, dass der respektive Sprössling für einen steilen Karriereweg vorbereitet werde.

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Blütenpracht im Elterngarten. Den (überschaubaren) Alkoholgenuss der Geburtstagsfeier bezahle ich mit der mittlerweile wöchentlichen Migräne, ich komme erst um zehn aus dem Bett.

Im Treppenhaus der Eltern hängt unter anderem das Hochzeitsfoto meiner spanischen Großeltern, aufgenommen in Madrid Anfang der 1940er. Soweit ich weiß, war der Blumenstrauß ein Dekogegenstand des Fotografen und nur geliehen.
Überm Morgenkaffee erzählt meine Mutter neueste Familiengeschichten aus Spanien, eher unangenehm. Heute halte ich für das bezeichendste Merkmal dieser spanischen Familienseite, dass keine Geschichten erzählt wurden: Diese Sippe hat kein Gedächtnis, webt einander nicht in einen gemeinsamen Mythos, es herrschen Abgrenzung, Missgunst, Bitterniss und Neid. Ich bin froh, dass ich über Herrn Kaltmamsell und Freundeskreis auch schöne, turbulente, lustige erweiterte Familiendynamik erleben darf. (Und habe Angst, dass meine nagende innere Missgunst mich zum typischen Mitglied meiner Familie macht.)

Heimfahrt im ausgebuchten Regionalexpress von Nürnberg: Ein benachbarter Vierersitz wird von einer Bilderbuchfamilie (Vater, Mutter, zwei Kinder) besessen, wie sie sich die Bahnwerbung hätte ausdenken können. Sie unterhält sich in muttersprachlich klingendem Englisch, darin deutsche Einsprengsel, die besonders deutlich ausgesprochen werden. Die beiden Kinder sind ganz klein, die Eltern beschäftigen sich mit ihnen ausschließlich, aber lässig und freundlich. Das etwas ältere kleine Kind ist sehr fröhlich und lebendig, dabei durchaus laut. Auch das sehr kleine Kind, das wohl gerade mal laufen kann, ist sehr agil; ich beobachte aus dem Augenwinkel den Vater, der ihm gegenüber sitzt und ständig in Bewegung ist, um das Kleine vor Verletzungen zu schützen, ohne es in seinen Aktionen einzuschränken: Sich über den Tisch beugt und mit seinen Händen die Kanten abdeckt, damit das Kleine sich nicht stößt, gelassen zur Seite greift, um einen Sturz zu verhindern. Und dann beginnt die Mutter leise zu singen, tonsicher und melodisch, der Vater stimmt leise passagenweise ein, sie bringen den Kindern ein Lied bei. Beim Aussteigen am Münchner Hauptbahnhof lächeln alle vier; ich bin nicht die einzige Passagierin, die mitlächelt.

Wir gehen direkt zum Mittagessen zu Marietta. Mein Schwertfisch auf Couscous ist sensationell saftig.

Zuhause Häuslichkeiten. Ich nehme Abschied von den Pfingsrosensträußen, verräume getrocknete Wäsche und die Freibadausstattung vom Vortag, räume den Geschirrspüler aus, hole und verräume den Ernteanteil.

Aus Letzterem (Salat, junge Zucchini, junger Knoblauch) wird das Abendessen, dazu brät Herr Kaltmamsell Halloumi nach einem Rezept von Delia Smith.

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Goncourt walks down memory lane, lässt ein eigenes Leben hinter sich, aber auch das seiner Eltern und weiterer Vorfahren.
„16 Tons“.

[Das für mich selbst dann doch überraschend stärkere Hängenbleiben an Memorabilia, das ich jetzt nicht überwinde: Könnte man die Armbanduhr nicht reparieren? Das Miniaturengedöns und das gläserne Schachspiel, das sie mir geschenkt hat, das mir nie wirklich gefallen hat, kann ich nicht wegwerfen. Sein Mantel, über den ich mich kurz vor seinem Tod noch mit ihm unterhalten habe. Dinge als Staffellauf: In einem fortlaufenden Text zieht ein Wort von einem Absatz in den nächsten, als zum Passieren übergebene Münze, um so wenigstens in der Bewegungsform zum Curriculum zu werden.]

Gastarbeitergeschichte. Helmut Kohl, gestern verstorben, kommt auch drin vor.

Ich fürchte mich sehr vor dem Moment, wenn auch ich Leben wegräumen muss.

§

Smilla Dankert macht Bekanntschaften auf ihrer Reise durch Istanbul.
„50 ccm, 3l Vernel-Tank“.

Zuerst sehe ich das Moped; es steht an der Küstenpromenade in Arnavutköy und sieht aus wie ein umgebautes Bonanza-Fahrrad. Chopper-Lenker, Doppelspiegel, Fransen-Pompons, chices blaues Täschchen, aus dem irgendein Werkzeug hervorguckt.

Triggerwarnung: TÜV-Angestellte sollten sich die Bilder nur in einer geschützten Umgebung ansehen.

die Kaltmamsell

1 mal Beifall zu “Journal Donnerstag/Freitag, 15./16. Juni 2017 – Fronleichnam und gemischte G’schichtln”

  1. creezy meint:

    (Und habe Angst, dass meine nagende innere Missgunst mich zum typischen Mitglied meiner Familie macht.)

    Das wird eher nicht passieren, da Du den negativen Anteil dieser Empfindung ja durchaus erkennst. (Klammern wir mögliche Krankheiten, die so ein Verhalten natürlich auch fördern könnten für den späteren Lebensverlauf einfach mal aus.)

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