Journal Sonntag, 4. Juni 2017 – Pfingstsonntag unter düsteren Wolken

Montag, 5. Juni 2017 um 8:24

Vor sieben ausgeschlafen aufgewacht. Ich warf meinen Bademantel über – der eigentlich zu warm war, doch über die nächtlichen Gewitter waren draußen die Temperaturen abgestürzt, bald würde die Kühle auch in der Wohnung bemerkbar sein.

Morgenkaffee Teil 1, draußen fiepten junge Kohlmeisen unter düstererem Himmel, hin und wieder fielen Regentropfen, Soundtrack war festliches Kirchenglockengeläut (in der 20-Uhr-Tagesschau bekam ich ein paar Sekunden Einblick ins Innere dieser läutenden Kirche St. Matthäus, weil EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm dort gestern gepredigt hatte).

Backen der Chocolate Chip Tahini Cookies, ich vergaß das abschließende Salzbestreuen. Sie schmeckten sehr gut (als hätte ich jemals etwas von David Lebovitz gemacht, was nicht sehr gut gewesen wäre), aber nach Tahini nur ein wenig. Morgenkaffee Teil 2.

Ich überlegte hin und her, welche Laufstrecke und Anfahrt dorthin am besten zum ständig drohenden Regen passten. Schließlich ging ich zu Fuß zur Wittelsbacherbrücke, als Regenschutz eine Schirmmütze (unter einer Regenjacke hätte ich sehr geschwitzt). Als sich gleich zu Anfang der Himmel dunkelst verfinsterte, fürchtete ich bereits Naßwerden gleich zum Start des Laufs – was mir nicht behagt hätte. Doch es fielen nur wenige Tropfen, ich blieb die 1:50 des Laufs trocken.

Auf dem Heimweg Semmeln geholt.
Duschen, Frühstück, Siesta. Unter Beschallung durch den Soundtrack von Mama mia gebügelt (oh der waidwunde Blick des Herrn Kaltmamsell, als ich ihn bat, seine Pfingsferien für den Kauf von ein paar Sommeroberteilen zu nutzen – beim Bügeln merke ich halt, wie alt und zerschlissen fast sein gesamter Bestand ist). Pide angesetzt, denn am Pfingstmontag sind wir bei der Schwagerfamilie zum Grillen eingeladen, ich bringe frisches Brot mit.

Zum zweiten Mal in Folge durfte ich für Abendessen sorgen, es gab Ofengemüse mit Couscous.

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Auf verschiedenen Online-Plattformen sah ich anderer Leut‘ Bilder und Geschichten von Treffen zu 30 Jahren Abi (ʼtis the season) und fragte mich mal wieder, warum ich schon beim Gedanken Ausschlag bekam (eine Unterform meiner unerklärlichen Geburtsort-Unverträglichkeit). Versteht man’s über das Detail, dass mein Treffen mit einem Gedenkgottesdienst begann? Den ich doch aber leicht meiden könnte?

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“Care of land depends on people who are not in a constant emergency, who know it well and who will take care of it well,” Mary says. “So, to have that, we’ve got to have an economy that makes it possible for those people to even exist, much less survive.”

Diese Mary Berry kommt aus vielen Generationen Landwirtschaft und versucht in Kentucky zukunftsfähige Formen von Landwirtschaft aufzubauen.
„Leveling the fields for familiy farms“.

via @herdyshepherd

“I guess that’s why I keep saying it’s the local work that needs to be done. The right thing to do that’s right in front of you to do is what we’ve got to do,” Mary says.

Interessanter Aspekt: Wie die Biobewegung und Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln zum Goldesel für Großunternehmen wurde – auf Kosten der Landwirte.

“If you go into any big-box store — Walmart, Kroger, there’s an organic section,” Steve says. “Suddenly, this is the local food movement, and none of it’s local. The local food movement just found a way to get around farmers and made a run for it. It completely bypassed farmers.”

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Stellt sich heraus, dass Hilary Mantel nicht nur ausgezeichnet Romane schreiben kann, sondern auch Vorträge.
„Essay
Hilary Mantel: Why I became a historical novelist“

Auch hier sind erste Absätze ihre besondere Stärke:

Saint Augustine says, the dead are invisible, they are not absent. You needn’t believe in ghosts to see that’s true. We carry the genes and the culture of our ancestors, and what we think about them shapes what we think of ourselves, and how we make sense of our time and place. Are these good times, bad times, interesting times? We rely on history to tell us. History, and science too, help us put our small lives in context. But if we want to meet the dead looking alive, we turn to art.

