Journal Mittwoch, 30. August 2017 – Spanienurlaub 10, Morgenlauf und Thomas Lehr 42

Donnerstag, 31. August 2017 um 12:40

Dieser zweite Regentag kam unvorhergesehen. Angekündigt war Sonne, also sah mein Tagesplan vor: Weckerwecken, Laufrunde mit anschließendem Meerschwumm, Duschen, Morgenkaffee, Lesen in der Sonne auf der Dachterasse – dann je nach dem.

Doch der Morgen war von dichten Wolken verhangen, die mir jede Lust auf Meerschwumm nach Lauf nahmen und dann auch noch ausdauernd regneten. Aber den Morgenlauf genoss ich.

Rush Hour in der Bucht von Muros.

Mit Strand war also nichts, wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Schreiben. Als es am späten Nachmittag trocken wurde und sogar aufklarte, spazierten wir den Kreuzweg vom ehemaligen Franziskanerkloster aus, den man weithin sieht.

Abendessen in einer Bar (Salat, Sardinien, Pimientos de padrón, Croquetas de pescado, dazu Gin Tonic), als Dessert den absoluten Modenachtisch: Flan de queso.

Er war uns gleich im ersten Restaurant angeboten worden, seither habe ich ihn noch einige Male bestellt, wenn er hausgemacht war. Basis ist klassischer Flan, nur dass ein Frischkäse nach Wahl untergemischt wird; mal schmeckte der Flan eher nach Ricotta, mal nach Philadelphiakäse. Werde ich definitiv daheim ausprobieren.

§

Der Regen verschaffte viel Zeit zum Lesen, also Thomas Lehrs 42 ausgelesen. Alle 368 klein bedruckten, fast absatz- und dialoglosen Seiten. Das Set-up: Als eine Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN an einem Hochsommertag aus der unterirdischen Anlage an die Oberfläche zurückkehrt, ist alles außer ihnen stehen geblieben – die Zeit, der Rauch, die Wellen, die Sonne, die Menschen; es bewegt sich nichts mehr. Das wäre als Bühne für eine Geschichte spannend, doch die folgende Menge an Handlung reicht gerade mal für eine Star Trek-Episode. Statt dessen erzählt Lehr jede Konsequenz dieses Vorfalls, jede. Und noch eine. Bis ins Detail des Details. Als Handlung hat sich er Roman am ehesten die Suche nach der physikalischen Ursache des Stillstands vorgenommen, und auch hier wird jeder Erklärungsansatz detailreich durchgespielt. Mir war schon klar, dass fast alle Romanschreibenden sich Skizzen ihrer erfundenen Welten machen, sich viele Details vorstellen, Räume, Seitenzweige und Nebenfiguren ausschmücken. Aber das muss man doch nicht alles auch hinschreiben!

Lektüre-erschwerend kommt ein sprachliches Faible für Adjektive und Vergleiche hinzu; keines der unzähligen Details entkommt Lehrs Belebung durch Metaphorik. Hin und wieder habe ich von Lektoren und Verlegerinnen gehört, sie bräuchten nur einen Absatz eines Manuskripts zu lesen um zu wissen, ob es zu gebrauchen sei oder nicht. Oder nur einen Satz:

Elektronen wurden durch Erhitzung aus Metalldrähten gemolken, auf der Hundert-Meter-Kurzstrecke linear angepeitscht, in den ersten Ringbeschleuniger mit 600 Meter Umfang geschossen, bei 3,5-Giga-Elektronenvolt rasend entlassen, jedoch nur, um auf dem 7-Kilometer-Kreis des SPS noch mehr an Besinnung zu verlieren, damit sie mit gesträubtem Haar, zusammengepressten Augenlidern und flatternden Backen bei 21 GeV im 26-Kilometer-Ring des großen LEP zur finalen Unfallgeschwindigkeit kurz unterhalb von Zeh (c) getrieben wurden, gebündelt in praktischen 250-Billionen-Stück-Packungen und vier Strahlen, die sich an acht Punkten kreuzten und zwar 45 000-mal pro Sekunde, so abgefeimt und listig aber doch, dass es fast alle schafften, im letzten Moment den Billionen Geisterfahrern aus der Gegenrichtung innerhalb der engen Tunnelröhre auszuweichen, abgesehen von dem einen angetrunkenen oder juvenilen Trottel alle zwei Sekunden, den es dann in den monströsen Prüfmanschetten von OPAL, ALEPH, L 3 oder DELPHI in die aberwitzigsten Stücke riss, die Kerne der Kerne der Kerne, auf die man es abgesehen hatte, denen die Feldkräfte der erdgrößten Magneten auflauerten, um sie auf ihren lichtschnellen Fluchten aus der Fassung zu bringen, in den Zwiebelschichten der Spurengeräte ihre ein ehrlichen Prallbahnen zu schmerzlichen und mathematisch heimtückischen Schleifen, Parabeln Zykloiden, Kardioiden, Spiralen zu zwingen, so kunstvoll gewunden wie Frauenhaar auf einem Dürer-Stich.

Die gemolkenen Elektronen werden mich noch bis in den Schlaf verfolgen.

So geht es noch mal und von Neuem immer wieder, wenn Ausschnitte des physikalisch-wissenschaftlichen Hintergrunds des CERN erzählt werden. Die de facto keine Rolle spielen. Irgendwann begann ich, Herrn Kaltmamsell solche Passagen im Tonfall von Hitlerreden vorzulesen, das passte am besten zu ihrer Komik.

Eingewoben dann Anläufe von Nachdenken über Zeit an sich, diese jeweils so banal, dass ich sie nach dem ersten Durchgang übersprungen habe.

Und dann all der Sex. Eine Folge der Lage ist im Roman, dass die Chronologiker ihre sexuellen Fantasien umsetzen – umständehalber halt ohne Einverständnis des stillgestandenen Gegenübers. Auch hier bekommen wir nicht nur das eine oder andere Beispiel, um die Tatsache an sich zu erzählen – das würde für eine Lord of the Flies-Anspielung einer menschlichen/gesellschaftlichen Entwicklung unter besonderen Bedingungen reichen. Doch nein, wir lesen Dutzende Beispiele und noch eines, alle Seite um Seite, Schamhaar- um Vulvafaltendetail auserzählt. Inklusive japanischer Fachterminologie. Das ist sehr ermüdend.

Aber die Star Trek-Folge basierend auf dem Roman sähe ich gern.

§

„Rebecca Solnit: if I were a man“.

Rebecca Solnit ist die Frau, die als erste ein bestimmtes Mann-Frau-Phänomen mit mansplaining beschrieb. Hier denkt sie über die vielen tausend Freiheiten nach, die ihr das Mannsein bereiten würde – ohne das Gefängnis zu vergessen, das Männlichkeitszwang errichtet.

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Mittwoch, 30. August 2017 – Spanienurlaub 10, Morgenlauf und Thomas Lehr 42

  1. Feathers McGraw meint:

    Es kommt ja eine neue Star Trek Serie bald raus, und ich hoffe es wird auch wieder solche Folgen geben wie e sie bei TNG ja oft gab, sowas faende ich wirklich auch sehr spannend.

  2. iv meint:

    Oh je, jetzt glaub ich schulde ich Dir einen klaren Drink als Ausgleich für die 42-Empfehlung :)

  3. die Kaltmamsell meint:

    Hey, der Mann ist gerade zum dritten Mal für den Buchpreis gelistet, iv, für deutschsprachige Literatur ist das also beste Qualität! Tatsächlich würde ich mich aber gerne mit dir über das Buch unterhalten.

  4. iv meint:

    Und ich wünsche ihm in der Tat sehr, dass er ihn diesmal gewinnt. Das mit der Buchkritik über Getränk machen wir demnächst.

Kommentare mit erlogener E-Mail-Adresse gelten hier als unredlich und werden hin und wieder gelöscht.

XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

 

 

Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.