Journal Samstag, 9. September 2017 – Alles über Spanien

Sonntag, 10. September 2017 um 8:13

Es ist ganz erstaunlich, dass sich lebendige Sachen einfach weiterentwickeln. Da sieht man alle zehn Jahre nach Spanien, und jedesmal sind einige Seiten anders oder weg, die man bislang als typisch spanisch im Kopf hatte.1

Die Tapaskultur hat sich gewandelt. Früher (zum Teil noch vor zehn Jahren) stellte die traditionelle kastilische Bar an der Theke eine Reihe von Pinchos, Tapas, Raciones bereit; als Gast saß man der Bar und bestellte sich davon etwas. Heute gibt es statt dessen eine Speisenkarte mit „Tapas y Raciones“, die meisten Bars wurden durch Mischungen aus Bar und Restaurants ersetzt, die Theke selbst ist meist so kahl und leer wie eine deutsche.

Wieder verstärkt erlebte ich aber, was ich vor zehn Jahren bereits verschwinden sah: In den Bars gibt es zum Getränk (mit oder ohne Alkohol) immer eine Kleinigkeit zu essen, das reicht von ein paar Oliven oder Erdnüssen bis zu einem ordentlichen Stück Tortilla oder einem Schälchen frittierter Calamari.

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Beim Personal in der kastilischen Gastronomie gab es einen Generationenwechsel. Hinter der Bar eines spanischen Lokals stehen eigentlich grimmige Kellner männlicher Natur in weißem Hemd und schwarzer Hose. Außer halt gar nicht mehr. Schon vor zehn, auch schon vor 20 Jahren gab es immer mehr Frauen, die Standardkluft wurde immer häufiger durch etwas Lokal-einheitlich Gebrandetes ersetzt, und mittlerweile ist das Personal natürlich sehr oft nicht gebürtig spanisch – Gastronomie ist die klassische Einstiegsbranche für Eingewanderte.

(„A clean, well-lighted place“ muss dennoch nicht umgeschrieben werden.)

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Radler (clara) und tinto de verano sind als bestellbare Getränke eh etwas aus den jüngeren Jahrzehnten; inzwischen wurde ich beim Bestellen gefragt, ob ich sie mit Casera (süße, klare, unaromatisierte Limo – früher das einzige Verdünnungsmittel) oder Limón (sehr süße, trübe Zitronenlimo) wolle. Ich habe beides auch mit Limón ausprobiert: Ist mir viel zu süß.

Kaffeegetränke mit Milch (café con leche, cortado) haben inzwischen auch in Spanien Milchschaum.

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In Madrid gibt es Leihfahrräder mit Elektromotor. Radlerinnen und Radler sind immer noch ein seltener Anblick, hin und wieder sah ich Privatradlerinnen (und war sofort bereit, sie als Zuwanderer einzustufen), doch regelmäßig sausten in den Altstadtgassen junge Nutzerinnen und Nutzer der weißen Fahrräder mit Motor an mir vorbei – der in einer überraschend hügligen Stadt wie Madrid sicher ein Anreiz ist. Das System gibt es seit 2014 und liest sich vorbildlich.

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Gestern Heimkommen: Erstes Wäschewaschen, Besorgung von Basisnahrungsmittel und Brotzeit für die anstehende Arbeitswoche, Isarlauf.


Heftige Sturmschäden am Isarhochweg vor Pullach.

Ich fror in der Wohnung und wärmte mich mit Socken, Strickjacke, heißem Tee: Die Heizung ist offensichtlich noch nicht angeschaltet – sie rauscht ruhig und ohne Gluckern, doch die Heizkörper werden nur minimal warm.

The Power von Naomi Alderman ausgelesen: Hervorragend ausgedacht, strukturiert und erzählt. Ich hoffe, ich raffe mich noch zu Details auf.

Urlaub vorbei.

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Wurde gestern in meiner Twitter-Timeline vielfach herumgereicht, zu Recht. Anja Maier schreibt für die taz:
„Wiedervereinigung und die Wahl
Merkels vergessene Schwestern
Die sächsische SPD-Politikerin Petra Köpping hört den Verlierern der Wende zu. Die erzählen von der Arroganz des Westens und ganz realer Benachteiligung.“

„Es gibt unzählige Beispiele, wie damals Menschen über den Tisch gezogen wurden, weil sie – oftmals zutiefst blauäugig – die neuen Regeln nicht überblicken konnten“, hat Köpping in ihrer Rede zum Reformationstag ausgeführt. Da sei ein „Stachel der Demütigung“. Viele Leute hätten sich damals gefragt: Und das soll Demokratie sein?
Schuld am Frust sei eigentlich nicht die Demokratie als staatliches Prinzip gewesen. Vielmehr sei die Wiedervereinigung in eine historische Phase gefallen, in der westdeutsche Eliten im Osten ihren lang gehegten neoliberalen Traum verwirklicht hätten.

  1. Das ist übrigens eine der gefährlichen Seiten des Älterwerdens: Immer häufiger muss man etwas, was man aus eigenem Erleben zu wissen glaubt, lieber nochmal checken, weil das Erleben so lange her ist, dass eventuell in der Zwischenzeit alles anders geworden ist. []
die Kaltmamsell

9 mal Beifall zu “Journal Samstag, 9. September 2017 – Alles über Spanien”

  1. Maz meint:

    Alles fließt halt.

  2. sabine meint:

    Mir hat „The Power“ auch ausgesprochen gut gefallen. Falls es interessiert, habe ich es hier rezensiert:
    https://bingereader.org/2017/02/25/the-power-naomi-alderman/

  3. Noga meint:

    Hinter jedem der drei Links taucht der gleiche Artikel von Anja Maier auf.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Seltsam, Noga, bei mir nicht, im Code stehen auch drei verschiedene Zieladressen.

  5. Das Tin meint:

    Bei mir das gleiche Problem wie bei Noga – ein (gemeinsames) Ziel hinter allen Links, und zwar http://taz.de/Wiedervereinigung-und-die-Wahl/!5442553/. Auch beim Scroll-Over (schreibt man das eigentlich so oder ohne Bindestrich oder zusammen oder ganz anders?) werden alle Zeilen gleichzeitig „unterstrichen“.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ah, jetzt verstehe ich, Das Tin, Noga: Sie meinen nicht die drei verschiedenen Links im Gesamttext, sondern den letzten Link. Der gehört so, die drei Zeilen sind ein Link – ich habe alle Überschriften des einen Artikels verlinkt.

  7. berit meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  8. Hauptschulblues meint:

    Die Paddler in der Isar? Die ist doch gesperrt?

  9. die Kaltmamsell meint:

    Das ist der Isarkanal bei Hinterbrühl, Hauptschulblues, parallel zur Isar – auf dem fahren auch die Floße.

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