Journal Samstag, 2. September 2017 – Spanienurlaub 13, Madrid im Bürgerkrieg 1936-1939

Sonntag, 3. September 2017 um 12:36

Es fällt mir schwer das zuzugeben: Es geht mir weiterhin nicht gut. Das fällt schwer, denn jetzt müsste es doch endlich und unbedingt, schließlich bin ich seit zwei Wochen im Urlaub, dem selbst ausgesuchten. Also Erholung! Entspannung! Glückseligkeit!

Gestern wollte ich nach dem Bloggen Frühstückskaffee, mein cleverer Plan war, das mit dem Besuch des nächstgelegenen der Mercados zu verbinden, die ich recherchiert hatte (ich liebe die spanischen Mercados – wahrscheinlich wieder verwurzelt in einem völlig überholten Bild aus meiner Kindheit, als das die Haupteinkaufsquelle für Lebensmittel war, also vor dem Siegeszug der Hipercors an den Stadträndern, und als ich Yaya oder Tía dorthin begleitete). Doch dann stand ich im Mercado Anton Martín und war völlig überfordert vom Angebot und der Verpflichtung, damit irgendwas zu tun. Zu viele Eindrücke, zu viele Möglichkeiten, zu viele Reize, zu viele Pflichten – ich verkrampfte. Herr Kaltmamsell sprach mich darauf an, und ich bat ihn spontan, das Kommando zu übernehmen. Ob ich vielleicht in den nächsten Stunden einfach keinerlei Entscheidungen treffen dürfe und ihm lediglich hinterher trotten? Durfte ich. So kam ich in zu den Buchhändlern am Retiro (in den Bäumen laute, grüne Papageien), bekam granizado de horchata, spazierte durch den Jardín botánico und kriegte Mittagessen.

Dieses Lokal Erre y Emme sah beim Vorbeigehen einladend aus und stellte sich als empfehlenswertes Lokal heraus. Zwar gibt es in Madrid inzwischen einige Feinkostläden, die auch Bewirtung anbieten, doch dieses Konzept scheint mir besonders gelungen; zum Beispiel kann man die zum Kauf angebotenen Weine und Schaumweine alle gegen eine Servicegebühr von 4 Euro auch gleich trinken. Im Glas hatten wir einen interessanten Rioja Izadi Crianza.

Für den späteren Nachmittag hatte ich mich bereits für eine Veranstaltung angemeldet, die ich noch in München gefunden hatte: Tour de la Guerra Civil Española. Der gestrige Samstag war der einzige Termin in unserer Madridwoche, also ging ich auch hin.

Wir waren eine kleine Gruppe, von der jungen Historikerin María lernte ich natürlich eine Menge über Madrid im Bürgerkrieg 1936 bis 1939 (den grundlegenden Hintergrund hatte ich noch aus meinem Studium). María hatte ein Tablet dabei, auf dem sie uns historische Fotos der Orte zeigte, an denen wir standen, zeigte die geografischen Verbindungen auf und erzählte die Bedeutung der jeweiligen Orte. Unter anderem war mir nicht klar gewesen, wie hoch das Blutvergießen innerhalb des von Nationalisten belagerten Madrid war: Heckenschützen der Republikaner und der Nationalisten schossen von den Häusern aus auf Passanten, die aussahen, als gehörten sie dem feindlichen Lager an, und dann gab es selbst ernannte Starfverfolgungstruppen der Republikaner, die in Foltereinrichtungen, den checas, ebenfalls zu Feinden ernannte mordeten. An der berüchtigten checa de fomento gingen wir vorbei. Die Historkerin bestätigte meinen Eindruck, dass Faktenwissen um den Bürgerkrieg in Spanien nicht weit verbreitet ist: Gedenktafeln oder Ähnliches gebe es Madrid kaum – jeder Versuch werde sofort als Parteilichkeit bekämpft. Und in den schulischen Lehrplänen tauche das Thema erst in der obersten Klassen auf – man sei der Ansicht, erst 16-jährigen könne man das zumuten.

Herr Kaltmamsell war während dessen Strawanzen in der Madrider Altstadt, er bestimmte das Abendessen. Zunächst führte er mich zu einer Pintxos-Bar. Ich weiß jetzt, wie spanischer Sidra schmeckt: Freundinnen hessischen Apfelweins wären begeistert. Anschließend kehrten wir im legendären Viva Madrid ein, das zu so früher Stunde (ca. 23 Uhr) noch nahezu leer war.

Abends war ich dann deutlich entspannter als am Morgen; vielleicht kriege ich doch noch die Kurve in diesem Urlaub.

Habe bereits ein englischsprachiges Buch1 ins Buchregal des Apartments geschmuggelt.

§

Ich schmeiß mich selbstverständlich am meisten vor Lachen weg, wenn ich mich dabei auch noch gebildet fühlen darf. Deshalb war der Twitter-Thread, der auf diesen Tweet folgte, für mich hochwertigstes Gelächter:

Das führte zu diesen Antworten.

  1. Oliver Sacks On the move: Gefiel mir gut, werde ich aber nicht nochmal lesen. []
die Kaltmamsell

5 mal Beifall zu “Journal Samstag, 2. September 2017 – Spanienurlaub 13, Madrid im Bürgerkrieg 1936-1939”

  1. Hauptschulblues meint:

    „Es geht mir weiterhin nicht gut.“
    Das ist nicht gut.
    Hauptschulblues ist zwar wesentlich älter, aber seine Urlaube sehen so aus:
    Er fährt in die Wohnung einer Freundin auf dem Lido. Morgens kauft er frische Lebensmittel für das Frühstück, dann wird die Zeitung gelesen, dann entschieden, wohin es mit Frau H. geht. Per Vaporetto, Bus oder Schiff. Auf einer der schönen, stillen Plätze, Kaffee trinkend, Leute beobachtend, den neuesten Donna Leon-Krimi (auf Englisch) lesend, dann Einkauf fürs Abendessen. Am späten Abend in die Stammbar um die Ecke. Beschaulich, sandelnd.
    „Heckenschützen der Republikaner und der Nationalisten schossen von den Häusern aus auf Passanten…“:
    Beide Seiten von Kriegparteien verübten und verüben Kriegsverbrechen, das ist heute auch so. Sogar in Europa.
    „Habe bereits ein englischsprachiges Buch ins Buchregal des Apartments geschmuggelt.“
    Hauptschulblues hebt sich alle seine Bücher auf, seit er eine Lesung mit ihm besucht hat (The Man Who Mistook His Wife For A Hat).

  2. Hauptschulblues meint:

    Hauptschulblues wünscht gute Besserung!

  3. Sjule meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  4. MissJanet meint:

    Der Tweet und alle Kommentare sind Gold! Ich hab so gelacht und mich gefreut, obwohl ich vermutlich 40% der genannten Personen nicht richtig einordnen konnte.

    Ich kenn‘ das gut, ich knuspere auch immer an der bedingungslosen Akzeptanz der Tatsache, dass Urlaub eine emotionale Belastung sein kann. Dabei ist es doch normal, dass alle Stimmungen im Urlaub stärker empfunden werden. Sie kommen zur Ruhe, sind mehr bei sich, hören in sich herein, bzw. hören, was aus Ihnen spricht. Ich glaub‘, den Schalter: „Urlaub, ab jetzt bin ich himmelhochjauchzend“, den gibt es ab einem gewissen Alter/Grad der Vorrausschauung auf den bald wieder einsetzenden alltäglichen Wahnsinn einfach nicht mehr.

  5. Sigourney meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Made my day

    *******************************************************

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