Journal Freitag, 4. August 2017 – Keine Wunder bei der Anfasserin

Samstag, 5. August 2017 um 9:45

Vor dem Physio-Termin noch in die Arbeit. Ich musste trotz Schmerzen radeln, denn öffentliche Verkehrsmittel oder Gehen hätte für die Wege an diesem Tag zu lange gedauert. Morgens und vormittags war es sonnig heiß, ich erreichte mein Ziel jeweils tropfend.

Physiotermin: Die Stunde führte mir vor, wie verschieden der Schmerz sein kann, zudem bekam ich Muskeln gelockert und Nervenbahnenübungen gezeigt. Allerdings tat sich kein Wunder: Auch Expertinnen für manuelle Therapie kennen keinen Schalter im Körper, der diese Schmerzen einfach ausknipst. Mache ich also weiter mit Ibu-Bomben, bis sich der Nerv im Nacken wieder beruhigt hat.

Als ich am späten Nachmittag ins Wochenende ging, hatte es etwas abgekühlt. Auf dem Heimweg hielt ich für ein paar Erledigungen am Drogeriemarkt an, zu Hause gab es Schmerztablette und Cosmopolitan. Herr Kaltmamsell kochte zum Nachtmahl weiße Bohnen mit Mangold (aus Ernteanteil), Jamón-Würfelchen und Sepia, schmeckte ausgezeichnet.

Seit zwei Tagen habe ich keine Mauersegler mehr gesehen noch gehört, jetzt sind sie wohl wirklich weg.

Mehr Körperlichkeiten: Seit zwei Wochen habe ich abends im rechten Ohr ein pulsierendes Wummern, seit zwei Tagen wummert’s im Ohr auch tagsüber. Da es sich wie ein Muskelzucken anfühlt, kippe ich noch mehr Magnesium ein als eh schon vor Sport und bei viel Schwitzen. Ist nicht allzu nervig, aber ohne wäre mir lieber.

Abends wieder eine Runde instagram-Werbung kommentiert (Sie war unvorsichtig genug, mir Baby-Artikel in die Timeline zu schieben. Und Eso-Quatsch.)

§

„Konsumverhalten im Westen‘
Sie sitzen in ihren kleinen Panzern und zerstören Natur'“.

Große grundsätzliche Zustimmung.

Unser Konsum geht zu Lasten anderer. Der Begriff „imperiale Lebensweise“ weist darauf hin, dass die Herrschaftsförmigkeit, die in den internationalen Beziehungen angelegt ist, in den Alltag eingeht. So wird sie normalisiert und zum Verschwinden gebracht.

(…)

Sie verwenden auch den Begriff vom „Food from nowhere“. Was ist dieses Essen, das aus dem Nichts zu stammen scheint?

Der Agrarsoziologe Philip McMichael umschreibt so die Art, wie Lebensmittel etwa im Supermarkt präsentiert werden. Das Positive wird betont, das Negative verdunkelt: Die CO₂-Emissionen, die bei Produktion und Transport entstehen, werden auf den Preisschildern nicht ausgewiesen. Auch die Umstände bei der Ernte werden ignoriert: Neben der Natur werden ebenso Menschen ausgebeutet. Auf den Containerschiffen herrschen schreckliche Arbeitsbedingungen.

(…)

Sport Utility Vehicles sind das ideale Symbol für die imperiale Lebensweise. Man zerstört Natur im Herstellungsprozess der Autos und auch in der Art, wie man sie nutzt, weil sie eben mehr Sprit brauchen. Zugleich empfindet man es als normal und auch als Anpassung an die zunehmenden Unsicherheiten. Das ist zumindest unsere These. Der Boom der Geländewagen findet ja parallel statt zum wachsenden Bewusstsein über Risiken des Klimawandels. Wie passt diese Sensibilität zur Nutzung eines Autos, das dies konterkariert? Viele denken wohl: Mit einem SUV komme ich überall durch, ich trotze Starkregen und kann meine Kinder trotzdem noch sicher zur Schule bringen. Dieses Verhalten ist faszinierend zu beobachten, aber zugleich sehr erschreckend.

