Journal Freitag, 10. November 2017 – Mehr Bürgerversammlung und die beste Mischkassette

Samstag, 11. November 2017 um 8:46

Morgens den Blogpost über die Bürgerversammlung recht hastig geschrieben. Auf dem Weg in die Arbeit fielen mir dann viele Details ein, die ich auf die Schnelle vergessen hatte. Da waren die etwas skurrileren Anträge: Z.B. auf Schließung einer Autowerkstatt, weil deren Luftverschmutzung anwohnende Kinder gefährde – wurde abgelehnt (wo ich mich doch jedesmal beim Vorbeispazieren freue, dass es hier mitten in der Altstadt noch Hinterhof-Autoschrauber gibt). Oder auf Nutzung der Theresienwiese im Winter als Eislaufbahn: Die Stadtverwaltung konnte gleich mal anmerken, dass solch ein Antrag in der Vergangenheit bereits mehrmals gestellt worden war, dass der normale Winterverlauf kein Natureis ermögliche, der Aufwand für Kunsteis als zu hoch eingestuft worden war – Antrag abgelehnt.

Ein Anwohner fragte nach der weiteren Nutzung der Klinikgebäude zwischen Maistraße und Thalkirchner Straße (es ist schon lange klar, dass diese Unikliniken an den Stadtrand verlegt werden). Zunächst verwunderte mich das, weil ich Medienberichten entnommen zu haben glaubte, dass die LMU sie weiternutzen wird, nur halt für andere Fakultäten. Doch aus der Reaktion des Bezirksausschusses lernte ich, dass das keineswegs feststeht und der Ausschuss deshalb sehr eng an den Verantwortlichen dran bleibt. Der Anfrager hatte als Negativbeispiel für Weiternutzung das Gebäude des ehemaligen Arbeitsamts in der Maistraße genannt: Der Ausbau zu Luxuswohnungen habe aus dem Bau mit eigentlich einladendem Innenhof eine Fremdkörper in der Umgebung gemacht, der kein Leben erkennen lasse: „Ab und zu hört man einen Achtzylinder brummen“, sonst sei dort alles still und dunkel.

Einem anderen Antrag entnahm ich, dass andere Bewohner des Bezirks 2 noch viel mehr mit den Randerscheinungen des Oktoberfests hadern als ich, zum Beispiel mit parkenden Reisebussen. Dieses Ärgern hatte allerdings Form und Ausmaße, die bei mir den bösen Reflex „Na warst hoit net do hi zog’n“ auslöste (siehe Menschen, die billigen Baugrund an Bahnstrecken kaufen und dann Lärmschutz einfordern).

Unter den Infos besonders interessant: Es gibt in unserem Bezirk sechs Unterkünfte für Flüchtlinge und Obdachlose.

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An sich hatte ich gestern geplant, nach frühem Feierabend endlich zur Hutmacherin in der Hans-Sachs-Straße zu gehen und mir einen Winterhut auszusuchen. Doch als es in der Arbeit doch später wurde, ging ich statt dessen Billigsüßkeiten einkaufen. Es regnete immer wieder, es war ein lustiges Schirmauf- und -zuklappen.

Abend mit Herrn Kaltmamsell über gutem Essen, ich traute mich sogar Alkohol (Migränerisiko). Ungewöhnlicherweise hatte ich dazu Lust auf Partymusik und shuffelte meine Playlist namens „Halligalli“. Darin sind auch die digitalisierten
Mischkassetten enthalten, die ich seinerzeit von Freundinnen und Freunden bekam. Ich stellte fest, dass es zwar sehr viele bedeutende in meinem Leben gab, viele mit unglaublicher Hingabe zusammengestellt. Die dauerhafteste Auswirkung bis heute hat aber das Tape mit dem Titel „Right on!“ von meiner englischen Freundin Kim: Kool & the Gang, The Eliminators, The JB’s, Maceo, Lee Fields, Fred Wesley and JB’s, Merl Saunders, De-Hems, Bobby Bird, The Blackbirds, Tower of Power, Jesse Morrison, Clarence Wheeler & the Enforcers, The Soul Tornadoes, The Untouchable Machine Shop. Lauter Stücke, die ich seit Jahrzehnten großartig finde, die mich sofort zum Grooven bringen, aber noch nie woanders gehört habe.