Doch der Rest (hier ein paar besonders gut formulierte Ausschnitte) ist ebenso gut:

As soon as we die, we enter into fiction. Just ask two different family members to tell you about someone recently gone, and you will see what I mean. Once we can no longer speak for ourselves, we are interpreted. When we remember – as psychologists so often tell us – we don’t reproduce the past, we create it. Surely, you may say – some truths are non-negotiable, the facts of history guide us. And the records do indeed throw up some facts and figures that admit no dispute. But the historian Patrick Collinson wrote: “It is possible for competent historians to come to radically different conclusions on the basis of the same evidence. Because, of course, 99% of the evidence, above all, unrecorded speech, is not available to us.”

(…)

Historians are sometimes scrupulous and self-aware, sometimes careless or biased. Yet in either case, and hardly knowing which is which, we cede them moral authority. They do not consciously fictionalise, and we believe they are trying to tell the truth. But historical novelists face – as they should – questions about whether their work is legitimate. No other sort of writer has to explain their trade so often. The reader asks, is this story true?

(…)

For a person who seeks safety and authority, history is the wrong place to look. Any worthwhile history is in a constant state of self-questioning, just as any worthwhile fiction is.

(…)

When you choose a novel to tell you about the past, you are putting in brackets the historical accounts – which may or may not agree with each other – and actively requesting a subjective interpretation. You are not buying a replica, or even a faithful photographic reproduction – you are buying a painting with the brush strokes left in.

(…)

The pursuit of the past makes you aware, whether you are novelist or historian, of the dangers of your own fallibility and inbuilt bias. The writer of history is a walking anachronism, a displaced person, using today’s techniques to try to know things about yesterday that yesterday didn’t know itself. He must try to work authentically, hearing the words of the past, but communicating in a language the present understands.

§

Die Überschrift könnte gerne weniger reißerisch sein, denn darum geht es nicht.
„’Es gibt keine Depressionen’“

Worum es geht:

Wie der Psychologie- und Psychiatrieprofessor Peter de Jonge die psychische Gesundheitsversorgung revolutionieren will

via @ruhepuls

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Sonntag, 4. Juni 2017 – Pfingstsonntag unter düsteren Wolken”

  1. berit meint:

    Die Köstlichkeit der Tahini Cookies kann ich bestätigen, die gab es bei mir gestern auch zum Kaffee!

  2. Joe meint:

    Das riesige Organic Angebot der Supermärkte in den USA fallen mir auch immer wieder auf. Kommt natürlich auch auf die Neighborhood an. Die sprechen eine ganz bestimmte Kundengruppe an, weil sie durch die Preise schon sehr selektiv sind. Wobei wenn ich’s überlege, frische Lebensmittel sind in den USA eh teurer, vielleicht fällt der Bio-Aufschlag dann doch nicht ins Gewicht. Das ganze „organic“ kommt mir in den USA ohne Zertifizierungs-Labels, wie in Europa, trotzdem sehr suspekt vor.

    Was die Abi-Reunion angeht. Da bin ich bei ihnen. Ich war einmal bei so einem Treffen, zum 25. Jahrestag. Das war auch für die folgenden 25 Jahre dann auch genug.

  3. Croco meint:

    Gedenkgottesdienst? Himmel!
    Bei den Jahrgängertreffen bin ich gerne, da ich auch die treffe, mit denen ich in den Kindergarten und die Grundschule gegangen bin. Zum Abitreffen habe ich mich dieses Jahr zum ersten Mal angemeldet, ich Doofnuss. Schon kommen blöde Rundmails hier an. Die ersten sind beleidigt, die Netten haben abgesagt, es ist also wie früher.

  4. Lempel meint:

    Ich verstehe nicht, was gegen einen Gedenkgottesdienst spricht. Ein mir sehr nahestehender Schulfreund ist mit 33 Jahren verstorben. Wir blieben auch nach dem Abitur in engem Kontakt, wenige Wochen vor seinem Tod hat er mich noch besucht. Er ist von einem Moment auf den anderen tot umgefallen, ein paar Monate nach der Geburt seines Kindes. Seither schaffe ich es kaum, auf solche Treffen zu gehen, er fehlt einfach zu sehr. Ein Gedenkgottesdienst für ihn und andere Verstorbene würde mir gefallen.

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