Journal Sonntag, 8. Oktober 2017 – Lesesonntag

Montag, 9. Oktober 2017 um 6:46

Die Erkältung wollte sich einfach nicht in die sonstigen Termine einfügen: Gestern hätte ich also endlich Zeit für einen Tag im Bett gehabt (Herr Kaltmamsell stand bereit für Rundumversorgung und hatte bereits das Glöckchen poliert, das er mir ans Bett stellen wollte, damit ich ihn jederzeit herbeiklingeln kann) – doch jetzt ging es mir schon wieder zu gut dafür; Sehnsucht nach Bett habe ich tagsüber nur in der schlimmsten Krankheitsphase, das wäre Freitag/Samstag gewesen. Aber ich ließ es brav ganz ruhig angehen: Bloggen, lesen, kein Sport, duschen, Haselnüsse aus Elterns Garten knacken, zum Frühstück Toast und Obst mit Joghurt.

Am Nachmittag machte ich unter düsterem Himmel einen Spaziergang zum Kuchenholen, ich startete über den Alten Südfriedhof.

Entdeckung diesmal: Ein Grabstein mit einem Auszug aus dem Friedhofsbuch, „Namen der Begrabenen“. Weitere Entdeckung unter den zahlreichen Spazierenden: Eine Frau, die Eichkätzchen mit Erdnüssen anlockte – und die nahmen sie ihr aus der Hand! Sie erzählte mir, dass die Eichkätzchen die recht schnell verputzen müssen, sonst jagen die Krähen sie ihnen ab. Daheim nicht nur Kuchen gegessen, sondern auch Erdnüsse auf die Einkaufsliste gesetzt: EICHKÄTZCHEN, DIE AUS DER HAND FRESSEN!

Stephen Kings It weitergelesen. Die deutsche Übersetzung hatte ich etwa im Sommer 1989 gelesen und mich nie zuvor oder danach je beim Lesen derart gefürchtet. Ich erinnere mich, dass ich noch lange danach keinen Abfluss in einem Spül- oder Waschbecken mehr unschuldig ansehen konnte und dass ich den Roman für meisterlich hielt. Ich wollte das Buch schon seit Langem wiederlesen, spätestens seit Stephen Kings Autobiografie/Poetik On Writing; die Neuverfilmung gab jetzt den letzten Anstoß. Auch wenn ich wohl kaum die 1116 Seiten schaffen werde, bevor der Film aus den Kinos verschwunden ist.
Gleich der erste Satz ist großartig:

The terror, which would not end for another twenty-eight years – if it ever did end – began, so far as I know or can tell, with a boat made from a sheet of newspaper floating down a gutter swollen with rain.

Wir haben gleich mal einen starken allwissenden Erzähler, der andeutet, er könnte Teil der Handlung sein. Wir werden auf Schreckliches eingestimmt, darauf, dass es lange andauert und vielleicht nicht mal eine Auflösung hat. Das bedrohliche Abflusssystem, das mir als Motiv viel länger im Gedächtnis blieb als der vielzitierte Clown, ist ebenfalls Teil gleich des ersten Satzes.

Abends genoss ich es im Sessel zu lesen, während draußen Regen plätscherte und aus der Küche die Ankündigung guten Abendessens klapperte und duftete (es gab Ratatouille und Kartoffelgratin).

§

Der niederländische Autor Joris Luyendijk hat sechs Jahre mit seiner Familie in London gelebt und zieht jetzt bei seiner Abreise Bilanz:
„How I learnt to loathe England“.

Eine interessant andere Perspektive:

I am terribly sorry for my pro-EU middle-class friends in England, and even more sorry for the poor who had no idea that by supporting Brexit they were voting to become poorer. But this is England’s problem, not the EU’s: the nation urgently needs some time alone to sort itself out.

(…)

Ever since the referendum, friends from across the world have been enquiring whether it is true that the British have gone mad. Without those six years in London, I would have unhesitatingly said “yes.” “A temporary bout of insanity” still seems the preferred explanation in much of Europe and among many British Remainers. But years of immersion in English culture and society have convinced me that actually, the Brexit vote should instead be seen as the logical and overdue outcome of a set of English pathologies.

Which brings me to my real anxiety. It is extremely difficult to see a scenario in which this whole Brexit saga could end well.

The Tories are seared by Europe, as they have been for a generation, only now with more intensity; Labour looks incapable of overcoming its own divisions on the question. Neither party dares to speak the truth to millions of people who have voted for a “have your cake and eat it” option that was never on the menu. How to carry out the will of the majority when the majority voted for something that does not exist?

§

2016 veröffentlichte Elisabeth Michelbach einen Aufsatz: »›Dem Leben wie einem Roman zu Leibe rücken‹. Wolfgang Herrndorfs Blog und Buch Arbeit und Struktur zwischen digitalem Gebrauchstext und literarischem Werk«. In: Innokentij Kreknin u. Chantal Marquardt (Hg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. 107—129.

Er ist die literarische Behandlung von Herrndorfs Blog und untersucht, wie sich die Leseweise verändert, wenn derselbe Inhalt in Buchform rezipiert wird. Ich habe den Aufsatz sehr interessiert gelesen, da ich schon lange davon phasziniert bin, wie die Darreichungsform das Lesen beeinflusst – wie zum Beispiel das Wissen um die Länge des verbleibenden Texts die Erwartung des Lesenden an den Fortlauf der Handlung lenkt (in einer linear erzählten Handlung noch zwei Drittel Buch übrig? Heldin wird die gefährliche Szene sehr wahrscheinlich überleben).

Unter anderem beschreibt Michelbach das Blog-Layout und den Aufbau des Blogs, die Hinweise auf die Wandlung von etwas Flexiblem, Unvollständigen zu einem erstarrten, festen Text nach Herrndorfs Tod. (Allerdings spricht sie von der „für Blogs konstitutive Möglichkeit, in Kommentaren auf einzelne Posts Bezug zu nehmen“ – ich widerspreche.)

Es wird auch festgehalten, wie Herrndorfs Texte im Web vernetzt sind. Kann es sein, dass durch ihn erstmals ein Leben im Internet Teil der Literaturwelt wurde? Nicht auf einer analytischen Metaebene, dass darüber geschrieben und reflektiert wurde (Internet – Fluch oder Segen), sondern weil Internet-Gemeinschaften konstituierender Teil eines Literatenlebens waren. Was nicht mal erwähnt wird: Herrndorf gehörte zu den Höflichen Paparazzi, die für mich nach allen Schilderungen die Fortsetzung des von Friedrich Torberg beschriebenen Kaffeehauslebens sind/waren. Und ich weiß aus zwei Quellen, dass das Forum auf seine Bitte wiederauflebte, dass die Pappen, wie sie sich nennen, ihn bei Recherchen für seine Romane unterstützten. Die Rolle des Paparazzi-Forums für Herrndorfs Werk sollte literaturwissenschaftlich untersucht werden.

die Kaltmamsell

3 mal Beifall zu “Journal Sonntag, 8. Oktober 2017 – Lesesonntag”

  1. Mareike meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. kalua meint:

    Ich habe eine Freundin, die seit ein paar Jahren in London lebt und arbeitet, sie war von Anfang an der selben Meinung wie Joris Luyendijk.

  3. Sjule meint:

    Oh, die Höflichen Paparazzi! Wie viel Zeit habe ich Ende der Neunziger dort beim Lesen verbracht anstatt Studienarbeiten rechtzeitig zu Papier zu bringen. Vielen Dank für die Erinnerung, da muss ich sofort wieder mal eintauchen!

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