Es ist hoffentlich klar, dass ich mich da nicht ausnehme. Ich arbeite gerade mal beim Gemüse gegen, indem ich im Kartoffelkombinat Verantwortung für die gesamte Produktionskette übernehme, von Land und Samen über Anbau, Personal bis Verteilung. Doch die drei Kleidungsstücke, die ich mir neu für diesen Sommer gekauft habe, tragen das übliche Etikett „Made in China“, mein Sommerobst kommt aus den bekannt entsetzlichen Anbaubedingungen in Spanien, mein Großverbrauch an Schokolade hat ebenfalls durch und durch ausbeuterischen Hintergrund. Nur als Beispiele.

§

Ja, mein Blick auf Mozilla ist definitiv parteiisch, noch viel mehr, seit eine Bloggerin der ersten Stunde dort Chief Innovation Officer ist. Aber in letzter Zeit kamen von da schon schöne Nachrichten.

Zum Beispiel das Projekt Common Voice:

We’re fascinated with creating usable voice technology for our machines. But most of that technology is locked up in a few big corporations and isn’t available to the majority of developers. We think that stifles innovation so we’re launching Project Common Voice, a project to help make voice recognition open to everyone.

Jeder kann seine oder ihre Stimme spenden. So gehört seit zwei Wochen zu meinen Abendvergnügen, englische Sätze vorzulesen und anderer Leut‘ vorgelesene Sätze abzuhören und zu sortieren – die Guten ins…

Gestern las ich vom Pilotprojekt „Send“:

Senden Sie Dateien über einen sicheren, privaten und verschlüsselten Link, der automatisch abläuft, damit Ihre Daten nicht für immer im Internet bleiben.

Ich neige halt schon dazu, der Non-Profit-Stiftung Mozilla mehr zu vertrauen als börsennotierten Großkonzernen.

Für den Herbst ist eine fundamental neue Version des Browsers Firefox angekündigt. In Cnet nimmt das Stephen Shankland zum Anlass, Mozillas Gegenwart und jüngste Vergangenheit zu beleuchten (und die derzeitige Browserlandschaft allgemein):
„Firefox fights back“.

Ich bin sehr gespannt (kapiere das mit der bezahlten Mitgliedschaft allerdings nicht).

§

„Jemand hat rassistische Tweets vor die deutsche Twitter-Zentrale gesprüht“.

Hihihi…

§

Dass das Leid von Überlebenden der Entsetzlichkeiten des 20. Jahrhunderts in ihren Nachfahren durchschlug, weiß man heute, und dass Traumata über Generationen weitergegeben werden.
In bösen Minuten denke ich, dass wir das nur herausfinden konnten, weil es in unserem langen Frieden zum ersten Mal eine Nachfahren-Generation gibt, die nicht selbst in Entsetzliches geworfen wurde. Und dann fragt man sich halt verwundert, warum die kluge, geförderte und anerkannte Frau todunglücklich ist, wo ihr doch keiner etwas angetan hat.

die Kaltmamsell

11 mal Beifall zu “Journal Freitag, 4. August 2017 – Keine Wunder bei der Anfasserin”

  1. Tanja meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    bitte lassen Sie das mit ihren Ohren schnellstmöglich von einem Ohrenarzt untersuchen, mit diesen Begleiterscheinungen kann sich ein Hörsturz ankündigen. Bitte nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter.

    Herzliche Grüße nach München!

  2. Preißndirndl meint:

    Das mit der Weitergabe von nicht aufgearbeiteten Traumata erklärt doch, warum die „kluge, geförderte und anerkannte Frau todunglücklich ist“. Und es ist ein Glück, in einer Zeit leben zu dürfen, die es erlaubt, sich das anzusehen und aufzuarbeiten. Es kann sich (nach eigener Erfahrung) dadurch unglaublich viel auch an körperlichem Schmerz lösen.
    Beste Grüße Petra
    PS: Wussten Sie, dass es in München nicht nur eine Tauma-Ambulanz, sondern auch eine Depressions-Ambulanz gibt?

  3. Kaffeebohne meint:

    Musste auch gleich an Hörsturz denken. Bitte nicht auf die leichte Schulter nehmen.

