Journal Freitag, 29. September 2017 – Wie blendet man ein Inferno aus?

Samstag, 30. September 2017 um 7:49

Noch ein milder Tag, wenn auch mit wenig Sonne.

Auf dem Heimweg einen möglichst großen Bogen geschlagen. Dieses Jahr versuche ich es ja mit Ausblenden des Oktoberfests – durchaus buchstäblich. Als Anwohnerin der größten Drogenparty der Welt mit Verkleidung, die auf der einen geografischen Seite wohnt, auf der anderen arbeitet, kann ich nicht entkommen. Doch ich gehe mit Blick fest auf den Boden geheftet, damit ich möglich wenig davon sehe und dennoch vor Verschmutzung durch Körperausscheidungen der Fans geschützt bin. Schwer auszublenden sind aber Details wie die Wahlhelferin vergangenen Sonntag, die verspätet und außer Atem eintraf, weil ihre U-Bahn wegen Menschenmassen nicht an der Theresienwiese hielt – wo sie hätte aussteigen müssen. Oder die beiden Eltern, die im Drogenrausch ihr kleines Kind misshandeln. Oder die beiden Partygäste, die einem dritten den Schädel einschlagen: „Ein zufällig vorbeiradelnder Rikschafahrer sah den Angriff und verständigte Polizisten, die gerade in der Nähe standen.“ Polizei steht nämlich überall geballtest – ich mag mir nicht vorstellen, wie das Inferno ohne sie aussähe. Oder hier ein Interview mit Münchner CLubbetreibern: „’Die Leute standen schon mit vollgeschissener Lederhose vor der Club-Tür’“.

Das alles auszublenden, übersteigt meine Kraft.

Noch vier Tage.

Ich habe meine Urlaube 2018 wieder so geplant, dass ich für die Wochen völliger Entgleisung mein sonst so geschätztes München verlassen kann.

Das Abendessen bereitete wieder ich zu – fast: Die Lammkoteletts, die ich zusammen mit den Bohnen beim Verdi besorgt hatte, briet Herr Kaltmamsell.

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Vorbildliche professionelle Kommunikation: Was die Fugly-Damen machen, ist ja nichts anderes als ein Online-Magazin – das erstaunlicherweise immer noch unabhängig ist, nicht von einer großen Medienmarke aufgekauft. Die beiden Bloggerinnen dahinter, Heather und Jessica, schreiben zwar auch für andere Medien, doch unter eigener Marke. Sie leben von ihrem Magazin und sind aus meiner Sicht als Unternehmerinnen in vieler Hinsicht vorbildlich. Zum Beispiel in ihrer Kommunikation technischer Probleme (die Rubrik heißt bei ihnen „Housekeeping“):
„Why Is Some Stuff Wonky Right Now on GFY?“

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Im Techniktagebuch-Redaktionschat wurde auf ein neues MMORPG hingewiesen – sowas wie World of Warcraft, bloß mit Jane Austen:
„Where’s the curtsy button? I test-drive the online Jane Austen role-playing game“.

Austen’s narratives dwell on matters of the heart, but they’re also about positioning, strategy and working the system. The game has many of the classic features of conventional online fantasy adventures, but they have been Austenified. While World of Warcraft has Guilds, or teams of players who work together, Ever, Jane has families whose status can be influenced by the actions of individual players. Characters progress not just through experience but also by orchestrating social engagements and by avoiding scandal through dialogue. Quests take the form of social gestures that raise your character stats. Strength, Dexterity and Wisdom – classic World of Warcraft terms – are replaced with Status, Kindness, Duty, Happiness and Reputation.

(…)

As in Austen’s day, the game has rules for paying and returning visits, for mixing with different ranks. “Whom do you wish to gossip about?” a window will prompt.

Klingt ziemlich gut.

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Freitag, 29. September 2017 – Wie blendet man ein Inferno aus?”

  1. Hauptschulblues meint:

    Hauptschulblues kann die Gedanken zur Drogenparty nachvollziehen. Er meidet die S2 an der Hackerbrücke und U3/6 am Odeonsplatz während dieser Wochen. Und gegen die Fake-Kostüme hat er auch viel. Selbst trägt er das Jahr über maßgeschneiderte kurze oder Kniebund-Lederhosen und muss sich oft sagen lassen „Die Wiesn ist aber erst im September.“
    Er freut sich auch, in einer Woche wieder auf den Viktualienmarkt zu gehen und bei der Schmalznudel inne zu halten.

  2. Bernhard meint:

    Ja, das sind die beiden Wochen im Jahr, in denen ich Euch um Eure Wohnung nicht beneide. Hab diese Tage wie jedes Jahr frei genommen und bin hauptsächlich daheim geblieben. Die Innenstadt habe ich wie die Pest gemieden, bin nur einmal reingefahren, mit starrem Blick in der U-Bahn und heim mit dem Taxi. Dabei finde ich Volksfeste an sich nicht so schlimm, vor zwei Jahren war ich mal wieder auf dem Plärrer, da war alles schön und entspannt und gemütlich. Bloß der Preußen-Fasching, den sie hier jedes Jahr durchführen, läßt mich erschaudern.

  3. MissJanet meint:

    Als Duisburgerin beneide ich Sie oft um die schöne Umgebung, die Isar und die „heile Welt“, in der Sie leben. Das ist so anders als es hier ist. Aber Oktoberfest? Buchstäblich die Hölle. Dann doch lieber mein kleiner alltäglicher Wahnsinn.

  4. allegra meint:

    Meine Söhne versuchen mich immer wieder für Rollenspiele zu begeistern. Bis jetzt erfolglos. Mit Jane Austen sähe ich aber durchaus Chancen. Danke für den Hinweis.

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