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Oh nein, nicht auch Louis C.K. Aufwändig recherchierte Geschichte in der New York Times:
„Louis C.K. Is Accused of Sexual Misconduct by 5 Women“.

For comedians, the professional environment is informal: profanity and raunch that would be far out of line in most workplaces are common, and personal foibles — the weirder the better — are routinely mined for material. But Louis C.K.’s behavior was abusive, the women said.

“I think the line gets crossed when you take all your clothes off and start masturbating,” Ms. Wolov said.

Das muss man anscheinend extra betonen.

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Ich kannte diesen Schweizer Psychoanalytiker Peter Schneider bislang nicht, aber durch dieses Interview ist er mir sehr sympathisch:
„‚Die meisten starken Thesen sind völliger Humbug'“.

Das Warten aufs Optimum ­bedeutet auch, dass man nie ­Befriedigung erfährt. Die gesellschaftliche Folge ist zum Beispiel der Mingle. Was ist das denn?

So bezeichnet man heute Menschen, die zwar mit einer Person schlafen, mit ihr die Wochen­enden verbringen und sogar in die Ferien fahren, die sich aber grundsätzlich als Single be­trachten. Ah, Sie meinen Freunde mit gewissen Vorzügen. Wenn man einen guten Freund hat, mit dem man auch noch schläft, ist das doch okay.

Es kommt darauf an, ob beide von denselben Voraussetzungen ausgehen. Offenbar hat der Mingle ein Beziehungsproblem. Man könnte auch sagen, viele Ehen haben ein Beziehungsproblem. Der Mingle ist offenbar Ausdruck einer Beziehungsvielfalt, die in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat.

Es gibt sicher optimalere Konstellationen als eine unverbindliche Mingle-Beziehung? Was wäre denn eine optimalere Beziehungskonstellation?

Zum Beispiel eine Zweierbeziehung, in der man gegenseitig Verpflichtungen eingeht und Pläne schmiedet. Nichts dagegen. Aber warum soll man das verallgemeinern?

Unter Psychologen herrscht allgemein die Auffassung, dass man nur in einer stabilen Paarbeziehung Erfüllung und Intimität findet. Ich bezweifle das. In der Psychologie gibt es die Tendenz zu sagen: Der Mensch ist so und so, und er braucht zu seinem Glück genau dies und das. Es gibt aber keine solchen Konstanten, auf die man alles zurückführen kann.

via @kathrinpassig

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Freitag, 10. November 2017 – Mehr Bürgerversammlung und die beste Mischkassette”

  1. Feathers McGraw meint:

    Weisswein als Ersatzbefriedigung für Rotwein hat mich schon grade mal zum kichern gebracht. Der Herr ist tatsächlich sehr sympathisch.

  2. Robert meint:

    Falls Sie unter Billigsüßigkeiten wieder einmal Rittersport, Mars-Riegel oder Lindt-Schokolade subsumieren, kokettieren Sie vermutlich. Oder scheint da doch eine gewisse tatsächliche Arroganz durch?

    Was ich schon seit längerem fragen wollte: Wie sprechen Sie für sich Ihr „Journal“ aus?

  3. die Kaltmamsell meint:

    Zum einen, Robert, scheint hier doch an allen Ecken und Enden Arroganz durch, ich kämpfe mit ihr. Zum anderen ist „Billigsüßigkeiten“ mein Beutezug durch die Aldiregale, gestern vor allem schokoladig.

    Journal spreche ich im Kopf bayerisch aus: Schoanahl.

  4. Robert meint:

    Vielen Dank für beide Auskünfte!

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