  4. Elbwiese meint:

    Darf ich bitte noch mal einen Hinweis auf die LNB Schmerztherapeie hier lassen. Bin seit nun 3 Monaten ohne Dauerschmerz im Nacken und Migräne. Es war ein leichter Weg dahin: 3 Behandlungen, danach regelmäßig Übungen machen. Alles rein physiologisch, mechanisch, physikalisch – versprochen.
    Hier machen die Jungstörche sehr fleißig Flugübungen. Wußten Sie, daß sie um den 20.8. in großen Gruppen ohne Eltern-Tiere gen Süden fliegen? Sie kennen dann einfach ihren Weg.
    Bekam gestern „Die Genies der Lüfte“ geschenkt, macht einen sehr guten Eindruck. Vielleicht wär das was für Sie?

  5. Micha meint:

    … wieder sehr inspirierende Gedanken sowie Links – Danke!
    Gute Besserung!

  6. Norman meint:

    Es ist hoffentlich klar, dass ich mich da nicht ausnehme.

    Und nun?

  7. Birgit meint:

    Hallo, kleiner Tipp, den ich von meinem Physiotherapeuten bekommen habe: Magnesium immer abends vor dem Schlafengehen nehmen, tagsüber bzw. vor und nach dem Sport wird alles über die Haut und den Urin ausgeschieden. Einfach mal probieren, bei mir hat’s geholfen.

    LG
    Birgit

  8. Stephan Bartholmei meint:

    Ohr-Wummern kann auch vom Zahn her kommen. Wenn alle anderen guten Tipps nicht fruchten sollten, hilft vielleicht der Weg zum Zahnarzt.

  9. adelhaid meint:

    zur zweiten generation – hier ein link zu soundcloud. die musik im podcast stammt von meiner ivritlehrerin in tel aviv. https://soundcloud.com/israelstory/episode-23-a-severe-case-of-second-generation

    und zum ohr – zum arzt. entweder isses verstopft und versucht sich linderung durch puckern zu verschaffen, oder es ist wirklich etwas in richtung hörsturz, und das ist nicht witzig.

    die mauersegler sind noch hier. gestern hab ich noch einen gehört. es scheint aber einer der letzten zu sein. schwalben sind auch noch da.
    wer mir aber ein wenig abhanden gekommen ist, ist der spatz. im nebenhaus waren vier wohngruppen mit mehreren spatzen, die mir teilweise den feeder innerhalb eines tages leergefuttert haben. jetzt ist immer mal wieder einer da und pickt ein bisschen rum. aber der feeder ist seit zwei wochen immer noch recht voll. weiß man da genaueres, was mit den spatzen passiert? sind die im urlaub (eher nrw ferienzeiten als nds, wie es scheint).

  10. Hauptschulblues meint:

    @ohr
    Liebe Frau Kaltmamsell,
    ich denke mir es schon seit längerer Zeit:
    Könnten Sie vielleicht alles ein bißchen zurückfahren (Training, Training und nochmal Schwimmen) und mehr zum Kartoffelkombinat gehen, mehr chillen und die Vögelchen beobachten?
    Füße hochlegen, sandeln und sich von Herrn Kaltmamsell verwöhnen lassen?

  11. Jones meint:

    Ich hatte mal sehr sehr starke Schmerzen im Nacken, konnte kaum noch den Kopf drehen, es war furchtbar. Ein Arzt hatte mir mal erklärt dass der Körper den Schmerz vergessen muss damit sich der Nerv nicht immer wieder anspannt. Ich bin dann abends in einen Club gegangen und habe stundenlang stocksteif an der bar gestanden und stundenlang eine große Menge vodka getrunken. Dann bin ich zur Tanzfläche und habe versucht mitzuwippen. Tat sehr weh, aber mit der Zeit ging es besser, bis ich sogar, unter Schmerzen, tanzte. Ich hab massiv weiter getrunken und getanzt. Als ich morgens da raus war, war es völlig verschwunden. Früher hatte ich bei sowas 3’Wochen Spritzen und Physio gebraucht. Kein Witz.

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